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Darum ist es auch nicht erlaubt, den Häretiker zu töten, weil man sonst einen unversöhnlichen Krieg über die Welt brächte.

Kirchenvater Johannes Chrysostomos
(344/349-407)

Niemals tut man so vollständig und so gut das Böse, als wenn man es mit gutem Gewissen tut.

Der franz. Mathematiker und Religionsphilosoph
Blaise Pascal (1623-1662)

Dass eine Meinung nur deshalb, weil sie sich von Jahrhundert zu Jahrhundert fortgeschleppt hat, nun eine Wahrheit sei, das ist ganz einfach eine Täuschung.

Der franz. Schriftsteller, Philosoph
und Frühaufklärer
Pierre Bayle (1647-1706)

Die Mythologie ist die erstgeborene Schwester der Geschichtskunde.

Der franz. Autor und Philosoph
Voltaire (1694-1778)

Glaubt nicht, daß ich fasele, daß ich dichte, geht hin und findet mir andre Gestalt!
Es ist die ganze Kirchengeschichte Mischmasch von Irrtum und von Gewalt.

 Johann Wolfgang von Goethe
(1749-1832)
(Zahme Xenien IX, gefunden beim Theologen Karl Dienst)

In der ganzen Geschichte des Menschen ist kein Kapitel unterrichtender für Herz und Geist als die Analen seiner Verirrungen.

Der Dichter, Philosoph und Historiker Friedrich von Schiller (1759-1805)
(Der Verbrecher aus verlorener Ehre)

Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft.

Der Gelehrte und Staatsmann
Wilhelm von Humboldt (1767-1835)

Leiden ist das höchste Gebot des Christentums die Geschichte des Christentums selbst die Leidensgeschichte der Menschheit.

Der Philosoph
Ludwig Feuerbach (1804-1872)

Gewalt kann auch den Erbärmlichen Macht schaffen.

Der Theologe
Franz Overbeck (1837-1905)

Alles in allem wurde das Evangelium der Liebe in ein Evangelium der Furcht verkehrt. Die christliche Welt bestand aus eingeschüchterten Völkern.

Der brit. Philosoph und Mathematiker Alfred N. Whitehead (1861-1947)

Es ist eine schwere Schuld der Kirche, dass sie den Menschen das Selbstdenken abgewöhnt und sie dafür auf eine angeblich göttliche, in Wirklichkeit von ihr selbst zurechtgemachte, ein für allemal feststehende "Offenbarung" verwiesen hat.

Der Altphilologe
Wilhelm Nestle (1865-1959)

Das Christentum bedarf des Denkens, um zum Bewusstsein seiner selbst zu gelangen. Jahrhunderte lang hatte es das Gebot der Liebe und der Barmherzigkeit als überlieferte Wahrheit in sich getragen, ohne sich auf Grund desselben gegen die Sklaverei, die Hexenverbrennung, die Folter und so viele andere antike und mittelalterliche Unmenschlichkeiten aufzulehnen. Erst als es den Einfluss des Denkens des Aufklärungszeitalters erfuhr, kam es dazu, den Kampf um die Menschlichkeit zu unternehmen. Diese Erinnerung sollte es für immer vor jeglicher Überhebung dem Denken gegenüber bewahren.

Der Arzt und Theologe
Albert Schweitzer (1875-1965)
(Aus meinem Leben und Denken
S. 203)

Dass viele der im Alten und Neuen Testament geschilderten Ereignisse auf Vorgänge zurückgehen, die sich in dieser oder jener Form tatsächlich ereignet haben, kann kein vernünftiger Mensch leugnen. Warum das aber beweisen soll, dass auch die spekulativen Mitteilungen der Bibel wahr sind, bleibt das Geheimnis derer, die solche Behauptungen in die Welt setzen.

Der Philosoph und Schrifsteller
Gerhard Szczesny (1918-2002)

 

 
 

Historisches


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Inhalt

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Vorbemerkungen

Es ist keineswegs meine Absicht, den Christentums- oder Kirchen-Historikern Konkurrenz zu machen. Bei meinen Recherchen in der mir zugänglichen Literatur sind mir einige Gedanken und Erkenntnisse "zugefallen", die ich für wichtig genug erachte, um sie hier darzustellen. Es handelt sich dabei um eine subjektive Auswahl ohne jeden wissenschaftlichen Anspruch und ohne den geringsten Ehrgeiz ein vollständiges Bild der Geschichte des organisierten Christentums zu entwerfen. Wie schon an anderer Stelle ähnlich ausgeführt (s. hier), entsteht hier allenfalls so etwas wie eine grob strukturierte Collage aus vorläufigen Einsichten und Aha-Erlebnissen bezogen auf Teilaspekte des hinterfragten Gegenstands.

Vieles wird hier nicht näher betrachtet: u. a. der vermeintliche oder tatsächliche Einfluss des Christentums auf die Entwicklung der europäischen Kultur. Wir können zwar noch heute großartige Werke z. B. der Architektur und der Bildenden Künste bestaunen, die im Auftrag mächtiger Kirchenfürsten in ferner Vergangenheit geschaffen wurden. Es darf aber nicht übersehen werden, dass das Wirken der Architekten und Künstler im Einflussbereich des organisierten Christentums im Wesentlichen auf Kirchengebäude – mit teilweise gigantischen Ausmaßen – vordergründig zur »Ehre Gottes«, häufig aber eher zum Ruhme ihrer Bauherren, auf riesige Klosteranlagen und ebensolche Bischofssitze sowie auf Kunstwerke mit kirchlich-religiösen Inhalten beschränkt war. Letztere dienten nicht nur der Verherrlichung »Gottes«, »Jesu Christi«, der »Gottesmutter« Maria oder zweifelhafter »Heiliger«, sondern insbesondere auch der jeweiligen Köpfe der Kirche. Und man darf auch nicht übersehen, dass dieselben kirchlichen Machthaber, die auf ihre Weise künstlerische Kreativität förderten, die Entwicklung auf anderen Gebieten, z. B. in den Naturwissenschaften, massiv behinderten.

Es wäre also lohnend, genauer hinzuschauen, welches denn die Triebfedern und die Handlungsmaximen der führenden Köpfe der Kirchen in diesem Geschehen waren. Ebenso lohnend wäre es der Frage nachzugehen, unter welchen sozialen Bedingungen die selektiv geförderten kulturellen Leistungen zustande kamen und welche (un)sozialen Folgewirkungen sie nach sich zogen.

Eine plausible Antwort auf die angeschnittenen Fragen fand ich beim Historiker und Philosophen Rolf Bergmeier (*1940). Im Epilog seines Buches Schatten über Europa schreibt er über die negativen Wirkungen der äußerst fragwürdigen Handlungsweise der Köpfe des organisierten Christentums:

"Dass […] im christlichen Abendland ein wissenschaftliches Vakuum geschaffen wurde, Kultur zum Stiefkind der Religion geriet, die Menschen im Dunkel mächtiger Kathedralen ein armseliges Dasein fristeten, das lag vor allem an einer Kirche, die den religiösen Fundamentalismus auf die Spitze trieb, die Nichtigkeit irdischer Güter predigte, aber unbeschadet der mahnenden Worte Macht und Reichtum anhäufte und beides weidlich nutzte."

Auf diesem Hintergrund stellt sich also ganz unausweichlich die Frage: War die gängige Bezeichnung »christliches Abendland« jemals gerechtfertigt? Der Schriftsteller Arno Schmidt (1914-1979) hat sich dazu unmissverständlich geäußert:

"Unsere abendländische Kultur, auf Altertum und Renaissance beruhend, ist im härtesten Kampf gegen die ausgesprochen kulturhemmenden Kräfte des Christentums entstanden!"

Eine weitergehende Diskussion der vorgenannten Fragen und der Versuch ihrer befriedigenden Beantwortung werden hier nicht unternommen. Es schwingen implizit ein paar andere Fragen mit, deren Beantwortung aber erst nach dem möglichen Abschluss der begonnenen Recherchen versucht werden kann: Was könnte das organisierte Christentum dazu bewegen, die "Verweigerung der Moderne" (Herbert Koch) aufzugeben und sein selbsgewähltes Denk-Getto zu verlassen? Was müsste geschehen, dass z. B. die protestantischen Kirchen, neben den schon lange anhaltenden, quälenden Debatten über strukturelle Reformen, endlich die m. E. überfällige Reform ihrer tradierten Glaubensinhalte anpackten? Welche Erkenntnisse ließen sich aus einer ehrlichen Analyse der Geschichte des Christentums zur Beantwortung der offenen Fragen gewinnen?

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Überlieferung der Schriften des Neuen Testaments

Zusammensetzung des Neuen Testaments (NT)
Das NT gliedert sich in 27 Schriften, die etwa zwischen 50 und 130 n. Chr. entstanden sind: 4 Evangelien, 21 Briefe, die Apostelgeschichte des Lukas und die Offenbarung des Johannes. Die nachfolgende Tabelle enthält zu einigen dieser Schriften weitere Details. Sie sind dem Buch Das Neue Testament des Theologen Gerd Theißen (*1943) entnommen. Wer sich intensiver mit der Überlieferungsgeschichte der frühchristlichen Texte befassen möchte, dem sei dieses Buch zum Einstieg in das Thema empfohlen.

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Zeitrahmen
(n. Chr.)
Überlieferte Schriften

40 – 65

Logienquelle Q
(Überlieferungen von Wandercharismatikern, auf deren wahrscheinliche Existenz nur indirekt geschlossen werden kann: Sowohl im Matthäus- als auch im Lukasevangelium finden sich gleichartige Textinhalte, die auf eine ältere Quelle hindeuten)

50 – 56

Als echt geltende Paulusbriefe:

... 50 / 51

... 1. Thessalonicherbrief (älteste Schrift im NT)

... 52 – 55

... 1. Korintherbrief
... 2. Korintherbrief
... Galaterbrief (zeitliche Einordnung unsicher)
... Philemonbrief
... Philipperbrief

... 55 / 56

... Römerbrief (Beginn frühchristlicher Publizistik)

nach 70

Markusevangelium

80 – 100

Matthäusevangelium

80 – 100 (nach 96?)

Lukasevangelium
(erstmals belegt bei Markion, ca. 140)
Apostelgeschichte des Lukas
(erstmals erwähnt von Justin, ca. 150)

1. Hälfte 90er J. (?) Offenbarung des Johannes

100 – 120

Johannesevangelium
(von ihm ist das älteste neutestamentliche Papyrusfragment «P52» erhalten, das nur wenige Quadratzentimeter groß ist und meist auf 125 datiert wird, aber auch jünger sein könnte)

um 130 (?)

Unechter 2. Petrusbrief (jüngste Schrift im NT(?))

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Anmerkungen
- Unechte (pseudepigraphe oder deuteropaulinische) Paulusbriefe sind nach Gerd Theißen: der Epheser-, Kolosser-, 2. Thessalonicher-, 1. und 2. Timotheus- und der Titusbrief. Er fügt hinzu, dass wahrscheinlich auch die beiden Petrusbriefe, der Jakobus-, der Judasbrief und der – früher fälschlicherweise Paulus zugeschriebene – Brief an die Hebräer unecht sind.

- Nach der BIBEL in gerechter Sprache sind die unechten Paulusbriefe an Timotheus und Titus vermutlich erst um die Mitte des 2. Jahrhunderts entstanden (s. hier). Daher ist die in der voranstehenden Tabelle enthaltene Feststellung, dass der 2. Petrusbrief die "jüngste Schrift im NT" sei, wohl korrekturbedürftig.

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Frühchristliche Fälschungen – "göttlich authorisierter Schwindel"?

Bei Gerd Theißen (*1943) findet sich eine aufschlussreiche persönliche Einschätzung der Verhaltensweise urchristlicher Verfasser:

"Unechte Briefe nennen wir Fälschungen, wenn sie den Leser bewusst über den wahren Autoren täuschen wollen. Wenn wir von «pseudepigraphen Briefen» oder im paulinischen Bereich von «Deuteropaulinen» reden, so wird eine moralische Bewertung vermieden. Aber das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass man auch in der Antike «Fälschungen» für verwerflich hielt. Als Ende des 2. Jh. herauskommt, dass ein Presbyter die Akten des Paulus und der Thekla «aus Liebe zu Paulus» gefälscht hatte, muss er sein Amt niederlegen (Tertullian, de baptismo 17). Umso mehr stellt sich die Frage: Wie konnten Christen mit ihrem hohen Wahrheitsethos so viele unechte Briefe schreiben? Für historisches Verstehen ist das eine echte Herausforderung."

Die katholische Theologin Uta Ranke-Heinemann (*1927) befasst sich in ihrem Buch Nein und Amen ebenfalls mit den "Fälschungen in der Urkirche" und würdigt insbesondere den Umgang der römischen Konfession mit diesem Phänomen. Im Zusammenhang mit den beiden gefälschten Petrusbriefen schreibt sie u. a.:

"Wo in der katholischen Theologie solche Verfasserfälschungen zugegeben werden, werden sie gleichwohl verharmlost oder gerechtfertigt. Es handele sich dabei angeblich »um eine legitime, weit verbreitete literarische Gepflogenheit«, meint etwa das Lexikon für Theologie und Kirche (VIII, 1963, S. 867). Dass solche Fälschungen in der Urkirche »eine weit verbreitete Gepflogenheit« waren, soll gar nicht bestritten werden, »legitim« waren sie darum nicht. Es ist und bleibt religiöse Falschmünzerei."

Mit Blick auf die unechten Paulusbriefe verweist Uta Ranke-Heinemann auf einschlägige Äußerungen seitens der römischen Konfession, in denen von »Pseudonymität« jener Briefe die Rede ist:

"Mit der Verharmlosung, es handele sich ja nur um Pseudonyme, geschieht heute eine erneute Täuschung der Leser und Hörer. Denn einem Künstlernamen geht es nicht um das, was die neutestamentlichen Brieffälscher bezweckten: die Selbstverleihung einer apostolischen Autorität, die »durch den Willen Gottes« verliehen wurde und darum eine Autorität im Namen Gottes sein will. Die Kirche reagiert bei der Frage: Wie sage ich es meinem Kinde? sehr zögernd. Sie trennt sich schwer von solch göttlich autorisiertem Schwindel. An apostolischer Verfasserautorität ist der Kirche gelegen, weil solche apostolische Autorität sich immer in kirchliche Größe ummünzen lässt. Von dieser Größe ginge viel verloren, wenn die Kirche alle Fälschungen offen zugäbe."

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Tradition fortgesetzter Täuschung?

Es ist schon bemerkenswert, dass, ungeachtet der Erkenntnisse der historisch-kritischen Textanalyse, alle sog. Paulusbriefe – die echten und die unechten – in den gängigen Bibelausgaben mit »Der Brief des Paulus an ...« oder in der "GUTE NACHRICHT BIBEL" aus dem Jahre 2000 mit »Der Brief des Apostels Paulus an ...« überschrieben sind. Das halte ich für hochgradig unredlich.

Eine löbliche Ausnahme ist in dieser Hinsicht die "BIBEL in gerechter Sprache" von 2006. Darin lauten die Überschriften z. B. »Brief an die Gemeinde in Rom« oder »An die Gemeinde in Thessaloniki: Erster Brief«. Der Name Paulus erscheint in keiner Überschrift. Zu jedem Brief gibt es jedoch eine Einführung, die Auskunft gibt über den oder die Verfasser. Dadurch wird jeweils deutlich, ob es sich um einen der sieben als echt bzw. um einen der sechs als unecht geltenden Paulusbriefe handelt (hier finden sich Auszüge aus jenen Einführungen, die den unechten Briefen vorangestellt sind).

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Probleme frühchristlicher Textüberlieferung

Eine umfassende Darstellung der vielfältigen Probleme ist hier weder möglich noch angestrebt. Es kann hier lediglich auf Fragen hingewiesen werden, die der Überlieferungsgeschichte der NT-Texte anhaften. Und diese betreffen nicht nur die Identität der Verfasser: Karlheinz Deschner (1924-2014) stellt in seiner Kirchengeschichte fest, dass, abgesehen von den echten Paulusbriefen, von keiner neutestamentlichen Schrift der Verfasser mit Sicherheit bekannt sei. Sie beziehen sich auch auf die Tatsache, dass keiner der Verfasser Augenzeuge war oder gar Begleiter des historischen Jesus. Sie betreffen aber vor allem die überlieferten Inhalte.

Kaum jemand hat sich intensiver mit der Geschichte des Christentums und mit den einhergehenden Problemen beschäftigt als der literatur- und kirchenkritische Schriftsteller Karlheinz Deschner. Einige Abschnitte seines Buches Der gefälschte Glaube befassen sich mit den Problemen der inhaltlichen Text-Überlieferung:

"Nicht nur liegt kein Evangelium im Original vor, …, sondern es blieb kein neutestamentliches, ja überhaupt kein biblisches Buch in seinem ursprünglichen Wortlaut erhalten. Aber auch die ersten Abschriften liegen nicht vor. Es gibt nur Abschriften von Abschriften von Abschriften.
[...]
In Wirklichkeit ging man beim Abschreiben der Evangelien, zumal in der ältesten Zeit, umso ungenierter vor, als sie fast ein Jahrhundert gar nicht als heilig und unantastbar galten.
[…]
Verbessern freilich wollten die Evangelien auch ihre ungezählten Kopisten. Sie strichen und setzten zu, paraphrasierten und ergingen sich in der Ausmalung von Details, sie erzählten mehr nach, als dass sie korrekte Abschriften lieferten. »Der Originaltext«, erklären die Theologen Hoskyns und Davey, »verschwindet immer mehr; man bemerkt die immer zahlreicher werdenden Widersprüche zwischen den Handschriften verschiedener Überlieferung und versucht sie auszugleichen: Das Ergebnis ist ein Chaos.«
[…]
Um der heillosen Verwilderung ein Ende zu machen, beauftragte im Jahr 383 Bischof Damasus von Rom den Dalmatiner Hieronymus, einen skrupellosen Verleumder und Fälscher (den die Catholica instinktsicher zum Patron ihrer theologischen Fakultäten machte), mit der Herstellung eines einheitlichen Textes der lateinischen Bibeln, von denen auch nicht zwei in längeren Abschnitten übereinstimmten. Der päpstliche Sekretär änderte dabei den Wortlaut der Vorlage, die er als Basis für seine "Berichtigung" der vier Evangelien benutzte, an etwa 3500 Stellen. Diese Übersetzung des Hieronymus, die Vulgata, die allgemein Verbreitete, von der Kirche selbst jahrhundertelang abgelehnt, wurde im 16. Jahrhundert auf dem Konzil in Trient für authentisch erklärt."

Anmerkung
Ich fand die Aussage Karlheinz Deschners, dass die Evangelien "fast ein Jahrhundert gar nicht als heilig und unantastbar galten", in der BIBEL in gerechter Sprache bestätigt, und zwar in der Einführung ins Neue Testament:

»Die heilige Schrift des entstehenden Christentums war bis zur Mitte des 2. Jh. n. Chr. ausschließlich der Tanach, die jüdische Bibel. Erst danach werden Texte, die heute im Neuen Testament enthalten sind, ebenfalls als heilige Schrift bezeichnet.«

Der ehemalige Jesuit und Professor an der päpstlichen Universität in Rom, Alighiero Tondi (1908-1984), hat sich in seinem Buch Die Jesuiten u. a. auch mit der historischen Einordnung der ältesten überlieferten Versionen der im NT enthaltenen Evangelien befasst. Nach seiner Auffassung

"… muss als erstes festgestellt werden, dass uns die Evangelien nicht in ihrem Originaltext überliefert sind. Vom Evangelium des Matthäus kennen wir nur die griechische Übersetzung; der ursprüngliche Text, der wahrscheinlich in aramäischer Sprache verfasst war, wurde niemals aufgefunden. Beachten wir weiter, dass die Texte der Evangelien, die uns überliefert sind, höchstens bis zur Mitte oder zum Ende des 4. Jahrhunderts zurückgehen (Codex Vaticanus und Codex Sinaiticus), das heißt auf zweihundertfünfzig oder gar dreihundert Jahre nach dem mutmaßlichen Tode Jesu! Es gibt zwar auch einige Schriftstücke, die älter sind; doch handelt es sich dabei um unbedeutende Fragmente. Wer also kann uns garantieren, dass die oben genannten Codices den Originaltext genau wiedergeben? Ebenso wenig können wir herausbekommen, wer die wahren Autoren der Evangelien sind. Man kann sich infolgedessen keinerlei Gewissheit darüber verschaffen, ob man diesen Autoren trauen darf oder ob sie Fantasten und Schwärmer waren."

Anmerkung
Es scheint, als hätte Tondi die sog. Bodmer Papyri nicht gekannt. Zwei davon, die Fragmente »P66« und »P75«, werden auf 200 n. Chr. datiert. Sie enthalten einen großen Teil des Johannesevangeliums und können daher wohl kaum als "unbedeutende Fragmente" bezeichnet werden.

Ich finde in diesem Zusammenhang auch erwähnenswert, was ich zu den diversen Fäschungen im Neuen Testament vom Theologen Heinz-Werner Kubitza erfuhr. In seinem Buch Der Jesuswahn heißt es u. a.:

"Aus den gravierenden Änderungen allein bei der Tradierung des Markustextes auf Matthäus und Lukas (also bei nur einer Überlieferungsstufe) kann man erahnen, welche Veränderungen die Geschichten in der mündlichen Tradition schon erfahren haben müssen. Die Evangelien erweisen sich wieder einmal, und nicht nur das Johannesevangelium, als im historischen Sinne zutiefst unglaubwürdige Schriften. Hemmungslos haben ihre Verfasser gefälscht und der christlichen Kirche diese Fälschungen hinterlassen, ein Fälschen freilich im besten Glauben. Die Kirche hat diese Fälschungen brav durch die Zeiten getragen und sie später gar als vom Heiligen Geist gewirkt etikettiert, und sie hat auf ihnen ein Imperium aufgebaut, und zwar nicht nur ein religiöses."

Eines wird aus den Feststellungen von Deschner, Tondi und Kubitza klar: In der Spanne zwischen der jeweils vermuteten Entstehungszeit der Originaltexte und der Datierung ihrer ältesten erhaltenen Versionen haben weitere Generationen von Übersetzern, Abschreibern, Nacherzählern und Fälschern daran gearbeitet.

Eine leicht lesbare Darstellung der vielfältigen Probleme im Zusammenhang mit der Überlieferung der neutestamentlichen Schriften in verschiedenen Phasen der Ausbreitung des Christentums bietet das Buch Abgeschrieben, falsch zitiert und missverstanden des amerikanischen Theologieprofessors für die Geschichte des Neuen Testaments und der frühen Kirche Bart D. Ehrman (*ca. 1955).

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Frühe Kritiker christlicher Textüberlieferung
Die kritische Betrachtung der neutestamentlichen Schriften begann nicht erst in der Neuzeit. Sie war eine Begleiterscheinung schon des frühen Christentums. Im Grunde haben hellenistische Denker in der Zeit vom 2. bis zum 4. Jahrhundert schon alles Wesentliche gesagt, was dann etwa seit der Frühaufklärung bestätigt und vertieft worden ist. In seinem Werk Griechische Studien befasste sich der Altphilologe und Philosoph Wilhelm Nestle (1865-1959) mit frühen Kritikern. Er zitiert dort vor allem die spätantiken Philosophen Celsus (spätes 2. Jh.) und Porphyrios (233-301/305) sowie den christlich erzogenen römischen Kaiser Julian (331-363). Letzterer kannte die Werke der beiden anderen. Nestle schreibt: "Julian geht in den Spuren des Celsus und Porphyrios weiter."

Die Kritik dieser spätantiken Denker richtet sich vor allem "gegen die Evangelisten und die beiden Hauptapostel Petrus und Paulus". Es lohnt sich, die umfangreichere Darstellung dieser Kritik bei Nestle nachzulesen. Hier wird nur ausschnittsweise die kritische Würdigung der Evangelisten zitiert:

"Die Einwände gegen die Berichte der E v a n g e l i s t e n betreffen zunächst deren Zuverlässigkeit. Celsus rügt den Mangel an Einheitlichkeit in der im steten Fluss befindlichen Überlieferung: Die erste Niederschrift […] sei drei- und vierfach umgebildet worden, und man nehme immer weitere Änderungen vor, um die Gegengründe zu entkräften. Noch radikaler ist die Auffassung des Porphyrios: Nach ihm sind die Evangelisten »die Erfinder, nicht die Erzähler« […] der Begebenheiten, die sich um Jesus zugetragen haben sollen. Er schließt dies aus den Widersprüchen in der Passionsgeschichte bei Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, besonders der mangelnden Übereinstimmung in den Erzählungen vom Tode Jesu, die den Eindruck der Sagenhaftigkeit […] machen. Wenn sie aber nicht einmal den Hergang seines Todes wahrheitsgetreu berichten konnten, sondern ihn in der Art der Fabeldichter erzählten […], so ist ihnen auch nicht zuzutrauen, dass sie sonst die geschichtlichen Vorgänge getreu der Wirklichkeit wiedergaben […]."

Nestle erwähnt beiläufig, dass führende Köpfe des frühen Christentums sich in ihrer Verteidigung der Evangelisten auf diese Kritik bezogen. Das zeige sich z. B.,

"wenn Eusebios die Evangelisten gegen Leute verteidigt, die behaupteten, dass sie »Nichtwirkliches erdichtet und dem eigenen Lehrer bereitwillig Taten zugeschrieben hätten, die er nicht vollbracht hatte«."

Ich finde es erwähnenswert, wie die spätantiken Kritiker mit Jesus, der zentralen Gestalt des Christentums, umgingen. Nestle betont, dass sich die geäußerte Kritik "viel weniger gegen die Person Jesu selbst" richtete, und er fährt fort:

"An seiner Geschichtlichkeit wird nie der leiseste Zweifel laut, und man vergleicht ihn besonders gern nicht etwa mit mythischen Gestalten, sondern mit der geschichtlichen Persönlichkeit des Apollonius von Tyana. Dagegen, was von ihm erzählt wird, wird angefochten, manchmal mit der sichtlichen Absicht, seine ehrfurchtgebietende Person zu entlasten; insbesondere aber wird die Lehre von seiner Gottheit oder doch göttlichen Abkunft bestritten."

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Das Johannesevangelium – "Dichtung ohne historischen Wert"

Eine weitere Charakterisierung der hier betrachteten problematischen Aspekte der inhaltlichen Textüberlieferung, am Beispiel des Johannesevangeliums, findet sich bei dem Theologen und Pädagogen Gustav Wyneken (1875-1964):

"Dass das vierte Evangelium von Anfang bis Ende eine Dichtung und ohne historischen Wert ist, wird auch von Theologen freierer Richtung ausgesprochen (und von anderen stillschweigend vorausgesetzt). Wer oder was garantiert uns aber, dass es um die drei ersten Evangelien besser steht? Wenn Lukas zu den in den beiden ersten Evangelien berichteten Gleichnissen Jesu so eindrucksvolle hinzufügt wie die Geschichte vom barmherzigen Samariter, vom verlorenen Sohn, vom reichen Mann und armen Lazarus, so ist es eben undenkbar, dass die ersten Sammler diese schönsten und lebendigsten Gleichnisse ausgelassen hätten, wenn sie damals schon in der Überlieferung vorhanden gewesen wären. Sie sind also erst später gedichtet und dann durch Lukas den anderen hinzugefügt worden. Wer sich nun die Jesusgestalt ohne diese berühmten Gleichnisse nicht vorstellen mag, der lerne daraus, wie diese Gestalt zustande gekommen ist: hier jedenfalls auf literarischem Weg."

Der katholische Theologe Peter de Rosa (*1932) stellte eine ähnlich ernüchternde Betrachtung an:

"Wir müssen bestimmte liebgewordene Vorstellungen aufgeben. Erstens, dass das vierte Evangelium von Johannes, einem der zwölf Apostel, stamme. Er wurde höchstwahrscheinlich vierzig Jahre bevor es geschrieben wurde, zusammen mit seinem Bruder Jakob, getötet. Zweitens, dass das vierte Evangelium verlässliche Geschichte sei. Es ist vielmehr eine lange theologische Meditation."

Der Theologe Martin Dibelius (1883-1947) äußert sich über das vierte Evangelium in seinem Buch Die Formgeschichte des Evangeliums in theologisch-kryptischer, für Nicht-Theologen nur schwer nachzuvollziehender Weise:

"..., hier gibt es kaum ein Wort oder eine Tat, die nicht zum Ausdruck brächte, was Jesus der Erhöhte den Seinen ist und bringt, hier wird das Wirken Jesu wirklich erzählt als die Geschichte des Gottessohnes, die voll ist von heiligen und geheimnisvollen Beziehungen zu Glauben und Kult; hier ist alles Mythus."

Dibelius kommt dann zu einer überraschenden abschließenden Bewertung dieses Evangeliums, die für Nicht-Theologen gar nicht nachzuvollziehen ist:

"Diesem Buche gehört die Zukunft. Es bewahrte das Wertvollste der Tradition, aber d i e  T r a d i t i o n  w a r  i n  d e n  M y t h u s  e i n g e g a n g e n. Das Evangelium des Johannes erzählte von demselben göttlichen Heiland, den man im Kultus verehrte und bekannte. Die Entwicklung der zwei Größen, Tradition und Mythus, aufeinander hin war hier zu einem Abschluss gekommen."

Dieses positive Fazit kann wohl nur nachvollziehen und verstehen, wer in der Lage ist, den im theologischen "Denk-Getto" (s. hier) verwendeten Code zu entschlüsseln. Ich vermag diese positive Beurteilung schon deshalb nicht zu teilen, weil in dieser Schrift nicht der Mensch Jesus, sondern ausschließlich der übernatürliche antik-hellenistische "göttliche Heiland" auftritt und weil diesem "Heiland" darin extrem antijüdische Äußerungen in den Mund gelegt werden. Ein besonders krasses, zutiefst menschenverachtendes, Beispiel findet sich im Kapitel 8, in den Versen 42-47 (s. hier).

Schon der Theologe, Kirchen- und Dogmenhistoriker Ferdinand Christian Baur (1792-1860), der die historisch-kritische Methode in die Erforschung der neutestamentlichen Texte eingeführt hatte, erklärte das Johannesevangelium »für eine rein ideale Komposition ohne geschichtlichen Halt«.

Anmerkung
Die Aussage Baur's findet sich im Buch Einleitung in das Neue Testament des Theologen Heinrich Julius Holtzmann (1832-1910).

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Jeder übersetzte, »so gut er konnte«
Beim Theologen David Friedrich Strauß (1808-1874) fand ich folgende Äußerung über die Herkunft des Matthäusevangeliums. Er zitiert dabei Eusebius von Caesarea (260/264-337/340), der sich seinerseits auf Papias von Hierapolis (†um 140) bezog:

"Was fürs Erste das Matthäus-Evangelium betrifft, so hat uns Eusebius von Papias, der in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts Bischof von Hierapolis in Phrygien war und die Überlieferungen von den Aposteln aus dem Munde der Kirchenältesten fleißig sammelte, folgendes Zeugnis aufbehalten: »Matthäus schrieb in hebräischer Sprache die Sprüche (des Herrn) auf, es verdolmetschte sie aber ein jeder, so gut er konnte.« Dass Matthäus sein Evangelium hebräisch, d. h. in der damaligen aramäischen Landessprache, geschrieben, wird von den späteren Kirchenlehrern … wiederholt, und von Eusebius näher dahin bestimmt, Matthäus habe es getan, als er von den Hebräern zu anderen gehen wollte, um jenen seine persönliche Gegenwart durch eine Schrift zu ersetzen."

Strauß ergänzt die Aussage des Papias um eine weitergehende Erläuterung:

"Doch nur von einer hebräischen Evangelienschrift bezeugt Papias die Abfassung durch den Apostel Matthäus; dass aber unser griechischer Matthäus eine Übersetzung davon sei, sagt er nicht, und in seinem Ausdruck, es habe sie jeder übersetzt, so gut er gekonnt habe, scheint die Andeutung zu liegen, dass diese Übersetzungen von einander abwichen, mehr Bearbeitungen als Übersetzungen waren."

Wenn man sich vergegenwärtigt, dass die frühen Christen meist einer Gesellschaftsschicht entstammten, deren Angehörige einen vergleichsweise niedrigen Bildungsgrad besaßen, lässt sich vermuten, dass Übersetzungen aus dem Aramäischen ins Griechische nicht sonderlich korrekt gewesen sein können. Es klingt daher sehr plausibel, wenn Papias bezeugt, dass jeder übersetzte, »so gut er konnte.«

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Spannungsverhältnis zwischen "ekstatischer Verkündigung" und Wahrheit

Eine für mich ebenso plausible kritische Würdigung der Inhalte der neutestamentlichen Schriften fand ich bei dem anglikanischen Bischof John Shelby Spong (*1931). Im Zusammenhang mit der Entwicklung der in den Paulusbriefen erkennbaren paulinischen Theologie führt er aus:

"Genau in dem Augenblick, in dem wir von ekstatischer Verkündigung zu ihrer Erklärung übergehen, beginnen die Vorurteile, die Definitionen und Stereotypen der Vergangenheit unsere Worte zu formen. Das ist unausweichlich. Deshalb können auch theologische Erläuterungen nie wörtlich wahr sein oder als ewig gültig angesehen werden. Obwohl die institutionalisierte Religion das Gegenteil in Anspruch nimmt, sind Glaubensbekenntnisse und Theologie nichts als Deutungen. Sie sind somit unvermeidbar entstellte Versionen der Wahrheit, eingebunden in die Zeit, in der sie formuliert wurden."

Was John Shelby Spong meinte wird noch verständlicher, wenn man sich vergegenwärtigt, wer Paulus vermutlich war. Wilhelm Nestle (1865-1959) beschreibt die Persönlichkeit dieses Menschen in seinem christentumskritischen Buch Die Krisis des Christentums so:

"Denn Paulus war eine leidenschaftliche Natur, ein »Eiferer um Gott«, d. h. ein religiöser Fanatiker, dazu ein Mystiker und Ekstatiker mit pathologischen Zügen."

In seinem Buch Griechische Studien erwähnt Nestle die Einschätzung eines frühen Kritikers des Christentums aus dem dritten Jahrhundert. Es handelt sich um den Neuplatoniker Porphyrios (233-301/305), der Paulus ganz ähnlich charakterisierte. Für ihn war Paulus ein Mensch,

»dessen Geist in Fieberschauern liegt und dessen Denkkraft krank ist«.

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Offenkundige Fehler in de
n Texten werden bis heute fortgeschrieben
Dass die mit der Überlieferung neutestamentlicher Texte nachweislich von Anfang an verknüpften Probleme bis in die jüngste Zeit fortbestehen, lässt sich anhand des folgenden einfachen Beispiels zeigen, auf das ich durch den jüdischen Theologen und Religionswissenschaftler Pinchas Lapide (1922-1997) aufmerksam geworden bin. In seinem Buch Er wandelte nicht auf dem Meer – Ein jüdischer Theologe liest die Evangelien weist er sehr überzeugend nach, dass das Wunder von Jesu "Wandeln auf dem Meer" (s. Mk 6, 45-52) wohl auf ein sprachliches Missverständnis in der frühen Überlieferung zurückzuführen ist:

"Die Rede ist von der griechischen Wortgruppe »Auf dem Meer« in Mk 6,48, die bereits durch die Erhebung des galiläischen Binnensees zum »Meer« ihre hebräische Vorlage durchschimmern lässt. In der Muttersprache Jesu heißt dieser See nämlich »Jam-Kinnereth«, d. h. »das Meer von Genezareth«.
Nun ergibt aber eine wörtliche Rückübersetzung von epi tes thalasses (auf dem Meer): das hebräische »al-ha-jam«, das »am Meer« bedeutet im Sinne von: auf dem Meeresufer oder: entlang dem Meeresstrand. ...

…, dürfen wir wohl annehmen, dass Jesu »Seewandeln« als Folge einer optischen Täuschung der Jünger entstand, die später, im Zuge der Übersetzung ins Griechische, durch ein sprachliches Missverständnis (oder eine absichtliche Hochstilisierung) zum Wunder verherrlicht worden ist.

Diese Annahme wird durch die Tatsache bekräftigt, dass im griechischen Altertum zahlreiche Legenden von einem Gehen auf dem Wasser erzählen. So zum Beispiel hatte Orion, der Sohn des Poseidon, die Fähigkeit, »auf den Wogen zu gehen wie auf dem Land«."

Meine "Senfkornbibel" von 1955 enthält unter Mk 6, 48 die Worte:

»48 Und er sah, dass sie Not litten im Rudern; denn der Wind war ihnen entgegen. Und um die vierte Wache der Nacht kam er zu ihnen und wandelte auf dem Meer;«

In meiner Bibel von 1987 (Bibeltext in der revidierten Fassung von 1984) heißt es an dieser Stelle:

»48 Und er sah, dass sie sich abplagten beim Rudern, denn der Wind stand ihnen entgegen. Um die vierte Nachtwache kam er zu ihnen und ging auf dem See und wollte an ihnen vorübergehen.«

Und in der "BIBEL in gerechter Sprache" von 2006 lautet derselbe Vers:

»48 Und als er sah, wie sie sich beim Rudern abquälten – sie hatten nämlich starken Gegenwind – kam er gegen 3 Uhr morgens auf dem See laufend zu ihnen, und er wollte an ihnen vorübergehen.«

Den Bearbeitern der revidierten Fassung von 1984 dürften die sprachlichen Probleme, auf die Pinchas Lapide hingewiesen hatte, bekannt gewesen sein. Sie ignorierten diese jedoch, anstatt eine längst überfällige Korrektur vorzunehmen. Umso verwunderlicher ist daher, dass sie, wohl in der Meinung, den Text "modernisieren" zu müssen, aus dem Meer – unnötigerweise – einen See machten. Sie ignorierten also auch, dass z. B. der Bodensee weithin als "Schwäbisches Meer" bekannt ist. Eine entsprechende Fußnote mit dem Hinweis auf den See Genezareth hätte genügt. Noch erstaunlicher ist natürlich, dass die Verfasser der "BIBEL in gerechter Sprache" dem von Pinchas Lapide aufgezeigten "sprachlichen Missverständnis" ebenfalls keinerlei Beachtung schenkten.

Ich finde es zwar außerordentlich bedauerlich, dass die Kirchen nicht den Mut aufbringen, die notwendige Korrektur vorzunehmen, kann mir jedoch auch vorstellen, dass eine Fehlerbehebung an dieser Stelle eine Entwicklung zur Korrektur der neutestamentlichen Texte insgesamt in Gang setzen könnte. Dieses, einem Dammbruch nicht ganz unähnliche Szenario, fürchten die Protagonisten des organisierten Christentums aber wohl ebenso "wie der Teufel das Weihwasser". Aus ihrer Sicht verständlich, denn die Bibel der Christen wäre danach nicht wiederzuerkennen.

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Ein Mythos ist ein Mythos, nicht mehr und nicht weniger

Als ich die voranstehenden Zeilen, nach längerem zeitlichen Abstand, wieder einmal überflog, erschienen mir die darin angestellten Überlegungen schlicht als abwegig. Mir ist mittlerweile klar, dass die im NT zusammengefassten Schriften nichts anderes sind als ein Gewebe mythischer Erzählungen (oder auch anderer literarischer Ausdrucksformen) um einen Menschen mit dem gebräuchlichen jüdischen Namen Jesus, der im Zuge der Überlieferung, nach bekanntem antik-hellenistischem Muster, zum «Gott» Christus hochstilisiert wurde.

Eine angestrebte Korrektur dieser mythischen Vorstellungen wäre nicht sehr verschieden von dem Ansinnen, den im AT enthaltenen Schöpfungsmythos, aufgrund evolutionstheoretischer Erkenntnisse, "korrigieren" zu wollen.

Eine mögliche Korrektur, in dem oben angedachten Sinne, machte ja nur dann Sinn, wenn es sich, aufgrund neuerer verifizierter Erkenntnisse, um die Bereinigung eines Sachverhaltes in einem ansonsten als seriös und verlässlich einzustufenden historischen Bericht handelte. Das ist in dem hier betrachteten Zusammenhang aber gerade nicht der Fall. Es bleibt uns m. E. also nur, ganz nüchtern festzustellen: Ein Mythos ist ein Mythos, nicht mehr und nicht weniger.

Was uns darüber hinaus natürlich bleibt, ist die Möglichkeit, die betrachteten Mythen daraufhin zu prüfen, ob sie allgemein gültige, lebensdienliche Weisheiten bzw. Wahrheiten bereithalten. Dabei ist durchaus nicht sicher, dass wir stets auf bedeutende hilfreiche Wahrheiten stoßen. Mit ähnlich großer Wahrscheinlichkeit lassen sich aus ihnen wohl auch, zumindest aus heutiger Sicht, bedeutende Torheiten zu Tage fördern. Zu letzteren zähle ich z. B. den »Paradies«-Mythos, in dem «Gott» Adam bzw. dem »Menschen« verbietet, von einem bestimmten Baum zu essen: »aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen, denn an dem Tage, da du von ihm issest, musst du des Todes sterben« (1 Mo 2,17). 

Da Mythen, insbesondere solche aus der religiösen Sphäre, meist aus archaischer Vorzeit stammen und daher Gedanken und Bilder enthalten, deren Sinngehalte sich uns nicht mehr unmittelbar erschließen, ist die erforderliche eingehende Analyse schwierig: Wir denken und leben nicht wie Menschen vor 2000 oder mehr Jahren und haben einen völlig anderen Erkenntnisstand und Erfahrungshorizont.

Zudem sind Mythen stets nicht nur von der kulturellen Situation, sondern u. a. auch von den Umweltbedingungen jener Weltgegenden abhängig, in denen sie sich entwickelten. Bezogen auf die biblischen Mythen heißt das: Sie sind zwar in Palästina bzw. im östlichen Mittelmeerraum aufgeschrieben worden, enthalten aber ältere Überlieferungen aus den ägyptischen, babylonischen, persischen und vielleicht sogar aus den indischen Kulturkreisen. Das ändert jedoch nichts daran, dass sie im Wesentlichen das Gedankengut der vorderasiatisch-orientalischen Kulturen der Antike widerspiegeln. Da drängt sich die Frage auf, ob sich der tiefere Gehalt dieses Gedankengutes für Menschen des 21. Jahrhunderts überhaupt noch erschließen oder adäquat übersetzen lässt.

Die mythischen Erzählungen in der Bibel beschreiben häufig, zumindest auf den ersten Blick, übernatürliche Erscheinungen oder Gestalten mit übernatürlichen Kräften. Während Menschen der Antike sicher überhaupt kein Problem damit hatten, bei der Deutung von, für sie unerklärlichen, gleichwohl natürlichen Phänomenen, übernatürliche Ursachen und Wirkungen anzunehmen und damit zufrieden zu leben, ist das für heutige Menschen eben nicht mehr ohne weiteres möglich.

Möglich ist es allenfalls dort – auch heute noch(!) – wo Menschen schon seit frühester Kindheit durch die kirchliche Verkündigung vermeintlicher "göttlicher Wahrheiten" indoktriniert wurden. Dass es sich in Wirklichkeit nicht um echte, sondern allenfalls um dogmatisch behauptete "Wahrheiten" handelt, wird von den Repräsentanten des organisierten Christentums geflissentlich verschwiegen. Daran wird sich wohl erst etwas ändern, wenn die Mehrzahl der kirchlichen Verkünder sich jener Haltung entledigt, die exemplarisch vom Theologen Paul Tillich (1886-1965) vertreten wurde. Er äußerte die Ansicht, man könne die Gläubigen in ihrem althergebrachten (falschen) Glauben bestärken, solange bei ihnen "das kritische Bewusstsein unentwickelt oder die natürliche Leichtgläubigkeit ungebrochen ist" (mehr dazu s. hier).

In diesem Zusammenhang erscheint mir sehr plausibel, was der ehemalige katholische Priester Peter de Rosa (*1932) in seinem Buch Der Jesus-Mythos, in den Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts, feststellte:

"Wenn Mythen als historisch behandelt werden, wird die christliche Erzählung peinlicher, als die alten griechischen Mythen, weil an sie niemand im Abendland mehr glaubt."

Und leider gilt wohl auch, nach wie vor, was Peter de Rosa seinerzeit schlussfolgerte:

"Die schlechteste aller Lösungen – die die Kirchen noch immer bevorzugen –, ist, die Mythologie beizubehalten und zu leugnen, dass es Mythologie ist."

Den spätantiken Konstrukteuren dieser Mythologie können wir keinen Vorwurf machen. Sie konstruierten sie, nach bestem Wissen und Gewissen, auf der Basis unsicherer mündlicher Überlieferungen, unter den damaligen kulturellen, gesellschaftlichen und religiösen Randbedingungen, sowie unter den zeitbedingten und schichtspezifischen Begrenzungen ihres geistigen Horizontes. Sie können auch nichts dafür, dass die heutigen Repräsentanten des organisierten Christentums die in ihren mythischen Texten transportierten Inhalte so handhaben, als seien sie für Menschen des 21. Jahrhunderts immer noch ebenso relevant, wie für Menschen der Spätantike.

Dass die "christliche Erzählung" heute tatsächlich nur noch "peinlich" wirkt, haben allein die heutigen Repräsentanten der christlichen Religion zu verantworten. Darüber vermag auch ihre, in den zurückliegenden 2000 Jahren eingeübte und stets verfeinerte, Interpretationskunst nicht hinwegzutäuschen: Mit ihrem kritiklosen Festhalten an althergebrachten, längst überholten Denkfiguren enthüllen sie vielmehr, und das ist das wirklich Peinliche daran, ihre Defizite an intellektueller Redlichkeit.

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Warum konnte sich die christliche Lehre durchsetzen und behaupten?

Die vorausgehende, eher bruchstückhafte, auf die Überlieferungsgeschichte christlicher Texte bezogene Darstellung von Fakten und Einschätzungen zeigt überdeutlich, auf welch fragwürdige Weise das Fundament der christlichen Lehre gelegt wurde. Daher drängt sich die Frage auf, wie es geschehen konnte, dass sich diese Lehre in wenigen Jahrhunderten durchsetzte, eine so weite Verbreitung erfuhr und – bis heute(!) – von vielen Menschen als wichtige "Wahrheit" betrachtet wird.

Im Buch Wir brauchen keinen Gott – warum man jetzt Atheist sein muss des französischen Philosophen Michel Onfray (*1959) fand ich eine kurze, prägnante Antwort:

"Durch das ständige Wiederholen von Fiktionen erschaffen die Evangelien eine Wahrheit. Paulus' militante Beharrlichkeit, Konstantins Staatsstreich und die repressive Politik der valentinianischen und theodosischen Dynastien erledigen den Rest."

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"Eine der größten Geschichtsfälschungen im NT"

Jesu Antwort auf das "Petrusbekenntnis" bei Matthäus ist eine Fälschung
Eine Jesus in den Mund gelegte zentrale Aussage, aus der die Kirchen, insbesondere die Una Sancta mit ihrem, sich auf Petrus berufenden Papsttum, letztlich die Rechtfertigung ihrer Existenz ableiten, ist offensichtlich eine Fälschung. Es handelt sich um die Antwort Jesu auf das sog. "Petrusbekenntnis". Während man dieses Bekenntnis in allen drei synoptischen Evangelien findet, ist die Antwort Jesu nur im sog. Matthäusevangelium überliefert.

Unter Mt 16,15-19 lautet der Text, in der revidierten Fassung von 1984:

»15 Er fragte sie: Wer sagt denn ihr, dass ich sei?
16 Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!
17 Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn dein Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel.
18 Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.
19 Ich will dir die Schlüssel des Himmelreiches geben: alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.«

Bei Wilhelm Nestle (1865-1959) fand ich einen Hinweis auf die Einschätzung des Tübinger Theologen Daniel Völter:

"Die Erweiterung des Petrusbekenntnisses (Mk 8, 29, Lk 9, 20) durch die Antwort Jesu bei Mt 16, 17-19 nennt V ö l t e r »eine der größten Geschichtsfälschungen im N. T.« und »ein Elaborat der römischen Hierarchie«."

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Auch der sog. "Missionsbefehl" Jesu an seine Jünger ist eine Fälschung

In den letzten drei Versen des Matthäusevangeliums, in Mt 28,18-20, ist ein weiterer grundlegender Glaubensinhalt des organisierten Christentums überliefert. Der auferstandene(!) Christus spricht dort zu seinen Jüngern (in der revidierten Textfassung von 1984):

»18 Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.
19 Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes
20 und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.«

Bei Karlheinz Deschner (*1924) ist hierzu Folgendes zu lesen:

"Nach Auskunft der gesamten kritischen Forschung erhielten auch die Apostel von Jesus keinen Taufbefehl. Sind doch nicht einmal die Katholiken sich einig darüber, wann er angeblich die Taufe eingesetzt hat. Der trinitarische Auftrag des Matthäusevangeliums, »So gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes ...«, schon seit der Aufklärung immer wieder angezweifelt, ist eine Fälschung."

Karlheinz Deschner beruft sich auf namhafte Theologen, u. a. auf Bornkamm, Bultmann, Dibelius, Harnack, Schweitzer.

Beim Theologen Martin Dibelius (1883-1947) habe ich nachgeschaut. Er äußert sich in seinem Buch Die Formgeschichte des Evangeliums nicht so direkt wie Karlheinz Deschner und kommt auch nicht zu derselben klaren abschließenden Bewertung wie dieser. Vielmehr spürt er vielen "Jesus-Worten in den kanonischen Evangelien eine mythische Haltung ab". Er betont:

"Vor allem gilt das vom M i s s i o n s b e f e h l des Auferstandenen Mt 28,18ff. Die Worte stehen in keiner geschichtlichen Situation …."

Und er bekräftigt dann noch einmal, dass er sie "als Rede einer mythischen Person" betrachte.

Der Theologe Gerd Lüdemann (*1946) veröffentlichte in seinem in 2008 erschienen Buch Der erfundene Jesus eine Zusammenfassung der wichtigsten "erfundenen Jesussprüche". Der "Missionsbefehl" – zweifelsohne eine der folgenreichsten Handlungsanweisungen früher Christen für die nachfolgenden Generationen – gehört dazu (s. auch Menüpunkt Jesus).

Zu einer ganz ähnlichen Einschätzung kam der katholische Theologe Eugen Drewermann (*1940) – mit Bezug auf den "Missionsbefehl" bei Mt – in einem Interview, das am 23. Dezember 1991 im Magazin DER SPIEGEL zu lesen war:

"Was Jesus über Taufe [...] gesagt haben soll, ist ihm lange nach seinem Tode zugeschrieben worden. Taufen in aller Welt kann er schon deshalb nicht befohlen haben, weil er an das nahe Weltende glaubte und sein Wirken auf Israel beschränkte."

Im Übrigen sei hier erwähnt dass die Jünger nur noch im Markusevangelium, und zwar in dessen letztem Kapitel, einen ähnlichen "Missionsbefehl" erhalten, wie in den letzten Versen des Matthäusevangeliums. In Mk 16,15 steht:

»15 Und er sprach zu ihnen: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur.«

Mehr als ein müdes Achselzucken stellt sich kaum noch ein, wenn man sich vergegenwärtigt, dass das sog. Markusevangelium ursprünglich mit Vers 8 des 16. Kapitels endete. Der aus den Versen 9 bis 20 bestehende "unechte Markusschluss" wurde erst im 2. Jahrhundert hinzugefügt!

Es bietet sich an, am Beispiel der oben zitierten Texte, auf einen der zahlreichen Widersprüche in den Schriften des NT hinzuweisen: Während die Jünger in den letzten Versen des Matthäusevangeliums (Mt 28,18ff) beauftragt werden, »alle Völker« aufzusuchen, sind Jesus in einem früheren Kapitel desselben(!) Evangeliums, wo es um »die Aussendung der Jünger« geht, Worte in den Mund gelegt worden, die den Jüngern klar und unmissverständlich vorschreiben, nur zu ihren jüdischen Landsleuten zu gehen. In Mt 10,5-6 ist überliefert:

»5 Diese Zwölf sandte Jesus aus, gebot ihnen und sprach: Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht in keine Stadt der Samariter,
6 sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel.«

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Die verheerenden Folgen des erfundenen "Missionsbefehls"

In dem erst kürzlich neu erschienenen Buch Der Jesuswahn des Theologen Heinz-Werner Kubitza fand ich eine bemerkenswerte Würdigung dieser Textstelle (Mt 28,18-20/s. oben). Kubitza beschreibt diesen erfundenen Text als "ideologische Begründung zur Heidenmission". Und er zeigt auf, warum er ihn für "eine der weitestreichenden und schlimmsten Stellen des gesamten Neuen Testaments" hält:

"Auch Kirchenferne werden dieses Wort kennen, wenn sie schon einmal an einer christlichen Taufe teilgenommen haben, wo es gerne verwendet wird.

Abendländern fällt so meist auch nicht auf, dass hier der Anspruch auf Weltherrschaft formuliert wird. Damit ist diese Stelle bei Matthäus eine der weitestreichenden und schlimmsten Stellen des gesamten Neuen Testaments. Denn nicht nur beim vergleichsweise harmlosen Taufen kleiner Kinder ist dieses Wort verwendet worden, es war auch Taufpate bei jedem Kampf gegen die "Ungläubigen", bei den Zwangstaufen, die im Namen des Christentums durchgeführt wurden, bei der Unterdrückung und Vernichtung fremder Kulturen und Religionen, bei den Kriegen und der Ausplünderung ferner Länder im Zeichen des Kreuzes. Was für den orthodoxen Marxismus die Ideologie der Weltrevolution, war für die Christen die Ideologie der Weltmission, die fast immer einher ging mit Herrschaft und Unterdrückung. Und man darf hinzufügen: Die Christen waren nicht nur viel früher da, sie waren auch erfolgreicher als der "Bolschewismus", vor dem gerade die Kirchen immer eindringlich warnten, freilich ohne die Ähnlichkeiten ihrer Ideologie mit der ihres profanen Konkurrenten zu erkennen. […]

Der mächtigste Dämpfer gegen diese Form eines christlichen Imperialismus kommt wieder einmal von der neutestamentlichen Forschung, die das Jesuszitat, in dessen Namen so viel Leid und Blut in die Welt kam, als Erfindung des Evangelisten Matthäus erwiesen hat. Ganz abgesehen davon, dass die Erzählungen der Evangelisten vom Auferstandenen in der Forschung alle als Legenden gelten, denen kein Anhalt in der realen Welt zukommt."

Anmerkung
Hervorhebungen im Zitat stammen vom Autor der Site.

Jeder, der sich mit der (Unrechts-)Geschichte des Christentums und seiner Kirchen befasst hat, findet die Ausführungen Kubitzas einleuchtend. Dadurch, dass er die ideologisch prägende Wirkung des "Missionsbefehls" auf Seiten des Christentums in einen weltgeschichtlichen Zusammenhang mit der analogen Ideolgie des "Bolschewismus" stellt, kann allerdings der Eindruck entstehen, dass dieses erfundene Wort ganz allein für die unheilvolle Geschichte des Christentums verantwortlich sei.

M. E. lässt sich die "Kriminalgeschichte" des Christentums, die gekennzeichnet ist von einer unüberschaubaren Fülle ungeheuerlicher Verbrechen, jedoch nicht aus der unheilvollen Wirkung nur eines isoliert betrachtenen Wortes herleiten. Ich sehe den erfundenen "Missionsbefehl" zwar als eine wichtige, aber eben nur als eine unter anderen "schlimmsten Stellen" des Neuen Testamentes. Daher ist seine Wirkung wohl eher als Teil der Gesamtwirkung all dieser Stellen zu betrachten.

Gleichwohl ist es für mich, aus heutiger Sicht, nach wie vor unfassbar, dass erfundene Worte, die der gleichfalls erfundenen "Kunstfigur" Christus vor nahezu 2000 Jahren in den Mund gelegt wurden, eine derart weitreichende unheilvolle Wirkung entfalten konnten.

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Lüge und Betrug galten als legitime Mittel "zum Zweck des Seelenheils"

Nach Karlheinz Deschner (1924-2014) war es in der frühen Kirche offenbar nicht ungewöhnlich, Lüge und Betrug als legitime Mittel im Zusammenhang mit der Verkündigung der christlichen Lehre anzuwenden:

"…, plädiert selbst einer der edelsten Christen, Origines, mit aller Entschiedenheit für Betrug und Lüge als »Heilmittel«. Und Kirchenlehrer Johannes Chrisostomos (…) propagierte die Notwendigkeit der Lüge zum Zweck des Seelenheils unter Berufung auf Beispiele des Alten und Neuen Testaments."

Wie in anderen Zusammenhängen, scheint Paulus auch hier Vorbild und Ideengeber gewesen zu sein. In dem als echt geltenden Brief des Paulus an die Philipper heißt es im Kapitel 1, Vers 18:

»18 Was tut's aber? Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darüber.«

Wen wundert's, dass das Christentum manchen als eine unwahrhaftige Religion gilt? Und wen wundert es dann noch, dass die führenden Repräsentanten dieser Religion, in ihrem Reden und Handeln oder besser: in den häufigen Widersprüchen zwischen ihrem Reden und Handeln, als genauso unwahrhaftig eingeschätzt werden? – Wahrscheinlich ist das ein systemimmanentes Problem.

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Kanonisierung der Schriften des Neuen Testaments

Wie kam es zu der heute noch gültigen Zusammensetzung des NT? Auslösendes Moment für die Zusammenstellung eines Schriftenkanons für die urchristliche Kirche waren die Aktivitäten eines frühchristlichen "Ketzers": Markion, auch Marcion (um 85–160), prominentes Mitglied und Finanzier der christlichen Gemeinde in Rom, erstellte einen ersten Kanon, der aus dem Lukasevangelium und aus zehn Paulusbriefen bestand. Da Markion annahm, dass judaistische Gegner des Paulus die Schriften verfälscht hätten, verwendete er einen "literarkritisch gereinigten Text" (Gerd Theißen). Diese Verfahrensweise Markions ist eine Beispiel dafür, wie unbefangen überlieferte Texte in der Frühzeit des Christentums "bearbeitet" wurden.

Als Reaktion auf Markion fand nach Gerd Theißen (*1943) die Kanonbildung etwa zwischen 140 und 180 n. Chr. statt. Es handelte sich um einen heute kaum nachvollziehbaren komplexen Prozess. Gerd Theißen versucht dennoch eine Identifizierung der in diesem Prozess wirksamen Kräfte:

"Daher kann man die Hypothese aufstellen: Es gingen vor allem die Schriften in den Kanon ein, über die sich die christlichen Gemeinden in Kleinasien und Rom einigen konnten. Abseits von der Kanonbildung lagen dagegen Syrien und Palästina, die Kernländer des Urchristentums im 1. Jh. Im 2. Jh. hatte sich sein Zentrum u. a. aufgrund der paulinischen Mission nach Westen verschoben. Jerusalem und Antiochien wurden abgelöst durch Rom und Ephesus. Entsprechend wurden jetzt in Syrien entstandene Schriften nach «Westen» umlokalisiert: Das MkEv wurde nach Irenäus in Rom geschrieben, das JohEv in Ephesus. Andere Schriften aus dem syrischen Christentum wie die Didache oder die judenchristlichen Evangelien gelangten dagegen nicht in den Kanon. Sie hatten in den entscheidenden Zentren Kleinasien und Rom keine Fürsprecher."

Es drängt sich der Eindruck auf, dass bei der Kanonisierung nicht nur inhaltliche Fragen, sondern insbesondere auch die innerkirchlichen Machtverhältnisse eine entscheidende Rolle gespielt haben. Dabei zeigt sich, dass, wie schon bei der inhaltlichen Textüberlieferung, auch bei der Kanonisierung historische Korrektheit überhaupt keine Bedeutung hatte. Anders ist nicht zu verstehen, dass u. a. die ursprünglichen Entstehungsorte der Schriften "umlokalisiert", d. h. gefälscht wurden. Wahrheit bzw. Wahrhaftigkeit besaßen für die führenden Köpfe der frühen Kirche ganz offensichtlich keinerlei ethische Relevanz.

Der neutestamentliche Kanon, in der bis heute gültigen Zusammensetzung aus 27 Schriften, "ist zum ersten Mal durch den 39. Osterfestbrief des Metropoliten Athanasius von Alexandrien (um 298-373) im Jahre 367 belegt" (Gerd Theißen).

Neben den 27 kanonisierten Schriften des NT gab es im Urchristentum eine Reihe weiterer Texte, u. a. auch aus dem Bereich einer mit dem Christentum verwandten religiösen Bewegung, der Gnosis oder dem Gnostizismus. Letztere finden ihre besondere Ausprägung z. B. in den Nag-Hammadi-Schriften, die 47 unterschiedliche Texte enthalten, darunter das sog. Thomasevangelium.

Anhand der mir verfügbaren Literatur lässt sich zusammenfassend sagen, dass das Neue Testament, die eigentliche Bibel der Christen, sowohl in seiner inhaltlichen Überlieferung als auch in seiner Struktur, als ein Werk der frühen Kirche zu betrachten ist.

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Kritik an der Kanonisierung

In seinem Buch Das Unheilige in der Heiligen Schrift übt der Theologe Gerd Lüdemann (*1946) Kritik an der Kanonisierung der NT-Schriften. Er protestiert dort gegen die "faktisch vorgenommene Harmonisierung der biblischen Schriften" und stellt fest: "Denn in der Bibel steht vieles nebeneinander, was ursprünglich einander ausschließen sollte." Er weist z. B. auf den gefälschten Zweiten Brief an die Thessalonicher hin (s. auch hier). Dessen Schreiber habe ihn "von vornherein als Ersatz des Ersten komponiert und dreist diesen selbst eine Fälschung genannt, um den Erfolg seines Unternehmens sicherzustellen."

Zu den Evangelien, den Kernbestandteilen des NT, bezieht Lüdemann in diesem Zusammenhang folgende Position:

"Ferner kommt hinsichtlich der vier Evangelien der begründete Verdacht auf, dass das Johannesevangelium die drei älteren Evangelien, Matthäus, Markus und Lukas, nicht ergänzen, sondern ersetzen wollte […]. Matthäus und Lukas wiederum haben das Markusevangelium benutzt, nicht etwa, damit es fortan mehrere Evangelien nebeneinander gebe, sondern um ihrer jeweiligen Kirche die eine gültige Evangelienschrift zu bieten."

Er formuliert dann nach weiteren Überlegungen, unter Einbeziehung eines "Votums" des Theologen Franz Overbeck (1837-1905), seine Schlussfolgerung:

"In dem Moment, in dem die biblischen Dokumente kanonisiert wurden, haben sie jedoch als Einzelzeugnisse zu existieren aufgehört. Vgl. das Votum von Franz Overbeck:

»Es liegt im Wesen aller Kanonisation, ihre Objekte unkenntlich zu machen, und so kann man dann auch von allen Schriften unseres neuen Testamentes sagen, dass sie im Augenblick ihrer Kanonisierung aufgehört haben, verstanden zu werden. Sie sind in die höhere Sphäre einer ewigen Norm für die Kirche versetzt worden, nicht ohne dass sich über ihre Entstehung, ihre ursprüngliche Beziehungen und ihren ursprünglichen Sinn, ein dichter Schleier gebreitet hätte«.

Was gilt also? Die Einzeldokumente lesen und zu verstehen suchen? Dann gehört der Kanon abgeschafft. Die Dokumente im Rahmen des Kanons lesen […]? Dann betreiben wir eine Auslegung gegen die einzelnen Zeugnisse, was aus Respekt vor den damals schreibenden und sprechenden Personen auszuschließen ist. Die Ausweglosigkeit des heutigen Umgangs mit der Bibel im wissenschaftlichen, aber auch im offiziellen kirchlichen Raum schreit förmlich nach einem anderen Zugang zu ihr."

Für mich belegt die vorliegende Kritik an der Kanonisierung unterschiedlicher, z. T. sich widersprechender Schriften im NT einmal mehr die sklavische Abhängigkeit der vorherrschenden Theologie bzw. der aktuell tonangebenden Theologen von althergebrachten, nicht hinterfragten, Festlegungen der alten Kirche, denen eine "Autorität" von dogmatischem Rang zugebilligt wird. Dabei ist der noch heute unverändert beibehaltene NT-Kanon eine Reaktion auf die für die alte Kirche bedrohlichen Aktivitäten des "Ketzers" Marcion (um 85-160), der Mitte des 2. Jahrhunderts eine eigenständige Kirche gründete, eine ebenso eigenständige Theologie entwickelte und als erster einen Kanon festlegte (s. oben).

Die, nicht nur hier, ins Auge springende Zeitbedingtheit bestimmter Festlegungen ist für die führenden Köpfe des organisierten Christentums kein Grund für eine längst überfällige Überprüfung bzw. Revision. Das an anderer Stelle beschriebene Denk-Getto der Theologie (s. hier) bleibt also, nach wie vor, die bevorzugte geistige Heimat der kirchlichen Führer und Vordenker.

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Die Bibel  Wort Gottes?

Auf dem Hintergrund der Erkenntnisse aus meinen bisherigen Recherchen, die sich u. a. auf die Überlieferungsgeschichte und die Kanonisierung der neutestamentlichen Schriften bezogen, erscheint mir die in der Überschrift enthaltene Frage als kaum noch relevant, fast schon als abwegig. Dennoch möchte ich mich hier kurz mit ihr befassen.

Antworten des ehemaligen Chefs einer evangelischen Landeskirche

In der Ausgabe 11/2005 von zeitzeichen, Kulturmagazin der evangelischen Kirche, war ich über ein Interview mit dem damaligen Chef einer evangelischen Landeskirche gestolpert. Es ging um die Frage, ob die Bibel Gottes Wort sei. Auf die Eingangsfrage "Herr …, ist die Bibel das Wort Gottes?" antwortete der Interviewte kurz und bündig: "Nein." Auf die Nachfrage "Wie bitte?" gab er dann eine für Theologen typische Antwort: "Die Bibel ist nicht mit dem Wort Gottes identisch. Das Wort Gottes ist kein Buch, sondern lebendiges Geschehen." In diesem Stil ging das Interview weiter.

Gegen Ende des Interviews wurde die der Bibel von der Kirche zugemessene Autorität thematisiert. Der Interviewte sagte u. a.: "Die Kirche hat sich als Werk des Heiligen Geistes als an die Bibel gebunden verstanden." Auf die nächste Frage "Sie messen der Bibel also eine Autorität zu, weil Sie der Entscheidung der Kirche für die Bibel vertrauen?" antwortete er "Ich vertraue dem Werk des Heiligen Geistes, das in der Entscheidung der Kirche für die Bibel sichtbar geworden ist." Dem kritischen Einwurf eines der zeitzeichen-Mitarbeiter "Das klingt katholisch" widersprach der Interviewte und bekräftigte seine Meinung: "Nein, das ist durch und durch protestantisch. Die Entscheidung, bestimmte Schriften in die Bibel aufzunehmen, andere aber nicht, verstehen wir als eine Wirkung des Heiligen Geistes."

Wenn man auf die Geschichte der fragwürdigen Entstehung und Überlieferung der neutestamentlichen Schriften und auf den ebenso fragwürdigen Entscheidungsprozess bis zu ihrer Kanonisierung blickt, dann bestätigt das wolkige Theologen-Gerede in »verquastem Stammesidiom« (Friedrich Wilhelm Graf) von der "Wirkung des Heiligen Geistes" einmal mehr das dem organisierten Christentum immanente »defizitäre Ethos der Wahrhaftigkeit, der intellektuellen Redlichkeit« (Franz Buggle).

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Altes Testament – durchwabert von "Nebelschwaden von Theologenhand"?

Da sich diese Website primär mit dem Christentum befasst, stand bisher das Neue Testament im Mittelpunkt des Interesses. Wenn nunmehr von der »Bibel« die Rede ist, ist es unvermeidlich, auch einen Blick auf das Alte Testament bzw. die »Hebräische Bibel«, die Grundlage der jüdischen Religion, zu werfen.

Tatsache ist, dass die frühen Christen ihre Wurzeln in der jüdischen Religion hatten. Daher verwundert es nicht, dass die ersten Verfasser der neutestamentlichen Schriften, insbesondere zur Stützung ihrer Glaubensmeinungen über die Gestalt des »Messias« bzw. des »göttlichen Christus«, nach möglichen »Weissagungen« im Alten Testament fahndeten. Selbstverständlich wurden sie fündig: Es war für sie ja ein Leichtes, die Querverbindungen zwischen den von ihnen erfundenen Worten, Taten und Lebensumständen ihres »Heilands« und geeigneten Fundstellen im Alten Testament literarisch herzustellen. So wurde die Hebräische Bibel ganz selbstverständlich zum integrierten Bestandteil ihrer eigenen Glaubensgrundlagen.

Der Theologe Gerd Lüdemann (*1946) bekundete ganz offen, ihm sei schon in den ersten Semestern seines Theologiestudiums vermittelt worden, dass eine Beziehung zwischen "messianischen Weissagungen" im Alten Testament und (der Kunstfigur) Christus im Neuen Testament nicht hergestellt werden kann. Er folgerte daraus:

"Somit ist die kirchliche Deutung des Alten Testaments auf Christus hin reine Willkür."

Die meisten Christen ahnen selbst heute noch nicht, was sich ihre frühchristlichen Vorfahren damals so eigenmächtig aneigneten: Die historisch-kritische Erforschung des Alten Testaments hat längst gezeigt, dass die darin enthaltene Geschichte Israels "erfunden" ist. Die alttestamentliche Überlieferung stimmt mit den auf wissenschaftlichem Wege gewonnenen Erkenntnissen nicht überein. Lüdemann fasst die einschlägigen Forschungsresultate lapidar so zusammen:

"Das in der Bibel entworfene Bild des vorstaatlichen Israel (vor 1000 v. Chr.) entspringt theologischen Fiktionen aus der nachstaatlichen Zeit (ab dem 6. Jahrhundert v. Chr.)."

An dieser Stelle muss noch ein weiterer Aspekt erwähnt werden: die im Alten Testament überlieferten unzähligen Gräueltaten. Diese werden dort entweder vom Gott »Jahwe« selbst oder von den »Kindern Israels« in seinem Auftrag verübt. Heute wissen wir, dass sich in diesen Schilderungen blutrünstige Gewaltfantasien der damaligen jüdischen Theologen spiegeln.

Anhand eines spezifischen alttestamentlichen Textes, der auf dieser Website schon einmal aus anderer Perspektive betrachtet wurde, kann darüber hinaus gezeigt werden, dass die jüdischen Theologen ganz unbefangen auch aus nicht-religiösen Textquellen von Nachbarkulturen schöpften. Es handelt sich um einen Abschnitt im 5. Buch Mose (s. hier). Im Buch Warum ich kein Christ sein will von Uwe Lehnert (*1935) fand ich dazu einen aufschlussreichen Hinweis:

"Dass solche Texte den Zwecken einer machtorientierten Priesterschaft bzw. der ihnen übergeordneten weltlichen Macht dienten und tatsächlich von ihnen stammten, konnten historische Untersuchungen inzwischen bestätigen. Der katholische Alttestamentler Othmar Keel führt dazu Folgendes aus:

»Die Forschung hat in letzter Zeit immer deutlicher gezeigt, dass dieser beunruhigende Text teilweise wörtlich assyrische Texte kopiert – nicht religiöse, sondern politische. Das im nördlichen Irak beheimatete, expansive Assyrerreich hat die von ihm unterworfenen Könige eidlich verpflichtet, nur dem assyrischen Großkönig zu dienen und jeden und jede unverzüglich zu denunzieren, die sie dazu überreden wollten, vom Großkönig von Assur abzufallen. Solche Vasallitätsverpflichtungen mussten eine Zeitlang auch die judäischen Könige in Jerusalem übernehmen.«"

Schon nach diesem flüchtigen Blick auf das Alte Testament stellt sich die naheliegende Frage: Kann das organisierte Christentum mit diesem wichtigen Teil seiner Glaubensgrundlagen weiterhin so naiv umgehen wie bisher? Folgerichtig konstatiert der Theologe Gerd Lüdemann (*1946) "für den christlichen Glauben […] ein Dilemma":

"Wenn nämlich der historische Rahmen der Geschichtsbücher des Alten Testaments fiktiv ist und es sich beim biblischen Israel, ja selbst bei dem exklusiven Gott Jahwe um theologische Konstrukte handelt, dann sind die biblische Frühgeschichte Israels und damit die Vorgeschichte Jesu Christi vollständig entleert. Sie lösen sich in Nebel auf und mit ihnen bekanntlich auch das neutestamentliche Zentraldatum der Auferstehung Jesu, die als Vision erkannt wurde. Dadurch aber ist der Glaube faktisch falsifiziert. Mir scheint, dass das Grundübel des kirchlichen Bekenntnisses in der Bindung des Glaubens an Geschichte liegt, umso mehr, als Geschichte im Neuen und Alten Testament, wie deutlich wurde, reine Fiktion ist."

Das Alte Testament kann also redlicherweise nur als das betrachtet werden, was es für aufgeklärte Menschen schon immer war, ein ehrwürdiges Stück uralter Weltliteratur aus der jüdischen bzw. aus der vorderasiatisch-orientalischen Frühgeschichte.

Anmerkungen
- Die Lüdemann-Zitate sind einem Artikel in Publik-Forum vom 03. November 2006 entnommen. Der Titel des Artikels lautete Nebelschwaden von Theologenhand und der Untertitel Die Geschichte Israels ist erfunden, die Relevanz des Alten Testaments für Christen fraglich: eine theologische Provokation.
- Zu der von Lüdemann erwähnten "Bindung des Glaubens an Geschichte" findet sich bei Gustav Wyneken eine interessante Argumentation (s. hier).

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Antworten der römischen Konfession

Will man Antworten von der römischen Konfession, dann bietet sich der Blick in den KKK an, in jenes unüberbietbare Elaborat ihrer theologischen Vordenker.

Im zweiten Teil des KKK, der sich mit dem "Glauben" befasst, finden sich in ARTIKEL 3 unter der Überschrift DIE HEILIGE SCHRIFT folgende römische Glaubensmeinungen:

II Inspiration und Wahrheit der Heiligen Schrift

105 Gott ist der Urheber [Autor] der Heiligen Schrift. „Das von Gott Geoffenbarte, das in der Heiligen Schrift schriftlich enthalten ist und vorliegt, ist unter dem Anhauch des Heiligen Geistes aufgezeichnet worden.“ […]
[…]

107 Die inspirierten Bücher lehren die Wahrheit. „Da also all das, was die inspirierten Verfasser oder Hagiographen aussagen, als vom Heiligen Geist ausgesagt gelten muss, ist von den Büchern der Schrift zu bekennen, dass sie sicher, getreu und ohne Irrtum die Wahrheit lehren, die Gott um unseres Heiles willen in heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte“ (DV 11) (Vgl. dazu auch 702).
[…]

Das Alte Testament

121 Das Alte Testament ist ein unaufgebbarer Teil der Heiligen Schrift. Seine Bücher sind von Gott inspiriert und behalten einen dauernden Wert [Vgl. DV 14], denn der Alte Bund ist nie widerrufen worden (Vgl. dazu auch 1093).
[…]

Das Neue Testament

124 „Das Wort Gottes, das Gottes Kraft zum Heil für jeden, der glaubt, ist, zeigt sich und entfaltet seine Kraft auf vorzügliche Weise in den Schriften des Neuen Testamentes“ (DV 17). Diese Schriften bieten uns die endgültige Wahrheit der göttlichen Offenbarung. Ihr zentrales Thema ist Jesus Christus, der Mensch gewordene Sohn Gottes, seine Taten, seine Lehre, sein Leiden und seine Verherrlichung, sowie die Anfänge seiner Kirche unter dem Walten des Heiligen Geistes [Vgl. DV 20].
[…]

126 Bei der Bildung der Evangelien lassen sich drei Stufen unterscheiden:

1. Das Leben und die Lehrtätigkeit Jesu. Die Kirche hält entschieden daran fest, dass die vier Evangelien, „deren Geschichtlichkeit sie ohne Bedenken bejaht, zuverlässig überliefern, was Jesus, der Sohn Gottes, in seinem Leben unter den Menschen zu deren ewigem Heil wirklich getan und gelehrt hat bis zu dem Tag, da er [in den Himmel] aufgenommen wurde“.
[…]

3. Die Abfassung der Evangelien. „Die heiligen Verfasser aber haben die vier Evangelien geschrieben, […], [doch] immer so, dass sie uns Wahres und Aufrichtiges über Jesus mitteilten (DV 19) (Vgl. dazu auch 76).

KURZTEXTE

134 „Die ganze Heilige Schrift ist ein einziges Buch, und dieses eine Buch ist Christus, denn die ganze göttliche Schrift spricht von Christus, und die ganze göttliche Schrift geht in Christus in Erfüllung“ […].

135 „Die Heiligen Schriften enthalten das Wort Gottes, und weil inspiriert, sind sie wahrhaft Wort Gottes“ (DV 24).

136 Gott ist der Urheber [Autor] der Heiligen Schrift: er hat ihre menschlichen Verfasser [Autoren] inspiriert; er handelt in ihnen und durch sie. Er verbürgt somit, dass ihre Schriften die Heilswahrheit irrtumsfrei lehren [Vgl. DV 11].
[…]

138 Die 46 Bücher des Alten und die 27 Bücher des Neuen Testamentes werden von der Kirche als inspiriert angenommen und verehrt.

Anmerkungen
- DV 11, DV 14, … = Hinweise auf Artikel in "Dei Verbum", der "Dogmatischen Konstitution über die Göttliche Offenbarung". Sie wurde vom II. Vatikanischen Konzil in 1965 beschlossen.
- Hervorhebungen in den KKK-Artikeln stammen vom Autor der Site.

Der eben riskierte Blick auf einige literarische Kleinodien aus dem römischen Reich der unerschöpflichen Fantasie machte mich beinahe sprachlos. Mir kam unwillkürlich ein Wort von Heinrich Heine (1797-1856) in den Sinn: "…, ärgert dich deine Vernunft, so werde katholisch."

Wie unverfroren die römischen Vordenker die Realität vollkommen ausblenden und in jener typischen Sprache, die ausschließlich im Denk-Getto der Theologie gepflegt wird, über die Entstehung und Überlieferung der "Heiligen Schrift" und des darin enthaltenen "Wort Gottes" fantasieren und ungeniert behaupten "Gott ist der Urheber [Autor] der Heiligen Schrift: [….] Er verbürgt somit, dass ihre Schriften die Heilswahrheit irrtumsfrei lehren" (s. KKK 136) ist unfassbar: Die Ergebnisse der historisch-kritischen Forschung werden von ihnen schlicht ignoriert.

Woher nehmen die Vordenker der römischen Konfession ihre Selbstgewissheit oder vielmehr ihre grenzenlose Chuzpe, den "Gläubigen" – von der Wiege bis zur Bahre – vernunftwidrige Glaubensmeinungen als verbindliche, von "Gott geoffenbarte" Glaubenswahrheiten für deren "christliche" Lebenspraxis aufzuschwatzen?

Gäbe es einen »Oscar« in der Kategorie beste weltweite Vermarktung von archaisch-infantilem Gedankengut, die römische Konfession hätte keine Konkurrenz zu fürchten.

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"Umgang" mit der Bibel

Vor einiger Zeit stieß ich auf eine Äußerung des jüdischen Religionsphilosophen Pinchas Lapide (1922-1997) über den "Umgang mit der Bibel":

"Es gibt im Grunde nur zwei Arten des Umgangs mit der Bibel: Man kann sie wörtlich nehmen – oder man nimmt sie ernst. Beides zusammen verträgt sich nur schlecht."

Ich weiß nicht, ob ich die Gedanken von Pinchas Lapide in seinem Sinne interpretiere: M. E. nimmt man die Bibel ernst, wenn man sie als das nimmt, was sie ist, ein ehrwürdiges literarisches Weltkulturerbe mythischen Charakters. Man nimmt sie also ernst als das, was sie damit auch ist: Fiktion, bei deren Interpretation literaturwissenschaftliche und literaturkritische Methoden anwendbar sind.

Natürlich gibt es auch heute noch viele Theologen, insbesondere unter den Vordenkern der römischen Konfession, die vehement bestreiten, dass es sich bei ihrer "Heiligen Schrift" bzw. ihrem »Wort Gottes« um Fiktion handele: Sie nehmen es gemäß der Weisung des KKK "wörtlich", wörtlicher geht's nicht – intellektuell unredlicher leider auch nicht.

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Schlussbetrachtung

Die zahlreichen übernatürlichen Geschehnisse in der Bibel oder besser: die anschauungs- und vernunftwidrige Darstellung der Geschichte eines archaischen «Gottes» mit seinen Menschen, und die vielen Widersprüche zwischen den Texten lassen nur einen Schluss zu: Die Bibel, in archaischer Vorzeit von fantasiebegabten Menschen erdacht und über Jahrtausende auf fragwürdige Weise auf uns überliefert, ist pures Menschenwerk ohne aktuelle Relevanz: weder für die Erklärung der Welt noch als ethische Richtschnur für menschliches Handeln.

Dennoch gibt es einflussreiche Institutionen, die ihren sog. Gläubigen etwas völlig anderes weismachen. Die ihnen vor allem das Bild von einem "allwissenden", "allmächtigen" und "liebenden" «Gott» vermitteln. Wenn man einmal annimmt, dass es diesen "allwissenden", "allmächtigen" und "liebenden" «Gott», der menschliche Maßstäbe unendlich weit übersteigen soll, tatsächlich gibt, dann drängt sich doch eine einfache Frage auf: Warum ist »Sein Wort« dann nicht widerspruchsfrei, wahrhaftig und ethisch über jeden Zweifel erhaben? Die Antwort kann nur lauten: weil die Konstruktion dieses «Gottes» ebenso Menschenwerk ist, wie das ihm zugeschriebene «Wort».

Im Buch Warum ich kein Christ sein will von Uwe Lehnert (*1935) fand ich eine vom amerikanischen Politiker und Freidenker Robert G. Ingersoll (1833-1899) formulierte Frage, die das Groteske an der christlichen, insbesondere an der römisch-christlichen Glaubensmeinung über das »Wort Gottes« grell aufscheinen lässt:

»Wenn die Bibel und mein Verstand vom selben Schöpfer stammen, wessen Schuld ist es dann, dass sich die Bibel und mein Verstand einfach nicht vertragen können?«

Am Ende dieses Abschnitts sei erneut ein Wort des Theologen Franz Overbeck (1837-1905) zitiert. Es fand auf dieser Website zwar schon an anderer Stelle Verwendung, erscheint mir hier aber ebenfalls als geeignetes Schlusswort:

"Der Glaube, es lasse sich für Menschen mit Gott und in seinem Namen alles machen, mit ihm finde man sich vollkommen in der Welt zurecht, man fahre damit am besten, ist unter Menschen, welche der Welt Nachdenken gewidmet haben, nur der Glaube der Theologen gewesen. Sonst haben gerader Menschenverstand und höchste Weltsicht stets entgegengesetzt gedacht."

Anmerkung
Hervorhebung im Overbeck-Zitat stammt vom Autor der Site.

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Dogmen und andere Glaubensmeinungen

Wegen seines Umfangs und seiner Struktur ist dieser wichtige Teilaspekt der Geschichte des Christentums auf eine eigene Seite ausgelagert:

>>> Dogmen <<<

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Verhalten der Kirche(n) gegenüber Andersdenkenden

Schon im 1. Jahrhundert n. Chr., also schon zur Zeit der Entstehung der im Neuen Testament zusammengefassten Schriften, wurden Kritiker der christlichen Lehre Häretiker genannt. Später wurden sie auch mit dem, meist synonym verwendeten, Begriff Ketzer bezeichnet.

Mit der sog. Konstantinischen Wende, am Beginn des 4. Jahrhunderts n. Chr., vollzog sich ein dramatischer Wandel im Verhalten der frühen Kirche gegenüber Christen und Nichtchristen, die sich ihrem Machtanspruch widersetzten. Dies sei im Folgenden durch eine differenzierte Betrachtung der Zeitabschnitte vor und nach diesem Ereignis verdeutlicht.

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Vor
der Konstantinischen Wende

Der Theologe Walter Nigg (1903-1988) stellt in seinem Werk Das Buch der Ketzer fest, dass das "Ketzerproblem" im Urchristentum noch keine Rolle spielte. Im Umfeld des "urchristlichen Enthusiasmus" (Anm.: wegen der Naherwartung des Reiches Gottes) konnte es sich noch nicht entwickeln. Beim Übergang vom Urchristentum zur alten Kirche wurden Andersdenkende wohl zunehmend wahrgenommen. In dieser Phase wirkte, so Walter Nigg,

"zunächst noch das Licht der christlichen Liebesgesinnung nach, die sich auch dem Andersdenkenden gegenüber zu bewähren hat."

Walter Nigg zitiert u. a. den christlichen Schriftsteller Tertullian (um 150 – um 230), der leidenschaftlich die Auffassung vertrat,

"»dass man keinen Menschen zu einer religiösen Funktion zwingen dürfe, weil das im Widerspruch zum Wesen des Glaubens sei«."

In dieser Phase hat sich das Christentum mit seinen Kritikern durchaus auch argumentativ auseinandergesetzt. Als ein Beispiel hierfür sei die Befassung des Theologen und Kirchenschriftstellers Origines (185-254) mit den Thesen des platonischen Philosophen Celsus (Anm.: kein eigentlicher "Ketzer", da kein Christ), dem wohl härtesten Kritiker des Christentums im 2. Jahrhundert, genannt. Später ließ die Kirche die Schriften dieses Kritikers ausnahmslos vernichten. Über Leben und Werk dieses Philosophen ist daher sehr wenig bekannt. Lediglich die von ihm um 178 verfasste Schrift Das wahre Wort lässt sich aus den Gegenargumenten des Origines rekonstruieren.

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Nach
der Konstantinischen Wende

Aufgrund der neuen Rahmenbedingungen nach der Wende wuchsen nicht nur Macht und Einfluss der alten Kirche. Sie führten auch zu einer zunehmenden Verquickung von geistlichen und weltlichen Machtansprüchen. Die Kombination dieser Faktoren führte dazu, dass aus den ehemals Verfolgten zunehmend Verfolger wurden.

Vom Theologen Ernst Troeltsch (1865-1923) gibt es eine erschütternde Aussage über die fragwürdige Handlungsweise der führenden Köpfe der frühen Kirche (gefunden bei Martin Werner). Anstatt die Gunst der "Konstantinischen Wende" zu nutzen, um den antiken Zeitgenossen, neben der "Botschaft des Evangeliums", etwa christlich-ethische Normen zu vermitteln, erlagen sie der Versuchung, ihre neue Machtfülle, ganz und gar unethisch, zu missbrauchen:

"Aus der Reform Konstantins ging keine wirkliche Verchristlichung der Gesellschaft hervor, und die Politik der Bischöfe bedeutete immer nur eine geistig-persönliche Einflussnahme auf die Imperatoren zum Zwecke der Privilegierung der Kirche und der Unterdrückung ihrer Feinde."

In Das Buch der Ketzer zitiert Walter Nigg (1903-1988) auch eine Äußerung des römischen Kaisers Julian Apostata (331-363):

"»..., dass kein wildes Tier so grausam gegen Menschen verfahre wie Christen gegen andere Christen«."

Darin spiegelt sich die schon zu Beginn der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts dramatisch veränderte Situation.

Von einem Kirchenvater, der diese veränderte Situation aus eigenem Erleben kannte, berichtet Walter Nigg:

"Der edle Chrysostomus (349–407) hat die blutige Bekämpfung der Ketzer unzweideutig als unsühnbaren Frevel bezeichnet und die geradezu hellseherische Warnung ausgesprochen: »Darum ist es auch nicht erlaubt, den Häretiker zu töten, weil man sonst einen unversöhnlichen Krieg über die Welt brächte«."

Die Konstantinische Wende ist für Walter Nigg die "konstantinische Versuchung":

"Die verhängnisvolle Bahn, welche die Christen nach ihrem Erliegen unter der konstantinischen Versuchung auf dem Gebiet der Ketzerbehandlung beschritten hatten, führte mit innerer Notwendigkeit zu einem katastrophalen Resultat."

Ganz ähnlich argumentiert der Schriftsteller Carl Amery (1922-2005):

"Eine Bürde hatten die Christen vor dem Ende der Verfolgung und vor dem Mailänder Dekret nicht zu tragen: Verantwortung. Verantwortung nämlich für die raumzeitliche Kontinuität des Reiches in der Welt, Verantwortung für die Errungenschaften der römisch-hellenistischen Zivilisation. Vom Standpunkt der Kaiser aus war es deshalb nur vernünftig, dieser großen und gefährlichen Minderheit solche Verantwortung aufzubürden. Das uralte Problem der »schmutzigen Hände« ist hier zum ersten Mal – und wohl nie mehr in schärferer Form – aufgetaucht."

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Ein Kirchenlehrer und ein Reformator im Gleichschritt gegen Ketzer

In der Reimbibel von Wolfgang Klosterhalfen (*1945) fand ich bezeichnende, gegen Andersdenkende gerichtete, Äußerungen von zwei – leider – sehr einflussreichen "Heroen" der Christentums- und Kirchengeschichte, von Thomas von Aquin und Martin Luther.

Thomas von Aquin (1225-1274), einer der wichtigsten "Kirchenlehrer" der römischen Konfession, sagte:

"Was die Ketzer anlangt, so haben sie sich einer Sünde schuldig gemacht, die es rechtfertigt, dass sie nicht nur von der Kirche vermittels des Kirchenbannes ausgeschieden, sondern auch durch die Todesstrafe aus dieser Welt entfernt werden."

Und der Reformator Martin Luther (1483-1546), Urheber des Protestantismus, dem u. a. die Legende von den 95 Thesen an der Tür der Wittenberger Schlosskirche anhaftet, wollte dem berühmten Kirchenlehrer der verhassten römischen Kirche offenbar nicht nachstehen. In den berühmt-berüchtigten "Tischreden" ist seine Position gegenüber Ketzern so überliefert:

"Mit Ketzern braucht man kein langes Federlesen zu machen, man kann sie ungehört verdammen. Und während sie auf dem Scheiterhaufen zugrunde gehen, sollte der Gläubige das Übel an der Wurzel ausrotten und seine Hände in dem Blute der Bischöfe und des Papstes baden, der der Teufel in Verkleidung ist."

Auch ohne den ergänzenden Aufruf an den "Gläubigen", sich am "Blute der Bischöfe und des Papstes" zu berauschen, erfüllen die Worte Luthers nach heutigen Maßstäben den Tatbestand der Volksverhetzung. Auf jeden Fall zeugen sie von abgrundtiefem Hass auf alle Andersdenkenden. Nach der Lektüre solcher Gedanken leuchtet einem unmittelbar ein, was Erich Fromm (1900-1980) in seinem Buch Die Furcht vor der Freiheit über Luther und über den aus ähnlichem Holz geschnitzten Reformatorkollegen Calvin feststellt,

"dass beide als Persönlichkeit zu den stärksten Hassern unter den Führergestalten der Geschichte – ganz gewiss aber unter den religiösen Führern – gehören."

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Die Folgen

Die Zahl der Opfer in christlichen Folterkammern, auf christlichen Scheiterhaufen, durch christliche "Mission" – insbesondere in Begleitung der gewaltsamen Kolonisierung außereuropäischer Länder durch die "allerchristlichsten" Herrscher europäischer Monarchien, z. B. in Mittel- und Südamerika (s. Las Casas) –, auf den Schauplätzen der von Christen angezettelten Kreuzzüge und "heiligen" Kriege, erreichte in der Folge eine Größenordnung, die das menschliche Vorstellungsvermögen weit übersteigt.

Auf diesem Hintergrund lässt sich sagen, dass Kirchengeschichte, die in der Zeit vom 4. bis mindestens zum 18. Jahrhundert von ungeheuerlichen Verbrechen gegenüber Völkern und Einzelpersonen geprägt war, in großem Umfang gleichzusetzen ist mit Unrechtsgeschichte.

U. a. verdienten insbesondere die Opfer der kirchlichen Inquisition und der Hexenverfolgung eine ausführlichere Würdigung. Dazu fehlt hier jedoch der Raum. Eine prägnante Kurzdarstellung mit Beispielen für diese aus christlichem Fanatismus erwachsenen Untaten der Kirchen, sowohl der katholischen als auch der protestantischen, findet sich bei der katholischen Theologin Uta Ranke-Heinemann (*1927), nachzulesen unter den Stichworten Autodafé und Fanatismus.

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Verhalten der Kirche(n) gegenüber
den Juden

Dieses unheilgesättigte Thema kann hier nicht so ausführlich betrachtet werden wie es dies verdiente. Einige Anmerkungen und Zitate sollen aber deutlich machen, dass m. E. eine direkte Linie von der frühesten Überlieferung christlichen Gedankengutes bis hin zum Holocaust des 20sten Jahrhunderts führt.

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Verfolgung der Juden – gerechtfertigt durch Matthäus?

Das sog. Matthäusevangelium enthält eine Stelle, die m. E. ein ausgesprochen sonderbares, um nicht zu sagen: unwahrscheinliches Verhalten des "Volkes" beschreibt. In Mt 27, ab dem Vers 15 wird dargestellt wie der römische Statthalter Pilatus dem Volk, nach seiner »Gewohnheit«, die Entscheidung über die Freilassung eines von zwei Gefangenen überlässt. Er präsentierte ihm »einen berüchtigten Gefangenen, der hieß Jesus Barrabas« und einen anderen mit Namen »Jesus, von dem gesagt wird, er sei Christus«. Nachdem er mehr oder weniger deutlich gezeigt hatte, dass er von den gegen Jesus Christus vorgebrachten Beschuldigungen nicht überzeugt war, und das Volk dennoch die Freilassung des Barrabas und die Kreuzigung des Jesus forderte, gab er schließlich auf. In den Versen 24 - 26 wird dies so geschildert:

»24 Als aber Pilatus sah, dass er nichts ausrichtete, sondern das Getümmel immer größer wurde, nahm er Wasser und wusch sich die Hände vor dem Volk und sprach: Ich bin unschuldig an seinem Blut; seht ihr zu!
25 Da antwortete das ganze Volk und sprach: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!
26 Da gab er ihnen Barrabas los, aber Jesus ließ er geißeln und überantwortete ihn, dass er gekreuzigt werde.«

Dieser geradezu "fabelhafte" Pilatus, dessen Verhalten einen so überdeutlichen Kontrast zum Verhalten des Volkes bietet, hat mit der historischen Realität mit Sicherheit nichts zu tun. Und die Selbstverfluchung des (jüdischen) Volkes, »sein Blut komme über uns und unsere Kinder«, ist nichts anderes als antijudaistische Propaganda des unbekannten Schreibers, seiner Abschreiber oder Nacherzähler. Der entsprechenden Stelle in der Bachschen Matthäus-Passion kann ich, bei aller Wertschätzung dieses grandiosen Werkes, nicht ohne inneren Widerspruch zuhören.

Die ungeschminkte antijüdische Haltung wurde schon zu diesem frühen Zeitpunkt Teil der christlichen Tradition. Auf diesem Hintergrund mussten es künftige Vordenker und Oberhirten des Christentums m. E. geradezu als ihre Pflicht ansehen, die "überlieferte" kollektive Schuld der Juden am Tode des Gottessohnes zum Anlass zu nehmen, um konsequent für die Erfüllung der in gleicher Weise "überlieferten" jüdischen Selbstverfluchung zu sorgen.

Bischof Wolfgang Huber (*1942), Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, steht sicher nicht im Verdacht, ein besonders harter Kritiker von Kirchen und Christentum zu sein. Daher war es doch ein wenig überraschend, dass er kürzlich in chrismon 09.2008 (S. 30) sehr deutliche Worte fand:

"Dass in der Darstellung des Matthäusevangeliums das jüdische Volk die Hinrichtung Jesu mit den Worten fordert: »Sein Blut komme über uns und unsere Kinder« (Matthäus 27,25), galt als Rechtfertigung für die Verfolgung der Juden. Aus dem innerjüdischen Konflikt, den das Neue Testament schildert, entwickelten sich in den folgenden Jahrhunderten, erst recht im Mittelalter, festgefügte antijüdische Stereotypen."

Der kirchen- und christentumskritische Theologe Heinz-Werner Kubitza kommt in seinem Buch Der Jesuswahn zu einer ganz ähnlichen Einschätzung. Auch er bezieht sich auf den Satz »Sein Blut komme über uns und unsere Kinder« (Mt 27,25):

"Der Antisemitismus und Antijudaismus ist nicht denkbar ohne das Neue Testament und vor allem ohne den eben zitierten Satz."

Er weist dann darauf hin, dass dieser unheilvolle Satz, ebenso wie andere Stellen im Neuen Testament, "reine Erfindungen der Evangelisten" seien, "unhistorische Faseleien mit blutigen Konsequenzen". Und er untermauert seine Feststellungen mit einem maßgebliches Pauluswort:

"Jede Pogromstimmung konnte sich im Neuen Testament munitionieren, die Juden waren die Feinde, »die sowohl den Herrn Jesus als auch die Propheten getötet und uns verfolgt haben und Gott nicht gefallen und allen Menschen feindlich sind« (1. Thess 2,15)."

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Der Dichter des Johannesevangeliums wollte Matthäus nicht nachstehen

Der Dichter des sog. Johannesevangeliums leistete, nur wenige Jahrzehnte später, einen weiteren, mindestens ebenso wichtigen, Beitrag zur Verfestigung der antijüdischen Tendenzen. Im 8. Kapitel dieses Evangeliums werden Jesus, in einer Auseinandersetzung mit jüdischen Zeitgenossen, in den Versen 42 - 47 folgende Worte in den Mund gelegt (Text der revidierten Fassung von 1984):

»42 Jesus sprach zu ihnen: Wäre Gott euer Vater, so liebtet ihr mich; denn ich bin von Gott ausgegangen und komme von ihm; denn ich bin nicht von selbst gekommen, sondern er hat mich gesandt.
43 Warum versteht ihr denn meine Sprache nicht? Weil ihr mein Wort nicht hören könnt!
44 Ihr habt den Teufel zum Vater, und nach eures Vaters Gelüste wollt ihr tun. Der ist ein Mörder von Anfang an und steht nicht in der Wahrheit; denn die Wahrheit ist nicht in ihm. Wenn er Lügen redet, so spricht er aus dem Eigenen; denn er ist ein Lügner und der Vater der Lüge.
45 Weil ich aber die Wahrheit sage, glaubt ihr mir nicht.
46 Wer von euch kann mich einer Sünde zeihen? Wenn ich aber die Wahrheit sage, warum glaubt ihr mir nicht?
47 Wer von Gott ist, der hört Gottes Worte; ihr hört darum nicht, weil ihr nicht von Gott seid.«

Anmerkung
Fettdruck in Vers 44 stammt vom Autor der Site.

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Die Saat ging auf

Als das organisierte Christentum nach der konstantinischen Wende die nötigen Machtmittel besaß, stand der Ausgrenzung und Bestrafung der Mörder des Gottessohnes nichts mehr im Wege. Welch unheilvolle Entwicklung damals begann, beschreiben Karlheinz Deschner (1924-2014) und Horst Herrmann (*1940) in ihrem Buch Der Antikatechismus - 200 Gründe gegen die Kirchen und für die Welt so:

"Der heilige Kirchenlehrer Johannes Chrysostomus, der »Goldmund«, hält Juden insgesamt für »nicht besser als Schweine und Böcke« und meint von ihrer Synagoge: »Nenne sie einer Hurenhaus, Lasterstätte, Teufelsasyl, Satansburg, Seelenverderb, jeden Unheils gähnender Abgrund oder was immer, so wird er noch immer weniger sagen, als sie verdient hat.« Nachdem die Saat schreibend gesät worden war, musste sie bald aufgehen und zur Ernte anstehen: Schon im 4. Jahrhundert brennen Synagogen, verbünden sich Kirchenlehrer mit den Mordbrennern von der Straße, ziehen christliche »Heilige« jüdisches Vermögen ein, raubt man den Besitz der »verworfenen Schweine und Teufelsdiener«, lässt Juden internieren und vertreiben. Der hl. Kyrill, Patriarch von Alexandrien, bereitet im 5. Jahrhundert die erste Endlösung vor: Mehr als hunderttausend Juden fallen ihr zum Opfer.
Es hat noch immer nicht gereicht: Dutzende von Christensynoden verfügen eine scharf antijüdische Bestimmung nach der anderen, bis das 6. Konzil von Toledo 638 die Zwangstaufe aller in Spanien lebenden Juden befiehlt und das 17. Konzil von Toledo 694 sämtliche Juden zu Sklaven erklärt. Die Immobilien dieser Sklaven werden eingezogen (zu wessen Gunsten wohl?), ihre Kinder vom siebten Lebensjahr an ihnen weggenommen."

Die Verfolgung und Ermordung von Juden war dann, im christlichen Europa, das gesamte Mittelalter hindurch eine vertraute Erscheinung. Das belegt ein weiteres kurzes Zitat aus dem vorher genannten Buch:

"1389 töten Christen an einem einzigen Tag in Prag 3000 Juden. Nach einer Predigt des hl. Johannes von Capistrano [...] geschieht 1453 in Schlesien dasselbe mit allen nur greifbaren Juden. 1648 werden in Polen um die 200 000 Juden ermordet. Doch zu dieser Zeit sind die mordenden Katholiken schon nicht mehr unter sich. Denn auch der Reformator Luther hat teil am allgemeinen Schlachten."

Norbert Hoerster (*1937) befasst sich in seinem Buch Die Frage nach Gott an einer Stelle mit dem moralischen Verhalten der christlichen Kirchen gegenüber Minderheiten und Andersgläubigen und stellt fest, dass "sich die Verantwortlichen einer jahrhundertelangen kirchlichen Verfolgung diverser Minderheiten also sehr wohl auf die Heilige Schrift des Christentums berufen" können, "was sie konsequenterweise auch stets getan haben." Er fährt dann fort:

"Als Beispiel mögen hier lediglich einige Sätze Luthers dienen, der ja nach Meinung seiner Anhänger den christlichen Glauben im positiven Sinn reformiert hat. Die Sätze stehen überwiegend in seiner Schrift Von den Juden und ihren Lügen – einer Schrift, in der er Forderungen an die Obrigkeit richtet, wie mit den Juden zu verfahren sei. Luther fordert unter anderem, dass man die Synagogen und Schulen der Juden «mit Feuer anstecke und, was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, dass kein Mensch einen Stein oder eine Schlacke davon sehe ewiglich»; weiter fordert er, dass man die Häuser der Juden «zerbreche und zerstöre». Die danach Obdachlosen aber möge man «unter ein Dach oder Stall tun, wie die Zigeuner, auf das sie wissen, sie seien nicht Herren in unserem Lande». Da diese Menschen alles, was sie besitzen, «uns gestohlen und geraubt» haben, sollen sie in Zukunft «keinen Schutz noch Schirm, noch Geleit noch Gemeinschaft haben», damit «wir alle der unleidlichen, teuflischen Last der Juden ledig werden» (Luther, Bd. 53, S. 523 ff). Für Luther sind Juden, wie er an mehr als einer Stelle seines Werkes deutlich macht, nichts anderes als Handlanger des Teufels: «Denn der Teufel hat die Juden besessen und gefangen, dass sie müssen seines Willens sein» (Luther, Bd. 53, S. 601).
Sogar ein protestantischer Theologe glaubt angesichts dieser und ähnlicher Zitate feststellen zu müssen: Luthers Forderungen nach Umgang mit den Juden «decken sich weitgehend mit den Anweisungen zur Reichskristallnacht, die Joseph Goebbels im November 1938 ausgab (siehe Luther Lesebuch, S. 112). Es verwundert nicht, dass sich die Nationalsozialisten für ihre Aktionen gegen die Juden immer wieder auf den Reformator berufen haben; in Adolf Hitlers Buch Mein Kampf waren derart deutliche Forderungen nicht zu finden."

Karlheinz Deschner (1924-2014) und Horst Herrmann (*1940) äußern sich ähnlich zum Verhalten der Nationalsozialisten und des organisierten Christentums während der Nazi-Diktatur. Dazu einige weitere kurze Zitate aus ihrem Buch Der Anti-Katechismus – 200 Gründe gegen die Kirchen und für die Welt:

"Hitlers Schergen brauchten nur zuzugreifen und sich zu nehmen, was seit Jahrhunderten bereitlag. Der Diktator war der Erbe des christlichen Gedankengutes und der klerikalen Mordpraxis.
[...]
Als Hitler 1933 den Vertreter des deutschen katholischen Episkopats empfängt, erklärt er dem Bischof, er tue gegenwärtig nichts anderes, als was die katholische Kirche 1500 Jahre lang getan habe. Der Bischof widerspricht nicht. Auch dann nicht, als Hitler meint, vielleicht erweise er in der Judenfrage dem Christentum den größten Dienst.
[...]
Die Evangelische Kirche Deutschlands, die bereits 1933 einen judenfeindlichen Arierparagraphen geschaffen hatte, veröffentlichte 1941 eine Bekanntmachung über die kirchliche Stellung evangelischer Juden in der sie nicht nur die Schuld am Zweiten Weltkrieg ausschließlich den Weltjuden zuschrieb, sondern auch alle Bürger jüdischen Glaubens als »geborene Welt- und Reichsfeinde« schimpfte. Den evangelischen Oberhirten war es unter diesen Umständen ein leichtes, sich auf Luther zu berufen und dessen Forderung zu wiederholen, dass »schärfste Maßnahmen gegen die Juden zu ergreifen und sie aus deutschen Landen auszuweisen« seien."

Abschließend sei hier nochmals Wolfgang Huber (*1942), Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, zitiert (s. chrismon 09.2008, S. 31):

"Immer wieder wurde das Christusbekenntnis zum Dreh- und Angelpunkt dieses christlichen Antijudaismus. Dieser bahnte den Weg zu einem Antisemitismus, der nun – fern von allen Glaubenskonflikten – rassistisch begründet wurde, und mündete schließlich in die unvergleichlichen Verbrechen des Völkermords an den Juden. So trugen die antijüdischen Stereotypen der christlichen Theologie zur Unheilsgeschichte der Schoah, des Mordes am europäischen Judentum, entscheidend bei."

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These

Eine angemessene, glaubwürdige und umfassende Aufarbeitung der von Christen in etwa dreizehn Jahrhunderten an den Juden verübten Gräueltaten hat im organisierten Christentum bis heute nicht stattgefunden.

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Hypatia

Um exemplarisch aufzuzeigen, wie Christen etwa ab dem 4. Jahrhundert mit den sog. "Heiden" verfuhren, gibt es kaum ein geeigneteres Beispiel, als die Ermordung der neuplatonischen Philosophin Hypatia in Alexandria im Jahr 415. Dieser barbarische Akt symbolisiert m. E. in eindrücklicher Weise die Vernichtung der sog. "heidnischen Kultur" durch das Christentum.

Einer der außergewöhnlichsten Frauen der hellenistischen Spätantike ist hier eine eigene Seite gewidmet:

>>> Hypatia <<<

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Christliche Märtyrer

Die christlichen Märtyrer, Opfer der sporadischen Christenverfolgungen, etwa vom Ende des 1. bis zum Beginn des 4. Jahrhunderts, seien nicht verschwiegen. Ihre Zahl ist jedoch von vergleichsweise geringer Größenordnung.

Eine Feststellung des Theologen und Schriftstellers Karheinz Deschner (1924-2014) hilft, diese Zahl entsprechend einzuordnen:

"Dazu ein winziger Ausschnitt aus der Kirchengeschichte: 1349 wurden in mehr als 350 Städten und Dörfern nahezu alle Juden verbrannt. In diesem einzigen Jahr haben Christen weit mehr Juden ermordet als die Heiden einst Christen in den 200 Jahren Christenverfolgung der Antike."

In Analogie zu ihrem typischen Verhalten in anderen Zusammenhängen, schreckten die Verantwortlichen der frühen Kirche nicht davor zurück, die Zahl der christlichen Märtyrer zu manipulieren. Es ist anzunehmen, dass das krasse Missverhältnis zwischen der tatsächlichen Zahl der getöteten Märtyrer und der rasch wachsenden Zahl der Opfer des Christentums – nachdem Christen aus der Rolle von Verfolgten in die von Verfolgern geschlüpft waren – durch nachträgliche Fälschungen "korrigiert" werden sollte. Karlheinz Deschner schreibt in seiner Kritischen Kirchengeschichte hierzu u.a.:

"Die üblicherweise behaupteten zehn Verfolgungen entsprechen nicht der historischen Realität. Wie so vieles im Christentum, ist auch die Zehnzahl der Verfolgungen eine Fiktion, entstanden nach Analogie der zehn Plagen Ägyptens. Sieht man von dem Brandstifterprozess unter Nero ab, lassen sich mit Sicherheit nur unter fünf von den fünfzig römischen Kaisern zwischen Nero und Konstantin staatliche Verfolgungen nachweisen. »Sie dauern alle nur kurze Zeit und erklären die relativ geringe Zahl der echten Märtyrer«. ...

Erwies doch selbst ein katholischer Theologe, dass beispielsweise unter den rund 250 griechischen Martyrien, die sich in immerhin etwa 250 Jahren ereignet haben sollten, nur ungefähr 20 historisch sind. Ein so Respekt einflößender Christ wie Origines (†254) gesteht ohne weiteres, die Zahl der christlichen Blutzeugen sei »klein und leicht zu zählen«."

Vielleicht schärft in diesem Zusammenhang auch ein Hinweis des Theologen und Kirchengeschichtlers Bernd Moeller den Blick auf die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für das frühe Christentum im Römischen Reich:

"Zweifelhaft ist, ob bereits Nero allgemein die Todesstrafe für Christen angeordnet hat, und jedenfalls war seit Trajan (98-117) den Behörden die Nachforschung nach Christen untersagt, nur auf Anzeigen sollten sie reagieren."

Anmerkung
Wie lange die Anordnung Trajans Bestand hatte, ob sie in der für Christen risikobehafteten Zeit bis zur Konstantinischen Wende ununterbrochen galt, habe ich bisher nicht herausfinden können.

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Ursachen christlicher Selbstgerechtigkeit und Intoleranz

Die Betrachtung der oben kurz skizzierten bestürzenden Untaten der jeweils Verantwortlichen des organisierten Christentums führt zwangsläufig zu der Frage, warum all das geschehen konnte. Nach unserem heutigen Verständnis vertrugen sich die brutalen Unmenschlichkeiten zu keiner Zeit mit den ethischen Vorstellungen, die diese Lehre ja auch in sich trug. Daher ist es unumgänglich, nach den möglichen Ursachen gewalttätiger christlicher Selbstgerechtigkeit und Intoleranz zu suchen. Schon ein flüchtiger Blick auf die Grundlagen des Christentums führt zu der Erkenntnis, dass die über lange Zeiträume hinweg dominierenden unheilbringenden Triebkräfte christlichen Handelns ihre Wurzeln nicht nur im urchristlichen Gedankengut haben, wie wir es in den Schriften des Neuen Testaments vorfinden. Vielmehr reichen ihre Wurzeln in historisch viel tiefere Schichten, bis hinein in die Ideenwelt der in Palästina entstandenen jüdischen Religion bzw. des Monotheismus.

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Das Aufkommen des Monotheismus und seine Folgen

Irgendwann im zweiten Jahrtausend v. Chr. erreichte eine lange Entwicklung einen wichtigen Meilenstein, der den im Alten Testament nachvollziehbaren Übergang zu einem grundlegend neuen Gottesverständnis markiert: Es war die Geburtsstunde eines neuen religiösen Systems, des jüdischen Monotheismus. Die Rolle des "Geburtshelfers" wird im Alten Testament der mythischen Figur Mose zugeschrieben.

Was ist das Charakteristische dieser neuen religiösen Vorstellung? Der deutsch-amerikanische Philosoph Walter Kaufmann (1921-1980) beantwortet diese Frage in seinem Buch Der Glaube eines Ketzers:

"Der jüdische Monotheismus kann nicht als quantitative Reduzierung irgendeines traditionellen Polytheismus oder als ausschließliche Loyalitätserklärung für einen unter vielen Göttern verstanden werden: Alle Götter der Völker werden abgewertet, gelten als mit Gott nicht vergleichbar, mit jenem Gott, der nicht nur nicht mit der Sonne gleichgesetzt wird, sondern überhaupt kein Ding in dieser Welt ist."

Anmerkung
Im Zitat wird wohl angespielt auf erste (vor-)monotheiste Vorstellungen des ägyptischen Pharaos Echnaton, der die Sonnengottheit Aton zur höchsten Gottheit erhob und andere Gottheiten beseitigte.

Das Entscheidende an der Beschreibung Walter Kaufmanns ist die Feststellung "Alle Götter der Völker werden abgewertet".

Der Ägyptologe, Kultur- und Religionstheoretiker Jan Assmann (*1938), der sich sehr intensiv mit dem Monotheismus befasst hat, spricht in diesem Zusammenhang von der "mosaischen Unterscheidung". Nach seiner Analyse brachte sie u. a. die "Unterscheidung zwischen wahr und falsch in der Religion" mit sich. M. E. war dies die Geburtsstunde der sog. Glaubenswahrheit, die im Laufe der Zeit zur absoluten bzw. göttlichen Wahrheit mutierte. Letztere wurde zum idealen Nährboden für Intoleranz, Ausgrenzung und Gewalt.

Jan Assmann weist in seinem Buch Die mosaische Unterscheidung darauf hin, dass die Welt vor dem Aufkommen des Monotheismus zweifelsohne viele Formen der Gewalt kannte, und er bestreitet auch nicht, dass die neue Religion bzw. die neuen Religionen – unter Einbeziehung der wesentlich später entstandenen monotheistischen Religionen Christentum und Islam – verschiedene Formen der Gewalt "gebändigt, zivilisiert oder geradezu ausgemerzt" hätten. Er sagt aber auch:

"Ebensowenig lässt sich aber bestreiten, dass sie gleichzeitig eine neue Form von Hass in die Welt gebracht haben: den Hass auf Heiden, Ketzer, Götzendiener und ihre Tempel, Riten und Götter."

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Folgenschwere Meinungsäußerungen urchristlicher Autoritäten

Anhand einiger aus dem Neuen Testament stammender einschlägiger Textstellen wird hier versucht, weiteren Ursachen gewalttätiger christlicher Selbstgerechtigkeit und Intoleranz nachzuspüren.

Paulus, der als erster christlicher Theologe gilt, sah sich ganz offensichtlich als Verkündiger des einzig wahren Evangeliums. Kritiker der paulinischen Theologie, wie Wilhelm Nestle (1865-1959), verweisen darauf, dass Paulus nicht etwa das Evangelium des "religiösen Genius" Jesu verkündigt habe, "sondern er hat ein anderes Evangelium, das Evangelium von Jesus, das er unmittelbar von Gott empfangen zu haben vermeint, an dessen Stelle gesetzt." Da verwundert es auch nicht, das er sich im Galaterbrief, einem seiner als echt geltenden Briefe, in geradezu wahnhafter Anmaßung zu folgender Aussage verstieg (Gal 1, 8):

»8 Aber auch wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch ein Evangelium predigen würden, das anders ist, als wir es euch gepredigt haben, der sei verflucht.«

In diesen Worten, aus einem der ältesten Dokumente christlicher Überlieferung, ist schon der verhängnisvolle Absolutheitsanspruch des Christentums angelegt, und die sich daraus ableitende unbarmherzige Ausgrenzung und Verurteilung Andersdenkender.

Mit einer Variante von Andersdenkenden, mit den "Abgefallenen", befasste sich eine andere frühchristliche Autorität. "Abgefallene" hatten sich dem Christentum zunächst zugewandt, dann aber, aus welchen Gründen auch immer, von ihm wieder verabschiedet. Eine Beurteilung dieser Menschen, die einer Verurteilung gleichkommt, findet man im sog. Hebräerbrief. Sein unbekannter Verfasser äußert dort folgende Meinung (Hebr 6, 4-8):

»4 Denn es ist unmöglich, die, die einmal erleuchtet worden sind und geschmeckt haben die himmlische Gabe und Anteil bekommen haben am heiligen Geist und geschmeckt haben
5 das gute Wort Gottes und die Kräfte der zukünftigen Welt
6 und dann doch abgefallen sind, wieder zu erneuern zur Buße, da sie für sich selbst den Sohn Gottes abermals kreuzigen und zum Spott machen.
7 Denn die Erde, die den Regen trinkt, der oft auf sie fällt, und nützliche Frucht trägt denen, die sie bebauen, empfängt Segen von Gott.
8 Wenn sie aber Dornen und Disteln trägt, bringt sie keinen Nutzen und ist dem Fluch nahe, so dass man sie zuletzt abbrennt.«

Der Abfall vom christlichen Glauben, als abermalige Kreuzigung des Sohnes Gottes gebrandmarkt, ist aus Sicht des Schreibers dieser Zeilen unentschuldbar. Das Verhalten eines "Abgefallenen" versteht er zweifelsohne als Akt des Verrats und er vergleicht den Verräter mit einer Erde, die »Dornen und Disteln trägt« und daher »keinen Nutzen« bringt, »so dass man sie zuletzt abbrennt.«

Der unbekannte Schreiber des unechten 2. Petrusbriefes, der sein Elaborat mit Bedacht unter dem Namen des berühmten Jesus-Jüngers verfasste, rief ganz unverhohlen zur Tötung Andersdenkender auf und erfüllte damit, nach heutigem Verständnis, den Tatbestand der Volksverhetzung. Im 2. Kapitel, Vers 12, sagt er über die sog. »Irrlehrer« oder »falschen Propheten«:

»12 Aber sie sind wie die unvernünftigen Tiere, die von Natur dazu geboren sind, dass sie gefangen und geschlachtet werden.«

Gegen Ende des 2. Kapitels identifiziert der Petrusbrief-Fälscher die "Irrlehrer" implizit als "Abgefallene", wie sie im Hebräerbrief explizit beschrieben werden. Er verleumdet sie, in einer, auch für andere Teile der Bibel charakteristischen, rüden Art und Weise:

»21 Denn es wäre besser für sie gewesen, dass sie den Weg der Gerechtigkeit nicht erkannt hätten, als dass sie ihn kennen und sich abkehren von dem heiligen Gebot, das ihnen gegeben ist.
22 An ihnen hat sich erwiesen die Wahrheit des Sprichworts: Der Hund frisst wieder, was er gespien hat; und: Die Sau wälzt sich nach der Schwemme wieder im Dreck.«

Der unbekannte Schreiber des sog. Matthäusevangeliums, wohl eine noch gewichtigere frühchristliche Autorität, befasst sich mit dem Vergehen eines Menschen, der andere Menschen »zum Abfall verführt«. Er wird mindestens genauso deutlich wie der Verfasser des 2. Petrusbriefes. In Kapitel 18, Vers 6 (s. auch Lk 17, 1-2), legt er Jesus gleich die konkrete Empfehlung einer angemessenen Strafe für dieses Vergehen in den Mund:

»6 Wer aber einen dieser Kleinen, die an mich glauben, zum Abfall verführt, für den wäre es besser, dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, wo es am tiefsten ist.«

Hier spricht natürlich nicht mehr der Mensch Jesus. Hier lässt der unbekannte Schreiber (oder lassen unbekannte spätere Abschreiber oder Nacherzähler) den Gottessohn mit väterlicher Vollmacht sprechen. Nie würde ein Mensch, einer mit klarem Verstand jedenfalls, davon ausgehen, dass andere Menschen an ihn glauben. Und weder ein Mensch noch der, in den Schriften an anderen Stellen durchschimmernde liebende «Gott», dächten an eine derart brutale und unmenschliche Bestrafung! Dieser Einsicht wären auch die Kirchenführer früherer Zeiten fähig gewesen. Sie verschlossen sich jedoch dieser Erkenntnis und folgten, ob in dogmatischer Verblendung oder bewusst, der mit göttlicher Autorität vorgetragenen Empfehlung. Konnte es eine überzeugendere Rechtfertigung ihrer barbarischen Untaten geben?

In den vorher zitierten neutestamentlichen Texten könnte der Widerspruch zu – auch vorhandenen – christlichen Vorstellungen von »Nächstenliebe« und »Feindesliebe« oder »Gnade« und »Vergebung« kaum deutlicher zu Tage treten.

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"Im Missionsbefehl zeigt sich das hässliche Gesicht der Intoleranz"
Der "Missionsbefehl" (Mt 28,18-20) spielte schon bei der Betrachtung der zahlreichen Fälschungen in den überlieferten neutestamentlichen Texten eine unrühmliche Rolle (s. hier). Neben anderen Autoren kam dort auch schon der Theologe Heinz-Werner Kubitza zu Wort (s. hier). Im folgenden Zitat, das ebenfalls seinem Buch Der Jesuswahn entnommen ist, beleuchtet er dieses "Unwort der Bibel" noch einmal aus einer etwas anderen Perspektive:

"Denn diese Verse gehören noch heute zu den beliebtesten Stellen des Neuen Testaments. Und doch verbirgt sich in ihnen ein weiteres Unwort der Bibel, von Christen aber meist gar nicht als solches wahrgenommen. Denn dieses Gehet hin und macht zu Jüngern alle Völker und tauft sie hat sich in der Kirchen- und Profangeschichte als ein wahres Blutwort erwiesen, bedeutete es doch die ideologische Rechtfertigung von Religionskriegen und der Unterjochung ganzer Völker im Namen der Ausbreitung des Christentums. Allein in der Neuen Welt wurden mit Hinweis auf den "Missionsbefehl" ganze Völker vernichtet, die Zahl der Ermordeten und in Verbindung mit den Eroberungen Gestorbenen ging in die Millionen, fast unvorstellbar für eine noch fast spätmittelalterliche Gesellschaft. Und selbst wenn die Kirchen dies heute ehrlich bedauern oder gar von einem Missbrauch des Evangeliums sprechen, und selbst wenn man zugesteht, dass die Eroberung als im Grunde rein machtpolitischer Akt auch ohne kirchliche Unterstützung wohl stattgefunden hätte, spricht dies die Kirchen nicht frei von der Tatsache, dass es eben ihre Religion war, die hier Henkersdienste leistete. Ernst gemeintes Entschuldigen und aufrichtiges Bedauern macht die Toten nicht wieder lebendig, beseitigt kein geschehenes Leid.
Im Missionsbefehl zeigt sich das hässliche Gesicht der Intoleranz und der religiösen Rechthaberei, die freilich dann nicht gesehen wird, wenn man selbst sich als Christ versteht. Man stelle sich aber nur einmal vor, hier spräche nicht Jesus, sondern irgendein anderer Religionsführer, meinetwegen Mohammed, der zur Ausbreitung des Islam aufruft, oder Lenin, der von der Weltrevolution träumt. Dann spürt man plötzlich die Arroganz, die aus solchen Worten spricht. Intoleranz hat viele Gesichter."

Anmerkung
Hervorhebungen im Zitat stammen vom Autor der Site.

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Texte des Alten Testaments besaßen dieselbe Autorität

Eine analoge Handlungsanleitung für den Umgang mit Menschen, die andere »abbringen wollen von dem HERRN«, steht im 5. Mose 13,7ff. Der Text aus der Bibel in der revidierten Fassung von 1984 spricht für sich:

»7 Wenn dich dein Bruder, deiner Mutter Sohn, oder dein Sohn oder deine Tochter oder deine Frau in deinen Armen oder dein Freund, der dir so lieb ist wie dein Leben, heimlich überreden würde und sagen: Lass uns hingehen und andern Göttern dienen, die du nicht kennst noch deine Väter,
8 von den Göttern der Völker, die um euch her sind, sie seien dir nah oder fern, von einem Ende der Erde ans andere,
9 so willige nicht ein und gehorche ihm nicht. Auch soll dein Auge ihn nicht schonen und du sollst dich seiner nicht erbarmen und seine Schuld nicht verheimlichen,
10 sondern sollst ihn zum Tode bringen. Deine Hand soll die erste wider ihn sein, ihn zu töten, und danach die Hand des ganzen Volks.
11 Man soll ihn zu Tode bringen, denn er hat dich abbringen wollen von dem HERRN, deinem Gott, der dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt hat,
12 auf dass ganz Israel aufhorche und sich fürchte und man nicht mehr solch Böses tue unter euch.
13 Wenn du von irgendeiner Stadt, die der HERR, dein Gott, gegeben hat, darin zu wohnen, sagen hörst:
14 Es sind etliche heillose Leute aufgetreten aus deiner Mitte und haben die Bürger ihrer Stadt verführt und gesagt: Lasst uns hingehen und andern Göttern dienen, die ihr nicht kennt,
15 so sollst du gründlich suchen, forschen und fragen. Und wenn sich findet, dass es gewiss ist, dass solch Gräuel unter euch geschehen ist,
16 so sollst du die Bürger dieser Stadt erschlagen mit der Schärfe des Schwerts und an ihr den Bann vollstrecken, an allem, was darin ist, auch an ihrem Vieh, mit der Schärfe des Schwerts.
17 Und alles, was in ihr erbeutet wird, sollst du sammeln mitten auf dem Marktplatz und mit Feuer verbrennen die Stadt und all ihre Beute als ein Ganzopfer für den HERRN, deinen Gott, dass sie in Trümmer liege für immer und nie wieder aufgebaut werde.«

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Wohlfeile Handlungsanweisung und Rechtfertigung

Die wenigen oben, aus dem Neuen und aus dem Alten Testament, zitierten Textstellen sind wohl noch nicht einmal die sprichwörtliche "Spitze des Eisbergs". Die »Heilige Schrift« bzw. das »Wort Gottes« bot den Hauptakteuren des organisierten Christentums eine große Fülle ähnlicher Vorgaben. Sie konnten sich in beiden Testamenten nach Gutdünken bedienen. Aus dem vorgefundenen Gedankengut ließen sich sehr leicht die Handlungsanweisung und auch die Rechtfertigung jedweder unchristlichen Tat ableiten.

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Begründung von Gesinnungsschnüffelei und Bekenntniszwang?

Der unbekannte Verfasser des Matthäusevangeliums legte Jesus vor rund 2000 Jahren Worte in den Mund, die so oder so ähnlich, sehr viel später, auch von Vertretern links- und rechtsextremistischer Ideologien gebraucht wurden. In Mt 12,30 heißt es:

»30 Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.«

Diese Worte leisteten zweifellos einen wesentlichen Beitrag zur Begründung von Gesinnungsschnüffelei und Bekenntniszwang, d. h. zur Begründung eines menschenverachtenden Verhaltens, wie es für das organisierte Christentum durch viele Jahrhunderte hindurch kennzeichnend war. In der Inquisition der mittelalterlichen Kirche fand diese Praxis ihre ganz besonders abscheuliche Ausprägung. Die Vulgärsprache beschreibt die analoge Praxis extremistischer Ideologien seit der Französischen Revolution mit den Worten: "Willst du nicht mein Bruder sein, so schlag' ich dir den Schädel ein".

Auch an dieser Stelle wird einmal mehr deutlich, wie widersprüchlich sich die Inhalte der im Neuen Testament überlieferten Schriften zueinander verhalten. Im Markusevangelium (s. Mk 9,40) spricht Jesus eine ganz andere Sprache:

»40 Denn wer nicht gegen uns ist, der ist für uns.«

Diese Worte zeugen von Gelassenheit und Toleranz. Sie fanden jedoch nicht die ihnen angemessene Beachtung. Die dem Verfasser des Matthäusevangeliums zugeschriebene Autorität wog im Bewusstsein der kirchlichen Machthaber in der Folgezeit offenbar schwerer. Sicher auch deshalb, weil die dort überlieferten Worte ihrem Machtkalkül und dem daraus resultierenden Handlungsschema sehr viel besser entsprachen.

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Laktanz (um 260-325): Über die Todesarten der Verfolger

Bei der Philologin und Schriftstellerin Marion Giebel fand ich den Hinweis auf ein Werk des christlichen Lehrers und Schriftstellers Laktanz (lat. Lactantius), "mit dem »eine trübe Tradition christlicher Selbstgerechtigkeit« beginnt":

"Laktanz hatte unter dem Eindruck der siegreichen Kirche auch ein Werk der Zeitgeschichte verfasst: De mortibus persecutorum, Über die Todesarten der Verfolger, in dem er die heidnischen Kaiser, die die Kirche verfolgt hatten, in drastischer Form »verteufelt« und ihren Tod als gerechte Strafe Gottes ansieht. So triumphiert er über Galerius (obwohl dieser mit seinem Edikt die Tür für das Christentum aufgestoßen hatte), der an einer schlimmen Krankheit (wohl Krebs) dahinsiechend ein elendes Ende fand. Der fromme Laktanz preist Gott, dass er die heidnischen Kaiser, diese bösen Untiere, ausgerottet und vertilgt hat. Schon 314, also ein Jahr nach der »Wende« entstanden, markiert das Werk den Umschlag von den Verfolgten zu den Verfolgern, die sich nicht scheuten, den Heiden das nachzusagen, was man ihnen zuvor zum Vorwurf gemacht und worüber sie sich bitter beklagt hatten: dass sie bei ihren nächtlichen Zusammenkünften kleine Kinder schlachteten und auch sonst alle möglichen Untaten begingen, die man gar nicht auszusprechen wage ..."

Der bekannte Altphilologe Wilhelm Nestle (1865-1959) zeigt in seinem Werk Griechische Studien, im Kapitel Legenden vom Tod der Gottesverächter, dass sich frühchristliche Verfasser nicht anders verhielten als vergleichbare Schreiber anderer antiker Religionen:

"Das Ergebnis unserer Untersuchung ist: Der die Schrift »De mortibus persecutorum« beherrschende Gedanke, dass Gott die christenfeindlichen Kaiser, die in den Anhängern der christlichen Religion ihn selbst und seine Wahrheit bekämpften, durch einen besonders grausamen Tod bestrafte, ist eine Übertragung aus der Antike. Auch dort werden Gottesverächter der verschiedensten Art, besonders aber Feinde und Bekämpfer eines bestimmten Gottes und seiner Verehrung, z. B. des Dionysos, mit besonders auffallenden und abschreckenden Todesarten bestraft. Die Idee ging aus der griechischen in die hellenistisch-jüdische (Makkabäerbücher, Philo, Josephus) und aus dieser in die christliche Literatur über. Für unseren Verfasser hat ohne Zweifel die Apostelgeschichte die Brücke von der antiken Profanliteratur zu seiner Schrift gebildet. Man sieht an ihm, wie am Verfasser der Apostelgeschichte, dass die Denkformen der Christen noch die gleichen sind wie die ihrer heidnischen Gegner und nur mit einem neuen Inhalt erfüllt werden. So verrät auch diese christliche Schrift noch das geistige Erbe der Antike."

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Das Dreikaiseredikt Cunctos populos
Ausgrenzung von Häretikern

Mit der Veröffentlichung dieses Edikts
am 27. Januar 380 schlug die Geburtsstunde der christlichen Reichskirche. Gleichzeitig wurden christliche Selbstgerechtigkeit und Intoleranz erneut legitimiert, wohl noch nachhaltiger als mit den Beschlüssen des Konzils von Nicäa (s. Verdammungsklausel am Ende des Nicänums). Der Text bedarf keiner weiteren Erläuterung:

»Alle Völker, über die wir ein mildes und maßvolles Regiment führen, sollen sich, so ist unser Wille, zu der Religion bekehren, die der göttliche Apostel Petrus den Römern überliefert hat, wie es der von ihm kundgemachte Glaube bis zum heutigen Tage dartut und zu dem sich der Pontifex Damasus klar bekennt wie auch Bischof Petrus von Alexandrien, ein Mann von apostolischer Heiligkeit;
das bedeutet, dass wir gemäß apostolischer Weisung und evangelischer Lehre eine Gottheit des Vaters, Sohnes und Heiligen Geistes in gleicher Majestät und heiliger Dreifaltigkeit glauben.

Nur diejenigen, die diesem Gesetz folgen, sollen, so gebieten wir, katholische Christen heißen dürfen; die übrigen, die wir für wahrhaft toll und wahnsinnig erklären, haben die Schande häretischer Lehre zu tragen.

Auch dürfen ihre Versammlungsstätten nicht als Kirchen bezeichnet werden. Endlich soll sie vorab die göttliche Vergeltung, dann aber auch unsere Strafgerechtigkeit ereilen, die uns durch himmlisches Urteil übertragen worden ist.«

Die weltlichen Machthaber hatten bei der Ausübung ihrer angemaßten, ihnen vorgeblich "durch himmlisches Urteil" übertragenen, "Strafgerechtigkeit" zweifellos die Rückendeckung maßgeblicher Kirchenführer ihrer Zeit. Zwar ist mir nicht bekannt, ob ein einschlägiges Wort des von der römischen Konfession noch heute als "Kirchenvater" verehrten Hieronymus (347-420) im Jahr 380 schon in der Welt war, ich gehe jedoch davon aus, dass er lediglich in Worte fasste, was von anderen führenden Köpfen der frühen Kirche, vor ihm und nach ihm, so oder so ähnlich auch gedacht und vertreten wurde:

»Grausamkeit ist nicht, was vor Gott aus Frömmigkeit getan wird.«

Anmerkungen
- Das Hieronymus-Zitat fand ich im Buch Das Erbe der Gewalt des Theologen Jürgen Ebach (*1945).
- Hieronymus ist auch der Verfasser der Vulgata, der lateinischen Bibel. Sein Auftraggeber war Papst Damasus (s. hier).

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Freibrief zur Tötung Andersdenkender – ausgestellt von Innozenz III.

In einem Beitrag des ehemaligen katholischen Theologieprofessors Hubertus Mynarek (*1929) zu dem von Gerhard Besier und Erwin K. Scheuch herausgegebenen Buch Die neuen Inquisitoren – Religionsfreiheit und Glaubensneid (Teil I, Zürich 1999) fand ich folgenden Hinweis auf ein Wort von Innozenz III. (1160-1216):

"Bis heute ist in der katholischen Kirche Papst Innozenz' III. Exkulpierung von Ketzerkillern nicht widerrufen: »Wer einen Ketzer aus Liebe zur Kirche tötet, begeht kein Verbrechen«."

Der häufig als einer der bedeutendsten Päpste des Mittelalters bezeichnete Innozenz III. war ein extrem intoleranter und brutaler Verfolger aller sog. Häretiker in seinem Einflussbereich. Er war u. a. verantwortlich für diverse Massaker an den Katharern in Südfrankreich. Seine oben zitierte Feststellung war nichts anderes als ein Freibrief für die Tötung aller Individuen, die der Kirche blinden Gehorsam verweigerten. Bemerkenswert erscheint mir, dass hier nicht, wie in anderen Zeiten, aus Liebe zu Gott oder zu Christus, sondern nunmehr aus Liebe zur Kirche (!) ebenso ungestraft gemordet werden durfte. Zweifelsohne gehören die Worte Innozenz III. zu den abstoßendsten Beispielen christlicher Selbstgerechtigkeit und Intoleranz.

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Praxis christlicher Selbstgerechtigkeit und Intoleranz in jüngerer Geschichte

Im Jahre 1854 verkündete Papst Pius IX. (1792-1878) das Dogma von der unbefleckten Empfängnis Mariens. In der entsprechenden päpstlichen Urkunde heißt es u. a.:

"[...] Die Lehre, dass die seligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch einzigartiges Gnadengeschenk und Vorrecht des allmächtigen Gottes, im Hinblick auf die Verdienste Christi Jesu, des Erlösers des Menschengeschlechts, von jedem Fehl der Erbsünde rein bewahrt blieb, ist von Gott geoffenbart und deshalb von allen Gläubigen fest und standhaft zu glauben. Wenn sich deshalb jemand, was Gott verhüte, anmaßt, anders zu denken, als es von Uns bestimmt wurde, so soll er klar wissen, dass er durch eigenen Urteilsspruch verurteilt ist, dass er an seinem Glauben Schiffbruch litt und von der Einheit der Kirche abfiel, ferner, dass er sich ohne weiteres die rechtlich festgesetzten Strafen zuzieht, wenn er in Wort oder Schrift oder sonstwie seine Auffassung äußerlich kundzugeben wagt."

Im Jahre 1950 verkündete Papst Pius XII. (1876-1958) das Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel (Himmelfahrt Mariens). In dem entsprechenden Dokument steht u. a.:

"Wir verkünden, erklären und definieren es als einen von Gott geoffenbarten Glaubenssatz, dass die makellose Gottesmutter, die allzeit reine Jungfrau Maria, nach Vollendung ihrer irdischen Lebensbahn mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen wurde. [...]

Wenn daher, was Gott verhüten möge, jemand vorsätzlich dies, was wir definiert haben, leugnet oder in Zweifel zieht, so soll er wissen, dass er völlig von dem göttlichen und allumfassenden Glauben abgefallen ist."

Anmerkung
Hervorhebungen in den Zitaten dieses Abschnitts stammen vom Autor der Site.

Die oben zitierten päpstlichen Dokumente sind für mich Dokumente der Anmaßung und des Größenwahns: Fantasieprodukte aus dem Denkgetto vatikanischer Spitzenkleriker, deren Inhalte "von Gott geoffenbart" sein sollen. Und am Ende der Dokumente folgen – erst in 1950 in etwas abgeschwächter Form – massive Drohungen an die Adresse derjenigen, die es wagen sollten, "anders zu denken". Damit folgen diese Dokumente einer ehrwürdigen, von Paulus vor fast zweitausend Jahren begründeten, Tradition (s. oben), die dann im Jahre 325 eine nachhaltige Festigung erfuhr: Vom 1. Konzil in Nicäa wurde in Glaubensbekenntnis, das berühmte Nicänum, beschlossen, dem eine beispielgebende Verdammungsklausel angefügt war (s. hier).

Die in den o. g. Dokumenten aus der jüngeren Geschichte des Christentums ungeschminkt zum Ausdruck kommende christliche Selbstgerechtigkeit und Intoleranz ist bis heute fundamentaler Bestandteil der Lehren der römischen Konfession, die leider immer noch einem großen Teil der Menschheit zugemutet werden.

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"Geschichtsreligion" Christentum – Nährboden des Fanatismus?

Nach Auffassung des Theologen und Pädagogen Gustav Wyneken (1875-1964) ist das Christentum eine "Geschichtsreligion". Ein spezifisches Merkmal dieser Religionsform bestehe darin, dass ein entscheidendes geschichtliches Ereignis, mit dem "Charakter einer von der Gottheit ausgehenden »Offenbarung«", zum zentralen Inhalt des »Glaubens« werde.

Um den dauerhaften Bestand dieses zentralen Glaubensinhaltes zu gewährleisten, wird er festgeschrieben, d. h. in Dogmen gefasst, von einer mächtigen Institution beschlossen und als »Glaubenswahrheit« verkündet. Diese Institution, die vorgibt im Auftrag und mit Vollmacht der Gottheit zu handeln, wacht in der Folge darüber, dass die »Glaubenswahrheit« unverändert überliefert wird. Von den »Gläubigen« wird blinder Gehorsam gefordert. Gustav Wyneken zieht daraus folgenden Schluss:

"…, und eben weil dieser Glaube letzten Endes ein der Autorität geleisteter Gehorsam ist, kann der »Zweifel«, d. h. das kritische Bedürfnis, der Widerspruch der Vernunft, der kategorische Imperativ der Wahrheit nie befriedigt, sondern nur verdrängt werden. Der verdrängte »Zweifel«, das latente schlechte Gewissen, sie rächen sich, indem sie den Unglauben, den sie sich selber nicht gestatten, bei anderen verfolgen. Es ist das die bequemste Weise, sich den eigenen Glauben zu bestätigen. Es ist aber auch zugleich eine Aktion des Neides auf die Freiheit."

Anmerkung
Schon in einem frühen Entwicklungsstadium des Christentums hat sich m. E. die Autorität, die den Gehorsam einfordert, von der Gottheit zur Institution, zur Kirche, verschoben. Es gibt christliche Konfessionen, bei denen dieser Zustand bis heute andauert, und zwar nicht zuletzt deshalb, weil ein großer "Heiliger", der "Kirchenlehrer Augustinus" (354-430), durch eine vielzitierte Feststellung dazu anregte: »Ich würde dem Evangelium keinen Glauben schenken, wenn mich die Autorität der Kirche nicht dazu bewöge«.

Gustav Wyneken identifiziert eine weitere plausible Ursache für den »Zweifel«. Sie ergibt sich für ihn aus den Eigenschaften "historischer Fakten":

"Eben weil historische Fakten immer höchst unsicher, unbeweisbar und grundsätzlich nicht nachprüfbar sind, kann der Zweifel an dieser Grundlage des Glaubens nie verstummen."

Er beschreibt darüber hinaus einen vielleicht noch gewichtigeren, einen "pathologischen" Charakterzug der "Geschichtsreligionen", den Fanatismus:

"»Credo quia absurdum est« – ich glaube es, eben weil es unsinnig ist –, ein berühmtes Wort unbekannten Ursprungs, mit dem der Charakter urchristlicher Gläubigkeit gekennzeichnet werden soll, einer Gläubigkeit, die nicht auf Überzeugung, sondern auf Willensentscheidung für einen Gehorsam beruht und die also die Frage nach der Wahrheit ausschaltet. Dann muss der Wille die Stimme von Vernunft und Wahrhaftigkeit überschreien, Gründe ersetzen durch Motive und Bedürfnisse und das letzte Opfer des Intellekts bringen, den Selbstmord des Denkens. Diese pathologische Ausartung der Religion nennen wir Fanatismus und werden es nun verstehen, warum dieser in besonderer Weise die Geschichtsreligionen befällt."

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Das Streben nach »ewigem Seelenheil« und seine Folgen
Weil die Theologen heute, insbesondere in ihrer Rolle als Seelsorger "vor Ort", biblische Texte ausgesprochen selektiv benutzen, sind viele Bibelstellen, die ein großes Potential an psychischem Schrecken enthalten, kaum noch bekannt. Genau diese dienten früher den kirchlichen Machthabern, aus naheliegenden Motiven, zur Disziplinierung und Ausbeutung ihrer "Schäfchen". Man denke nur an die perfide Einschüchterungs-Strategie der mittelalterlichen Ablasshändler etc.

Heute wird von den Theologen meist verbreitet, dass »Gott« das »Seelenheil« jedes einzelnen Menschen im Auge habe. Dabei gibt es verschiedene Bibelstellen, die ganz klar nur einer begrenzten Zahl von »Auserwählten« die »Seligkeit« versprechen. Im Folgenden werden zwei der eher harmloseren Stellen zitiert.

In dem als echt geltenden Brief des Paulus an die Philipper steht im Kap. 2, in den Versen 12 - 13:

»12 […] - schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern.
13 Denn Gott ist's, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.«

Und im Matthäusevangelium heißt es im Kap. 22, Vers 14:

»14 Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.«

«Gott» erscheint hier – und nicht nur hier – als (orientalischer) Despot, der nichts dabei findet, Menschen in "Furcht und Zittern" zu versetzen und seine Gunst ganz "nach seinem Wohlgefallen", also nach Belieben, zuzuteilen. Wahrscheinlich haben Bibelstellen, wie diese, Schreckensgestalten wie Augustinus (354-430) oder, mehr als ein Jahrtausend später, Calvin (1509-1564) dazu inspiriert, u. a. die unsägliche Lehre von der »Prädestination« zu entwickeln. Für die Gläubigen brachte diese Lehre verstörende Gefühle des Ausgeliefertseins und der Verunsicherung mit sich. Beste Voraussetzungen für die Kirchen, die Menschen mit Heils- und Erlösungsversprechen an sich zu binden. Die allerletzte Gewissheit erlangten sie zwar nicht, aber als »Kirchgläubige« konnten sie sich immerhin als "Kandidaten" für die Anwartschaft auf das »ewige Seelenheil« verstehen, deren "Kandidatur" von der Kirche befürwortet wurde. In einer Situation, in der die Kirchen das »ewige Seelenheil« als das höchste aller erstrebenswerten Güter anpreisen konnten, entwickelte sich bei den "Kandidaten" eine zunehmend egoistischere Haltung.

Der Philosoph Walter Kaufmann (1921-1980) verweist in seinem Buch Der Glaube eines Ketzers, im Zusammenhang mit der Analyse überlieferter Texte, auf die Ursachen dieser Entwicklung:

"Im Neuen Testament […] steht die alles überschattende Sorge des einzelnen um sein ewiges Glück – um sein Seelenheil – im Mittelpunkt und bestimmt die ganze Atmosphäre. […]

Der Jesus der Evangelien […] appelliert an die Selbstsucht des einzelnen."

Walter Kaufmann bezieht sich in diesem Zusammenhang auch auf den Theologen Ernst Troeltsch (1865-1923) und zitiert aus dessen Buch Die Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen:

"Er übertreibt nicht, wenn er die sittlichen Lehren Jesu, wie sie in den Evangelien niedergelegt sind, als »unbegrenzten und unbedingten Individualismus« bezeichnet."

So wird nachvollziehbar, dass die "Heils-Kandidaten" auf alles, was den Erfolg ihrer "Kandidatur" gefährden konnte, aggressiv und rücksichtslos reagierten. Jede mögliche Gefährdung, z. B. durch die von Andersdenkenden ausgelösten eigenen Zweifel, war geeignet, »Nächstenliebe« oder gar »Feindesliebe« außer Kraft zu setzen und denkbare Kompromisse unmöglich zu machen – ein ausgezeichneter Nährboden für christliche Selbstgerechtigkeit und Intoleranz.

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Ausgewählte Fehlentwicklungen im Christentum

Die Geschichte des Christentums liefert deutliche Hinweise auf gravierende Fehlentwicklungen. Näheres Hinsehen führt sehr schnell zur Erkenntnis, dass es sich dabei nicht um zufällige Erscheinungen handelt, sondern um die logische Folge aus "Geburtsfehlern" dieser Religion. Es seien hier nur folgende genannt:

  • Die Geringachtung der diesseitigen Lebensumstände und, im Gegensatz dazu, die Überbetonung des »Seelenheils« im Jenseits.

  • Das völlige Fehlen einer neuen, einer "christlichen" Ethik (s. auch Menüpunkt Jesus).

Ursache dieser "Geburtsfehler" war die ursprünglich von Paulus vertretene und dann auch von den Schreibern der Evangelien dem biblischen Jesus in den Mund gelegte Glaubensmeinung, dass das Kommen des »Reiches Gottes« nahe bevorstünde. Sie suggerierten ihren Zuhörern und Lesern sogar, dass einige von ihnen dieses Großereignnis noch erleben würden. Auf diesem Hintergrund waren z. B. soziale Fragen, die sich aufgrund der unmenschlichen Verhältnisse in der spätantiken Gesellschaft stellten, gänzlich uninteressant. Dass sich diese »Naherwartung« schließlich als Illusion erwies, brachte die frühen Christen nicht nur in Verlegenheit, sondern offenbarte die Tatsache, dass diese Religion u. a. für eine angemessene (Neu-)Gestaltung der Lebensumstände der leidenden Mehrheit der damaligen Gesellschaft nicht gerüstet war.

Mit dem Ausbleiben des »Reiches Gottes« war die "Geschäftsgrundlage" der neuen Religion eigentlich entfallen. Erschwerend kam hinzu, dass die Glaubwürdigkeit des (unfreiwilligen) Religionsstifters, dem bekanntlich göttliche Allwissenheit zugeschrieben wurde, erheblich gelitten hatte. Die Selbstauflösung wäre eine naheliegende Konsequenz daraus gewesen. Tatsächlich hat sich das frühe Christentum jedoch, spätestens nach "Konstantins Umarmung" bzw. nach der »Konstantinischen Wende«, mit den vorherrschenden Verhältnissen skrupellos arrangiert.

Der Theologe Martin Werner (1887-1964) wies darauf hin, dass es in den Anfängen des Christentums durchaus so etwas wie eine "gehaltreiche Individualethik" gegeben habe, die aber "im Erlahmen der Naherwartung infolge der andauernden Parusieverzögerung verloren gegangen" sei. Ich denke, dass es neben den weitgehend unethisch handelnden führenden Köpfen in den kirchlichen Hierarchien stets auch einzelne Christen gab, die ihre "Individualethik" vorbildhaft von Generation zu Generation weitergaben.

Dennoch, auch wenn die Vertreter des organisierten Christentums uns noch immer, mehr oder weniger direkt, glauben machen wollen, dass das Christentum für das Vorhandensein ethischer Normen in der heutigen Gesellschaft verantwortlich sei, die historischen Fakten sprechen dagegen.

Zu einigen Fehlentwicklungen des Christentums und seiner Kirchen finden sich in der einschlägigen Literatur prägnante zusammenfassende Bewertungen:

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Christentum und Wahrheitsliebe
Schon die historisch-kritische Analyse der Erstellung und Überlieferung der im Neuen Testament gesammelten Texte offenbarte bei den frühen Christen einen erschreckenden Mangel an Wahrhaftigkeit (s. oben). Dasselbe gilt für den Prozess der Dogmenentwicklung (s. hier). Grundsätzlich gab und gibt es wohl kaum ein Handlungsfeld des organisierten Christentums, das von diesem Mangel nicht betroffen wäre.

Der Theologe Franz Overbeck (1837-1905) äußerte sich in seinem Buch Christentum und Kultur über die "Ehrlichkeit" im organisierten Christentum:

"Das Christentum, wenigstens in seiner kirchlichen Form, hat die Anforderungen an Ehrlichkeit wahrscheinlich ebenso gesteigert, als es ihr tatsächliches Vorhandensein unter Menschen gemindert hat."

Der Theologe und Pädagoge Gustav Wyneken (1875-1964) kam zu einer ähnlich kritischen Einschätzung der "Wahrheitsliebe" der Christen:

"Der Mangel an Wahrheitssinn begleitet dann die ganze Geschichte des Christentums. Diese Religion, die den Völkern »die Wahrheit« bringen wollte, hat in einem beispiellosen Ausmaß mit Lüge und Betrug gearbeitet. [...]

Wir hören doch immer, dass das Christentum die Moral der antiken Welt verbessert, vertieft und veredelt, dass es der Welt eine neue, höhere Moral gebracht habe - auf die Wahrheitsliebe hat sich diese Verbesserung offenbar nicht erstreckt."

Für Wilhelm Nestle (1865-1959), der in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts mit seinem Buch Die Krisis des Christentums ein grundlegendes Werk der Christentums-Kritik verfasste, war die "Unwahrhaftigkeit der Christen" ein zentrales Thema:

"Dadurch, dass alle Kirchen nun fast 2000 Jahre lang viel mehr Gewicht auf den rechten Glauben (im Sinne ihrer »Bekenntnisse«) als auf das rechte Leben und Handeln ihrer Gemeindeglieder legten, haben sie den Zustand geschaffen, der heute unser religiöses Leben verwirrt und vergiftet und eine unerhörte Unwahrhaftigkeit der »Christen« im Denken und Handeln bewirkt hat."

Anmerkung
Eine eindrucksvolle Bestätigung des von Nestle kritisierten Verhaltens der Kirchen bot erst kürzlich die römische Konfession mit der 'Maßregelung' des Befreiungstheologen Jon Sobrino aus El Salvador. (s. hier)

Zu einer ähnlichen Erkenntnis war wohl auch der Verfasser des folgenden Liedtextes gelangt (Vers 1):

"Ich träume eine Kirche, in der kein Mensch mehr lügt, wo niemand einen andern in falscher Hoffnung wiegt. Ich träume eine Kirche, die wahr ist und gerecht. Wir alle sind nun Freie und niemand Herr und Knecht."

Text: Dieter Stork. © tvd-Verlag, Düsseldorf

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Das organisierte Christentum – "Hauptfeind des moralischen Fortschritts"?

Der reformierte Theologe Martin Werner (1887-1964) reflektiert in seinem Buch Die Entstehung des christlichen Dogmas die Entwicklung des frühen Christentums unter ethischen Aspekten. Er bezieht sich dabei insbesondere auf die Fehlentwicklungen dieser neuen Religion im Zeitraum von der Konstantinischen Wende bis zum 6. Jahrhundert und die aus ihnen resultierenden negativen Wirkungen auf die weitere Zukunft des Christentums. Er stellt fest, dass das damalige "theologisch-kirchliche Denken in der Behandlung seiner vielfach ohnehin falsch gestellten dogmatischen Fragen" zunehmend "die Orientierung an der Idee der Wahrhaftigkeit" verlor. Dies ist für ihn die erste Katastrophe. Er fährt dann fort:

"Die zweite Katastrophe ist das Versagen des Kirchenchristentums gegenüber der seit Kaiser Konstantin gestellten Aufgabe, in Auswertung seiner neuen privilegierten Stellung innerhalb des Imperiums die allgemeinen gesellschaftlichen Zustände und Ordnungen mit neuen geistigen Kräften zu durchdringen und auf ihre Gesundung hinzuwirken. Hier erweist sich, dass die Erlösungslehre dieser sakramentalen Mysterienreligion selber in die abgelebte Mentalität der Spätantike verstrickt ist. Die Kirche wird jetzt unverhofft reich und mächtig, sie verteilt massenhaft Almosen. Allein durch den kirchlichen Almosenbetrieb entsteht keine bessere soziale Ordnung, und die Kirche sieht hier weithin kein Problem. Die Almosenverteilung wird ein wirksames Werbemittel zur Massenbekehrung der »Heiden«. Auch der Almosenspender kommt auf seine Rechnung des ewigen Heils. Vorab die Bischöfe der großen Zentren wie Alexandrien, Rom, Konstantinopel und Antiochien führen das herrschaftliche Leben eines Staatswürdenträgers, halten Hof und Gefolge. Die reichsten und mächtigsten Kirchenfürsten, die Metropoliten und Patriarchen, spielen politisch eine Rolle, rivalisieren und intrigieren gegeneinander.

[...] Dass von diesem verweltlichten Klerus eine bemerkenswerte versittlichende Wirkung auf die wachsenden Massen der Kirchengläubigen oder gar auf die noch bestehende heidnische Gesellschaft ausgehen könnte, ist nicht zu erwarten. Es ist auch nicht geschehen. Unvermeidlich folgt der Verweltlichung des Priestertums die Verweltlichung der Gläubigen."

Die dritte Katastrophe folgte für Martin Werner aus der Tatsache, das dem frühen Christentum "eine christliche Gesellschaftsethik fehlte", was fast zwangsläufig dazu führte, dass es die vorhandenen "antik-griechischen Gesellschaftslehren" übernahm. Diesem Vorgang schreibt er verheerende Folgen - mit Langzeitwirkung - für die Gesellschaften im christlichen Einflussbereich zu:

"Das war ein folgenschwerer Vorgang: So konnte die feudalständische Gesellschaftsordnung des Mittelalters entstehen mit ihrer Knechtung und Ausbeutung des niederständischen Volkes durch ungleiche Verteilung von Rechten, Pflichten und Lasten unter die verschiedenen Gesellschaftsklassen, Leibeigenschaft, Sklaverei, Krieg und unmenschlich massive Justiz einer immer absolutistischer werdenden Staats- und Kirchenmacht, deren Repräsentanten, zuhöchst Kaiser und Papst, sich als irdische Stellvertreter des obersten Himmelsherrn zu jenen vernichtenden Gewaltmethoden autorisieren ließen, mit welchen der eschatologische Christus der johanneischen Apokalypse gegen allen Widerstand die neue Weltordnung kreiert. Diese mittelalterliche Barbarei war nicht die Barbarei des urwüchsigen, noch unkultivierten Germanen, sondern allererst eine Barbarei des mittelalterlichen Kirchenchristentums. Ihr haben wir schließlich das neuzeitliche Aufkommen des gegen alle Kirchlichkeit protestierenden atheistischen Marxismus zu verdanken, der alsdann auf dem hierzu wohl vorbereiteten Boden des christlichen byzantinischen Ostens sich zum System einer schlechthin totalitären, auf Entmenschlichung des Menschen ausgehenden Weltherrschaftspolitik radikalisierte.

[...] Adolf von Harnack hat das spätantike Ergebnis dieser Entwicklung folgendermaßen formuliert: »An der Dekomposition der Gesellschaft hat das Christentum selbst aufs kräftigste mitgearbeitet; aber es ist dann nicht fähig gewesen, die Massen emporzuheben und eine christliche Gesellschaft – in dem bescheidensten Sinn dieses Wortes – zu bilden, sondern es hat den Bedürfnissen und Wünschen der Massen eine Konzession nach der andern gemacht.«

[...] In dieser Entwicklung vermag das kirchliche Christentum das Heidentum der Umwelt nicht wahrhaft zu überwinden. Es nimmt dieses vielmehr in sich auf und verfällt ihm selber."

Im Folgenden beschreibt Martin Werner (1887-1964) einen Entwicklungsprozess des frühen Christentums, dessen Auswirkungen in einigen christlichen Konfessionen bis in unsere Gegenwart andauern:

"Es mehren sich die materiellen handgreiflichen Mittel, die dazu dienen sollen, das Göttliche irdisch greifbar und genießbar, benützbar zu machen. Die Paganisierung des Christentums manifestiert sich im zunehmenden massiven und kritiklosen Wunderglauben, ferner in der mit dem 4. Jahrhundert stoßweise und lawinenartig hereinbrechenden Heiligen- und Reliquienverehrung. Seit dem Zeitalter Konstantins wird sie zu einer Epidemie. Den Anstoß gibt der Kult der in den letzten großen Verfolgungen gefallenen Märtyrer. Im Reliquienkult lebt mitten in der christlichen Kirche das heidnische Fetisch- und Amulettwesen auf.

Dieses paganisierte spätantike Christentum vermochte sich im Osten, soweit es dem Druck des Islam nicht völlig erlegen ist, großenteils nur in archaistischen Trümmerformen zu erhalten, die seither geistig für die Welt wenig oder nichts mehr zu bedeuten hatten. Man muss dem Urteil Recht geben: das spätantike Kirchenchristentum hat die spätantike Welt weder gerettet noch erneuert. Es hat sie ruinieren helfen."

Martin Werner lässt in seiner Darstellung der katastrophalen Fehlentwicklung im spätantiken Christentum an dieser Stelle erneut den Theologen Adolf von Harnack (1851-1930) zu Wort kommen:

"»Der Islam, der über diese Gebilde im Sturm gefahren ist, war ein wirklicher Retter; denn trotz seiner Dürftigkeit und Öde war er eine geistigere Macht als die christliche Religion, die im Orient nahezu die Religion des Amuletts, des Fetischs und der Zauberei geworden ist, über denen das dogmatische Gespenst, Jesus Christus, schwebt.«

Auch respektable Theologengestalten, wie Basilius von Cäsarea, Gregor von Nazianz und Gregor von Nyssa, die drei großen Kappadokier, und andere, die aus den Niederungen der Kirchlichkeit ihrer Zeit emporragen, haben diesen Gang der Dinge nicht zu ändern vermocht, weil sie doch schließlich das System selbst nicht durchbrachen. Dem östlichen Christentum war alsdann nach der Jahrtausendwende im slawisch-russischen Bereich eine neue Entwicklung beschieden, die jedoch die Nachwirkungen des spätantiken Verfalls nicht zu überwinden vermochte."

Die Wirkungen des von Martin Werner beschriebenen Niedergangs des frühen Christentums sind m. E., bei näherer Betrachtung, noch heute zu spüren. Zu einer ähnlichen Einschätzung ist wohl der britische Philosoph Bertrand Russel (1872-1970) in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts gelangt. In seinem Essay Warum ich kein Christ bin bewertete er die Wirkungen des organisierten Christentums auf die moralischen Aspekte gesellschaftlichen Zusammenlebens deutlich negativ:

"Wenn man sich auf der Welt umsieht, so muss man feststellen, dass jedes bisschen Fortschritt im humanen Empfinden, jede Verbesserung der Strafgesetze, jede Maßnahme zur Verminderung der Kriege, jeder Schritt zur besseren Behandlung der farbigen Rassen oder jede Milderung der Sklaverei und jeder moralische Fortschritt auf der Erde durchweg von den organisierten Kirchen der Welt bekämpft wurde. Ich sage mit vollster Überlegung, dass die in ihren Kirchen organisierte christliche Religion der Hauptfeind des moralischen Fortschritts in der Welt war und ist." (S. 32)

Unter den vom Philosophen Norbert Hoerster (*1937) 1984 herausgegeben Texten zur Religionskritik befindet sich auch ein Originalbeitrag von Karlheinz Deschner (1924-2014) mit dem Titel Die unheilvollen Auswirkungen des Christentums. Das, was er im Resümee, in den letzten Zeilen seines Beitrages, formulierte, liest sich wie eine uneingeschränkte Bestätigung der Einschätzung Bertrand Russels. Interessant dabei ist die Tatsache, dass sich Deschner auf einen bekannten protestantischen Theologen des 20. Jahrhunderts, auf Martin Dibelius (1883-1947), beziehen konnte, der sich ansonsten nicht gerade als Christentums-Kritiker hervorgetan hatte:

"Zwar scheute Papst Leo XIII. 1885 in seiner Enzyklika Immortale Dei die Behauptung nicht: »Alles, was die persönliche Würde des Menschen fördert, was die Rechtsgleichheit unter den einzelnen Bürgern erhält, das alles hat die katholische Kirche ins Leben gerufen, begünstigt und stets geschützt.« Doch wahr ist das Gegenteil. Wahr ist, dass alle sozialen Erleichterungen der Neuzeit nicht durch die Kirche, sondern gegen sie geschaffen wurden. Dass die Menschheit fast alle humaneren Formen und Gesetze des Zusammenlebens verantwortungsbewussten außerkirchlichen Kräften verdankt. Dass die Kirche, wie nicht ein Gegner des Christentums, sondern der bedeutende protestantische Theologe Martin Dibelius schreibt, stets die »Leibwache von Despotismus und Kapitalismus« gewesen ist. »Darum waren alle«, wie der christliche Gelehrte bekennt, »die eine Verbesserung der Zustände dieser Welt wünschten, genötigt, gegen das Christentum zu kämpfen«."

Anmerkung
Die oben zitierte Behauptung des Papstes Leo XIII. klingt schon in den Ohren derjenigen wie Hohn, die sich nur in bescheidenem Umfang mit der Geschichte des Christentums und seiner Kirchen befasst haben. Sie bestätigt einmal mehr, welch gespanntes Verhältnis christliche Kirchenführer zur Wahrheitsliebe hatten. Manches spricht dafür, dass sich dieses Verhältnis bis heute nicht grundlegend verbessert hat.

Albert Schweitzer (1875-1965) geht nicht so weit, wie Bertrand Russel, zu behaupten, die negative Wirkung der Kirchen bzw. der von ihnen vertretenen christlichen Religion auf den "moralischen Fortschritt" dauere bis in die Gegenwart an (für Russel: fünfziger Jahre des 20. Jh.). Es ist jedoch bemerkenswert, dass er dem organisierten Christentum bescheinigt, erst durch die humanistischen Ideen der Aufklärung genötigt worden zu sein, "den Kampf um die Menschlichkeit zu unternehmen" (s. rechte Spalte).

In seinem Buch Die Frage nach Gott bemüht sich der Philosoph Norbert Hoerster (*1937), im Gegensatz zu den oben zitierten harschen Kritikern, um ein eher ausgewogenes Urteil:

"Mit Sicherheit hat das Christentum in seiner Geschichte neben negativen auch positive Auswirkungen auf eine humane Moral gehabt. Man denke an die karitativen Einrichtungen, die Christen im Vertrauen auf Matthäus 5, 7 («Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.») gegründet oder unterstützt haben. Es wäre wohl vermessen, im Sinne einer Gesamtbilanz als selbstverständlich zu behaupten, die negativen Auswirkungen wögen schwerer. Diese Warnung geht jedoch in beide Richtungen. Man sollte gewiss auch nicht als selbstverständlich behaupten, die positiven Auswirkungen wögen schwerer."

Zieht man u. a. die, der "christlichen Moral" häufig zugrunde liegenden, zweifelhaften, weil von Eigennutz geprägten, Motive in Betracht, so ist die Möglichkeit, zu einem ausgewogenen Urteil zu gelangen, m. E. eher unwahrscheinlich: Zu schwer wiegen die unfassbaren Verfehlungen des organisierten Christentums.

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Beitrag führender Köpfe der alten Kirche "zur Verwirrung einer Zivilisation"

Der Philosoph Peter Sloterdijk (*1947) kommt in seinem Buch Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen zu einer weniger ausgewogenen Bewertung. Er leitet sie her aus den "Wirkungen des Kirchenlehrers Aurelius Augustinus" (354-430), der bekanntlich u. a. die Lehren von der Prädestination und von der Erbsünde entwickelte. Nach Sloterdijks Einschätzung darf Augustinus "das Privileg in Anspruch nehmen, mehr als jeder andere einzelne Gläubige, Paulus ausgenommen, zur Verwirrung, ja Neurotisierung einer Zivilisation beigetragen zu haben." Er fährt dann fort:

"Unter dieser Diagnose wären keineswegs nur die sexualpathologischen Verzerrungen abzuhandeln, die über anderthalb Jahrtausende den christlichen Lebensformen aufgezwungen waren. Als noch verhängnisvoller erwiesen sich die Wirkungen der von Augustinus gelehrten Prädestinationsmetaphysik: Bei näherer Betrachtung enthüllt sich diese als das abgründigste System des Schreckens, das die Geschichte der Religionen kennt. [...]

Um die befremdliche Doktrin des Theologen gerechter zu würdigen, dürfte es nützlich sein, sich bewusst zu machen, in welcher Weise alle großen Religionen an einer Ökonomie der Grausamkeit teilhaben. Ihr Einsatz besteht darin, die Gesamtbilanz des Grausamen in der Welt zu senken, indem sie die Gläubigen dazu bringen, ein gewisses Maß hiervon freiwillig auf sich zu nehmen, um größere unfreiwillige Schrecken zu vermeiden oder zurückzudrängen."

Sloterdijk weist darauf hin, dass sich das frühe Christentum daher u. a. gegen die "römische Grausamkeitskultur" wandte, was insbesondere in seinem "Widerstand gegen die verrohenden Gladiatorenspiele" zum Ausdruck kam. Welchen Einfluss Augustinus in diesem Zusammenhang ausübte, fasst Sloterdijk so zusammen:

"Augustinus intensivierte diesen Widerstand, wenn er die Milderung der menschlichen Sitten durch die Androhung eines Maximums an jenseitiger Grausamkeit erlangen wollte. Bei dieser Operation erlag er der Gefahr, über das Ziel hinauszuschießen: Mit seinem unerbittlichen theologischen Absolutismus übersteigerte der folgenreichste unter den Kirchenvätern das diabolische Moment in Gott bis zum sakralen Terrorismus. Daher darf man sagen, das augustinische Christentum habe sich als Opfer einer fatalen Verlustrechnung erwiesen. Weil sich der metaphysische Schrecken unweigerlich in psychischen und schließlich auch physischen übersetzt, hat die gnadenlose Gnadentheorie Augustins dazu beigetragen, dass die Bilanz der Grausamkeit für die christianisierte Welt durch das Evangelium eher höher ausfiel, statt zu sinken. In diesem Sinn haben die Kritiker des Christentums den sensiblen Punkt getroffen, wenn sie sagen, es habe oft selbst das Übel geschürt, von dem es dann die Erlösung anbot."

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Die Kirche – "erste Lehrmeisterin des totalen Staates"?

Ernst Topitsch
(1919-2003) setzte sich in seinem 1969 erschienenen Buch Mythos ∙ Philosophie ∙ Politik – Zur Naturgeschichte der Illusion u. a. mit der möglichen Verbindung zwischen dem Verhalten antichristlicher totalitärer Systeme (Faschismus, Sowjetkommunismus) und der "Tradition kirchlicher Herrschaftsformen und Herrschaftsansprüche" auseinander. Er bezog sich dabei auf Überlegungen des reformierten Theologen Emil Brunner (1889-1966) "über diese Zusammenhänge zwischen hierokratischem und totalitärem Denken":

»Die Kirche, die sich heute über ihre Vergewaltigung durch den totalen Staat mit Recht beklagt, sollte nie vergessen, dass sie zuerst es war, die dem Staat das schlechte Beispiel der Gewissensvergewaltigung gab, indem sie mit staatlicher Macht das sicherstellen wollte, was nur freier Entscheidung entspringen kann. Die Kirche sollte sich zu ihrer Beschämung stets daran erinnern lassen, dass sie fast in allen Stücken die erste Lehrmeisterin des totalen Staates war.«

Schon bei flüchtigem Hinsehen lässt sich leicht feststellen, dass – von den großen Konfessionen – vor allem die römische bis heute das Amt dieser besonderen "Lehrmeisterin" unbeirrt weiter ausübt.

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Wie wurde die Kirche zur "ersten Lehrmeisterin des totalen Staates"?

Parallel zur Wandlung der Vorstellungen von Jesus – vom "zu Gott erhobenen Menschen zu der von dem zum Menschen gewordenen Gott" (s. hier) – vollzog sich die "Umwandlung der freien Brüdergemeinde in eine hierarchische Organisation". Erich Fromm (1900-1980) thematisierte diese Zusammenhänge in seinem Essay Das Christusdogma und untersuchte, wie es dazu kam, dass das frühe Christentum "zum Spiegelbild der absolutistischen Monarchie des römischen Imperiums" wurde. Das Ergebnis seiner Analyse klingt plausibel:

"Das Christentum, das die Religion einer Gemeinschaft gleicher Brüder war, ohne Hierarchie und Bürokratie, wird zur Kirche, zum Spiegelbild der absolutistischen Monarchie des römischen Imperiums. Fehlte im ersten christlichen Jahrhundert noch ganz eine fest umgrenzte äußere Autorität in den Gemeinden, die entsprechend auf Selbständigkeit und Freiheit des einzelnen Christen in Bezug auf Glaubensdinge aufgebaut waren, so ist das zweite Jahrhundert schon charakterisiert durch die allmähliche Ausbildung eines kirchlichen Verbandes mit autoritativen Führern und dementsprechend durch die Etablierung einer kirchlich-wissenschaftlichen Glaubenslehre, der sich der einzelne Christ zu unterwerfen hatte. Ursprünglich war es nicht die Kirche, sondern Gott, der Sünden vergeben konnte. Später: »Extra ecclesiam nulla salus«, die Kirche allein schützt vor der selbstsicheren Unseligkeit. Sie wird als Institution kraft ihrer Ausstattung heilig, die moralische Anstalt, die für das Heil erzieht. Diese Funktion ist an die Priester gebunden, speziell an den Episkopat, »der in seiner Einheit die Rechtmäßigkeit der Kirche garantiert und die Kompetenz der Sündenvergebung erhalten hat« (Cyprian). »Erst durch den neuen Kirchenbegriff … hat die Scheidung von Klerikern und Laien grundlegende religiöse Bedeutung erhalten. Die Gewalt, welche die Priester und Bischöfe ausübten, ist durch ihn fixiert und geheiligt worden« (A. v. Harnack). Diese Umwandlung der freien Brüdergemeinde in eine hierarchische Organisation zeigt deutlich, welche psychische Veränderung vor sich gegangen ist. Waren die ersten Christen erfüllt von Hass und Verachtung für die gebildeten Reichen und Herrschenden, kurz für alle Autoritäten, so waren die Christen vom dritten Jahrhundert an erfüllt von Verehrung, Liebe und Anhänglichkeit an die neuen Autoritäten, die Priester."

Anmerkung
Der im vorausgehenden Text enthaltene lateinische Satz »Extra ecclesiam nulla salus« lautet übersetzt: »Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil«.

Mit den oben diskutierten Veränderungen erfüllte das Christentum schließlich alle für eine Religion charakteristischen Funktionen. Bei Erich Fromm findet sich hierzu eine kurze und prägnante Zusammenfassung:

"Die Religion hat also eine dreifache Funktion: für alle Menschen die des Trostes für die allen vom Leben aufgezwungenen Versagungen, für die große Masse die der suggestiven Beeinflussung im Sinne ihres psychischen Abfindens mit ihrer Klassensituation und für die herrschende Klasse die Entlastung vom Schuldgefühl gegenüber der Not der von ihr Unterdrückten."

Während sich die politischen Herrschaftssysteme, nicht zuletzt dank der neuen Ideen der Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts, in vielen Teilen der Welt von absolutistischen zu demokratisch verfassten Systemen gewandelt haben, hat der größte Teil des organisierten Christentums, namentlich in seiner römischen Ausprägung, diesen Wandel bis heute nicht mitvollzogen.

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Das organisierte Christentum – ein Hort der Fremdbestimmung?

Albert Schweitzer (1875-1965) analysierte im Epilog seines Buches Aus meinem Leben und Denken das charakteristische Verhalten von "organisierten Gemeinschaften". Das Ergebnis seiner Analyse ist m. E. unverändert gültig:

"Die organisierten staatlichen, sozialen und religiösen Gemeinschaften unserer Zeit sind darauf aus, den Einzelnen dahin zu bringen, dass er seine Überzeugungen nicht aus eigenem Denken gewinnt, sondern sich diejenigen zu eigen macht, die sie für ihn bereithalten. Ein Mensch, der eigenes Denken hat und damit geistig ein Freier ist, ist ihnen etwas Unbequemes und Unheimliches. Er bietet nicht genügende Gewähr, dass er in der Organisation in der gewünschten Weise aufgeht. Alle Körperschaften suchen heute ihre Stärke nicht so sehr in der geistigen Wertigkeit der Ideen, die sie vertreten, und in der der Menschen, die ihnen angehören, als in der Erreichung einer höchstmöglichen Einheitlichkeit und Geschlossenheit. In dieser glauben sie die stärkste Widerstands- und Stoßkraft zu besitzen."

Dieses für die eigenständige geistige Entwicklung der beteiligten Individuen äußerst schädliche Verhalten von (Groß-)Organisationen findet, auf die "religiösen Gemeinschaften" bezogen, ihren spezifischen Ausdruck in deren Forderung blinden Gehorsams gegenüber ihren Dogmen und anderen Bestandteilen ihrer Tradition. D. h. mit dem Eintritt in die "Gemeinschaft" beginnt für das Individuum die Fremdbestimmung.

Das Verhalten der "religiösen Gemeinschaften" ist eine Folge der unkritischen Verabsolutierung ihrer geschichtlich und gesellschaftlich bedingten Weltanschauungen oder anders ausgedrückt: eine Folge ihrer Unfähigkeit zur Selbstrelativierung. Leider sind aber weder das organisierte Christentum noch irgendeine andere dieser "Gemeinschaften" gewillt, sich diese Tatsache einzugestehen.

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Schlussbemerkungen

Die bei meinen Recherchen gewonnenen Erkenntnisse über die Geschichte des Christentums und seiner Kirchen lösen bei mir immer wieder Gefühle der Bestürzung, des Entsetzens, der Trauer und der Wut aus. Eine objektive eigene Bewertung dieser "Leidensgeschichte der Menschheit" ist mir, zumindest derzeit, nicht möglich. Ich halte es daher für angemessener, abschließend ein paar überzeugende, zusammenfassende Bewertungen aus Schriften von außergewöhnlichen Theologen und Philosophen zu zitieren.

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Kirchengeschichte – geprägt von christlicher Intoleranz und Indifferenz?

Zu den vom Philosophen Norbert Hoerster (*1937) unter dem Titel Religionskritik herausgegebenen Texten gehört auch ein Beitrag des Philosophen Walter Kaufmann (1921-1980). Darin zitiert er aus einem Aufsatz des großen jüdischen Rabbiners Leo Baeck (1873-1956), der im Jahre 1939 erschienen war:

»Ein großer Teil der Kirchengeschichte ist eine Geschichte davon, durch was alles diese Frömmigkeit nicht verletzt und nicht beeinträchtigt worden ist, was sie an menschlichem Frevel, an menschlicher Niedrigkeit mit vergewisserter, ungestörter Seele und unvermindertem Glauben hat ertragen können. Und über eine geistige Art entscheidet nicht nur, was sie tut, sondern ebenso, was sie verstattet, was sie verzeiht und wozu sie schweigt. Die christliche Religion, und in ihr ganz besonders auch der Protestantismus, hat zu so vielem stille zu sein vermocht, und es ist schwer zu sagen, was im Gange der Zeiten immer verderblicher gewesen ist, die Intoleranz, die das Unrecht tat, oder die Indifferenz, die es ungestört mit anblickte.«

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Geschichte des Christentums – Leidensgeschichte der Menschheit?

Eine sehr kurze und dennoch außerordentlich treffende Beschreibung der Geschichte des Christentums stammt vom Philosophen Ludwig Feuerbach (1804-1872), die ich im 6. Kapitel seines Werkes Das Wesen des Christentums fand:

"Leiden ist das höchste Gebot des Christentums – die Geschichte des Christentums selbst die Leidensgeschichte der Menschheit."

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Hat «Gott» die Geschichte des Christentums gelenkt?

Abschließend sei hier nochmals der Theologe Franz Overbeck (1837-1905) zitiert. Das Zitat stammt aus seinem Buch Christentum und Kultur. Mir ist bei meinen Recherchen kaum eine überzeugendere aber auch kaum eine vernichtendere Bewertung des Christentums und seiner Geschichte begegnet:

"Die beste Schule, um an dem Dasein eines Gottes als Weltlenkers zu zweifeln, ist die Kirchengeschichte, vorausgesetzt, diese sei die Geschichte der von Gott in die Welt gesetzten Religion des Christentums, und es werde demnach angenommen, er habe ihre Geschichte gelenkt. Augenscheinlich hat er dies nicht getan, in der Kirchengeschichte ist nichts wunderbar, in ihr erscheint das Christentum der Welt so unbedingt preisgegeben wie nur irgendein anderes Ding, das in ihr lebt. Sofern dem Christentum auf dem Gebiet des geschichtlichen Lebens auch nicht eine der Korruptionen und Verirrungen erspart geblieben ist, denen die Dinge unterworfen sind, hält die Kirchengeschichte keine Vorstellung ferner als die eines besonderen, über der Kirche waltenden Schutzes."

Eine sehr naheliegende Schlussfolgerung aus diesen Gedanken Overbecks kann nur lauten: Die besten Schüler der Kirchengeschichte sind die Atheisten.

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Das Christentum – "noch lange relevant"?

Im Buch Der Jesus-Mythos des britischen Autors und ehemaligen katholischen Priesters Peter de Rosa (*1932) stieß ich auf ein Wort, das dem sehr nahe kommt, was mich gegen Ende meiner Beschäftigung mit der Geschichte dieser Religion bewegt:

"Es wird immer schwerer einsehbar, wie die Religion eines jüdischen Eschatologen aus dem 1. Jahrhundert noch lange relevant sein kann. Vielleicht ist sie schon wie ein ferner Stern, dessen Licht wir sehen, nachdem er längst erloschen ist."

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