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Die Sprache der Wahrheit ist einfach.

Der griech. Dramatiker
Euripides (480-406 v. Chr.)

Ich habe mich in einem riesigen Wald verirrt und habe nur ein kleines Licht, um mich zurechtzufinden. Da kommt ein Unbekannter hinzu und sagt mir: 'Lieber Freund, blas deine Kerze aus, um deinen Weg besser zu finden.' Dieser Unbekannte ist ein Theologe.

Der franz. Schriftsteller und Philosoph
Denis Diderot (1713-1784)

Das Streben nach Wahrheit ist wertvoller als ihr Besitz.

Der Schriftsteller
Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781)

So viel ist ausgemacht, die christliche Religion wird mehr von solchen Leuten verfochten, die ihr Brot von ihr haben, als solchen, die von ihrer Wahrheit überzeugt sind.

Der Wissenschaftler und Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg
(1742-1799)

Das Volk hat lange graue Ohren, und seine Treiber nennen sich Rabbiner, Pfarrer und Pastoren.

Der Schriftsteller
Arno Holz (1863-1929)

Wahrhaftigkeit ist das Fundament des geistigen Lebens.

Der Arzt und Theologe
Albert Schweitzer (1875-1965)
(Aus meinem Leben und Denken
S. 193)

Autoritätsdusel ist der größte Feind der Wahrheit.

Der Physiker
Albert Einstein (1879-1955)

Wissenschaft kann nur aus der Selbständigkeit des Menschen ohne Autorität geschehen, Theologie ist keine Wissenschaft, weil sie die Autorität als Inhalt ihres Denkens betrachtet.

Der Physiker und Philosoph
Carl Friedrich von Weizsäcker
(1912-2007)

Die Theologie ist keine Wissenschaft, sondern eine Art Dichtung, die damit beschäftigt ist, mit unbewiesenen und unbeweisbaren Spekulationen sich zu befassen und so zu verfahren, als wären es chemische Formeln.

Soweit die Theologie sich darauf beschränkt, Vorgänge zu beschreiben, die sich in überirdischen Regionen abspielen, kann sie ihrer Fantasie so freien Lauf lassen, wie dies die Poesie tut. Wenn sie jedoch darauf verfällt, für den Bereich irdischer und historischer Ereignisse Behauptungen aufzustellen, liegt eine klare Kompetenzüberschreitung vor.

Der Philosoph und Schriftsteller
Gerhard Szczesny (1918-2002)

Ich sehe in der rabies theologorum nichts, das der Wahrheit dienlich wäre.

Ich halte die Rechthaberei unter den Theologen für die einzige wirkliche Irrlehre.

Das erste, das ich hinter mir ließ, war die Dogmatik von Karl Barth. Nach etwa 8000 Seiten faszinierter Lektüre kam ich ungefähr zu dem Urteil, das neulich Eberhard Jüngel in der Züricher Zeitung abgab: so lang kann die Wahrheit gar nicht sein.

Der Theologe Jörg Zink (*1922)

Die meiste Theologie ist eine Art Krankheit; ihre Symptome sind intellektuelle Verwirrung und kosmische Sorgen, verursacht durch missverstandene Bibeltexte. Ein Gramm Literaturkritik hätte viele Tonnen scholastischer Spekulation sparen können.

Der brit. Autor und kath. Theologe
Peter de Rosa (*1932)

Ich bin mir […] nicht sicher, ob der Priester die Wahrheit auch gesucht hat oder immer nur glaubt, sie schon zu kennen. Wissenschaftler jedenfalls suchen die Wahrheit.

Das ist der große Unterschied zwischen Religion und Wissenschaft: Wir kennen die Antworten nicht. Wir müssen sie suchen.

Die amerik. theoretische Physikerin
Lisa Randall (*1962)
(DIE ZEIT vom 03. Mai 2012)

 
 

Anmerkungen zur Theologie

These

Theologie hat nichts mit Wahrheit zu tun, sondern mit Dogmen.

anders gesagt:

Theologie und Wahrheit bzw. Wahrhaftigkeit sind leider keine natürlichen Alliierten.

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Inhalt

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Vorbemerkungen

Ich gebe nicht vor das Wesen der Theologie vollständig erkannt zu haben. Ich gebe hier nur die (Teil-)Erkenntnisse und (Teil-)Antworten wieder, die mir auf meine Fragen bisher zugefallen sind.

Die »Offenbarungswissenschaft« Theologie erscheint mir zunehmend als ein in sich geschlossenes System, als selbst gewähltes Denk-Getto. Innerhalb dieses Gettos wird, ausgehend von unantastbaren Dogmen, konsequent gedacht, wortreich beschrieben und mit beneidenswert schöpferischer Fantasie interpretiert. Gleichzeitig praktizieren die Theologen, bezogen auf die Denk-Optionen jenseits der Dogmen, konsequenten Denk-Verzicht.

Die in dem von der realen Welt weitgehend abgeschotteten System entwickelten Behauptungen bzw. Meinungen oder besser: Fantasieprodukte werden dann häufig arrogant und rücksichtslos, insbesondere natürlich gegenüber Fachkollegen, bis aufs Äußerste verteidigt. Als Beispiel für den Umgang der Theologen untereinander sei hier die von Joachim Kahl (*1941) in seinem Buch Das Elend des Christentums beschriebene "Verketzerung" des Mainzer Neutestamentlers Herbert Braun (1903-1991) durch zeitgenössische Kollegen erwähnt.

Theologische (Lehr-)Bücher zur Dogmatik, zur Systematischen Theologie etc. gleichen Labyrinthen und vermitteln nicht den Eindruck, wichtige Erkenntnisse im Dienste des christlichen Glaubens verständlich darstellen zu wollen. Ganz im Gegenteil – und das liegt wohl entscheidend an den zugrunde liegenden Dogmen. Im Buch Der Jesus-Mythos des katholischen Theologen Peter de Rosa (*1932) fand ich den Satz:

"Den Mächtigen ist wichtig, dass Dogmen, gebildet von einer göttlichen Institution, als endgültig akzeptiert werden – nicht, dass sie verstanden werden."

Natürlich bezieht sich Peter De Rosa insbesondere auf die Römische Konfession, die er als Absolvent der Gregoriana, der päpstlichen Universität in Rom und als ehemaliger Priester, als Insider also, sehr gut kennt. Grundsätzlich gilt diese Aussage m. E. leider auch für die protestantische Ausprägung christlicher Theologien.

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Theologie und Wahrheit

Der Kulturwissenschaftler Jan Assmann (*1938) erwähnt in seinem Buch Die Mosaische Unterscheidung die unterschiedlichen Arten von Wahrheiten:

"Es gibt vier einfache oder ursprüngliche Wahrheiten: Erfahrungswahrheiten (z. B. »alle Menschen sind sterblich«), mathematische (bzw. geometrische) Wahrheiten (z. B. »zwei mal zwei ist vier«), historische Wahrheiten (z. B. »Auschwitz«) und lebensdienliche Wahrheiten (z. B. »Menschenrechte«).

Die Mosaische Unterscheidung führt einen neuen Typus von Wahrheit ein: die absolute, geoffenbarte, metaphysische oder Glaubenswahrheit. Dieser fünfte Wahrheitstyp gehört nicht zu den »einfachen« oder ursprünglichen Wahrheiten, er stellt eine Innovation dar."

In diesem Zusammenhang äußert sich Jan Assmann auch zu den Begriffen "Wissen" und "Glaube":

"Wissen ist nicht Glaube, weil er einer nur relativen und überholbaren, aber dafür begründbaren und kritisch überprüfbaren Wahrheit gilt; Glaube ist nicht Wissen, weil er einer zwar nicht kritisch überprüfbaren, aber dafür absoluten und unüberholbaren, geoffenbarten Wahrheit gilt."

Hiermit wird das wissenschaftliche Wissen – mit seinen relativen und überholbaren Wahrheiten – klar vom theologischen "Offenbarungswissen" – mit seinen absoluten und unüberbietbaren "Wahrheiten" – abgegrenzt.

Diese Abgrenzung ist die Ursache für große intellektuelle Schwierigkeiten bei den Theologen, deren "intellektuelles Gewissen" sich immer wieder einmal regt. Auf diesem Hintergrund wird verständlich, dass der deutsch–amerikanische Philosoph Walter Kaufmann (1921-1980) in seinem Buch Der Glaube eines Ketzers den Theologen "Doppelzüngigkeit" vorhält. Sie reden für Eingeweihte anders als für das Gros der sog. Gläubigen. Kaufmann erwähnt in diesem Zusammenhang u. a. die Theologen Rudolf Bultmann und Paul Tillich.

Der Philosoph Karl Jaspers (1983-1969) kritisierte die von Rudolf Bultmann (1884-1976) geforderte "Entmythologisierung" des Neuen Testaments. Dies provozierte Bultmann zu einem entlarvenden Eingeständnis, das Walter Kaufmann so beschreibt (S. 109/110):

"In seiner ersten Replik sagt Bultmann von Jaspers: »Er ist so gut wie ich davon überzeugt, dass ein Leichnam nicht wieder lebendig werden und aus dem Grabe steigen kann … Wie nun, wenn ich als Pfarrer in Predigt und Unterricht Texte erklären soll …? Oder wenn ich als wissenschaftlicher Theologe den Pfarrer durch meine Interpretation zu seiner Aufgabe anleiten soll?«

Bis dahin hatte Bultmann stets nur ganz allgemein vom »Ostergeschehnis« gesprochen, und seine Studenten hatten darüber diskutiert, wie sich die Geschehnisse an Ostern zugetragen haben könnten. Nun hat Bultmann die Katze aus dem Sack gelassen – nicht allein in Bezug auf einen besonderen Glauben, sondern in Bezug auf das Wesen der Theologie überhaupt. Es ist ein exemplarisches Beispiel für das Dilemma, in dem sich Bultmann zusammen mit katholischen und evangelischen Theologen […] befindet."

Ebenso "Entlarvendes" zeigt Walter Kaufmann von Paul Tillich (1886-1965) auf (S. 134):

"Tillich widerspricht nicht nur entschieden einer Inquisition und jederlei physischem Zwang, sondern auch autoritären Methoden, die den Geist eines Menschen zerstören können, ohne seinen Körper zu verletzen. Niemand darf zum Glauben gezwungen werden.

Aber er nimmt keinen Anstoß daran, die Leute im Glauben an Dinge zu belassen, die eindeutig falsch sind – Dinge, die sie nicht glauben würden, hätte die Kirche sie ihnen nicht schon im Kindesalter beigebracht, noch ehe »der fragende Geist des Menschen« Schwierigkeiten erkennt.

Aber selbst im Stadium der Bewusstheit darf man das Gewissen des Gläubigen beschwichtigen, indem man ihn in seinem falschen, aber buchstabengetreuen Glauben bekräftigt, solange »das kritische Bewusstsein unentwickelt oder die natürliche Leichtgläubigkeit ungebrochen ist«. [...]

Er bevorzugt die Umdeutung der Schlüsselbegriffe und die Doppelzüngigkeit. Wer dem Buchstaben traut, findet sich so in seinem Glauben bestätigt und zugleich geschmeichelt, dass ein so gelehrter Mann seinen Glauben teilt; der Eingeweihte dagegen weiß, dass Tillich den Glauben der berühmten Christen der Vergangenheit und von Millionen Gläubigen der Gegenwart für unvereinbar mit der Vernunft hält."

Für mich zeichnet sich das Verhalten Tillichs nicht nur durch "Doppelzüngigkeit", sondern vor allem auch durch Arroganz und einen erschreckenden Mangel an intellektueller Redlichkeit aus. – Walter Kaufmann fasst seine Überlegungen in einem späteren Absatz desselben Kapitels dann so zusammen (S. 135):

"Nicht darum geht es, dass einige Theologen gleich Shakespeare und manch anderem dem urteilskräftigen Leser mehr anzubieten haben als dem Ungebildeten. Vielmehr beantworten sie dieselbe Frage dem einen mit A, dem andern mit Nicht-A, bestärken den ersten in seinem Kindheitsglauben, während sie den zweiten darüber aufklären, dass kein denkender Mensch dergleichen primitive Fantasien ernst zu nehmen vermag. Im Gegensatz zu dem Politiker, der in Harlem Behauptungen aufstellt, die er in Virginia widerruft, pflegt der Theologe die Kunst der Doppelzüngigkeit."

Anmerkung
Die Hervorhebungen in den vorausgehenden Zitaten stammen vom Autor der Site.

Bei dem von Walter Kaufmann aufs Korn genommenen Theologen Paul Tillich stieß ich selbst auch auf sehr Widersprüchliches. Im Wörterbuch des Christentums beginnen die Erläuterungen zum Stichwort »Theismus« mit der Feststellung: "Die Theologie redet seit Tillich oft vom »nachtheistischen Zeitalter«."

Dies fand ich in Paul Tillichs (1886-1965) schmalem Bändchen mit dem Titel Der Mut zum Sein bestätigt. Das vorletzte Kapitel darin trägt die Überschrift Die Überwindung des Theismus. Im Schlussabsatz dieses Kapitels führt Tillich, nach sehr theologisch-kryptischen Ausführungen, den "Gott über Gott" ein, der nicht so beschrieben werden könne "wie der Gott aller Formen des Theismus beschrieben werden kann".

Das letzte Kapitel heißt Der Gott über Gott und der Mut zum Sein, in dem Tillich u. a. sagt: "Der Gott über dem Gott des Theismus ist in jeder göttlich-menschlichen Begegnung gegenwärtig, wenn auch nicht offenbar." Das Kapitel und damit das hier zitierte Büchlein enden dann mit dem Satz "Der Mut zum Sein gründet in dem Gott, der erscheint, wenn Gott in der Angst des Zweifels untergegangen ist." Tillich scheint nun doch eine ziemlich genaue Vorstellung von seinem "Gott über Gott" zu haben!?

Geradezu "umwerfend" empfand ich dann eine Feststellung des Theologen Wilfried Härle (*1941), die ich in dessen Dogmatik im Kapitel Das Verhältnis von revelatio generalis und revelatio specialis fand:

"Unter Aufnahme einer glücklichen Begriffsklärung Tillichs kann man sagen: Die Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus zum Heil ist »letztgültig«."

Kann es sein, dass sowohl Tillich als auch Härle entgangen war, dass Jesus Christus Teil des "trinitarischen Gottes" der Christen ist, und das die Verehrung des letzteren eine spezifische Form des Theismus darstellt? Die "glückliche Begriffsklärung Tillichs" erscheint mir jedenfalls nicht nur als ein Ausdruck unüberbietbarer Anmaßung, sondern, nach der Überwindung des Theismus, als purer Unsinn.

Derartige Glaubensmeinungen bzw. theologische Denkfiguren lassen sich nur damit erklären, dass Selbstkritik für Theologen in ihrem selbstgewählten theologisches "Denk-Getto" (s. unten) ein Fremdwort ist. Da erscheint mir die Frage nach ihrer Wahrhaftigkeit als naheliegend und legitim.

Es ist wohl nicht ganz abwegig anzunehmen, dass die meisten Theologen

  • die fragwürdige Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte der Schriften des Neuen Testamentes kennen,
  • wissen, wie die Vergottung Jesu, eines Menschen jüdischer Herkunft, zum antik-hellenistischen Gott »Christus« verlief,
  • wissen, unter welch zweifelhaften Umständen auf den frühen Konzilien die Dogmen zustande kamen,
  • wissen, mit welch unvorstellbarer Grausamkeit, durch welch unbeschreiblich blutrünstige Gräueltaten die jeweiligen Machthaber der Kirche(n), bald nach der Konstantinischen Wende und bis zum Zeitalter der Aufklärung, Widerstand oder abweichende Meinungen gegenüber kirchlich verkündeten Glaubenswahrheiten ahndeten oder durch willfährige staatliche Handlanger ahnden ließen,
  • wissen, dass das organisierte Christentum über viele Jahrhunderte einen erbarmungslosen Ausrottungsfeldzug gegen die Juden, die "Mörder" des »Gottessohnes«, führte,
  • wissen (oder es vielleicht sogar persönlich erfahren haben), dass die Kirchen bis heute Kritiker in den eigenen Reihen gnadenlos ausgrenzen, dass sie, um Kritiker totzuschweigen, ihren Einfluss in den einschlägigen Medien, z. B. in den Rundfunkräten, schamlos geltend machen,
  • usw., usw., usw.

Ist ein Theologe wahrhaftig, der über dieses Wissen verfügt, aber dennoch die tradierten Glaubensvorstellungen und -bekenntnisse weiter als unumstößliche "Wahrheiten" vertritt?

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass der Philosoph Friedrich Nietzsche (1844-1900) auch an Theologen dachte, als er eine bestimmte Kategorie von Menschen so charakterisierte:

"Ich nenne Lüge etwas nicht sehn wollen, das man sieht, etwas nicht so sehn wollen, wie man es sieht ... Die gewöhnlichste Lüge ist die, mit der man sich selbst belügt: Das Belügen andrer ist relativ der Ausnahmefall. – Nun ist dies Nicht-sehn-wollen, was man sieht, dies Nicht-so-sehn-wollen, wie man es sieht, beinahe die erste Bedingung für alle, die Partei sind in irgendwelchem Sinne: Der Parteimensch wird mit Notwendigkeit Lügner."

Anmerkung
Das Nietzsche-Zitat fand ich bei Hubertus Halbfas (*1932), und zwar in seinem neuen Buch Glaubensverlust, im Kapitel Wahrheit verlangt Wahrhaftigkeit.

In dem erst vor wenigen Wochen erschienenen Buch Der Jesuswahn des Theologen Heinz-Werner Kubitza fand ich eine Bemerkung über das Verhalten vieler Theologen, die die Eingangsthese zu diesem Menüpunkt "Theologie hat nichts mit Wahrheit zu tun, sondern mit Dogmen" (s. oben) zu bestätigen scheint. Es handelt sich um ein derart intensiv eingeübtes (Fehl-)Verhalten, dass die Betroffenen selbst sich dessen wahrscheinlich nicht mehr bewusst sind:

"Man fühlt sich allemal eher geneigt, Glaubensüberzeugungen noch positiv zu verstärken, statt deren Haltlosigkeit zu demonstrieren. Es verhält sich in übertragenem Sinne so, als wüssten die Theologen längst, dass die Erde eine Kugel ist, lobten dennoch den Glaubenseifer derjenigen, die sie nach wie vor für eine Scheibe halten."

Über theologische "Wahrheit" fand ich beim katholischen Theologen Peter de Rosa (*1932) eine überzeugende Feststellung, die eines jener grundsätzlichen Dilemmata der Theologen beschreibt, das sie selbst aufgrund ihrer spezifischen Geistesverfassung wohl gar nicht wahrnehmen können:

"Seit Nicäa nehmen Christen an, die Wahrheit könne bei wichtigen Treffen wichtiger Leute definitiv vereinbart werden."

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Theologie eine Scheinwissenschaft?

Theologie gibt vor, eine Wissenschaft zu sein. Der Theologe Karl Barth (1886-1968) nahm für sie sogar den Begriff »Offenbarungswissenschaft« in Anspruch. Eine Theologin verstieg sich neulich (s. Publik-Forum 24 · 2008) dazu, Theologie als »Glaubenswissenschaft« zu bezeichnen (und aus dem Kontext ließ nichts darauf schließen, dass dies satirisch gemeint war). Vielleicht lässt sich Theologie als »metaphysisches Ideengebäude« begreifen, das sich nicht auf Erkenntnisse aus der Analyse erfahrbarer Realität gründet. Vielmehr bestehen seine Fundamente aus dogmatisch verfestigten Produkten spekulativer menschlicher Fantasie. M. E. lassen sich allenfalls Teildisziplinen, etwa die historisch-kritische Exegese frühchristlicher Schriften oder die Religions-, Christentums- und Kirchengeschichte, als wissenschaftlich bezeichnen, soweit sie von intellektuell redlichen Theologen, nach streng wissenschaftlichen Maßstäben und Methoden, betrieben werden.

Die theologischen Teildisziplinen Systematische Theologie oder Dogmatik geben sich zwar einen wissenschaftlichen Anstrich – aus taktischen Gründen ganz unerlässlich, solange die theologischen Fakultäten staatlich finanziert werden – liefern aber nichts anderes als wortreiche Interpretationen von Dogmen. Letztere gelten den meist sehr fantasiebegabten Interpreten als unumstößliche "Axiome" ihrer "Wissenschaft", auf die sie ihre Lehr- bzw. Glaubensmeinungen gründen.

Dogmen wurden nicht vom Christentum erfunden, sie waren lange vorher schon in der griechischen Geisteswelt bekannt. Der katholische Theologe Peter de Rosa (*1932) sieht sie als "Überbau eines geistigen Imperialismus" und ergänzt: "Ihr Hauptzweck ist nicht Wahrheit, sondern Ordnung, Weltordnung."

Vertreter allgemein anerkannter Wissenschaften (Naturwissenschaften, Empirische Wissenschaften) arbeiten mit Modellen bzw. Theorien bei der Beschreibung der "Welt", ohne den Anspruch zu erheben, ihre jeweils neuesten Theorien seien mehr als "vorläufig gesicherte Erkenntnisse".

Im Gegensatz dazu sind die Theorien der Theologen, jene mit dem "Beistand des Heiligen Geistes" formulierten und beschlossenen Dogmen, nicht weniger als unüberbietbare "göttliche Wahrheiten". Und für diese gilt immer noch das bekannte, den "Charakter urchristlicher Gläubigkeit" kennzeichnende, Wort unbekannten Ursprungs (Gustav Wyneken): »Credo quia absurdum est – ich glaube es, eben weil es unsinnig ist«.

Ein Grundproblem der Theologie (vielleicht das entscheidende?) beschreibt der Philosoph Walter Kaufmann (1921-1980) so:

"Theologie gleicht weder der Wissenschaft noch der Philosophie; eher ist ein Vergleich mit der Jurisprudenz statthaft. Noch überzeugender dürfte ein anderer Vergleich sein – der mit der Literaturkritik. Außenstehende glauben oft, die Theologen vermöchten Wesen und Eigenschaften Gottes unmittelbar zu erkennen oder behaupteten dies zumindest.

In Wirklichkeit befassen sich Theologen mit Problemen, die durch Texte aufgeworfen werden. Die Texte mögen je nach Bekenntnis differieren. Entweder ist es die Bibel allein, oder es kommen zu dieser noch Äußerungen der Kirchenkonzile oder einige Glaubensbekenntnisse und andere Überlieferungen hinzu. Aber alle Sekundärtexte einschließlich der auf den Konzilen gebosselten Formeln sind Versuche, mit den Problemen fertig zu werden, die der Primärtext, die Bibel, aufwirft."

Die von Walter Kaufmann angesprochenen "Sekundärtexte", insbesondere die "auf den Konzilen gebosselten" Dogmen etc., sind ja das bevorzugte Arbeitsfeld der sytematischen Theologie bzw. der Dogmatik. Nach allem was mir bisher aus der Geschichte der Dogmenbildung bekannt geworden ist (s. hier), befassen sich die theologischen Vordenker des organisierten Christentums mit Texten, die vor etwa sechzehnhundert Jahren erdacht und beschlossen wurden. Erdacht von Menschen der hellenistischen Spätantike und von skrupellosen Machtmenschen der damaligen Epoche als verbindliche Glaubensmeinung und als Rechtsgrundlage für die Verurteilung Andersdenkender in Kraft gesetzt, sind sie seit jener Zeit unverändert im Gebrauch. Bei nüchterner Betrachtung wirkt der Hauptgegenstand der akademischen systematischen Theologie daher abgenutzt und verstaubt, ohne jeden Gebrauchswert für Menschen des 21. Jahrhunderts.

Ein Theologe, insbesondere einer der sich mit Dogmatik oder systematischer Theologie befasst, ist für mich vergleichbar mit einem Chirurgen, der, an akutem Realitätsverlust leidend, sich noch immer im OP wähnt, während er tatsächlich schon seit langem im Leichenkeller praktiziert.

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an eine Feststellung Ludwig Feuerbachs (1804-1872) im Vorwort zur 1. Auflage seines berühmten Buches Das Wesen des Christentums. Er beschreibt dort, wie in seiner "Schrift" die Theologie behandelt wird, nämlich "als psychische Pathologie".

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Ist "fundierte Kritik an Theologie" möglich?

Dass Theologie keine Wissenschaft ist, zeigt sich auch darin, dass sie z. B. im Schulunterricht nicht so vermittelt wird, tatsächlich auch gar nicht so vermittelt werden kann, wie dies etwa mit den Naturwissenschaften geschieht. Die meisten erwachsenen Menschen besitzen naturwissenschaftliche Grundkenntnisse, die sie in die Lage versetzen, im Alltagsgeschehen auftretende mathematische Fragen oder physikalische Phänomene zu beantworten bzw. mindestens zu verstehen. Sie haben jedoch keine Chance, sich in ebenso vernünftiger Weise mit theologischen Fragen auseinanderzusetzen, weil ihnen auf diesem Gebiet keine, auch nur im Entferntesten vergleichbaren, Regeln und Kenntnisse zur Verfügung stehen.

Während Wissenschaftler stets bemüht sind, ihr Wissen weiterzuentwickeln und dabei Irrtümer möglichst zu vermeiden, können Theologen lediglich althergebrachte "Glaubenswahrheiten" anbieten, deren "Wahrheitsgehalt" nicht überprüft werden kann und daher dogmatisch behauptet werden muss. Eine "Weiterentwicklung" der Theologie findet allenfalls durch eine veränderte, vermeintlich modernere, Interpretation jener "Glaubenswahrheiten" statt, ohne jedoch deren, aus der Spätantike stammenden, Inhalte auch nur ansatzweise in Frage zu stellen.

Die in den Wissenschaften üblichen anerkannten Verfahren zur Verifizierung bzw. Falsifizierung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse oder Theorien sind auf "Glaubenswahrheiten" nicht anwendbar. Das, was für Wissenschaftler selbstverständlich ist, ist für Theologen völlig irrelevant. Theologen erwarten, mehr oder weniger unausgesprochen, dass ihre dogmatisch behaupteten "Wahrheiten" schlicht geglaubt werden. Sie müssen nicht verstanden werden: Jeder etwaige Falsifizierungsversuch könnte zum »Abfall vom Glauben« führen und wäre somit eine Gefahr für das "Seelenheil" der Gläubigen. Der Respekt vor kritischer Vernunft und das Streben nach Weiterentwicklung der gewonnenen Erkenntnisse, wichtige Voraussetzungen ernsthafter wissenschaftlicher Arbeit, bleiben dabei auf der Strecke.

Ein weiteres Indiz dafür, dass Theologie weit davon entfernt ist, eine Wissenschaft zu sein, zeigt sich auch in ihren konfessionell bedingten, unterschiedlichen Ausprägungen: Hat es jemals eine protestantisch, römisch oder orthodox geprägte Physik oder Mathematik gegeben?

Im Übrigen haben unzählige Verfechter des Christentums, von seiner Frühzeit bis in die Gegenwart, Begriffe, theologische Redewendungen und Argumente zur Stützung selbst der unsinnigsten Thesen entwickelt und stets weiter verfeinert, die insbesondere auf Menschen, bei denen "das kritische Bewusstsein unentwickelt oder die natürliche Leichtgläubigkeit ungebrochen ist" (Paul Tillich), sehr überzeugend wirken. Solange Theologen, wie insbesondere in Deutschland, in großer Zahl auf den von der Gesellschaft finanzierten sichersten Arbeitsplätzen der Welt sitzen und ungehindert ihre Argumentations-, Interpretations- und Manipulationskünste weiterentwickeln können, wird sich daran auch nichts ändern: Die vergleichsweise kleine Schar der Kritiker hat gegenüber der gut organisierten Phalanx der Kirchen und ihrer Theologen vorläufig nur geringe Chancen, sich Gehör zu verschaffen.

Beim Theologen Gerd Lüdemann (*1946) stieß ich auf ähnliche Überlegungen. In seinem Buch Das Unheilige in der Heiligen Schrift zieht er aus der oben geschilderten Situation, bezogen auf die Möglichkeit einer "fundierten Kritik an Kirche und Theologie", folgenden Schluss:

"Daraus folgt fast automatisch, dass fundierte Kritik an Kirche und Theologie in Deutschland vorwiegend nur von der Basis einer anderen regulären Tätigkeit aus geübt werden kann. Dies ist ein enormer Nachteil gegenüber der großen Zahl von Menschen, die hauptberuflich mit Kirche und Theologie zu tun haben bzw. ihrem Interesse verbunden sind und deshalb willentlich oder unwillentlich den gegenwärtigen Zustand erhalten […]. Hier ist, schon äußerlich gesehen, etwas faul."

Meine persönliche Schlussfolgerung: Ich lasse mich nicht entmutigen.

Anmerkung
Bei Lüdemann (s. o.) fand ich eine Äußerung des Kulturphilosophen und Orientalisten Paul de Lagarde (1827-1891) über "die Disziplin, welche wir in Deutschland Theologie nennen": s. hier.

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Theologie ein Denk-Getto?

Der selbst gebastelte "Käfig" der Theologie
Mir ist folgendes Bild von Theologie in den Sinn gekommen: Grafische Darstellung des "Denkgettos der Theologie" als geneigter, auf einer Kante stehender, Würfel mit einer Vielzahl innerer VerstrebungenEs zeigt ein System, ein stattliches Gebäude, dessen innere Struktur verhindert, dass die Bewohner vom "rechten Weg" abkommen. Jeder hangelt sich einfach und konsequent an den eingebauten Verstrebungen entlang, von Knotenpunkt zu Knotenpunkt. Und zwischen den Knotenpunkten werden gelegentlich auch "neue Wege" beschritten. Es ist augenfällig dass das Innere daher zunehmend einem Drahtverhau gleicht, in dem sich Uneingeweihte – nur Uneingeweihte? – heillos verheddern. Wege nach draußen, Verbindungen zur realen Umwelt gibt es nicht, und sie werden von den Beteiligten auch nicht gesucht.

Das großartige Gebäude der Theologie erweist sich, bei näherer Betrachtung, als selbst gebastelter "Käfig", als ein grandioses Denk-Getto. Seine Insassen bemerken dies nicht. Sie wähnen sich vielmehr in einem höchst komfortablen, "staatskirchenrechtlich geschützten Theotop" (s. auch hier), in dem sie wohldotiert und ungestört ihren theologischen Hobbys frönen können.

Wie gefangen Theologen in diesem "Käfig" sind, mag ein aus dem Bereich der römischen Konfession entlehntes, ebenso simples wie krasses, Beispiel zeigen, das sich wohl in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts (!) ereignete und von Peter De Rosa (*1932) in seinem Buch Der Jesus-Mythos so beschrieben wurde:

"Der Vatikan produziert weiterhin brillante Satiren über seine eigene Position. Einige Jahre lang buken Nonnen die Hostien wegen einer Bauchkrankheit, von der ein Zweitausendstel der Bevölkerung betroffen sind, ohne Gluten. Die Betroffenen sind allergisch gegen dieses Protein, das in Substanzen wie Weizen vorkommt. Das Gluten greift den Dünndarm an und macht sie sehr krank.

Zweifellos mit der Autorität Christi erklärte Ratzinger feierlich, Brot ohne Gluten sei nicht mehr Brot. Vielleicht transsubstantiierte es in etwas anderes. Folglich befahl er den Nonnen, das Backen glutenfreier Oblaten einzustellen. Die Allergiker mussten entweder riskieren, sehr krank zu werden, oder auf die Kommunion verzichten.

Man hat gelernt, über die Trivialisierung des Heiligen durch die Glaubenskongregation nicht mehr überrascht zu sein. Nichts, das Jesus unter dem Begriff Pharisäertum angriff, ist destruktiver für echte Religion als dies."

Im Zusammenhang mit der Thronbesteigung Joseph Aloisius Ratzingers (*1927), als Benedikt XVI., wurde in der Presse dessen herausragende Intelligenz gerühmt. Mir scheint, dass ihn seine "Intelligenz" in der vorher ausgeübten Funktion als Chef der Glaubenskongregation zum Thema glutenfreier Hostien zur Höchstform auflaufen ließ.

Sollte es irgendwann in der Zukunft – nach wieviel weiteren verlorenen Generationen? – zu der notwendigen Neuorientierung des Christentums, zu dem wünschenswerten Paradigmenwechsel kommen, werden die diversen theologischen Lehr- und Glaubensmeinungen, also all die typischen Produkte aus dem Denk-Getto der Theologie der letzten 2000 Jahre, allenfalls noch von historischem Interesse sein. Die eben beschriebene Behausung der Theologen wäre – vorausgesetzt, es geht dann nicht wieder etwas schief – verwaist und fiele wahrscheinlich sehr rasch in sich zusammen.

Grafische Darstellung der traurigen Überreste des in sich zusammengefallenen Denk-Gettos der Theologie
Die traurigen Überreste des vorher durchaus ansehnlichen "Theotops" würden sich dann vielleicht so präsentieren:


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Wie verlief der Bau dieses Denk-Gettos?

Der sog. Apostel Paulus, der »erste Theologe des Christentums«, begann das Projekt: Seine von beispielloser Anmaßung und religiösen Wahnvorstellungen geprägten Glaubensmeinungen bildeten den Grundstein des theologischen Denk-Gettos.

Die ihm zeitlich nachfolgenden unbekannten Redakteure, Schreiber, Dichter, Nacherzähler oder Fälscher der kanonisierten Schriften des NT schufen dann das Fundament: Als tragendes Element (»Eckstein«) wurde von ihnen in einem, für die hellenistische Antike nicht ungewöhnlichen Prozess, aus dem Menschen Jesus ein antik-hellenistischer Gott geformt, die »Kunstfigur« Christus.

Die ersten vier sog. »Ökumenischen Konzilien«, von Nicäa (325) bis Chalcedon (451), türmten dann Mauerwerk und Dach auf die vorbereiteten Fundamente: Auf diesen Zusammenkünften erstarrten, mehr oder weniger zufällig favorisierte, Glaubensmeinungen zu den bekannten, noch heute(!) gültigen, Dogmen (Details s. hier). Diese Fantasieprodukte aus der abschließenden Bauphase des theologischen Denk-Gettos limitierten von Anfang an sehr streng die Zahl der den Getto-Insassen verfügbaren Denk-Optionen. Dieser Zustand der Selbstbeschränkung kann mittlerweile auf eine "ehrwürdige" Tradition von 16hundertjähriger Dauer zurückblicken.

Anmerkung
Maueröffnungen für Fenster, für jene üblicherweise Tageslicht und Frischluft einlassenden Bauelemente, wurden von den verantwortlichen Architekten des theologischen Denk-Gettos nicht vorgesehen

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Einer, der das Denk-Getto der Theologen verließ

Es geschieht nicht sehr oft, aber immer wieder verlassen Theologen ihr selbstverschuldetes Denk-Getto. Einer, der dies nach einem sicher nicht schmerzfreien Prozess tat und seine Beweggründe glaubwürdig beschrieb, ist der Philosoph und protestantische Theologe Helmut Groos (1900-1996). Sein Buch Christlicher Glaube und intellektuelles Gewissen ist für mich eines der wichtigsten Christentums- und Theologie-kritischen Bücher überhaupt.

Konsequent sachlich gibt er im ersten Teil seines Buches einen Überblick über die Christentumskritik seit der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts. Darüber hinaus analysiert er ausführlich die wesentlichen christlichen Glaubensinhalte und spricht in beeindruckend ehrlicher Weise von seiner persönlichen Betroffenheit. Er sagt im Kapitel Persönlich-sachliche Schlussbetrachtung:

"Warum bin ich letztlich aus der Welt des Glaubens ausgebrochen? Bestimmend war für mich die sich immer mehr befestigende Einsicht dass das Denken, welches ja nicht die geringste Begabung des Menschen ist, mir verbietet, den Gehalt des christlichen Glaubens als Wahrheit anzunehmen. Dass jemand, der in einer lebendigen Glaubenstradition steht oder seinen Glauben in persönlichen Erfahrungen bewusst erlebt hat, ohne von einem starken Erkenntnistrieb belastet und von kritischen Erwägungen bedrängt zu sein, ihm treu bleibt, begreife ich gut.

Was mich dagegen immer wieder beschäftigt hat, ist die Frage, wie es sachkundigen Theologen, darunter hochbegabte Köpfe, gelehrt, scharfsinnig, ja geistvoll, möglich ist, sich in voller Kenntnis der Probleme nach wie vor eine Position zu eigen zu machen und für sie einzusetzen, die sich mir in ständig erneuter Prüfung als völlig unhaltbar erwiesen hat. Es kann weder an mangelnder Denkfähigkeit bei ihnen noch an mangelnder Glaubensbereitschaft, an fehlendem Ernst und gutem Willen bei mir gelegen haben. Ich bin einen anderen Weg geführt worden, würde der Christ sagen."

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Theologie – in Teilen ein "absurdes Spezialistentum"?

Der Münchener Theologe Friedrich Wilhelm Graf (*1948) schrieb in einem Beitrag in der FAZ vom 21. Februar 2008 (s. auch hier), in dem er sich kritisch mit der "Akademischen Theologie" befasste, u. a. Folgendes:

"Die Theologien leiden unter einem grotesken Übergewicht der exegetischen Disziplinen, die sich, angesichts der knappen Bestände an heiligen Texten, in ein für Außenstehende absurdes philologisches Spezialistentum verrannt haben."

Im Buch Der Jesus-Mythos des katholischen Theologen Peter de Rosa (*1932) fand ich ein Beispiel, das die Plausibilität der von Graf geäußerten Kritik erhärtet. De Rosa bezieht sich auf eine kurze Passage aus einem Werk des lutherischen Theologen und Orientalisten Joachim Jeremias (1900-1979), das 1970 erschienen war:

»Die in den Evangelien dreimal begegnende Wendung paradidosthai eis cheiras anthropon/ ton hamartolon/ anthropon hamartolon (Mk 9,31 par.; 14,41 par.; Lk 24,7) geht auf die aramäische Überlieferung zurück. Das zeigt schon das Wortspiel bar'änašsa/bene'änašsa, das allen drei Fassungen des Mašsal zugrunde liegt, aber in Mk 9,31 am klarsten hervortritt, ferner das auf ein aramäisches Partizip verweisende futurische Präsens (...); für 14,41 kommt die Initialstellung des Verbums hinzu, für Lk 24,7, wie jüngst M. Black zeigte, das Hyberbaton und der Aramaismus anthropoi hamartoloi = bene'änašsa rešsa'in

De Rosa merkt dazu noch an:

"Dies ist eine von hundert Passagen aus Jeremias' Buch Neutestamentliche Theologie, die ich hätte wählen können."

Einschlägig vorgebildeten Spezialisten mag die Lektüre eines solchen akademisch-theologischen Elaborats ein besonderes Vergnügen bereiten, mir als "Außenstehendem" erscheint es tatsächlich als "absurd". So oder ähnlich sehen wohl die Arbeitsergebnisse jener Theologen an den deutschen Universitäten aus, die es sich, nach Friedrich W. Graf, "in ihrem staatskirchenrechtlich geschützten Theotop behaglich eingerichtet" haben. Ich vermag nicht zu erkennen, welchen Nutzen derartige philologische Gedankenspiele für die praktische Arbeit der Kirchen haben sollten.

Ich vermag daher ebenso wenig zu erkennen, dass im Bereich der Theologischen Fakultäten verantwortungsbewusst mit den von der gesamten Gesellschaft aufgebrachten Finanzmitteln umgegangen wird. Da ist es nur naheliegend, dass, wie Graf erwähnt, "der Wissenschaftsrat die theologischen und religionswissenschaftlichen Fakultäten unter die Lupe nimmt". Es bleibt natürlich die Frage, ob die Mitglieder dieses Gremiums wirklich den Mut haben, "heisse Eisen" anzufassen.

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Theologie – verantwortlich für das Leben in zwei Ontologien?

Der Theologe Herbert Koch (*1942) zitiert aus einem Kommentar zu den Ergebnissen einer von der VELKD 1972 durchgeführten religionssoziologischen Untersuchung zum Gottesdienst:

"…, die Mehrheit der Kirchenmitglieder fühle sich »heute … durch die Kirche und ihre Theologie vor die Zumutung gestellt, in zwei Ontologien zu leben, einer naturwissenschaftlich rationalen und einer sozialwissenschaftlichen Aufklärung und jener anderen Ontologie, zu der es immer weniger Brücken gibt«."

Er erläutert und vertieft diesen Sachverhalt durch die ergänzenden Ausführungen:

"Um einem Einwand vorzubeugen, der hier möglicherweise als nahe liegend erscheint: es kann nicht um eine sozusagen »zumutungsfreie« und damit auch profillose Kirche gehen. Aber um welche Zumutungen kann es wirklich gehen und um welche nicht? »Zumutungen«, die sich aus den besten Traditionen der »christlichen Nächstenliebe« ergeben, Forderungen des Friedens und des Gewaltverzichts, des Respekts vor dem Leben und der Menschenwürde etc. gehören selbstverständlich zum Profil von Christentum und Kirche.

Muss aber auch die Zumutung hinzugehören, Dogmen, die einer vergangenen Zeit und Welt entstammen und durch Mythologie, Metaphysik und Supranaturalismus geprägt sind, als persönlichen Glauben zu bekennen?"

Ähnliche Überlegungen hat Peter de Rosa (*1932) in seinem Buch Der Jesus-Mythos geäußert:

"Dieses Buch ist für moderne Christen mit dem unbehaglichen Bewusstsein, dass sie Amphibien sind. Sie leben meist im Meer einer sich stets wandelnden Welt, aber sonntags und wenn sie beten, kommen sie aus ihrem normalen Element heraus, um, japsend und verwundert, am Fels der Ewigkeit zu ruhen. Sechs Wochentage denken sie wie Menschen des 20. Jahrhunderts und an ihrem freien Tag wie Semiten des 1. Jahrhunderts."

"Die Kirchen haben soviel Angst davor, den christlichen Glauben im Licht der modernen Welt und der Bibelforschung neu zu überdenken, dass ihr Gerede über Jesus und das "Heil" peinlich zu werden beginnt – sowohl für diejenigen, die sprechen, als auch für diejenigen, die ihr Bestes tun, höflich zuzuhören."

Theologen sind gefordert, sich ernsthaft mit den "schwerwiegenden Folgen" auseinanderzusetzen, die der Psychologe Franz Buggle (1933-2011) in seinem Buch Denn sie wissen nicht, was sie glauben "für das geistige Klima in der Bundesrepublik und darüber hinaus in den meisten westlichen Ländern" feststellt: "Verbreitete gesellschaftliche Unredlichkeit und Heuchelei und oberflächlich-undeutliche Religiosität".

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Theologen – »Brotgelehrte«?


In Deutschland gibt es unter den Intellektuellen, insbesondere in der Gruppe der Hochschulprofessoren, nur sehr wenige Christentums- oder Kirchenkritiker. Der Psychologe Franz Buggle (1933-2011) beschreibt in seinem Buch Denn sie wissen nicht, was sie glauben einen Grund hierfür:

"Man setzt sich nicht mit einer so mächtigen Institution wie der Kirche oder gar der Bibel auseinander. Der durchschnittliche deutsche Intellektuelle und Professor arrangiert sich, einer sehr alten und über die verschiedensten Regime beständigen Tradition folgend, weiterhin und weitgehend mit Institutionen, die Macht haben …".

Franz Buggle sieht darüber hinaus, dass in dieser Berufsgruppe "das Maß der Außenleitung, die Abhängigkeit von unmittelbaren sozialen Prämien …: Einladung zu Vorträgen, Reisetätigkeit und sonstige Indikatoren der eigenen Wichtigkeit" besonders ausgeprägt sei.

Dass den meisten "Gelehrten" kritisches Verhalten gegenüber den Kirchen und deren "religiösen Gegenständen" weitgehend fremd ist, beklagte schon der französische Schriftsteller und Philosoph Pierre Bayle (1647-1706), einer der Hauptvertreter der sog. Frühaufklärung (s. hier).

Ich kann mir vorstellen, dass "das Maß der Außenleitung" bei Theologen in den theologischen Fakultäten der Universitäten, wegen ihrer weitgehenden Abhängigkeit von den Kirchenleitungen, ganz besonders ausgeprägt ist. Hinzu kommt, was Franz Buggle so charakterisiert:

"Man sollte Motive nicht vorschnell denunzieren und zu einseitig sehen. Man sollte aber andererseits auch nicht so naiv sein zu übersehen, dass man mit einer Ankoppelung an herrschende religiöse Institutionen, das zeigt das Beispiel der beiden Großkirchen, sein gutes Geld verdienen oder zumindest ein materiell gesichertes Leben führen kann.

Und wenngleich die Gläubigen und Geistlichen dieses Motiv ausdrücklich keineswegs als primär unterstellt werden soll, so können die entsprechenden materiellen Prämien beim Nachdenken über die eigentlich unverständliche Anhänglichkeit an die Kirchen nicht außer acht bleiben: Wer sägt schon gerne aus purer intellektueller Redlichkeit den Ast ab, auf dem er (meist mit Familie) sitzt (da treibt man dann doch gelegentlich lieber auch weiterhin gut bezahlte »Theologie nach dem Tode Gottes«)."

Jahrzehnte vor Franz Buggle hat sich der deutsch-amerikanische Philosoph Walter Kaufmann (1921-1980) ähnlich kritisch geäußert:

"Die religiösen Denker unserer Zeit, deren Bücher einiges Ansehen genießen und Einfluss auf Intellektuelle haben, sind keine kühnen Neuerer, die, wie Jeremia, den Mut haben, »auszureißen, zu zerbrechen, zu zerstören und zu verderben … und zu bauen und zu pflanzen«. Es sind Professoren, die jeglichen Umsturz entschieden ablehnen und offensichtlich nichts zu pflanzen haben; es sind Theologen, die sich auf Auslegungen beschränken. Einige legen den heiligen Thomas aus, andere das Neue Testament; und ihre Auffassung von einer religiösen Wiederbelebung ist erstaunlich wörtlich: wie Elia und Jesus neigen sie sich über das, was tot zu sein scheint und hauchen ihm ihren eigenen Geist ein, um es zu neuem Leben zu erwecken. Aber im Gegensatz zu Elia und Jesus vermeiden sie den Konflikt mit der organisierten Religion ihrer Zeit. Sie gleichen den Weisen der Upanischaden und den Priestern in Jerusalem, intelligenten, ehrerbietigen und gedankenvollen Wächtern feiner alter Traditionen, nicht Buddha und den Propheten, die Ketzer waren.

Es liegt der Schluss nahe, dass es insbesondere unter den akademischen Theologen kaum kritische Intellektuelle gibt, weil viele von ihnen wohl zu reinen »Brotgelehrten« (Friedrich Schiller) mutiert sind, die freiwillig Denkverzicht üben und denen es wesentlich um soziale Akzeptanz und Karriere geht. Es ist zu befürchten, dass sich daran nichts ändern wird, solange die Gesellschaft, großzügig und ohne kritische Fragen zu stellen, Steuermittel zur Finanzierung der theologischen Fakultäten bereitstellt.

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Der Theologe und Historiker Gottfried Arnold

Geradezu der Gegenentwurf zu den eben beschriebenen Intellektuellen ist für mich der heute, völlig zu Unrecht, weitgehend vergessene Theologe und Historiker Gottfried Arnold (1666-1714). Er verließ, zum Entsetzen seiner Kollegen, schon nach einem Jahr freiwillig die 1697 angetretene Professur für Geschichte in Gießen. Diese unkonventionelle Verhaltensweise zeigt die geistige Unabhängigkeit und den bemerkenswerten Charakter Arnolds.

Im Jahre 1699 veröffentlichte er in Frankfurt seine schonungslose Kirchenkritik unter dem Titel Gottfried Arnolds unpartheyische Kirchen- und Ketzer-Historien. Ein Ereignis, das Arnold die übelsten Anfeindungen und massive politische Diffamierung durch kirchenhörige gesellschaftliche Kreise einbrachte. Eine weitere Auflage dieses Werkes ist dann erst 1740 in Schaffhausen erschienen, weil es in den damaligen deutschen Ländern niemand wagte, das Buch zu drucken.

Wir können uns heute kaum vorstellen, welch persönlicher Mut damals dazu gehörte, Kritik gegen die mächtigen Kirchen zu äußern. Es handelt sich zwar um den Zeitabschnitt, den Historiker die Frühaufklärung nennen, das darf uns jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in jener Zeit immer noch Hexenprozesse gab: Die wahrscheinlich letzte Hexenverbrennung, im Bereich des heutigen Deutschland, fand 1756 (!) in Landshut statt.

Weniger bekannt sind die Prozesse und barbarischen Urteilssprüche, u. a. wegen "Gotteslästerung", vor denen noch im 18. Jahrhundert (!), zumindest in den von der Römischen Konfession dominierten Ländern, kaum jemand sicher war (s. hier).

Auf diesem historischen Hintergrund verdient die Haltung Gottfried Arnolds höchste Bewunderung. Es stellt sich die Frage:

Gibt es vielleicht auch heute Theologen mit dem kritischen Bewusstsein, dem Mut und der intellektuellen Redlichkeit eines Gottfried Arnold?

Anmerkungen
- Auf Gottfried Arnold bin ich durch einen Vortragstext des Theologen Karl Dienst (*1930) aufmerksam geworden.
- Es gibt eine interessante Äußerung Goethes über Gottfried Arnold (s. hier).

Es sei nicht verschwiegen, dass es Theologinnen und Theologen gab und gibt, wenngleich in bedauerlich geringer Zahl, die öffentlich ihre kritische Stimme erhoben. Ich beziehe mich auf jene aus der jüngeren und jüngsten Vergangenheit, die mir in ihren Büchern begegneten. Einige von ihnen haben sich vom Christentum und von ihren Kirchen verabschiedet. Andere fanden den Freiraum für die Veröffentlichung kritischer Gedanken erst im Ruhestand. Einer wurde aufgrund seiner kritischen Haltung gegenüber den tradierten christlichen Glaubensinhalten von seiner Kirche aus dem Pfarrdienst entfernt (Paul Schulz): Helmut Groos, Horst Herrmann, Klaus-Peter Jörns, Joachim Kahl, Herbert Koch, Matthias Kroeger, Heinz-Werner Kubitza, Gerd Lüdemann, Uta Ranke-Heinemann und Paul Schulz.

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Theologinnen und Theologen in der Gemeindearbeit "vor Ort"

Um Missverständnissen vorzubeugen: Die in der Gemeindearbeit und Seelsorge tätigen Theologinnen und Theologen sind mit der hier geäußerten Kritik an den tonangebenden Theologen und ihrer Theologie ausdrücklich nicht gemeint. Sie verantworten ja die von ihren Kirchen vorgegebene Theologie nicht, und die meisten von ihnen haben wegen der alltäglichen (Über-)Beanspruchung durch ihren Dienst gar keine Zeit, sich mit der Theologie kritisch auseinanderzusetzen.

Letzteres ist natürlich außerordentlich bedauerlich, aber verständlich. In der konkreten Lebenshilfe für Gemeindeglieder ist vornehmlich der Mensch gefragt und nicht die Theologin oder der Theologe.

Die Schwierigkeiten, die nicht nur die kirchenferneren, sondern auch die kirchennahen Gemeindeglieder mit dem Glauben haben, bleiben den Pfarrerinnen und Pfarrern natürlich nicht verborgen. Auf Dauer kann dies wohl kaum ohne Folgen für ihren eigenen Glauben bleiben. (Teil-)Ergebnisse einer vom Theologen Klaus-Peter Jörns (*1939) zitierten, 1992 in der Pfarrerschaft der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg durchgeführten Umfrage, scheinen dies zu belegen:

Auf die Frage "ob Jesus Christus, wie es der trinitarische Glaube dogmatisch festgelegt hat, mit Gott Vater und Gott Heiligem Geist in einer Dreieinheit Gott ist und als Gott angebetet werden soll", antworteten nur 54% im Westbereich und 71% im Ostbereich mit ja, bei den Berliner Studierenden der Theologie waren es gerade einmal 36%. – Für nur noch 36% der Pfarrerschaft gilt die Bibel als »heilig«. Interessant ist u. a. auch eine von Jörns gemachte qualitative Feststellung: "Eine relativ schwache Akzeptanz finden auch traditionelle Aussagen zur Allmacht (Gott kann alles; Gott lenkt die Welt) und zur Richterrolle Gottes."

Daher ist es kaum verwunderlich, dass z. B. im Gottesdienst das gemeinsame Sprechen des Glaubensbekenntnisses von Pfarrerinnen oder Pfarrern mit Formeln angekündigt wird wie "Wir bekennen gemeinsam unseren Glauben mit den Worten der Väter" oder "… mit den Worten der alten Kirche". Darin zeigt sich im einen oder anderen Fall vielleicht so etwas wie ein "stiller Protest" oder "passiver Widerstand".

Dass diese Pfarrerinnen und Pfarrer nicht deutlicher "rebellieren", hat wohl einerseits damit zu tun, dass sie bei ihrer Ordination den "Eid" auf die jeweilige Kirchenordnung mit ihrer traditionellen Berufung auf den trinitarischen Gott geleistet haben und andererseits damit, dass im kirchengemeindlichen Alltag die dogmatischen Aspekte der Theologie kaum von großer Wichtigkeit sind und daher auch nicht so oft ins Bewusstsein dringen.

Würden sich all die Pfarrerinnen und Pfarrer, die mit einem unruhigen "intellektuellen Gewissen" leben und darunter leiden, zusammentun, um die eigenen Glaubensschwierigkeiten ebenso wie die ihrer Gemeindeglieder unüberhörbar an die Kirchenoberen zu kommunizieren, könnte dies m. E. zum Umdenken in den oberen Etagen der etablierten kirchlichen Hierarchie beitragen.

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Schlussbemerkungen

Über die Sprache der Theologie
Äußern sich Theologen über religiöse Inhalte, egal ob mündlich oder in Schriftform, dann ist ihre Sprache nach meiner Erfahrung sehr häufig eine Mixtur aus vorgegebener Enthüllung und tatsächlicher Verschleierung. Die erste Komponente verrät sich, wenn Theologen in bedeutungsschwangeren Worten von »Offenbarung« oder genauer: von »göttlicher Offenbarung« sprechen und damit vorgebliche Geheimnisse eines übernatürlichen »Mysteriums« preisgeben. Die zweite Komponente der Mixtur besteht aus sprachlichen Verrenkungen, die nichts anderes sind als verbale Nebelschwaden, die kaschieren sollen, dass sich Unerklärliches, Widersprüchliches oder dogmatisch Behauptetes in den noch heute gültigen Glaubensmeinungen der frühen Christen, wie z. B. der vorgebliche, zu unserer aller »Heil« von «Gott» inszenierte, »Opfertod Christi am Kreuz«, tatsächlich nicht erklären lassen (s. auch hier).

Der Psychologe und Religionskritiker Franz Buggle (1933-2011) analysierte in einem Abschnitt seines Buches Denn sie wissen nicht, was sie glauben die geistigen Ergüsse mehrerer namhafter Theologen zum "Kreuzesopfer-Skandal", wie er ihn nennt (s. auch hier). Er fand darin "moderne Bewältigungs- und Interpretationsversuche", die sich "leider nicht selten"

"… in wohlklingend-erbaulichen, aber abstrakt-inhaltsleeren, alles und nichts aussagenden Wortwolken darbieten."

Und er sah sich bei seiner Analyse konfrontiert mit

"… entsprechenden theologischen Versuchen, Unrettbares doch noch als rettbar, Unakzeptables als akzeptabel erscheinen zu lassen."

Am Ende des betrachteten Abschnitts vergleicht Franz Buggle dann die "Sprech- und Schreibweise" der vorgeblichen Geistesgrößen aus der Theologie "mit der klaren, verständlichen Sprache" einiger wirklicher Geistesgrößen aus Philosophie und Naturwissenschaft, "wie beispielsweise David Hume, Schopenhauer, Bertrand Russell, Albert Einstein" und stellt nüchtern fest:

"Diese Autoren hatten nichts zu verschleiern, zu verunklaren, Unakzeptierbares akzeptierbar erscheinen zu lassen, sondern wollten möglichst verständlich mitteilen, klarstellen, aufklären."

Es ist also eine Binsenweisheit, dass Sprache In der Theologie eine entscheidende Rolle spielt. Wenn das so ist, und ich zweifle nicht daran, dann mussten den Theologen die Ohren klingen bei dem, was der katholische Theologe und Religionspädagoge Hubertus Halbfas (*1932) in einem Radio-Interview sagte:

"Die traditionelle Sprache unseres Glaubens hat ihr Verfallsdatum nicht nur erreicht, sondern überschritten."

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Über die Kommunikations(un)fähigkeit der Theologie

Als bündige Schlussfolgerung aus den oben dargestellten problematischen Aspekten der Theologie erscheint mir das, was der Theologe Herbert Koch (*1942) m. E. sehr treffend sagt:

"Hört Theologie damit endgültig auf, sich als dogmatisch zu entfaltende Offenbarungswissenschaft zu verstehen, so ist auch die im 20. Jahrhundert beinahe selbstverständliche Frontstellung gegen Aufklärung und Modernität, gegen Individualität und Gewissensfreiheit aufgehoben. Theologie kann endlich die so dringend erforderliche Kommunikationsfähigkeit mit der sie umgebenden geistigen Welt zurückgewinnen."

Nicht zuletzt eine Feststellung wie diese festigt in mir die Überzeugung, dass das Christentum langfristig nur dann eine Überlebenschance hat, wenn es sich grundlegend erneuert. Und dies ist nur dann möglich, wenn sich seine Kirchen und deren "Vordenker" von ihrer Glaubensmeinung verabschieden, dass die seit etwa sechzehnhundert Jahren unverändert beibehaltenen Dogmen göttliche Wahrheiten seien. Die im Alten Testament überlieferte Schöpfungsgeschichte hatte auch einmal diesen Status. Heute begreifen die meisten Christen diese ehrwürdige Überlieferung als Mythos oder als literarisches »Weltkulturerbe« – ohne Schäden für sie selbst oder ihre Religion.

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Über kardinale Fehlhaltungen der Theologie

Im Buch Der Glaube eines Ketzters des deutsch-amerikanischen Philosophen Walter Kaufmann (1921-1980), aus dem ich schon häufiger zitierte, stieß ich, über die Kardinaluntugend der "Doppelzüngigkeit" hinaus (s. hier), auf eine weitere kardinale Fehlhaltung der Theologie:

"Theologie steht nicht nur im Widerspruch zur Bergpredigt, sondern auch zu den primitivsten Grundsätzen der Fairness. Sie verschließt sich vor fremden Anschauungen und weigert sich, andere mit deren Augen zu sehen, sich selbst mit den Augen der anderen zu betrachten. Sie besteht kompromisslos darauf, andere mit anderem Maß zu messen als sich selbst.

Natürlich ist es schwer, ganz und gar fair zu sein. Die Theologie gründet jedoch auf einer umfassenden, konsequenten und systematischen Weigerung, es auch nur zu versuchen. Nicht dass sie etwa nur gelegentlich zweierlei Maß benutzte – das Verfahren, mit zweierlei Maß zu messen, gehört zu ihren elementaren Bestandteilen.

Diese Kardinaluntugend durchdringt in vielen Formen die gesamte Theologie."

Und Walter Kaufmanns abschließendes Urteil über die Theologie ist nicht sonderlich schmeichelhaft:

"Meine Kritik der Theologie wäre sträflich irreführend, wenn sie im Leser den Eindruck erweckte, als sei Theologie im allgemeinen wesentlich anderes als Schönfärberei. Theologie versetzt keine Berge; selten erschüttert sie Menschen. Von den meisten wird sie hingenommen als etwas, das man eigentlich nicht ernst nehmen kann, das man lediglich respektiert, um seine guten Manieren unter Beweis zu stellen, und worüber man am liebsten nicht weiter nachdenkt."

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Über "die chronische Misere der Theologen"
Der Philosoph Joachim Kahl (*1941), ist, als promovierter Theologe, zweifellos als Insider zu betrachten. Daher wusste er sehr genau, was er in seinem Buch Das Elend des Christentums über seine ehemaligen Fachkollegen festhielt:

"Woher rührt die chronische Misere der Theologen aller Zeiten, von Geheimniskrämerei und plumpem oder raffiniertem Schwindel leben zu müssen? Der Grund ist leicht zu erkennen. Statt sich ihrer eigenen Vernunft zu bedienen und die Wirklichkeit selbständig zu analysieren, stützen sie sich auf autoritative Tradition aus der Vergangenheit, Offenbarung genannt. Da diese Vergangenheit in irgendeinem Sinn als normativ gilt, kann sie meist nur mit Hilfe von «hermeneutischen» Tricks den Anforderungen der Gegenwart angepasst werden. So verspielen die Gottesgelehrten beides: die wirkliche Vergangenheit und die wirkliche Gegenwart."

Kurz zusammengefasst lässt sich wohl sagen: Denken und Reden der Theologen werden von "Autoritätsdusel" und Ignoranz bestimmt. "Autoritätsdusel" ist, und das hat nicht nur Albert Einstein (1879-1955) so gesehen, "der größte Feind der Wahrheit". Und die bei Theologen weitverbreitete Ignoranz hindert diese u. a. daran, die nüchternen oder besser: ernüchternden Ergebnisse der historisch-kritischen Leben-Jesu-Forschung zur Kenntnis zu nehmen oder gar ihre "Schäfchen" darüber aufzuklären.

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Über das konstitutive Dilemma der Theologie

Eine Äußerung des Theologen Franz Overbeck (1837-1905) eignet sich, wie kaum eine andere, den Abschnitt mit den Anmerkungen zur Theologie gebührend abzuschließen. In dem aus seinem Nachlass herausgegebenen Buch Christentum und Kultur findet sich ein Wort, mit dem er einen elementaren Gegensatz zwischen dem "Glauben der Theologen" und dem "geraden Menschenverstand" aufzeigt. In einzigartiger Weise beschreibt er damit das ganze Ausmaß des in diesem Gegensatz zu Tage tretenden konstitutiven Dilemmas der Theologie:

"Gott und Seele – zwei Dinge, mit welchen die Theologen, moderne namentlich, wie Kinder mit ihren Puppen, mit derselben Sicherheit in Hinsicht auf ihr Eigentums- und Verfügungsrecht darüber, spielen. So werden denn diese Theologen am besten über diese Dinge befragt werden, um zu erfahren, dass sie darüber nichts wissen und auch nichts wissen können, aus dem einfachen Grunde, weil kein Mensch etwas davon weiß, Begriff und Ding in diesem Fall lediglich menschliche Erfindungen sind.

Der Glaube, es lasse sich für Menschen mit Gott und in seinem Namen alles machen, mit ihm finde man sich vollkommen in der Welt zurecht, man fahre damit am besten, ist unter Menschen, welche der Welt Nachdenken gewidmet haben, nur der Glaube der Theologen gewesen. Sonst haben gerader Menschenverstand und höchste Weltsicht stets entgegengesetzt gedacht."

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