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Wenn du verlernt hast zu hoffen, lehre ich dich zu wollen.

Der röm. Philosoph und Schriftsteller
Seneca (1?-65)
(gefunden bei Comte-Sponville)

Einen Wahn verlieren macht weiser, als eine Wahrheit finden.

Der Schriftsteller und Journalist
Ludwig Börne (1786-1837)

Die Meinungen, die man dir als Religion aufdrängt, abzulehnen, das eben sei deine Religion.

Der Schriftsteller
Karl Ferdinand Gutzkow (1811-1878)

Nur vom Verwandelten können Verwandlungen ausgehen.

Der dänische Philosoph und Theologe Søren Kierkegaard (1813-1855)

Weil ich auf die Kraft der Wahrheit und des Geistes vertraue, glaube ich an die Zukunft der Menschheit. Ethische Welt- und Lebensbejahung enthält optimistisches Wollen und Hoffen unverlierbar in sich. Darum fürchtet sie sich nicht davor, die trübe Wirklichkeit so zu sehen, wie sie ist.

Der Arzt und Theologe
Albert Schweitzer (1875-1965)

Alles, was die Menschheit auf geistigem und materiellem Gebiet jemals erreichte, verdankt sie den Zerstörern von Illusionen und denen, die nach der Wirklichkeit suchen.

Die großen Feinde der Menschheit sind die, welche die anderen eingeschläfert haben, wobei es keine Rolle spielt, ob ihr Schlaftrunk die Verehrung Gottes oder die des Goldenen Kalbes ist.

Der deutsch-amerik. Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe
Erich Fromm (1900-1980)
(Jenseits der Illusionen)

Die bedrohlichen Krisenerscheinungen dieser Zeit können nur aufgehalten werden, wenn man allen Menschen, die sich dem Christentum für immer entfremdet haben, zu der Erkenntnis verhilft, dass diese Entfremdung sie weder der Möglichkeit noch der Verpflichtung enthebt, nach einer Sinngebung ihres Daseins zu suchen.

Der Philosoph und Schriftsteller
Gerhard Szczesny (1918-2002)

Religion ist kein notwendiger Bestandteil des menschlichen Lebens, keine unverzichtbare Dimension unseres Geistes. Ihre gesellschaftliche Bedingtheit und historische Begrenztheit zeichnen sich seit langem deutlich ab.

Der Philosoph Joachim Kahl (*1941)

Einem Dompteur gelingt es mit einem einfachen Trick, einen Elefanten zu beherrschen: Er bindet einen Fuß des kleinen Elefanten an einen großen Baum. Dieser versucht natürlich immer wieder sich zu befreien. Doch er lernt, dass dies unmöglich ist. Später, wenn der Elefant erwachsen ist, genügt es ihn mit einer Schnur an einen dünnen Ast zu binden. Er wird trotz seiner ungeheuren Kraft keinen Versuch unternehmen sich zu befreien. Auch unsere Füße befinden sich häufig in einer dünnen Schlinge und wir machen uns nicht klar, dass es nur einer mutigen Tat bedarf uns zu befreien.

Der brasil. Schriftsteller
Paulo Coelho (*1947)

Unglücklicherweise gibt es viele Bücher, die den Anspruch auf göttliche Urheberschaft erheben, jedoch gänzlich unvereinbare Forderungen an unsere Lebensweisen stellen. Konkurrierende religiöse Lehren haben unsere Welt zu Gemeinschaften mit unterschiedlichen Moralvorstellungen zertrümmert, und diese Trümmer wurden zu einem ständigen Quell des Streits unter den Menschen. [...]

Dass Religion in der Vergangenheit vielleicht irgendeine notwendige Funktion hatte, schließt nicht aus, dass sie den Aufbau einer globalen Zivilisation gegenwärtig vor die höchste Hürde stellt.

Der amerik. Philosoph und Schriftsteller
Sam Harris (*1967)
(Brief an ein christliches Land)

 
 
 

Neue Denkansätze?


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Inhalt

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Vorbemerkungen

Am Beginn meiner privaten Expedition in noch unerforschte Gebiete des Christentums entschied ich mich für zwei Leitgedanken, die mich auf dieser Reise ins Ungewisse begleiten sollten (s. hier). Der eine, "Notwendige Abschiede – auf dem Weg zu einem glaubwürdigen Christentum", verblasste unterwegs zusehends und verlor schon bald die ihm zugedachte Leitfunktion.

Ich habe, wie sich leicht feststellen lässt, intensiv in fremdem Gedankengut gewildert. Es finden sich auf dieser Website aber auch eigene Gedanken. Der zweite Leitgedanke, "Nein danke, ich denke selber!", hat seine Aufgabe also erfüllt, und er wird mich auch weiterhin begleiten. Während ich diese Zeilen niederschreibe, erinnere ich mich an ein Wort des französischen Philosophen André Comte-Sponville (*1952), das mir in diesem Zusammenhang als sehr plausibel erscheint:

"Doch man besitzt immer nur, was man erhalten und verarbeitet hat, was man durch andere und gegen sie geworden ist."

Anfangs stellte ich mir vor, der Kreis würde sich auf der letzten Etappe meiner Expedition schließen und zwar durch neue Denkansätze, die ich in der einschlägigen Literatur zu finden hoffte: Neue Denkansätze, die geeignet wären, die Zukunftsfähigkeit des Christentums zu verbessern und damit sein Überleben zu sichern. Heute stelle ich fest, dass es für mich nicht mehr nur um "Notwendige Abschiede" von Teilaspekten des Christentums geht, sondern um den Abschied vom Christentum selbst. Anders ausgedrückt: Daran mitzuwirken, wenn auch nur in sehr bescheidenem Maße, den Niedergang des (organisierten) Christentums durch geeignete Reformen zu stoppen, ist für mich kein erstrebenswertes Ziel mehr.

Ich maße mir nicht an, hier eigene neue Denkansätze zu präsentieren. Wie in anderen Teilen dieser Website will ich auch hier versuchen, in der einschlägigen Literatur aufgespürtes Gedankengut skizzenhaft darzustellen. Dabei ist mir bewusst, dass es nur für diejenigen, die sich bisher noch nicht sehr intensiv mit dem Christentum – oder möglichen weltanschaulichen Alternativen dazu – befasst haben, um neue Denkansätze handelt: Sie wurden meist schon vor Längerem erdacht und lassen sich frei zugänglichen Quellen entnehmen. Und ich bin mir auch der Tatsache bewusst, dass es sich hier lediglich um eine begrenzte, subjektive Auswahl und Darstellung handelt.

Am Schluss der Vorbemerkungen zum Hauptmenüpunkt Historisches hatte ich einige Fragen aufgeworfen, auf die sich vielleicht, wie ich hoffte, im Zuge meiner weiteren Recherchen Antworten ergeben würden. Die Fragen (die richtigen Fragen?) zielten auf zu schaffende Voraussetzungen für mögliche Reformansätze, die geeignet wären, dem Christentum eine Zukunft zu geben. Dass mir die Antworten auf diese Fragen nicht mehr so wichtig sind, dürfte mittlerweile klar geworden sein. Dennoch hätte ich nichts dagegen, wenn sich, für interessierte Leserinnen und Leser, aus dem folgenden Abschnitt Neue Denkansätze zur Reform des Christentums, zumindest ansatzweise, brauchbare Antworten ableiten ließen.

Es mag sehr verwundern, dass ich hier überhaupt noch das Christentum und seine Kirchen betreffende Reformansätze anspreche. Ich tue dies aus zwei Gründen:

  1. Die im übernächsten Abschnitt kurz angerissenen Neuen Denkansätze für "Ungläubige" werden sich, aller Voraussicht nach, leider nur langsam durchsetzen. Daher fände ich es begrüßenswert, wenn parallel zu diesem säkularen Entwicklungsprozess christentums- und kircheninterne Reformen vorangetrieben würden, z. B. durch "notwendige Abschiede" von allzu archaischen Glaubensmeinungen.

  2. Darüber hinaus macht es grundsätzlich Sinn zu wissen, was sich im Bereich des organisierten Christentums tut. Dies ist eine wichtige Voraussetzung für die Aufrechterhaltung der Gesprächsfähigkeit zwischen gesellschaftlichen Gruppen unterschiedlicher weltanschaulicher Prägungen.

Der Philosoph Joachim Kahl (*1941) formulierte einmal ein ganz ähnliches Anliegen. Nach seiner Auffassung gelte es

", auf Zwischentöne zu achten und Anknüpfungspunkte zu erkennen, damit die Perspektiven der Koexistenz und der Kooperation nicht verspielt werden."

Anmerkung
- Das Kahl-Zitat stammt aus einem Beitrag zu den EZW-TEXTEN 204/2009.

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Neue Denkansätze zur Reform des Christentums

Dass sich das Christentum und seine Kirchen in einer ernsthaften Krise befinden, ist angesichts der Vielzahl kritischer Bücher und Kommentare aus Theologie, Philosophie und Literatur der letzten Jahrzehnte nicht zu übersehen. Erst kürzlich hörte ich ein Wort, dass schlaglichtartig die ganze Misere des organisierten Christentums aufscheinen ließ. Es lautete sinngemäß: Die Kirchengebäude sind in Dörfern und Städten oft zentral gelegen, aber "im Leben der meisten Menschen sind sie zur Kulisse ohne Inhalt geworden".

Der Altphilologe Wilhelm Nestle(1865-1959) sah die Situation des Christentums und seiner Kirchen offenbar schon ganz ähnlich, als er in 1947 sein grundlegendes Werk Die Krisis des Christentums veröffentlichte.

In der Einleitung schreibt er:

"Aber ist denn das Christentum krank? Ja, es ist krank. Es leidet an einer schleichenden Krankheit, die in dem sich immer mehr erweiternden Zwiespalt zwischen seiner religiösen Vorstellungswelt und seiner geistigen Umwelt besteht."

Und die letzten Sätze seines Buches lauten:

"Ob und wann eine neue Religion der Zukunft kommen und welcher Art sie sein wird, wir wissen es nicht. Das aber wissen wir, dass das geschichtliche »Christentum« in eine schwere Krisis eingetreten ist, aus der wir nur herauskommen können, wenn die Christen wieder ehrliche Menschen werden, alle Heuchelei und alles Überlebte in der Religion abtun und allein das Wort des johanneischen Christus erfüllen: »Die Wahrheit wird euch frei machen«."

Anmerkungen
- Das im letzten Absatz von Nestle zitierte Bibelwort steht in Jh 8,32.
- Auf das Titelblatt seines Werkes setzte Nestle zwei Zitate älterer Zeitgenossen, die sich schon vor ihm über die "Religionskrisis" geäußert hatten. Das erste Zitat stammt vom Literaturwissenschaftler und Philosophen Friedrich Theodor Vischer (1807-1887), das zweite vom Theologen und Kulturphilosophen Ernst Troeltsch (1865-1923):

"Fossil ist die mythisch geübte, lebendig die rein ethische Religion."

"Die moderne Welt ist eine schwere Religionskrisis."

Der Philosoph und (ehemalige) Theologe Joachim Kahl (*1941) charakterisierte die Krise des Christentums in seinem 1968 erschienenen Buch Das Elend des Christentums so:

"Zwar wäre es zurzeit verfrüht und zu stark vereinfacht, wollte man formulieren: Das Christentum ist heute ein Leichnam, der nur noch dank der künstlichen Sauerstoffzufuhr seitens interessierter Politiker, Theologen und Kirchenfunktionäre den Anschein von Lebendigkeit zu erwecken vermag. Dennoch lässt sich der immer größer werdende Substanz- und Funktionsverlust des Christentums schwerlich übersehen."

Als Antwort auf die Krise des Christentums, die sich, rein äußerlich betrachtet, an leeren Kirchen und an stetig sinkenden Mitgliederzahlen, bei gleichzeitigem Anwachsen der Zahl der Konfessionsfreien, überdeutlich zeigt, gibt es entsprechende Überlegungen und Vorschläge, die dringend notwendige – strukturelle, vor allem aber inhaltliche – Reformen zum Ziele haben.

Ich beabsichtige im Folgenden keine systematische und umfassende Darstellung der vorhandenen Reformvorschläge auszubreiten. Dazu wäre ich auf der Basis der vergleichsweise bescheidenen Auswahl der mir vorliegenden Quellen auch gar nicht in der Lage. Vielmehr werde ich – weitestgehend unkommentiert – exemplarisch auf den vergleichsweise aktuellen Reformansatz des Theologen Klaus-Peter Jörns (*1939) hinweisen, der sich durch Vorschläge konkreter Maßnahmen auszeichnet. Danach werde ich kurz auf die eher religions-philosophischen Reformgedanken des Arztes und Theologen Albert Schweitzer (1875-1965) und auf Denkansätze des Religionssoziologen Peter L. Berger (*1929) eingehen.

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Klaus-Peter Jörns
"Notwendige Abschiede"
Das Buch Notwendige Abschiede – Auf dem Weg zu einem glaubwürdigen Christentum des evangelischen Theologen Klaus-Peter Jörns (*1939) gehörte zu den ersten christentums- bzw. kirchenkritischen Büchern, mit denen ich mich intensiver befasste. Es war in 2004 erschienen, und ich habe es wohl in 2005 gelesen. Jörns lehrte zuletzt an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Berliner Humboldt-Universität. Im Jahre 1999 erfolgte seine Emeritierung. Er gehört also zu jenen Theologen, die erst im Ruhestand die Zeit fanden sich mit ihrer Religion intensiver kritisch auseinanderzusetzen und schließlich auch den Mut aufbrachten, ihre Kritik zu veröffentlichen.

Wie oben schon festgestellt, ist Jörns für mich derjenige, der die konkretesten Vorschläge in den reformorientierten Diskurs innerhalb der protestantischen Variante des Christentums einbrachte.

Der erste Teil seines Buches trägt die Überschrift "Beschreibung der Lage". Dessen letzter Abschnitt ist mit der programmatischen Aussage "Die Grundthese: Lebendiger Glaube ist sich wandelnder Glaube" überschrieben, und er endet mit den Sätzen:

"Es sieht so aus, dass auch vieles vom gut gehüteten Bestand unserer dogmatisierten Überlieferungen zurückgelassen werden muss, damit sich der christliche Glaube heute entfalten kann. Unter diesem Aspekt wird Theologie ganz entschieden konstruktive Arbeit sein müssen."

"Notwendige Abschiede von überlieferten Glaubensvorstellungen" lautet die Überschrift des zweiten Teils seines Buches. Jörns empfiehlt darin den christlichen Kirchen "Notwendige Abschiede" von Teilaspekten der tradierten christlichen Lehre. Er kommt dabei auf acht "Abschiede", denen er jeweils ein eigenes Kapitel widmet (zitiert sind die Kapitelüberschriften):

"Abschied von der Vorstellung, das Christentum sei keine Religion wie die anderen Religionen

Abschied von der Vorstellung, die Bibel sei unabhängig von den Regeln menschlicher Wahrnehmung entstanden

Abschied von der Vorstellung, ein einzelner Kanon könne die universale Wahrnehmungsgeschichte Gottes ersetzen

Abschied von Erwählungs- und Verwerfungsvorstellungen

Abschied von der Vorstellung einer wechselseitigen Ebenbildlichkeit von Gott und Menschen

Abschied von der Herabwürdigung unserer Mitgeschöpfe

Abschied von der Vorstellung, der Tod sei »der Sünde Sold«

Abschied vom Verständnis der Hinrichtung Jesu als Sühnopfer und von dessen sakramentaler Nutzung in einer Opfermahlfeier"

Unter der Überschrift "Auf dem Weg zu einem glaubwürdigen Christentum" definiert Jörns dann im dritten Teil seines Buches "Kriterien eines glaubwürdigen Christentums". Von den insgesamt 19 Kriterien seien hier exemplarisch folgende zitiert:

"7. Ein glaubwürdiges Christentum holt Gott heraus aus den antiken Verwicklungen der Götterwelt in das System von Gewalt und Gegengewalt, in dem sich menschliches Machtstreben äußert. Gott paktiert nicht mit tödlicher Gewalt gegen Menschen und Tiere. Deshalb darf auch die Art, in der Gottes Gegenwart im Gottesdienst gefeiert wird, nicht an die Hofhaltung antiker Herrscher erinnern. Tiefgreifende Revisionen liturgischer Texte und der Gesangbücher sind nötig, die die Herrschaftssprache und ein Menschenbild entfernen, das ständig eine Sünde- und Gehorsamskultur reproduziert.

10. Jedes Dogma kann in einem glaubwürdigen Christentum prinzipiell hinterfragt und widerrufen werden – trotz aller sinnvollen theologischen Systematik, die auf Zusammenhänge achtet. Was für die Dogmatik gilt, gilt für Religionen als Glaubenssysteme auch. Sie sind »Modelle, an denen der Mensch versucht, sich selbst und die Welt zu deuten Modelle sind nicht die Wirklichkeit«. Wenn sich die Weltsicht ändert, können »auch Religionen den Mut haben, neue Modelle zu kreieren oder die alten neu zu interpretieren, weil sie sonst den Menschen mehr verbauen als ihnen einen Weg zu öffnen«. Entscheidendes Kriterium ist nicht eine absolut gesetzte Wahrheit, sondern die Authentizität der Wahrnehmungen, auf denen eine Religion aufbaut.

Anmerkung
Jörns zitiert im vorausgehenden Absatz aus einem Buch des Benediktinermönchs Willigis Jäger (*1925).

12. Dass das Christentum für Menschen glaubwürdig ist, hängt davon ab, wie Kirchen mit Christen umgehen. Wie viel liegt ihnen an der Mündigkeit und Mitverantwortung? Fragen sie nach heutigen Gottes- und Glaubenserfahrungen? Wie helfen sie Gläubigen, ihren Glauben mit Bezug auf ihre Lebenswirklichkeit angemessen reflektieren zu können? Das schließt heute ein, über die Grenzen der eigenen Konfession und Religion hinaus fragen und denken zu lernen. Suchen Theologen das Gespräch mit Nichttheologen? Räumen sie ihnen dasselbe Recht zu urteilen ein, das sie für sich selbst in Anspruch nehmen? Ein glaubwürdiges Christentum zeigt sich darin, dass Laien-Christen in den Kirchen Mitverantwortung für die Gestalt ihres Glaubens übernehmen können. Keiner muss sich einen Glauben als fertiges Gebäude aufdrängen lassen, als wäre er zeitunabhängig. […].

19. Ein glaubwürdiges Christentum nimmt ernst, dass Krieg und Frieden in der Geschichte nicht zuletzt vom Umgang mit religiösen Problemen abhängig gewesen sind. Darum muss der Staat in Europa schulischen Religionsunterricht erteilen und dabei vorrangig eine religiöse Bildung vermitteln, die der pluralistischen kulturellen Situation gerecht wird. Diese Art von Religionsunterricht muss Pflichtfach sein, wobei die im Lande vertretenen Religionen sich darin selbst darstellen können sollen. Die in Deutschland übliche Bindung des ganzen Religionsunterrichtes an einzelne Religionsgemeinschaften oder Konfessionen ist dem genannten Ziel eher hinderlich, zumal sie die Grenzen zum kirchlichen Unterricht verwischt. Dessen Aufgabe ist es, den zu einer Kirche gehörenden Kindern die Umrisse und Wurzeln der eigenen Glaubensgemeinschaft zu vermitteln und mit ihnen zu erarbeiten, was den eigenen Glauben mit anderen Religionen und Konfessionen verbindet."

Eine "ernüchternde" Tatsache, die Jörns schon in den einleitenden Kapiteln seines Buches anspricht, sei abschließend besonders erwähnt. Er stellt dort fest: "Religionsinterner Pluralismus kennzeichnet Theologie, Gemeinden und Pfarrerschaft" und "Der von den Kirchen abgewehrte Pluralismus ist in der Theologie längst Alltag". Daraus kann man wohl schlussfolgern, dass innerchristlich bzw. innerkirchlich, neben starken beharrenden Kräften, ganz unterschiedliche reformwillige Kräfte am Werk sind, die auf unterschiedlichen Bewusstseinsebenen und mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten unterwegs sind. Diese ziemlich unübersichtliche Gemengelage macht eine rasche und flächendeckende Veränderung sicher nicht einfacher.

Das wachsende Segment der evangelikalen Gruppen ist dabei noch gar nicht berücksichtigt. Reformüberlegungen sind ihnen sicherlich fremd. Und eine sich verändernde christliche Glaubenswelt um sie herum – noch weiter weg von ihrer fundamentalistischen Haltung – wird vermutlich ihr Beharrungsvermögen stärken und, im schlimmsten Fall, zu ihrer Radikalisierung führen. – Diese nicht sehr erfreuliche Perspektive wird aber vielleicht dazu beitragen, dass in Zukunft alle vernünftigen Kräfte, konfessionsfreie und konfessionsgebundene, gemeinsam eine mögliche Rückentwicklung unserer Zivilisation verhindern.

Während einer Jörns-bezogenen Internet-Recherche, wahrscheinlich in 2005, stieß ich u. a. auf eine protestantische Kirchengemeinde in Genf, die auf ihrer Web Site über einen Gesprächskreis berichtete, der sich mit den von Jörns vorgeschlagenen "Abschieden" befasste. Ich persönlich besuchte vor einigen Jahren einen Vortrags- und Diskussionsabend mit Klaus-Peter Jörns in einer evangelischen Kirchengemeinde in Rüsselsheim. Nach meiner Wahrnehmung stoßen die von Jörns vertretenen Thesen und die daraus abgeleiteten Änderungsvorschläge "an der Basis" durchaus auf Interesse, während die kirchlichen Hierarchen sie wohl weitgehend ignorieren.

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Albert Schweitzer – "Weltanschauung/Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben"
In den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts spielte Albert Schweitzer (1875-1965), nach meiner Erinnerung, im allgemeinen Bewusstsein eine wichtige Rolle. Der "Arzt von Lambarene" oder "Der Urwalddoktor" waren gängige Begriffe in den Medien und in der Umgangssprache. Anfang der 1950er Jahre ging ein Lehrer mit meiner damaligen Klasse ins Kino. Wir sahen einen Film über das Leben Albert Schweitzers. Es muss der Spielfilm "Es ist Mitternacht, Dr. Schweitzer" von 1952 gewesen sein. Ich erinnere mich auch daran, dass uns einige Jahre später ein Lehrer die Frage stellte, welche "Vorbilder" wir hätten. Die meisten Nennungen entfielen auf Albert Schweitzer. Und unser damaliger Musiklehrer erzählte einmal stolz, er habe als Student Albert Schweitzer bei einem Orgelkonzert im Straßburger Münster die Noten umblättern dürfen.

In meinem eigenen Bewusstsein spielte Albert Schweitzer nach der Schulzeit für einige Jahrzehnte keine herausgehobene Rolle. Erst durch meine Recherchen im Zusammenhang mit der Frage nach der Geschichtlichkeit Jesu (s. hier) stieß ich – zwangsläufig – auf das von ihm in 1906 veröffentlichte theologische Standard-Werk Geschichte der Leben-Jesu-Forschung. Ich wusste zwar schon vorher, dass er bereits Theologe war, als er sein Medizinstudium begann, in meinem Bewusstsein war er aber stets der in Lambarene praktizierende Mediziner und die Symbolfigur für aktiv geübte Mitmenschlichkeit. Heute weiß ich, dass er nicht nur in den Fächern Theologie und Medizin, sondern auch in Philosophie promoviert hat. Und mir ist auch wieder bewusst geworden, dass ihm 1952 der Friedensnobelpreis zuerkannt (und 1953 verliehen) worden war.

Um mehr über Leben und Werk Schweitzers zu erfahren, las ich seine in 1931 erschienene autobiografische Schrift Aus meinem Leben und Denken und kam erstmals mit dem in Berührung, was Schweitzer selbst die "Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben" oder die "Weltanschauung der Ehrfurcht vor dem Leben" nannte. Ich war erstaunt, dass ich bis dahin weder etwas darüber gelesen noch davon gehört hatte. Offensichtlich wurde diese von ihm formulierte Idee in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, und auch in der mir verfügbaren theologischen Literatur fand ich keinen Hinweis darauf. Es mag daran liegen, dass es sich nicht um einen theologischen, sondern um einen religions-philosophischen Denkansatz handelt.

Ich habe mich nicht intensiv genug mit Schweitzers Überlegungen befasst, um ein umfassendes Bild von ihnen vermitteln zu können. Dennoch halte ich sie für wichtig genug, dass ich den reformorientierten Kräften in den Kirchen nur empfehlen kann, sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

An dieser Stelle greife ich nochmals zurück auf die beim Theologen Gerd Theißen (*1943) gefundenen "drei Ausdrucksformen jeder Religion: Ethos, Ritus und Mythos". Ich kann über die Intentionen Albert Schweitzers nur spekulieren, mir scheint jedoch, dass er einen klaren Schwerpunkt beim Ethos sieht, zu Lasten der beiden anderen Ausdrucksformen Ritus und Mythos. Und ich habe auch den Eindruck, dass Schweitzer keine neue Weltanschauung neben das Christentum stellen, sondern seine "Weltanschauung der Ehrfurcht vor dem Leben" als Antriebskraft für die Erneuerung des Christentums verstanden wissen wollte.

Im Folgenden finden sich einige Zitate aus dem "Epilog" zu seinen Aufzeichnungen Aus meinem Leben und Denken:

"Verzicht auf Denken ist geistige Bankrotterklärung.
[…]
So stark wie der Wille zur Wahrheit muss der zur Wahrhaftigkeit sein. Nur eine Zeit, die den Mut der Wahrhaftigkeit aufbringt, kann Wahrheit besitzen, die als geistige Kraft in ihr wirkt.

Wahrhaftigkeit ist das Fundament des geistigen Lebens.

Durch seine Geringschätzung des Denkens hat unser Geschlecht den Sinn für Wahr­haftigkeit und mit ihm den für Wahrheit verloren. Darum ist ihm nur dadurch zu helfen, dass man es wieder auf den Weg des Denkens bringt.
[…]
Das Christentum bedarf des Denkens, um zum Bewusstsein seiner selbst zu gelangen (mehr s. hier).
[…]
Das Christentum kann das Denken nicht ersetzen, sondern muss es voraussetzen."

Und er sagte auch (was ich allerdings nur nachvollziehen könnte, wenn ich genau wüsste, was er unter "religiös" und "christlich" verstand):

"Von mir selber weiß ich, dass ich durch Denken religiös und christlich blieb."

Die in den ersten Sätzen mitschwingende Kritik am (organisierten) Christentum der Vergangenheit und an jenem, das er zu seinen Lebzeiten vorfand, vertiefte er in folgenden Äußerungen:

"Die organisierten staatlichen, sozialen und religiösen Gemeinschaften unserer Zeit sind darauf aus, den Einzelnen dahin zu bringen, dass er seine Überzeugungen nicht aus eigenem Denken gewinnt, sondern sich diejenigen zu eigen macht, die sie für ihn bereit­halten. Ein Mensch, der eigenes Denken hat und damit geistig ein Freier ist, ist ihnen etwas Unbequemes und Unheimliches. […]
Heute ist es so, dass das Christentum sich ganz auf sich selber zurückgezogen hat und nur noch mit der Geltendmachung seiner Ideen als solcher beschäftigt ist. Es legt keinen Wert mehr darauf, ihre Übereinstimmung mit dem Denken zu erweisen, sondern will sie als etwas außerhalb des Denkens und über ihm Stehendes angesehen haben. Damit verliert es aber den Zusammenhang mit dem geistigen Leben der Zeit und die Möglichkeit, es wirksam zu beeinflussen. […]
Darüber, dass es sich seinem geistigen und ethischen Wissen nach so wenig durchzu­setzen vermag, täuscht sich das Christentum dadurch hinweg, dass es als Kirche seine äußere Stellung in der Welt von Jahr zu Jahr stärker ausbaut. […] In dem Maße, als es äußere Macht er­langt, verliert es an geistiger."

Wer sich eingehender mit den heute zu beobachtenden Handlungs- und Verhaltensweisen des organisierten Christentums befasst, wird m. E.  fast zwangsläufig zu der Einsicht gelangen, dass diese Kritik Albert Schweitzers am Christentum bzw. an den Kirchen noch genauso zutreffend und aktuell ist wie vor über 80 Jahren.

"In unmittelbarer und absolut zwingender Weise führt das Denkendwerden über Leben und Welt zur Ehrfurcht vor dem Leben. Es enthält keine Schlussfolgerungen, die auch in anderer Richtung laufen könnten.

Will der einmal denkend gewordene Mensch in dem Dahinleben verharren, so kann er dies nur dadurch, dass er sich, wenn er es über sich bringt, wieder der Gedankenlosigkeit ergibt und sich in ihr betäubt. Verbleibt er im Denken, so kann er zu keinem anderen Ergebnis als zur Ehrfurcht vor dem Leben gelangen. […]
Die Ehrfurcht vor dem Leben enthält in sich Resignation, Welt- und Lebensbejahung und Ethik, die drei Grundelemente einer Weltanschauung, als untereinander zusammenhängende Ergebnisse des Denkens.

Bisher gab es Weltanschauungen der Resignation, Weltanschauungen der Welt- und Lebensbejahung und Weltanschauungen, die dem Ethischen zu genügen suchten. Keine aber vermochte die drei Elemente miteinander zu vereinigen. Möglich wird dies erst daraufhin, dass alle drei ihrem Wesen nach aus der Allgemeinüberzeugung der Ehrfurcht vor dem Leben begriffen und als miteinander in ihr enthalten erkannt werden. Resignation und Welt- und Lebensbejahung führen kein Eigendasein neben der Ethik, sondern sind ihre unteren Oktaven.
[…]
Die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben ist die ins Universelle erweiterte Ethik der Liebe. Sie ist die als denknotwendig erkannte Ethik Jesu.
[…]
Besonders befremdlich findet man an der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben, dass sie den Unterschied zwischen höherem und niederem, wertvollerem und weniger wertvollem Leben nicht geltend mache. Sie hat ihre Gründe, dies zu unterlassen.
[…]
Dass die universelle Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben das so vielfach als Sentimentalität hingestellte Mitleid mit dem Tiere als etwas, dem sich kein denkender Mensche entziehen könne, erweist, bereitet mir, der ich von Jugend auf der Tierschutzbewegung zugetan war, eine besondere Freude. Die bisherige Ethik stand dem Problem Mensch und Tier entweder verständnislos oder ratlos gegenüber. Auch wenn sie das Mitleid mit der Kreatur als richtig empfand, konnte sie es nicht unterbringen, weil sie ja eigentlich nur auf das Verhalten des Menschen zum Menschen eingestellt war.

Wann wird es dahin kommen, dass die öffentliche Meinung keine Volksbelustigung mehr duldet, die in Misshandlung von Tieren besteht. […]
Die Weltanschauung der Ehrfurcht vor dem Leben hat also religiösen Charakter. Der Mensch, der sich zu ihr bekennt und sie betätigt, ist in elementarer Weise fromm.

Durch ihre religiös geartete tätige Ethik der Liebe und durch ihre Innerlichkeit ist die Weltanschauung der Ehrfurcht vor dem Leben der des Christentums wesensverwandt. Damit ist die Möglichkeit gegeben, dass das Christentum und das Denken in ein anderes, für das geistige Leben ersprießlicheres Verhältnis zueinander kommen als bisher.
[…]
Lässt sich das Christentum durch irgendwelche Traditionen und Erwägungen davon abhalten, sich in ethisch-religiösem Denken begreifen zu wollen, so ist dies ein Unglück für es selber und für die Menschheit.

Was seit 19 Jahrhunderten als Christentum in der Welt auftritt, ist erst ein Anfang vom Christentum, voller Schwachheiten und Irrungen, nicht volles Christentum aus dem Geiste Jesu.

Weil ich dem Christentum in tiefer Liebe ergeben bin, suche ich ihm in Treue und Wahrhaftigkeit zu dienen. In keiner Weise unternehme ich es, mit dem krummen und brüchigen Denken christlicher Apologeten für es einzutreten, sondern halte es dazu an, sich im Geiste der Wahrhaftigkeit mit seiner Vergangenheit und dem Denken auseinan­derzusetzen, dass es sich dadurch seines wahren Wesens bewusst werde.

Dass das Aufkommen des elementaren, zur ethisch-religiösen Idee der Ehrfurcht vor dem Leben gelangenden Denkens dazu beitrage, das Christentum und das Denken ein­ander näher zu bringen, ist meine Hoffnung."

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Peter L. Berger – "Neue Wege der Theologie"
Der Religionssoziologe Peter L. Berger (*1929) befasste sich in seinem 1969 erschienenen Buch Auf den Spuren der Engel mit "der Wiederentdeckung der Transzendenz als einer Möglichkeit für die Theologie heute". Im Folgenden versuche ich, seine Ideen kurz zu skizzieren. Mehr als einige Stichworte sind hier also nicht zu finden. Allen christlichen Reformern empfehle ich, sich durch eingehende Lektüre ein eigenes Bild zu machen.

Berger stellte seine Überlegungen auf dem Hintergrund zweier sehr "verschiedener geistiger Strömungen" in der Theologie seiner Zeit an. Die eine ist die "einst von Schleiermacher eingeleitete liberale Theologie", die andere die "neo-orthodoxe Reaktion" darauf. Letztere hatte ihre Ursachen in den erschütternden Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg. Berger nennt Karl Barth (1886-1968) als einen der Verfechter dieser neuen Ausrichtung der (protestantischen) Theologie.

Im folgenden Zitat sind die wesentlichen Merkmale der beiden unterschiedlichen "geistigen Strömungen" von Berger prägnant herausgestellt:

"Einer der aufschlussreichsten Züge der neo-orthodoxen Reaktion auf die liberale Theologie ist die leidenschaftliche Ablehnung der historischen und anthropologischen Ausgangsposition. Die Liberalen hatten den Nachdruck auf den Weg des Menschen zu Gott gelegt. Die Neo-Orthodoxen legten ihn auf Gottes Wirken am Menschen. Menschliche Erfahrung bot keinerlei Ansatzpunkte für die neue Theologie. Für sie galt nur die unbeugsame Majestät göttlicher Offenbarung, die über den Menschen als Vernichtung, Gericht oder Gnade hereinbricht."

Im Zusammenhang mit der von ihm angestrebten "Wiederentdeckung der Transzendenz" empfiehlt Berger den Theologen insbesondere zwei Handlungsfelder, die – ansatzweise programmatisch – in den Überschriften der Kapitel 3 und 4 seines Buches erscheinen:

"3. Neue Wege der Theologie: Am Anfang war der Mensch

4. Neue Wege der Theologie: Für und wider die Tradition"

In Kapitel 3, in dem er den "anthropologischen Ansatz" skizziert, sagt er u. a.:

"Ich fordere die Theologen auf, sich in der empirisch gegebenen Situation des Menschen nach etwas umzusehen, das man Zeichen der Transzendenz nennen könnte. Und ich behaupte, dass es prototypisch menschliches Verhalten gibt, Gebaren, Gebärden, Gesten, die als solche Zeichen anzusehen sind.

Zeichen der Transzendenz nenne ich Phänomene der »natürlichen« Wirklichkeit, die über diese hinauszuweisen scheinen.
[…]
Denn sowohl das tägliche Leben als auch das theoretische Denken verdanken ihren Reichtum zum größten Teil der Fähigkeit zur Ekstase. Ich wiederhole noch einmal, dass ich damit nichts Mystisches, sondern jenes Heraustreten aus den Gewissheitsstrukturen der Alltagswelt meine, jene Offenheit für das Numinose, das uns von allen Seiten umgibt."

In Kapitel 4 umreißt Berger seine "empfohlene Methode" zum Umgang mit der Tradition. Er denkt dabei nicht an ein "konservatives bzw. restauratives Programm":

"Die von mir empfohlene Methode verlangt der Tradition gegenüber ein ziemliches Maß an Selbständigkeit. Dabei bleibt jedoch das Problem bestehen, sich ihr zu stellen. Wahrscheinlich kann Theologie nur produktiv sein, wenn sie eben dieses Problem ganz ernst nimmt.
[…]
Sofern menschliche Erfahrung theologisch überhaupt relevant ist, muss die Theologie auch ihre historische Dimension berücksichtigen. […] … so muss auch jede Epoche gewissenhaft daraufhin geprüft werden, welche möglicherweise einzigartigen Spuren der Transzendenz in ihr zu finden sind. […] Jeder Theologe muss die Geschichte schon deshalb zu Rate ziehen, weil ihm in ihr plötzlich eine einzigartige Wahrheit aufleuchten könnte, die das Geheimnis eines spanischen Kabbalisten oder eines aztekischen Priesters war und vielleicht, wer weiß, genau die richtige Lösung seines eigenen Problems enthält.

Die logische Folge ist, dass man sich als Theologe nicht mit der Geschichte der eigenen Religion begnügen darf – mag man sich ihr auch noch so eng verbunden fühlen. Heutzutage kann man Religionsgeschichte nur in ökumenischem Bewusstsein treiben.
[…]
Ökumenisches Bewusstsein ist ein induktiver Zugang zur Theologie. Dabei muss ich allerdings eins warnend betonen: Ich meine alles andere als ein interkulturelles Kauderwelsch, eine Art frommes Esperanto, in dem alle Einzeltraditionen aufgehen. Im Gegenteil, wir brauchen eine Klärung zwischen entgegengesetzten Standpunkten, um uns entscheiden zu können. Nur wenn man weiß, was zur Wahl steht, kann man wählen und die getroffene Wahl als Entscheidungsmöglichkeit gelten lassen. Mit anderen Worten: Entscheiden kann nur ein ökumenisches Bewusstsein – sei es zwischen historischen Überlieferungen bzw. deren Modifikationen und Verschmelzungen oder gar in Opposition zu allem Überlieferungsgut, um nach dessen gründlicher Prüfung zu ganz neuen Ufern aufzubrechen.
[…]
Die Überlieferung, jede Überlieferung, muss nach Spuren der Transzendenz durchforscht werden, nach versteinerten Spuren vielleicht. Das bedeutet, dass man sie mit empirischen Methoden (am wichtigsten sind natürlich die historischen Wissenschaften) angeht und sich jedes dogmatische Apriori (im Sinne der Neo-Orthodoxie) versagt."

Berger sieht "die besseren Chancen" beim "induktiven Zugang zur Theologie". Damit schreibt er, bei aller Kritik an deren "hohlen utopischen Zügen", eher der "liberalen Theologie" die Fähigkeit zu, "neue Wege zur Wahrheit der Religion zu öffnen".

Nach Berger lässt sich "Religionsgeschichte nur in ökumenischem Bewusstsein treiben". Diese Haltung, die Berger den Theologen seiner Zeit und zweifellos auch allen zukünftigen empfahl, hat sich unter den Theologen, nach meiner Wahrnehmung, bis heute noch nicht nachhaltig durchgesetzt. Wenn nachweislich noch nicht einmal die interkonfessionelle Ökumene Fortschritte gemacht hat, ist erst recht nicht zu erwarten, dass die interreligiöse Ökumene funktioniert.

Abschließend sei hier, mit dem Blick auf unausweichliche Reformen, die Haltung Bergers zu der Tatsache hervorgehoben, dass in christlicher Theologie und Praxis "die Figur Christi" zunehmend ins Zentrum christlicher Glaubensvorstellungen gerückt wird. Er äußert sich dazu unmissverständlich:

"In letzter Zeit legt man im Protestantismus immer größeres Gewicht auf die Figur Christi als den Mittelpunkt, von dem angeblich allein alle Theologie ausgehen müsse. Im Extremfall führt das zur systematischen Vergewaltigung des historischen Materials, wenn man etwa christliche Glaubensinhalte in die Religionsgeschichte des alten Israel hineinliest. Aber auch Theologen, die der Geschichte den gebührenden Respekt nicht verweigern, interpretieren sie, als wäre Christus ein unerschütterliches Apriori, ein Brennpunkt, in dem sich alles historische Geschehen sammelt. Ich halte ein solches Vorgehen für falsch."

Was Berger für Teile der Theologie der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts diagnostizierte gilt m. E. auch heute noch.

Ich stieß in diesem Zusammenhang auf eine Parallelität zwischen dem Denken Bergers und entsprechenden Überlegungen Albert Schweitzers. Letzterer äußerte sich in seinem Werk Geschichte der Leben-Jesu-Forschung über die »christozentrische« Sicht des "modernen Christentums" – seinerzeit allerdings noch stärker unter dem Eindruck der Frage nach der »Geschichtlichkeit Jesu«:

"Das moderne Christentum muss von vornherein und immer mit der Möglichkeit einer eventuellen Preisgabe der Geschichtlichkeit Jesu rechnen. Es darf also seine Bedeutung nicht künstlich dahin steigern, dass es alle Erkenntnis auf ihn zurückführt und die Religion »christozentrisch« ausbaut. Der Herr kann immer nur ein Element der Religion sein; nie aber darf er als Fundament ausgegeben werden.

Anders ausgedrückt: Die Religion muss über eine Metaphysik, das heißt eine Grundanschauung über das Wesen und die Bedeutung des Seins, verfügen, die von Geschichte und überlieferten Erkenntnissen vollständig unabhängig ist und in jedem Augenblick und in jedem religiösen Subjekt neu geschaffen werden kann. Besitzt sie dieses Unmittelbare und Unverlierbare nicht, so ist sie Sklave der Geschichte und muss sich in knechtischem Geiste fortwährend gefährdet und bedroht sehen." (mehr s. hier)

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Lesenswertes von weiteren reformorientierten christlichen AutorInnen
Im Folgenden nenne ich Bücher, über die in den vorausgehenden Abschnitten schon erwähnten hinaus, die vielfältige Anregungen für Reformer enthalten. Nicht alle gehen gleich weit in ihren Forderungen. Ich gebe keine Empfehlungen ab und überlasse es den interessierten LeserInnen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Daher sind die Bücher auch alphabetisch nach den AutorInnen sortiert und nicht nach irgendeiner Priorität:

DREWERMANN, Eugen: Nur die Liebe lehrt uns glauben (Vortrag auf dem Evangelischen Kirchentag 2011 in Dresden)

GERHARDT, Walter: An ihren in alle Ewigkeit wahren und unveränderbaren 245 Dogmen krankt und stirbt die katholische Kirche

GRAF, Friedrich Wilhelm: KIRCHENDÄMMERUNG – Wie die Kirchen unser Vertrauen verspielen

HÄRING, Hermann: Im Namen des Herrn – Wohin der Papst die Kirche führt

HALBFAS, Hubertus: GLAUBENSVERLUST – Warum sich das Christentum neu erfinden muss

HASENHÜTTL, Gotthold: Glaube ohne Denkverbote – Für eine humane Religion

KOCH, Herbert: Die Kirchen und ihre Tabus – Die Verweigerung der Moderne

KROEGER, Matthias: Im religiösen Umbruch der Welt: Der fällige Ruck in den Köpfen der Kirche

RANKE-HEINEMANN, Uta: Nein und Amen – Mein Abschied vom traditionellen Christentum

ROBINSON, Geoffrey: Macht, Sexualität und die katholische Kirche – Eine notwendige Konfrontation

SCHMIDT, Uwe: Widerstand gegen die Zumutungen des Glaubens

SPONG, John Shelby: Was sich im Christentum ändern muss – Ein Bischof nimmt Stellung

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Besonders lesenswert

Das Werk eines Theologen, der sich zwar vom Christentum verabschiedet hat, sei den christlichen Reformern hier dennoch zur Lektüre empfohlen. Es handelt sich um das 1987 erschienene Buch Christlicher Glaube und intellektuelles Gewissen des Philosophen und protestantischen Theologen Helmut Groos (1900-1996). Im Ersten Teil seines Buches befasst er sich mit der "Christentumskritik seit der Jahrhundertmitte". Der zweite, sehr viel umfangreichere Teil, trägt die Überschrift "Der christliche Glaube erneut auf dem Prüfstand". Gerade der Zweite Teil wäre für alle Reformer, die sich nicht scheuen, über ihren eigenen Tellerrand zu schauen, ein Paradebeispiel für eine ernsthafte, sachliche Auseinandersetzung mit christlichen Glaubensinhalten und damit eine Fundgrube ernstzunehmender Denkanstöße.

Wer sich die Mühe macht, auch die anderen Menüpunkte dieser Web Site durchzublättern, wird dort, aus den kritischen Anmerkungen zu diversen Glaubensinhalten des Christentums, in denen ich mich auf eine Vielzahl von AutorInnen beziehe, vielleicht weitere Anregungen für mögliche Reformen finden. Darunter ist auch die Forderung konkreter Maßnahmen, die geeignet wären, die Glaubwürdigkeit kirchlicher Reformbemühungen zu fördern (s. hier oder auch hier).

Anmerkung
Die Kritik, die Helmut Groos im Ersten Teil seines Buches an den Christentums- und Kirchenkritikern Bertrand Russel und Karlheinz Deschner übt, teile ich nicht.

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Vorschlag nützlicher Leitgedanken für christliche Reformer
 
In seinem Buch Die Krisis des Christentums formulierte der Altphilologe Wilhelm Nestle (1865-1959) einen Satz, den ich für wegweisend halte:

"Kurz, an die Stelle der Christlichkeit in unserem Denken, Fühlen und Wollen muss wieder die Menschlichkeit treten, die wir in dem Bewusstsein, dem einseitigen und überspannten ethischen Ideal des Christentums nicht genügen zu können, und in der trägen Gewohnheit, einem vorgeschriebenen »Glauben« zu folgen, anstatt selbst zu denken, ganz aus den Augen verloren haben. Es ist eine schwere Schuld der Kirche, dass sie den Menschen das Selbstdenken abgewöhnt und sie dafür auf eine angeblich göttliche, in Wirklichkeit von ihr selbst zurechtgemachte, ein für alle Mal feststehende »Offenbarung« verwiesen hat."

Der Religionsphilosoph, Theologe und Pädagoge Georg Picht (1913-1982) äußerte bemerkenswerte Gedanken über das Verhältnis zwischen Religion und "säkularem Denken". Im Buch Mut zur Utopie, in dem zwölf Vorträge zusammengefasst sind, die er in einer Sendereihe des Süddeutschen Rundfunks gehalten hatte, sagt er u. a. Folgendes:

"Es ist dem modernen Bewusstsein nicht geholfen, wenn man es auf Formen religiösen Denkens und Lebens verweist, die der Vergangenheit angehören. Es ist uns nicht möglich, in unsere Vorgeschichte zurückzuflüchten und den Weg, den das aufgeklärte Denken im Vollzug seiner Emanzipation hinter sich gebracht hat, wieder zu vergessen."

In einem Beitrag unter dem Titel "Der sich häutende Gott" in Publik-Forum 8 · 2008 bekennt der slowakische evangelische Theologe Karol Nandrásky (*1927) einleitend:

"Schon seit langem ist mir klar, dass wir heraussteigen müssen aus der Rumpelkammer des kirchlichen Dogmatismus. Wir müssen hineinfinden in den konkreten und mühseligen Weg der Evolution des Weltalls, zu dem die Naturforscher die Landkarte zeichneten."

Im Buch Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen des Philosophen Peter Sloterdijk (*1947) fand ich folgende – satirisch/sarkastisch zugespitzte – Feststellung:

"Die Zivilisierung der Monotheismen ist abgeschlossen, sobald die Menschen sich für gewisse Äußerungen ihres Gottes, die unglücklicherweise schriftlich festgehalten wurden, schämen wie für die Auftritte eines im allgemeinen sehr netten, doch jähzornigen Großvaters, den man seit längerem nicht mehr ohne Begleitung in die Öffentlichkeit lässt."

Anmerkung
Dieser Satz eignet sich als Leitgedanke selbstverständlich auch für jüdische und muslimische Reformer.

Im Buch Wenn Du es eilig hast, gehe langsam des Zeitmanagementexperten Lothar J. Seiwert (*1952) fand ich diesen Satz:

"Effizienz heißt, die Dinge richtig tun.
Effektivität heißt, die richtigen Dinge tun."

Anmerkung
Dieser Leitgedanke eignet sich zweifelsohne für Reformer und Aktivisten jeder Couleur.

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Wie sind die Aussichten?
Neue Denkansätze bzw. Reformvorschläge wurden und werden von Angehörigen beider großen Konfessionen entwickelt. Nach meiner Einschätzung gibt es allerdings, wenn auch mit Einschränkungen, eine reformorientierte Diskussion inhaltlicher Fragen, in nennenswertem Umfang, nur im Bereich der protestantischen Kirchen. Zudem sind die reformerischen Kräfte in der römischen Sphäre genötigt, sich hauptsächlich mit hausgemachten Problemen zu befassen: insbesondere mit der bisher verweigerten Gleichstellung der Frauen, mit der ebenso verweigerten Teilnahme Wiederverheirateter am Abendmahl, mit der überfälligen Segnung homosexueller Partnerschaften, mit dem Zwangszölibat – einem wichtigen Grund für die soziale und moralische Verwahrlosung jener Priester, die den ungeheuerlichen Missbrauchskandal verursachten – und nicht zuletzt mit der Einführung demokratischer Strukturen und Verhaltensweisen innerhalb der Kirche. Die Reformer in der römischen Konfession können angesichts dieses Konfliktpotenzials, wohl für lange Zeit, kaum an inhaltliche Reformen denken.

Hinzu kommt, dass das diktatorisch agierende vatikanische Führungspersonal derzeit nicht im Entferntesten daran denkt, in seinem Herrschaftsbereich eine ernsthafte oder gar offene Diskussion über notwendige Reformen zuzulassen. Diese Feststellung ist nicht spekulativ getroffen, sondern basiert auf einer Personalentscheidung Joseph Aloisius Ratzingers: Erst kürzlich erhob er den ultrakonservativen Bischof Gerhard Ludwig Müller aus Regensburg zum Chef der vatikanischen "Glaubenskongregation", der Nachfolgebehörde der blutbesudelten Inquisition. Er ist damit der »oberste Glaubenshüter«, der die Aufgabe hat, »die Glaubens- und Sittenlehre in der ganzen katholischen Kirche zu fördern und zu schützen« (DIE ZEIT vom 05. Juli 2012). Müller, der zuletzt auf dem Katholikentag im Mai dieses Jahres allen Reformbestrebungen eine rüde Absage erteilte (s. hier), wird auch künftig alles verhindern, was die klerikale Macht des Vatikans gefährden könnte.

Die eben aufgeführten Fakten wecken große Zweifel an der Reformfähigkeit der römischen Kirche. Dabei wurde ein wohl noch wichtigeres Hindernis für mögliche Reformen noch gar nicht erwähnt: Die nirgendwo sonst so ausgeprägte Überzeugung der römischen Hierarchen, bis hinunter zu den "geweihten" Priestern, die ("göttliche") Wahrheit immer schon zu kennen. Wer die Wahrheit besitzt, braucht sie nicht mehr zu suchen. Er besitzt ein festgefügtes, unwandelbares Weltbild und verschwendet keinen Gedanken an Reformen.

Eine eindrucksvolle Bestätigung dieser bizarren Haltung fand ich im neuen Buch Glaube ohne Denkverbote des ehemaligen Priesters und kirchenkritischen Autors Gotthold Hasenhüttl (*1933). Hasenhüttl, für den die römische Kirche eine "starre und fundamentalistisch orientierte Institution" ist, kommentiert in der "Einführung" seines Buches eine Aussage des gegenwärtigen »Stellvertreters Gottes auf Erden«:

"Also nicht der Ursprung einer Religion, und sei es Gott selbst, bürgt für ihre Wahrheit, sondern allein ihre Wirkung auf die Mitmenschen, wieweit sie in Achtung und Liebe einander begegnen. Wenn Benedikt XVI. sagt: »Die Wahrheit ist die Grenze des Mitgefühls«, dann wird genau dieser Sachverhalt umgekehrt, und der Mensch wird der vermeintlichen »göttlichen Wahrheit« geopfert."

Der Kommentar Hasenhüttls entlarvt die Haltung Ratzingers nicht nur als zutiefst menschenverachtend, sondern als das Ergebnis fortgeschrittener dogmatischer Verblendung. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Die Kirchen sollten ernst nehmen, was der Literaturwissenschaftler Hermann Kurzke (*1943) über das Verhältnis der "allermeisten Christen" zu den christlichen Glaubensinhalten sagte:

"Priester und sonstige Angestellte des Kirchenapparates dürfen ja heutzutage nicht ehrlich sein. Sie müssen so tun, als glaubten sie jedes Wort des Glaubensbekenntnisses. Wenn ich unter Glauben etwas Lebenswichtiges, Begeisterndes und Tragendes verstehe (nicht ein gleichgültiges oder verlegenes Nicht-Bestreiten), dann sind die allermeisten Christen Häretiker, denn sie »glauben« (im emphatischen Sinn) allenfalls an wenige ausgewählte Segmente des Christentums."

Anmerkung
Das Kurzke-Zitat fand ich bei Hubertus Halbfas (*1932) im Kapitel "Wahrheit verlangt Wahrhaftigkeit" seines neuen Buches Glaubensverlust.

Tatsächlich verschließen die christlichen (Groß-)Kirchen ihre Augen vor einer Erkenntnis, wie Kurzke sie formulierte und befassen sich in ihren Reformbemühungen viel intensiver mit der Analyse ihrer internen Strukturen, um sie betriebswirtschaftlichen Erfordernissen anzupassen, als mit der langfristig viel wichtigeren Erneuerung der althergebrachten christlichen Glaubensinhalte.

Anmerkung
Bezogen auf das von der EKD in 2006 veröffentlichte Impulspapier "Kirche der Freiheit" und auf die damit angestoßene Reformdiskussion las ich in zeitzeichen 3/2012 den Satz: "Theologisch ist peinlich, dass rein ökonomisch, von Quantitäten her, argumentiert wird".

Die »Auferstehung« gehört wohl nicht mehr zu den "wenigen ausgewählten Segmenten des Christentums" (Hermann Kurzke), an die die Christen noch mehrheitlich glauben. DIE ZEIT vom 04. April 2012 enthielt einen Beitrag von Klaus Harpprecht (*1927) mit dem bezeichnenden Titel "Wer glaubt schon an Auferstehung? – Viele Christen können mit der zentralen Botschaft der Bibel nichts mehr anfangen. Die Kirchen ignorieren das Problem". Unter Hinweis auf eine "Studie des Spiegels" finden sich in dem Beitrag u. a. folgende statistische Daten: "Lediglich 40 Prozent der deutschen Katholiken bejahen die Auferstehung, wie sie das Neue Testament verheißt, bei den Protestanten ist es jeder Zweite."

Und Harpprecht fährt fort:

"Im Korinther-Brief steht geschrieben: »Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsere Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich.« Stellen sich die Kirchenoberen die Frage, wie sie's mit den Christen halten, für die des Heilands Auferstehung keine Wahrheit mehr ist? Wagt es einer der Glaubenshüter, ihnen das Christsein abzusprechen? Aus dem Vatikan kommt dazu seit Menschengedenken kein Wort. Keines der Verdammnis, keines der Toleranz. Die Päpste, die Kardinäle, die Bischöfe führen sich auf, als gäbe es dieses dramatische Problem nicht: dass die Majorität der europäischen Christen die Grundsubstanz des Glaubens leugnet. Wenn es denn jemals eine Ketzerei gab, schlimmer als die der Lutheraner, der Calvinisten, der Katharer – dann ist es diese."

Anmerkung
Die von Harpprecht zitierte Bibelstelle steht im 1. Ko 15,14.

Harpprecht fragt dann: "Wie ertragen die Kirchen diese amtliche Heuchelei, diese christliche Lebenslüge, ohne Schaden zu nehmen?" – Ich denke, dass sie längst Schaden genommen haben und mit dieser "amtlichen Heuchelei" langfristig ihre Existenz aufs Spiel setzen, es sei denn, sie hören auf, die Lebenswirklichkeit ihrer Mitglieder zu ignorieren.

Diese "amtliche Heuchelei" war sicher auch der Theologin Dorothee Sölle (1929-2003) bekannt. Das lässt sich zumindest aus einer in ihrem Buch Atheistisch an Gott glauben festgehaltene Erkenntnis schließen:

"Wer heute »honest to God« sein will, wie John A. T. Robinson, der wird notwendig auf Kirchenreform als konkreten Ausdruck moderner Theologie kommen, derentwegen Biblizismus und Verwaltung, die Stillen im Lande und der Apparat, ein von Angst diktiertes Bündnis eingehen."

Neben den von Angst und Ignoranz geprägten Widerständen in den Kirchen gegen Reformen spielt ein weiterer hemmender Aspekt eine Rolle: Die Christentums- und Kirchenkritiker sind wohl meist ausgeprägte Individualisten. Bisher ist mir, abgesehen von Podiumsdiskussionen auf Kirchentagen, keine öffentliche Zusammenkunft dieser reformorientierten Kräfte bekannt geworden, ein konfessionsübergreifendes Treffen schon gar nicht. Dabei wäre es sinnvoll, wenn sie sich verabredeten, über ein Reformpaket einigten und über eine Vorgehensstrategie, aus der dann ein Stufenplan für die mögliche Umsetzung abgeleitet werden könnte.

Ich vermute allerdings, dass die meisten Kritiker, da theologisch vorbelastet und politisch unbeleckt, zwar vertraut sind mit dem "Heilsplan" für die Menschheit, aber kaum in der Lage sind einen geeigneten Projektplan für eine schrittweise Erneuerung der christlichen Glaubensinhalte und der Kirchen zu entwickeln. Natürlich ist auch klar, dass es ganz bestimmt nicht einfach sein wird aufgeschlossene Kirchenführer für erste Experimente zu gewinnen.

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Klaus-Peter Jörns – auf den neusten Stand gebracht ("updated")

Die Aussichten für eine mögliche Reform des Christentums und seiner Kirchen habe ich im vorausgehenden Abschnitt eher pessimistisch eingeschätzt. Ich sehe auch noch keinen Anlass, diese Einschätzung grundlegend zu revidieren, aber ich sehe weitere ernsthafte Anstrengungen christlicher Reformer: Der protestantische Theologe Klaus-Peter Jörns (*1939), dessen in 2004 erschienenes Buch Notwendige Abschiede mir wichtige Erkenntnisse über theologische Lehrmeinungen zu christlichen Glaubensinhalten vermittelte, hat Ende November 2012 sein neuestes Buch mit dem Titel Update für den Glauben veröffentlicht.

Was mir aber als noch wichtiger erscheint: Jörns gründete, zusammen mit Gleichgesinnten, am 26. Oktober 2012 die "bekenntnisoffene" Gesellschaft für eine Glaubensreform e. V.. Zu den Gründungsmitgliedern zählt der namhafte katholische Theologe und Religionspädagoge Hubertus Halbfas (*1932).

Zwei Leitmotive, sicher nicht die einzigen, für das weitergehende reformerische Engagement spiegeln sich in folgenden Sätzen, die ich in Update für den Glauben fand:

"Unsere Zeit ist nicht besser oder weiser als frühere Zeiten, aber sie ist kulturell eine andere. Deshalb kann von uns ein Glaubenszeugnis verlangt werden, das heute verstanden wird, weil es heutige Denk- und Lebensvoraussetzungen ernst nimmt. Je länger kulturell und theologisch notwendige Reformen verweigert werden, je rigoroser sich eine Religion als reformunfähig erweist und zu einem Museumsbetrieb wird, desto eher werden die irgendwann aufbrechenden Veränderungen mehr als nur ein Update oder Upgrade nötig machen. […] […] […]

Keine Kirche hat das Recht, ihre irgendwann einmal dogmatisierte Perspektive für ihre Mitglieder zur Zentralperspektive zu machen."

Darüber hinaus plant Jörns die Publikation einer Schriftenreihe unter der Überschrift Schriften zur Glaubensreform, in der "unterschiedliche Autorinnen und Autoren schreiben und eigene Akzente setzen" können.

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"Ein neues religiöses Paradigma?" Nicht "biblisch-christlich"

Der am 12. Januar 2011 verstorbene Psychologe und Religionskritiker Franz Buggle (1933-2011) ist mir durch sein Buch Denn sie wissen nicht, was sie glauben bekannt geworden. Er nannte es eine "Streitschrift". Schon der provozierende Titel lässt diese Charakterisierung plausibel erscheinen, und der Untertitel Oder warum man redlicherweise nicht mehr Christ sein kann verstärkt diesen Eindruck. Ich verdanke diesem Buch eine Fülle hilfreicher Anregungen für den Fortgang meiner eigenen Recherchen. Mehrere einschlägige Bücher später halte ich es immer noch für eines der überzeugendsten christentums- und theologiekritischen Schriften, die mir bisher bekannt geworden sind.

Im Teil IV, dem kurzen letzten Teil seines Buches mit der Überschrift "Ein neues religiöses Paradigma?", äußert er sich zunächst über "Sinn und Notwendigkeit eines neuen religiösen Paradigmas und einer neuen Religionskritik". Er schreibt dort u. a.:

"Angesichts der weitverbreiteten Orientierungskrise und Hilflosigkeit im Umgang mit einer potentiellen religiösen Dimension der Welt und des Menschen, aber auch im Hinblick auf die von den Kirchen im Rahmen der (von ihnen fast monopolistisch in Besitz genommenen) religiösen Erziehung suggerierten […] falschen, weil hochsimplifizierten Alternative »biblisch-christlicher Gottesglaube oder verzweifelter Nihilismus« könnte sich vielleicht ein neues »postmodernes« religiöses Paradigma als hilfreich oder gar »notwendig« erweisen."

Er führt dann aus, dass eine "neue offnere Religionskritik" die "neuesten Einsichten der modernen (Natur-)Wissenschaft in ihre Argumentation einbeziehen" müsste und stellt im übernächsten Absatz fest:

"So wird moderne Religionskritik die prinzipielle Möglichkeit und Legitimität einer religiösen Dimension der Welt und der menschlichen Existenz nicht von vornherein leugnen, sondern ihr prinzipiell als Möglichkeit offen gegenüberstehen. Moderne Religionskritik so verstanden richtet sich nicht gegen diese mögliche religiöse Dimension als solche, als vielmehr gegen ihre jeweils konkrete, historische »Füllung« und Ausgestaltung durch archaisch-inhumane und/oder absurd-widersprüchliche Inhalte."

Danach formuliert er "Vier Kriterien, denen jedes wirklich neue religiöse Paradigma genügen müsste, um auch für heutige aufgeklärt-wissende Menschen akzeptierbar zu sein". Diese Kriterien und ergänzende Erläuterungen sind im Folgenden stark gekürzt wiedergegeben:

"Ein wirklich neues hilfreiches, weder Denkverzicht noch Verdrängung weiter Erfahrungsbereiche erforderndes religiöses Paradigma müsste dagegen den folgenden Kriterien, Mindestanforderungen genügen, d. h. aber, könnte kein biblisch-christliches Paradigma mehr sein:

  • Es müsste mit dem Wissensstand und den aufgeklärt-kritisch reflektierten Erfahrungen heutiger Menschen vereinbar sein, dürfte ihnen nicht widersprechen. D. h., es dürfte keine Unredlichkeiten implizieren, keine Verdrängungsprozesse, intellektuellen Verbiegungen, kein Sacrificium intellectus, keinen Denkverzicht erfordern, um akzeptiert werden zu können.
  • Es müsste dem heute zumindest als Postulat erreichten ethisch-moralischen Standard gerecht werden, dürfte nicht dahinter zurückbleiben, ihn nicht unterschreiten (z. B. Höllenstrafe, Kreuzesopfer u. a.).
  • Zwar nicht für Widersprüche zur Welterfahrung heutiger Menschen, für Unterschreitungen von Vernunft und heutigem Wissensstand, wohl aber für Überschreitungen von menschlicher Ratio und heutigem Wissensstand müsste ein neues religiöses Paradigma weiten Raum lassen. […] 
  • Ein solches wirklich neues Paradigma müsste hilfreich für den Lebensvollzug sein, eine Orientierungs-, »Sinngebungs«-, Stützfunktion erfüllen: Sicher das (religions)philosophisch problematischste – wir begeben uns hier auf das Glatteis des religiösen Funktionalismus und seiner Spannung zur Wahrheitsfrage –, lebenspraktisch andererseits aber gerade aus dem Blickwinkel des Psychologen vielleicht das wichtigste Kriterium.

Es kann an dieser Stelle nicht die ein eigenes Buch erforderliche »Wahrheits«frage, das Problem der Beziehung zwischen erforderlicher »Wahrheit« religiöser Lehren und ihrer Funktionalität für den Lebensvollzug en detail diskutiert werden. […] Die jeweilige individuelle Stellungnahme ist überdies nicht unabhängig von persönlichen Prämissen, die man für sich als verbindlich gesetzt hat: Etwa dass es der Würde des Menschen widerspricht, illusionären Absurditäten um ihrer Funktion willen bei sich oder bei anderen zu akzeptieren, eine im übrigen leicht von barmherziger Menschfreundlichkeit in den Zynismus abgleitende Position. Dies bedeutet aber, dass der Wahrheitsfrage der Primat über die Funktionalität zukomme.
[ …]
Ein neues religiöses Paradigma sollte das ohnehin schwer belastete Leben so vieler Menschen nicht noch zusätzlich erschweren, etwa durch die Drohung mit diesseitigen und jenseitigen extremen Strafen, wie es den biblisch-christlichen Gott so genuin auszeichnet, durch das nur konsequent erscheinende »Zittern um einen gnädigen Gott« (Luther), durch Erzeugung von destruktiven Versündigungs-, Schuldgefühlen und eine entsprechende Eigenabwertung. […] Wobei hier, dies soll nicht verschwiegen werden, schwierige, nicht leichtzunehmende Probleme impliziert sind, u. a. die Frage, ob und bis zu welchem Ausmaß ein offenes, hypothetisches religiöses Paradigma, das auf letzte Gewissheiten bewusst verzichtet, diese Funktion wie weit und bei wie vielen Menschen leisten kann.

Denn es ließe sich z. B. allenfalls nur die Möglichkeit einer (partiell) optimistischen Welt- und Lebensperspektive plausibel machen, nicht aber deren Gewissheit: Es ist vielleicht denkbar, dass sich alles oder zumindest das menschliche Existieren auf einen letztlich guten Endzustand hin bewegt, das also unseren tiefsten lebenstragenden Wünschen eine Realität entspricht, aber dies ist keineswegs mit Sicherheit auszumachen. […]
[…]
Moderne Religionskritik bedeutet nicht notwendigerweise, das sollte klargeworden sein, einen Weg in den »Nihilismus«, in die »Verzweiflung« zu gehen. Ganz im Gegenteil, sie kann den Raum freimachen für neue Weltdeutungen, auch religiöse, die nicht weiterhin ein so hohes Maß an Unredlichkeit, Verbiegungen und Heuchelei, auch gegenüber sich selbst, erfordern und so der »Würde des Menschen«, seiner notwendigen Selbstachtung gerechter werden."

Die Überlegungen Franz Buggles (1933-2011) können wohl als religions-philosophischer und/oder religions-psychologischer Ansatz betrachtet werden. Ich frage mich, ob dieser Ansatz notwendigerweise als "neues religiöses Paradigma" bezeichnet werden muss. Mir fehlen leider die Beurteilungskriterien zur Beantwortung dieser Frage, ich könnte mir aber vorstellen, dass auch hier, in Anlehnung an die vom Religionssoziologen Peter L. Berger (*1929) angedachten "neuen Wege der Theologie" (s. hier), von der "Wiederentdeckung der Transzendenz" gesprochen werden könnte. Berger hat seinen Ansatz sicherlich als "religiös" verstanden. M. E. gehört Transzendenz jedoch keineswegs ausschließlich in den Zuständigkeitsbereich der Religionen.

Ich bin von der Notwendigkeit eines "neuen religiösen Paradigmas" also nicht überzeugt, kann mir jedoch vorstellen, dass der Bugglesche Denkansatz als eine mögliche "Brückentechnologie" bis zum Erreichen einer allgemein anerkannten, menschenwürdigen Gesellschaft ohne Religion dienen könnte.

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Neue Denkansätze für "Ungläubige"


Es geht um neue Denkansätze für eine Gesellschaft ohne Religion(en) oder genauer: für eine Gesellschaft ohne die von Religionen verbreiteten und sorgsam gepflegten Illusionen.


Ausgangslage
Der Mensch hat sich seine Götter und Religionen zu allen Zeiten selbst geschaffen. Dies geschah aufgrund von (Schutz-)Bedürfnissen der frühzeitlichen Individuen, die sich einer für sie undurchschaubaren, bedrohlichen Umwelt ausgesetzt sahen und zur Förderung ihres Zusammenhalts in Familien, Gruppen und Stammesverbänden. Darüber hinaus gab ihnen die Religion erste, angesichts ihres archaischen Wissensstandes, befriedigende Antworten auf existenzielle Grundfragen – Werden und Vergehen, Geburt und Sterben usw. , die ihnen zweifellos halfen, ihr Leben zu meistern.

Was anfangs einem natürlichen Bedürfnis nach Schutz und nach hilfreichen Antworten auf Grundfragen ihres Daseins entsprungen war, mutierte, angesichts wachsender Populationen, zu einer "gesellschaftlichen Notwendigkeit": Religionen und ihre Götter wurden für die herrschende(n) Klasse(n) mehr und mehr zu Instrumenten im Kampf um Macht und Vorherrschaft.

Zugegeben, dies ist eine äußerst komprimierte Darstellung der Geschichte der Religionen. Um Missverständnissen vorzubeugen seien hier ergänzend tiefer gehende Überlegungen des Philosophen (und Theologen) Joachim Kahl (*1941) zur Frühgeschichte der Religionen zitiert:

"Entscheidend ist nun die historische Einsicht, dass – nach einer religionslosen Anfangsphase ohne jeden Vorbildcharakter – sich kein Entwicklungspfad der Menschheit ohne Religion auftat. Religion war eine universale, alternativlose Durchgangsstufe bei der Selbstkonstitution der Menschheit. Die Alltagsexistenz unserer Vorfahren war so hart, so karg, so bitter, dass sie nicht ohne eine Phantasiewelt mit göttlichen Hilfen und Helfern und vor allem nicht ohne den Traum einer jenseitigen Kompensation für irdische Entbehrungen lebbar war.

Dies ist der genuine Sinn des berühmten Marxschen Diktums, Religion sei das »Opium des Volks«. Religion war jahrtausendelang historisch unverzichtbar als schmerzlinderndes Betäubungsmittel, das in der Phantasie gewährte, was die Wirklichkeit versagte. Insofern hat sie – wie alles Menschliche – ein Doppelgesicht." 


Anmerkung
Das Zitat stammt aus der überarbeiteten Fassung eines
"mündlich vorgetragenen Beitrages zu dem Fürther Streitgespräch am 27.06.2006", in dem sich Joachim Kahl kritisch mit dem von Michael Schmidt-Salomon (*1967) herausgegebenen Manifest des evolutionären Humanismus auseinandersetzte.

Es soll auch nicht verschwiegen werden, was der Theologe Martin Werner (1887-1964) in seinem Buch Die Entstehung des christlichen Dogmas über das Urchristentum äußerte. Er betonte dort, dass es

" durch positives ethisches Wollen im Sinne einer gehaltreichen Individualethik mit ganzem Einsatz für eine Ordnung einer neuen Welt demonstrierte."

Zudem ist aus der Geschichte des Christentums bekannt, dass es stets Menschen gab, die die von Werner dem Urchristentum zugeschriebene Haltung lebten und weitergaben. Es ist natürlich auch kein Geheimnis, dass sie damit häufig in Widerspruch zu den Interessen der Machthaber in Kirche und Gesellschaft gerieten und von diesen, über eine unendlich lange Zeit – bis in die gar nicht so ferne Vergangenheit hinein –, in großer Zahl, nicht nur ausgegrenzt und verfolgt, sondern auf grausamste Weise zu Tode gebracht wurden.

Dennoch kann wohl nicht ausgeschlossen werden, dass auch heute noch ein wenig "Glut" der ersten Christen unter der "Asche" glimmt, die sich seit dem 4. Jahrhundert angehäuft hat. Damals wurde das Christentum Staatsreligion und die Kirche erlangte Macht und Einfluss. Und damit begann, wie Gottfried Arnold (1666-1714) in seinem Buch Unparteiische Kirchen- und Ketzerhistorie aufzeigte, der fortschreitende Verfall dieses Christentums und seiner Kirche(n) 

Es fällt auf, dass kaum einmal positive Aspekte des Christentums genannt werden können, ohne dass sich negative Begleiterscheinungen ins Bewusstsein drängen. Ähnliches ließe sich auch über andere Religionen sagen. Und dass die negativen Aspekte häufig überwiegen, liegt nicht an den Kritikern, vielmehr daran, dass z. B. das Christentum in seiner Wirkungsgeschichte eben keine ausgeglichene, sondern eine ausgesprochen negative Bilanz aufweist.

Unabhängig von der vorausgehenden Betrachtung gilt aber auch: Wer die diversen religiösen Lehren als ureigenes Werk von Menschen durchschaut hat und der Behauptung von echten oder vermeintlichen Religionsstiftern und ihren Nachfolgern, die von ihnen verbreiteten Lehren und moralischen Regelwerke gingen auf Offenbarungen ihrer Götter zurück, keinen Glauben mehr schenken kann, wird nach alternativen Welterklärungsmodellen und plausibleren ethischen Leitlinien für seine Lebensführung suchen.

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Die "Ungläubigen"
Der Philosoph und Schriftsteller Gerhard Szczesny (1918-2002) beschreibt in seinem 1958 erschienenen Buch Die Zukunft des Unglaubens den möglichen, von bestimmten individuellen Voraussetzungen abhängigen, Wandlungsprozess vom "Gläubigen" zum "Ungläubigen":

"Die Verwandlung des »Gläubigen« in den »Ungläubigen« ist ein individuell gebundener Vorgang, der das seelische Gleichgewicht des davon Betroffenen nur dann nicht bedroht, wenn ihm eine organische, von innen heraus erfolgende Ausweitung des Bewusstseins zugrunde liegt. Jene Fakten, die den Zweifel erregen und zum Nach- und Neudenken zwingen, erreichen heute die Bewohner noch des entlegensten Dorfes und treten ohne besonderes Zutun in sein Blickfeld. Ob solche Fakten ansprechen oder aber gleichgültig lassen, hängt von dem geistig-seelischen Entwicklungsstand des Einzelnen ab. Der Geist weht zwar, wohin er will, aber er wird nur dort fruchtbar, wo er einen aufnahmefähigen Boden findet. Ist ein echtes Bedürfnis nach Aufklärung vorhanden, braucht der Zeitgenosse nur seine Hand auszustrecken, um es zu befriedigen. Ist es nicht vorhanden, wird es nur gut sein, wenn er in der Geborgenheit seines Glaubens verbleibt."

Szczesny zeigt auf, wie die "Verwandlung" gelingen kann, lässt aber auch die Risiken für das "seelische Gleichgewicht" der Betroffenen anklingen und empfiehlt jedem, bei dem das "echte Bedürfnis nach Aufklärung" noch nicht vorhanden ist, "in der Geborgenheit seines Glaubens" zu bleiben.

Flüchtig betrachtet könnte man zu der Auffassung gelangen, dass es heutigen Zeitgenossen, dank der großen Zahl und Vielfalt leicht zugänglicher Informationsquellen, erheblich leichter fiele, ihr "Bedürfnis nach Aufklärung" zu befriedigen als vor fünfzig Jahren. Andererseits muss man aber wohl in Rechnung stellen, dass die stetig anwachsende Flut medialer Unterhaltungsangebote eine ablenkende oder gar betäubende, also eine gegenteilige, Wirkung haben kann.

Zählt sich jemand zu den "Ungläubigen", so gibt er damit zu erkennen, dass er seinen z. B. von christlichen Leitbildern – Existenz eines persönlichen Gottes, unsterbliche Seele, Auferstehung der Toten, ewiges Leben etc. – geprägten "Glauben" aufgegeben hat oder noch nie einen derartigen Glauben besaß. Er beschreibt also in erster Näherung eine veränderte oder aber immer schon vorhandene Teilstruktur seines Bewusstseins, gibt aber noch keine weitergehende Auskunft über dessen innere Verfassung und die möglichen Wirkungen auf die individuelle Lebensgestaltung.

In der Sphäre der "Ungläubigen" gibt es, anders als im Bereich der "Gläubigen", wenn überhaupt, nur eine sehr schwache Neigung zu Einheitsdenken und Gemeinschaftsbildung. Dennoch ordnen sich Betroffene selbst unterschiedlichen weltanschaulichen Strömungen zu oder können von Soziologen und Kulturwissenschaftlern näherungsweise zugeordnet werden. Die bekanntesten Bezeichnungen für "Ungläubige" sind wohl: Konfessionslose bzw. Konfessionsfreie, Religionslose, Humanisten, Agnostiker, Atheisten. Die Grenzen zwischen diesen Gruppierungen sind fließend.

Die Bezeichnungen Konfessionslose und Religionslose werden häufig synonym verwendet, was aber nur eingeschränkt richtig ist: Nicht jede/r Konfessionslose ist religionslos und nicht jede/r Religionslose ist konfessionslos. Tatsächlich werden unter dem Sammelbegriff Konfessionslose häufig diejenigen zusammengefasst, die keiner staatlich anerkannten kirchlichen Konfession angehören. Betroffene bezeichnen sich lieber als konfessionsfrei. Die Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid) berücksichtigt dies offenbar in ihrer Statistik.

Sehr häufig wird in diesem Zusammenhang der Begriff Humanisten gebraucht. Der Humanismus hat eine sehr lange Tradition. Da eine humanistische Haltung auch unter "Gläubigen" zu finden ist, grenzen sich die "ungläubigen" Humanisten teilweise durch differenzierende Attribute entsprechend ab. Sie nennen sich z.B. säkulare Humanisten, evolutionäre Humanisten, gottlose Humanisten.

Eine prägnante Kurzdefinition des Begriffs Agnostiker fand ich im Buch Woran glaubt ein Atheist? des französischen Philosophen und "bekennenden" Atheisten André Comte-Sponville (*1952):

"Im strengen, wahren Sinne des Wortes weiß niemand, ob es Gott gibt oder nicht. Der Gläubige bejaht seine Existenz (was man Glaubensbekenntnis nennt); der Atheist verneint sie; der Agnostiker tut weder das eine noch das andere. Er will sich nicht entscheiden oder meint es nicht zu können."

Im vorausgehenden Zitat ist auch schon die klare Abgrenzung des Begriffs Agnostiker vom Begriff Atheist formuliert.

Zur Bezeichnung Atheist bzw. zu der mit dem Begriff Atheismus umschriebenen Geisteshaltung von "Ungläubigen" folgt unten eine weitergehende Betrachtung. Vorher sei aber auf ein Phänomen hingewiesen, das ich als so etwas wie eine (unvermeidliche?) mediale Begriffsverwirrung bezeichnen möchte. Exemplarisch ist sie mir in der Ausgabe 28/2012 des SPIEGELs begegnet. Die Rubrik WELTANSCHAUUNGEN enthielt den Bericht über eine internationale Konferenz in London, ausgerichtet vom "Nonreligion and Secularity Research Network". Der Bericht trug die Überschrift Erleuchtung der Gottlosen – Woran glauben die Ungläubigen? – In London trafen sich Gelehrte, um die Lebenswelten der Atheisten zu erkunden. Schon hier tauchen, neben den "Ungläubigen", zwei offenkundig synonym gebrauchte Begriffe auf: "Gottlose" und "Atheisten". Im Text war dann u. a. Folgendes zu lesen:

"Atheismus war früher überwiegend männlich, doch inzwischen wächst der Anteil der Frauen stark. Auffallend viele Ungläubige bezeichnen sich aber nicht ausdrücklich als Atheisten – es klingt ihnen zu negativ. Sie bevorzugen positiv besetzte Begriffe wie Freidenker, Agnostiker, Nichtreligiöse oder Humanisten."

Darüber hinaus wurde im Text der Vorsitzende des britischen Humanistenverbandes, Andrew Copson, mit folgenden Worten charakterisiert:

"Der 30-jährige Engländer gilt als eine Art Häuptling der Atheisten, seit er vor gut zwei Jahren zum Chef des Humanistenverbandes von Großbritannien gewählt wurde."

In ganz ähnlicher Weise wurde der Geschäftsführer der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs), der Philosoph Michael Schmidt-Salomon, in den Medien als "Deutschlands Chefatheist" bezeichnet. Dabei vertritt die gbs einen "evolutionären Humanismus". In einer älteren SPIEGEL-Ausgabe (22/2007) wird der Humanistische Verband Deutschlands (HVD) genauso selbstverständlich als "größte Atheisten-Vereinigung" bezeichnet.

Die in den Medien, nicht nur im SPIEGEL, in entsprechenden Beiträgen gehäufte Verwendung der Begriffe Atheist oder Atheismus kann zweierlei bedeuten: Ich denke, dass sie einerseits einen zunehmend gelasseneren Umgang mit diesen Begriffen widerspiegelt. Das unterstelle ich z. B. dem SPIEGEL. Andererseits schließe ich nicht aus, dass Medien, die unter dem Einfluss gewisser interessierter Kreise stehen, bewusst die bei den Lesern vorhandenen oder vermuteten Vorurteile bedienen, jene Vorurteile, die aus dem Missbrauch dieser Begriffe in den von einer pervertierten kommunistischen Ideologie geprägten Herrschaftssystemen des 20. Jahrhunderts herrühren. Dass der in diesen Systemen ausgerufene bzw. staatlich verordnete "Atheismus" kein Atheismus, sondern purer Nihilismus war, wird gerne unterschlagen.

Es gilt darüber hinaus wohl auch, dass sehr viel Unklarheit darüber besteht, wer oder was "Ungläubige" sind, welchen Ideen sie in ihrer Lebensgestaltung folgen und was ihre wachsende Zahl für die Entwicklung einer künftigen Gesellschaft bedeuten könnte.

Daher finde ich bemerkenswert, was der Historiker Callum Brown in seiner Eröffnungsrede der oben erwähnten internationalen Konferenz von Soziologen und Kulturwissenschaftlern in London ausführte:

"Bisher wurde die Atheismusforschung meist von christlicher Seite betrieben. Nun kümmern sich endlich unvoreingenommene Wissenschaftler darum."

Wenn man unter Atheismus nur das Fehlen eines Gottesglaubens versteht, dann sind z. B. in Deutschland die Atheisten nicht nur unter den mehr als 37 % Konfessionsfreien (s. fowid-Hochrechnung für 2011) zu finden – wobei eingeräumt werden muss, dass nicht alle Konfessionsfreien Atheisten sind –, sondern auch unter den "Gläubigen". Im SPIEGEL-Beitrag war dazu Folgendes zu lesen:

"Ende Juni beklagte beispielsweise der Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx einen weitverbreiteten »verborgenen Atheismus« innerhalb der Kirche, der viel schwerer in den Griff zu bekommen sei als der öffentlich vorgetragene Atheismus."

Marx bekommt den "öffentlich vorgetragenen Atheismus" viel leichter in den Griff? Er verriet nicht, wie er das anstellt …

Am Ende des nun mehrfach zitierten SPIEGEL-Artikels über die "Gottlosen" las ich etwas, was mich sehr überraschte:

"Ausgerechnet die wohl größte Gruppe der Ungläubigen bereitet Forschern auch die größten methodischen Probleme: die »apathischen Atheisten« oder »religiös Indifferenten«. Ihnen sind Götter ebenso egal wie Religionskritik. »Sobald man diese Leute befragt, stört man ihre Apathie und ist versucht, etwas in ihre Antworten hineinzuinterpretieren«, sagt Historiker Brown. »Doch da ist einfach nichts da«."

Der Philosoph und Schriftsteller Gerhard Szczesny (1918-2002) mag Zeitgenossen vor Augen gehabt haben, die sich vielleicht nicht sehr von den eben beschriebenen "apathischen Atheisten" unterschieden, als er in den letzten Zeilen seines 1958 erschienen Buches Die Zukunft des Unglaubens ein düsteres Zukunfts-Szenario beschrieb:

"Aber es geht um die viel schwerwiegendere Tatsache, dass die unbesehen hingenommene Gleichsetzung von »Christentum«, »Religion« und »wahrer Menschlichkeit« den nachchristlichen Menschen daran hindert, seine metaphysischen und humanen Aufgaben zu erkennen.

Solange die öffentliche Meinung des Westens darauf besteht, dass nur das Fürwahrhalten der christlichen Glaubenspostulate die Welt retten kann, wird sie die glaubenslose Zeit gewaltsam verlängern und immer neue Generationen dem Zynismus, der Oberflächlichkeit und dem Stumpfsinn in die Arme treiben."

Der von Szczesny vor Jahrzehnten beschriebene gesellschaftliche Zustand hat sich leider bis heute nicht geändert. Die Risiken der "glaubenslosen Zeit" haben sich zweifellos weiter verschärft. Die aktuellen statistischen Zahlen für Deutschland – mehr als 37% sind konfessionsfrei (s. oben) und sogar 53% glauben nicht mehr an einen Gott (EU-Umfrage Eurobarometer) – zeigen, dass selbst unter den sog. "Gläubigen", die zudem in ihrer übergroßen Mehrheit als "kirchenfern" bezeichnet werden können, der traditionelle Glaube mehr und mehr schwindet.

Was für Szczesny aber wohl noch entscheidender war: Er sah schon zu seiner Zeit das Versagen der "öffentlichen Meinung des Westens" oder besser: der sie beherrschenden interessengeleiteten gesellschaftlichen Kräfte, darin, dass sie alternativen Denkmodellen nicht denselben Entfaltungsspielraum zubilligten, wie den längst überholten "christlichen Glaubenspostulaten". Aber genau das wäre erforderlich, um den Menschen, die ihren christlichen Glauben verloren haben, eine neue Perspektive zu eröffnen.

Szczesny sah nur eine, auch heute noch unverändert aktuelle, notwendige Strategie zur Krisenbewältigung:

"Die bedrohlichen Krisenerscheinungen dieser Zeit können nur aufgehalten werden, wenn man allen Menschen, die sich dem Christentum für immer entfremdet haben, zu der Erkenntnis verhilft, dass diese Entfremdung sie weder der Möglichkeit noch der Verpflichtung enthebt, nach einer Sinngebung ihres Daseins zu suchen."

Dieses klare, überzeugende Wort Szczesnys bedarf keines weiteren Kommentars.

Anmerkung
Den Hinweis auf die EU-Umfrage Eurobarometer fand ich bei SPIEGEL ONLINE vom 05. Juni 2012.

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Kampf gegen die Religion – gegen das Christentum?

Für "Ungläubige" ist diese Frage nicht völlig abwegig. Während meiner Beschäftigung mit dem Christentum verspürte ich häufig Wut und Empörung über das, was mir da begegnete – historisch und aktuell. Es regte sich in mir eine gewisse Militanz. Dies mag für Leserinnen und Leser, an der einen oder anderen Stelle dieser Web Site, in polemischen Untertönen spürbar sein. Dennoch habe ich während meiner Recherchen nicht so sehr an "Kampf" gedacht, sondern primär an Erkenntnisgewinn und Aufklärung.

Im Übrigen stellt sich die Frage nach dem eigentlichen Gegner in etwaigen "Kampfhandlungen": Die Religion bzw. das Christentum wären es heute m. E. nicht mehr. Der verlustreiche "Kampf gegen die Religion" und gegen deren "organisierte" bzw. "verfasste" Ausprägung, wurde von unerschrockenen, intellektuell redlichen, Menschen früherer Generationen ausgefochten. In dessen Verlauf wurden nicht nur die wahnhaften Züge religiöser Weltanschauung aufgedeckt und hinlänglich beschrieben. Spätestens seit der Aufklärung führte er, zwar nicht zur vollständigen Beseitigung, aber immerhin zur Eindämmung der überbordenden Macht der etablierten Institutionen.

Ein erneuter "Kampf gegen die Religion" würde ja nach wie vor auf den Versuch einer intellektuellen Auseinandersetzung über deren Theologie bzw. Ideologie hinauslaufen. Was eine mögliche Auseinandersetzung dieser Art jedoch so nutzlos erscheinen lässt: In den meisten Fällen wäre man wohl mit Gesprächspartnern konfrontiert, die sich nicht an die Spielregeln intellektueller Redlichkeit hielten. Der Philosoph Hans Albert (*1921) hat sich in seinem Werk Traktat über kritische Vernunft sehr treffend dazu geäußert. Im Kapitel Glaube und Wissen, dessen erster Abschnitt den Titel Die Theologie und die Idee der doppelten Wahrheit trägt, diagnostiziert er – nicht nur für die Theologie – eine Tendenz, der Vernunft im Bereich der Wissenschaft "eine ganz andere Funktion" zuzuschreiben "als im Bereich des sogenannten Glaubens". Er nennt diese Verfahrensweise

"eine mit methodischen Ansprüchen ausgestattete Zwei-Sphären-Metaphysik, die in Verbindung mit der Idee der doppelten Wahrheit geeignet erscheint, gewisse tradierte Anschauungen gegen bestimmte Arten der Kritik abzuschirmen und dadurch einen inselhaften Bereich unantastbarer Wahrheiten zu schaffen."

Für Albert ist dies "ein ganz und gar dogmatisches Verfahren, ein Rückzug in den vollkommenen Dogmatismus, und das heißt: in die vollkommene Willkür", und er fährt fort:

"Das Motiv für die Wahl einer solchen Strategie liegt im Allgemeinen auf der Hand: Man ist zwar im sicheren Besitz der Wahrheit, hat dennoch eine gewisse Angst vor kritischer Prüfung und opfert daher lieber die elementare Moral des Denkens – nämlich die Logik – als diesen angeblich sicheren Besitz."

Dass sich auch ein Kampf gegen "den Monopolanspruch des Christentums auf die Wahrheit" erübrigt, hat der Philosoph und Schriftsteller Gerhard Szczesny (1918-2002) schon vor Jahrzehnten festgestellt:

"…, denn jener Anspruch ist oft und überzeugend genug widerlegt worden."

Anmerkung
Das Szczesny-Zitate stammt aus dem 1958 erschienenen Buch Die Zukunft des Unglaubens.

Wenn man dem Philosophen Herbert Schnädelbach (*1936) folgt, gibt es noch einen anderen Grund, vom Kampf mit den Vorreitern des Christentums abzusehen. In einem aufsehenerregenden Beitrag mit dem Titel Der Fluch des Christentums, in der ZEIT vom 11. Mai 2000, stellte er – sarkastisch(?) – fest:

"Ich habe den Eindruck, dass das verfasste Christentum in der modernen Welt sein tatsächliches Ende längst hinter sich hat, aber ohne dies bemerkt zu haben."

Da drängt sich beinahe diese Frage auf: Gliche ein Kampf gegen das "verfasste Christentum" dann nicht geradezu einer Leichenschändung …?

Überzeugend finde ich, was der französische Philosoph André Comte-Sponville (*1952) in seinem Buch Woran glaubt ein Atheist? kurzgefasst so formulierte:

"Gegen die Religion kämpfen? Nein, das wäre der falsche Gegner. Besser für die Toleranz, für die Trennung zwischen Kirche und Staat, für die Freiheit des Glaubens und des Unglaubens. Den Geist kann niemand für sich allein in Anspruch nehmen. Die Freiheit auch nicht."

An anderer Stelle ergänzt er seine Überlegungen zu der hier gestellten Frage aus einem etwas anderen Blickwinkel:

"Ich würde es mir nicht verzeihen, Menschen den Glauben zu nehmen, die ihn brauchen oder einfach besser mit ihm leben. Es sind unzählige. Einige sind bewundernswert […], die meisten respektabel. Ihr Glaube stört mich nicht. Warum sollte ich ihn bekämpfen? Ich bin ja kein atheistischer Missionar. Ich versuche nur, meine Position zu erläutern, zu begründen, und das mehr aus Liebe zur Philosophie denn aus Hass gegen die Religion. Es gibt freie Geister in beiden Lagern. An sie wende ich mich. Die anderen, ob gläubig oder nicht, überlasse ich ihren Gewissheiten."

Ein erneuter "Kampf gegen die Religion" erscheint heute also als wenig sinnvoll. Hingegen bleibt es eine Daueraufgabe für "Ungläubige", u. a. auf den Abbau der  überholten und ungerechten finanziellen und arbeitsrechtlichen Privilegien der Kirchen hinzuwirkenen oder sich Versuchen der Kirchen, gesellschaftlich relevante Diskussionen (Selbstbestimmtes Sterben, Schwangerschaftsverhütung, Homo-Ehe etc.) bevormundend zu dominieren, entgegenzustellen. Darüber hinaus sehe ich eine der Hauptaufgaben für "Ungläubige" darin, alternative – säkular geprägte – Konzepte zu erarbeiten, die den Menschen Orientierungshilfe bieten für die Entwicklung neuer eigener Positionen bzw. Überzeugungen. Das damit verbundene Fernziel wäre: Individuen ein werteorientiertes, selbstverantwortlich gestaltetes Leben und Handeln zu ermöglichen und, damit einhergehend, die Voraussetzung für eine gerechtere Gesellschaft bzw. für eine nachhaltig stabilisierte Demokratie zu schaffen.

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Wege zum Atheismus – ein kurzer Blick in die Geschichte

Der Begriff Atheismus bzw. die für "Ungläubige" häufig gebrauchte Bezeichnung Atheisten verbinden sich, in meinem Bewusstsein, sehr viel enger als alle anderen mit (radikaler) Religionskritik.

Man kann wohl davon ausgehen, dass es schon von Anfang an, seit den frühesten Entwicklungsstufen religiöser Kulte und Denksysteme Individuen gab, die die zu ihrer Zeit vorherrschende Weltanschauung nur in Teilen oder gar nicht akzeptieren konnten. Unter diesen Andersdenkenden gab es sicher jene, die den Anstoß zur Entstehung neuer Religionen gaben, während andere unter ihnen alternative philosophische Denksysteme entwickelten. Letztere konnten dann kaum etwas anderes sein als religionskritisch. Wie weit sich, in der Kulturgeschichte der Menschheit, Spuren religionskritischer Denker zurückverfolgen lassen, ist mir nicht bekannt. Ich vermute, dass sie in alten Mythen der unterschiedlichsten Kulturen zu finden sind.

Die im Folgenden genannten Religionskritiker, Freidenker, Skeptiker, Philosophen  und Naturwissenschaftler gehörten/gehören unterschiedlichen Geistesströmungen an und können in ihrer Mehrzahl nicht als Atheisten bezeichnet werden. Im engeren Sinne gibt es letztere wohl erst seit dem 17. Jahrhundert. M. E. gehören jedoch alle zu den Wegbereitern des Atheismus.

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Griechische und römische Antike
Spätestens aus der griechischen Antike kennen wir nicht nur die Namen von Religionskritikern, sondern auch deren Ideen. Zu den frühesten Wegbereitern des Atheismus gehören: Xenophanes von Kolophon (um 570-um 480 v. Chr.), Demokrit (460/459-371), Epikur (342-271), Straton (um 340-um 268). Etwa zweihundert Jahre nach Epikur bezog sich der römische Dichter und Philosoph Lukrez (um 97-um 55) in seinem Werk De rerum natura auf dessen Philosophie. Mit eigenen gesellschaftskritischen Überlegungen ging er jedoch über die Religionskritik Epikurs hinaus.

Bekannte Worte von zwei der genannten griechischen Philosophen habe ich auf dieser Website schon an anderer Stelle zitiert: Xenophanes, Epikur.

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Neuzeit – Renaissance

Im 15. und 16. Jahrhundert, in der Renaissance, mit der die europäische Neuzeit begann, wurden die griechischen und römischen Philosophen wiederentdeckt, und ihre Ideen beeinflussten die geistige Entwicklung dieser und aller folgenden Epochen bis in unsere Gegenwart. 

Von der Renaissance bis etwa zur Mitte des 17. Jahrhunderts gehörten Philosophen und Naturwissenschaftler, die häufig beide Geisteswelten in sich vereinigten, zu den Wegbereitern des Atheismus, ohne selbst Atheisten im engeren Sinne zu sein. Teilweise waren sie auch mit der Theologie vertraut. Ihre naturwissenschaftlichen Erkenntnisse brachten das alte, vom organisierten Christentum vehement verteidigte, Weltbild ins Wanken. Ihre philosophischen Ideen hatten großen Einfluss auf Denker der Folgezeit. Zu ihnen zählen Nikolaus Kopernikus (1473-1543), Michel de Montaigne (1533-1592), Johannes Kepler (1571-1630), Giordano Bruno (1548-1600), Galileo Galilei (1564-1642), Lucilio Vanini (1585-1619).

Exemplarisch seien hier Worte von Giordano Bruno und Lucillio Vanini zitiert (gefunden bei Friedrich Hagen):

"Das unendliche All ist Gott, alles ist beseelt und ständig sich wandelnd, man verehrt das Göttliche, indem man die universalen Gesetze erforscht, denn jede Erkenntnis eines Naturgesetzes ist eine sittliche Tat." (Bruno)

"Die Materie ist ewig … Gotteskraft und Naturgesetz sind identisch …." (Vanini)

Beide endeten für ihre Überzeugungen auf dem Scheiterhaufen.

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Neuzeit – Aufklärung
Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges (1648) begann die Frühaufklärung und im 18. Jahrhundert folgte das Zeitalter der Aufklärung. Aufgrund ihrer wichtigen Beiträge zur Religions- und auch zur Gesellschaftskritik werden für diese Epoche häufig folgende Skeptiker, Freidenker und Atheisten aus Deutschland, England, Frankreich, Irland und den Niederlanden genannt: François de La Mothe le Vayer (1588-1672), Baruch de 
Spinoza (1632-1677), John Locke (1632-1704), Matthias Knutzen (1646-nach 1674), Pierre Bayle (1647-1706), Jean Meslier (1664-1729), John Toland (1670-1722), Voltaire (1694-1778), Julien Offray de La Mettrie (1709-1751), David Hume (1711-1776), Jean Jacques Rousseau (1712-1778), Denis Diderot (1713-1784), Claude Adrien Helvétius (1715-1771), Paul Thiry d’Holbach (1723-1789). 

Ein bekanntes Wort des französischen Philosophen Paul Thiry d’Holbach wurde schon an anderer Stelle dieser Site zitiert (s. hier).

Für den Philosophiehistoriker Winfried Schröder (*1956), Herausgeber des Traktats über die drei Betrüger, ist der Deutsche Matthias Knutzen der erste namentlich bekannte Atheist der europäischen Neuzeit.  

Es sei noch erwähnt, dass es in jener Epoche auch in Polen und Russland atheistische Denker gab. Z. B. veröffentlichte der polnische Philosoph Kasmierz Lyszczynski (1634-1689) eine atheistische Schrift mit dem Titel Über die Nichtexistenz Gottes. Er wurde dafür geköpft und verbrannt. 

Selbst Voltaire, der nicht Atheist war, sondern Deist, war noch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Anfeindungen und Verfolgungen durch kirchliche Instanzen ausgesetzt. 

Mit ihren, über die Religionskritik hinausgehenden, gesellschaftskritischen Ideen gaben vor allem Denker Frankreichs wichtige Impulse für die Entstehung eines geistigen Klimas in der französischen Feudalgesellschaft des 18. Jahrhunderts, in dem es schließlich zum Ausbruch der Französischen Revolution von 1789 kam.

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Jean Meslier – "Atheist im Priesterrock"

Dem  besonderen Menschen Jean Meslier (1664-1729), der in der abgelegenen französischen Provinz, unter widrigsten Umständen, eine bemerkenswert eigenständige Position zur Religion und zu den gesellschaftlichen Missständen seiner Zeit entwickelte, widme ich hier ein eigenes Kapitel. 

Meslier beschrieb seine Position ausführlich in einem Werk, das nach seinem Tode in handschriftlicher Form vorgefunden wurde. Es wird heute meist als sein "Testament" bezeichnet. Diese Bezeichnung geht auf Voltaire (1694-1778)  zurück. Der ursprüngliche, von Meslier persönlich formulierte, Titel seiner Schrift lautet (nach Hartmut Krauss):

 "Vermächtnis der Gedanken und Ansichten von Jean Meslier, Priester, Pfarrer von Etrépigny und Balaives, über einen Teil der Irrtümer und Missstände in der Lenkung und Leitung der Menschen, worinnen sich klare und deutliche Beweise für die Eitelkeit und Falschheit aller Gottheiten und aller Religionen der Welt finden, das nach seinem Tode seinen Pfarrkindern zukommen soll, damit es ihnen und ihresgleichen als Zeugnis der Wahrheit diene"

Mesliers "Vermächtnis" wurde nach seinem Tod, vollständig oder in Teilen, vielfach kopiert und heimlich verbreitet. Eine gedruckte Gesamtausgabe erschien erstmals in 1867(!) in Amsterdam. Der Herausgeber einer, in 2005 erschienenen, gekürzten deutschen Ausgabe, der Sozial- und Erziehungswissenschaftler Hartmut Krauss (*1951), gab ihr den Titel Das Testament des Abbé Meslier, und er fügte den Untertitel "Die Grundschrift der modernen Religionskritik" hinzu.

Meslier gliederte seine Schrift in 97 Kapitel, in denen er sich in etwa mit diesen drei Hauptthemen befasst:

  • Kritik an den Religionen der Welt, insbesondere am Christentum sowie an dessen überlieferten Schriften und verkündeten Lehren,
  • Kritik an den vielfältigen gesellschaftlichen Missständen seiner Zeit und Vorschläge zur Abhilfe,
  • Kritik am Gottes- bzw. Schöpferglauben und Entwicklung eines materialistisch-atheistischen Weltbildes.

Im Folgenden sind einige Kapitelüberschriften exemplarisch zitiert (aus Das Testament des Abbé Meslier): 

4. Erster Beweis für die Eitelkeit und Falschheit der Religionen, die allesamt nur menschliche Erfindungen sind

14. Über die Unzuverlässigkeit der sogenannten Heiligen Schrift, die gefälscht und immer wieder verändert wurde

31. Zweiter Irrtum, die Fleischwerdung Gottes zum Menschen betreffend

41. Sechster Beweis für die Eitelkeit und Falschheit der christlichen Religion, hergeleitet aus den Missbräuchen, den rechtswidrigen Drangsalierungen und der Tyrannei der großen Herren, die sie duldet oder gar rechtfertigt

42. Erster Missstand: das große und ungeheure Missverhältnis der Rangordnungen und Stände der Menschen, die von Natur aus alle gleich sind

51. Über den großen Nutzen und die großen Vorteile, die alle Menschen hätten, wenn sie friedlich zusammenlebten und alle gemeinsam die Annehmlichkeiten und Gaben des Lebens nutzten

64. Weder die Schönheit, noch die Ordnung, noch die Vollkommenheit der Werke der Natur sind auch nur der geringste Beweis für die Existenz Gottes, der sie geschaffen haben soll

71. Das Sein oder, was dasselbe ist, die Materie kann nur aus sich selbst Existenz und Bewegung erhalten haben

Schon bevor ich begann, mich mit dem Atheismus zu befassen, war ich auf ein in 1977 veröffentlichtes Büchlein des Schriftstellers Friedrich Hagen (1903-1979) gestoßen. Es trägt den Titel Jean Meslier oder ein Atheist im Priesterrock und es enthält die überarbeitete Fassung eines Vortrags, den er in 1975, auf Einladung des Bundes für Geistesfreiheit, in Nürnberg gehalten hatte. Hagen stellt darin den Atheisten und Frühaufklärer Jean Meslier (1664-1729) in eine Reihe mit seinen geistigen Vorläufern in Antike und Renaissance und mit seinen gleichgesinnten Nachfolgern im Europa des 18. Jahrhunderts. Es enthält wichtige Worte großer Denker aus dem Zeitraum von der griechischen Antike bis zum Zeitalter der Aufklärung und ist daher ein wahrer Zitatenschatz.

U. a. zeichnet Friedrich Hagen Verbindungslinien zwischen dem Gottesbegriff Mesliers und dem eines antiken Denkers: 

"Er sieht im Gottesbegriff noch nicht einmal – wie später Nietzsche und Sartre – ein projiziertes Idealbild der menschlichen Selbstverwirklichung. Nein er verwirft kurzweg jede Religion und mit ihr jeden Gott. Da er überzeugt ist, dass kein Gott existiert, greift er nicht einen Gott, sondern seine Nutznießer an. Er zerpflückt die Gottesidee und widerlegt sie durch die Vorstellung der Materie als unendliche Ausdehnung in Raum und Zeit.

Das ist nicht neu. Ein gewisser Straton, der im Jahr 270 vor unserer Zeitrechnung starb, hatte erklärt, das Göttliche sei die Natur, eine Natur ohne Bewusstsein und ohne Zweck und Ziel. Für Straton wurde die Welt nicht von Göttern erschaffen, die in Wahrheit nichts anderes sind als personifizierte Naturerscheinungen."

Und einige Zeilen weiter ergänzt Hagen: 

"Mit acht Beweisen der Nichtexistenz eines Gottes entkräftet er logisch, aufrichtig und gewissenhaft die acht herkömmlichen Gottesbeweise. Später kommen kluge Leute und schreiben den Gegenbeweisen eine »erschreckende Logik« zu."

Nach Hagen entwirft Meslier "das Gedankengebäude eines atheistischen Materialismus", ohne den Begriff "Materialismus" zu verwenden, der erst Jahrzehnte nach seinem Tod gebräuchlich wurde: 

»Gott und die Materie sind ein und dieselbe Sache. … Die Natur braucht, um sich zu bewegen, keinen göttlichen Nasenstüber. … Die angebliche Einmischung Gottes wäre unnütz und grundsätzlich unverständlich.« 

Mit einem Voltaire-Zitat zeigt Friedrich Hagen gegen Ende seiner Würdigung des "Atheisten im Priesterrock", welche Wertschätzung Meslier und sein "Testament" im Aufklärungszeitalter genossen: 

"1762 schreibt Voltaire in einem Brief: »Ich habe den christlichen Wunsch, dass sich das Testament des Pfarrers Meslier multiplizieren möge wie die fünf Brote und dass es die Seelen von Fünftausend speise, denn mehr als je verabscheue ich die Infame«." 

Anmerkung
Das Wort "die Infame" im vorausgehenden Voltaire-Zitat lautet im Französischen "l'infâme". Voltaire beendete viele seiner Briefe mit dem Aufruf "Ecrasez l'infâme!". Es gibt verschiedene Übersetzungen bzw. Deutungen. Gebräuchliche Übersetzungen sind "Vernichtet die Schändliche!" oder "Zermalmt die Niederträchtige!" Gemeint ist die katholische Kirche.

Im Folgenden zitiere ich einen vergleichsweise umfangreichen Text aus der deutschen Ausgabe von Mesliers "Testament", und zwar aus dem ersten Kapitel, das die Überschrift Vorrede – die Absicht des Werkes trägt. Einerseits ist er charakteristisch für die ungeschminkte, radikale Christentums- und Gesellschaftskritik Mesliers, andererseits hat der zweite Teil des Textes, in dem Meslier den "Wunsch" eines Gesprächspartners wiedergibt, eine ganz eigene Wirkungsgeschichte: 

"Ach, meine lieben Freunde, wenn Ihr die Hohlheit und die Unsinnigkeit jener Irrlehren, die man Euch unter dem Deckmantel der Religion beigebracht hat, richtig kenntet, wenn Ihr wüsstet, wie ungerecht, wie unwürdig man die Macht über Euch, die man sich erschlichen hat, unter dem Vorwand, Euch zu regieren, missbraucht: Ihr empfändet sicher nur Verachtung für all das, was man Euch anbeten und verehren lässt, und nichts als Hass und Empörung gegenüber all denen, die Euch betrügen, Euch so schlecht regieren und so schändlich behandeln. Dies erinnert mich an den Wunsch, den ein Mann einmal äußerte, der weder die Wissenschaft kannte noch Bildung besaß, dem es aber offensichtlich nicht an Urteilskraft mangelte, um all die ekelerregenden Missstände und verabscheuungswerten Willkürherrschaften, die ich hier anklage, richtig einzuschätzen; sein Wunsch und die Art, seinen Gedanken auszudrücken, zeigen, dass er recht scharfsinnig war und tief genug in dieses abscheuliche Mysterium der Bosheit, von dem ich gerade rede, eingedrungen war, da er so gut dessen Urheber und Förderer erkannte. Er wünschte, dass all die Großen der Erde und alle Adligen mit den Gedärmen der Priester erhängt und erwürgt werden sollten. Dieser Ausdruck wird nicht verfehlen, roh, ungehobelt und empörend zu wirken, aber man wird zugeben müssen, dass er freimütig und naiv ist; er ist kurz, aber ausdrucksvoll, da er mit wenig Worten genug darüber aussagt, was solche Leute verdienten."

Anmerkung
Hervorhebung im vorausgehenden Zitat stammt vom Autor der Site.

Der Schriftsteller Friedrich Hagen (1903-1979) zeigt in seiner Schrift über den "Atheisten im Priesterrock", dass der "Wunsch" des unbekannten Gesprächspartners Mesliers in leicht abgewandelter Form später in einem Brief von Voltaire (1694-1778) an Helvétius (1715-1771) sowie in einem Gedicht von Denis Diderot (1713-1784) auftauchte. Bis heute begegnet man immer wieder der Auffassung, Diderot sei der Urheber gewesen. Dabei hatte dieser bei Meslier abgeschrieben. Hagen erwähnt darüber hinaus, dass der russische Dichter Puschkin (1799-1837) die von Meslier dokumentierten Gedanken eines Unbekannten ebenfalls aufgriff und, entsprechend angepasst, auf die Herrschaftsstrukturen des zaristischen Russland bezog und dass sehr viel später, im Mai 1968, während der Studentenunruhen in Paris, ein analog auf die Situation an den Lehranstalten bezogener Text die Wand einer Universität zierte.

Anmerkungen
Bevor Mesliers Testament von Hand zu Hand ging, waren schon einige Jahrzehnte lang zwei atheistische Schriften anonymer Autoren im Umlauf:
- Als frühestes religionskritisches Dokument der Neuzeit mit atheistisch geprägtem Inhalt gilt die Arbeit eines unbekannten französischen Autors, die unter dem Titel Theophrastus redivivus um das Jahr 1659 veröffentlicht wurde. Der Autor kritisiert darin die "gängigen Gottesbeweise" – für ihn existiert kein Gott.
- Wenig später, wahrscheinlich im letzten Viertel des 17. Jahrhunderts, erschien dann ein Werk, dessen anonymer Autor radikale Religionskritik übte bzw. einen "konsequenten Atheismus" vertrat. Es trägt den Titel Traktat über die drei Betrüger. Mit den "drei Betrügern" sind Moses, Jesus und Mohammed gemeint, die Protagonisten der drei "Offenbarungsreligionen". Der Traktat war während der Aufklärung weit verbreitet.

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Neuzeit – nach dem Aufklärungszeitalter

Auf die Frage nach herausragenden atheistischen Denkern seit dem Ende des Aufklärungszeitalters werden meist der Philosoph, Anthropologe und Religionskritiker Ludwig Feuerbach (1804-1872), der Philosoph und Gesellschaftskritiker Karl Marx (1818-1883), der Philologe und Philosoph Friedrich Nietzsche (1844-1900) und der Tiefenpsychologe und Religionskritiker Sigmund Freud (1856-1939) genannt.

Ich denke, dass auch noch diese Denker genannt werden sollten: der brit. Philosoph und Mathematiker Bertrand Russell (1872-1970), der brit. Biologe und Philosoph Julian Huxley (1887-1975), der deutsch-amerik. Sozialpsychologe und Philosoph Erich Fromm (1900-1980), der österr. Philosoph und Schriftsteller Günther Anders (1902-1992), der deutsche Psychoanalytiker und Schriftsteller Alexander Mitscherlich (1908-1982), der franz. Schriftsteller Albert Camus (1913-1960). Die Aufzählung ließe sich fortsetzen.

Im Buch Warum ich kein Christ sein will von Uwe Lehnert (*1935) fand ich dieses Wort des österreichischen Philosophen und Schriftstellers Günther Anders:

"Nach Auschwitz besteht mein Atheismus nicht mehr einfach in der Bestreitung ›seines‹ Daseins, sondern in meiner Empörung über die Würdelosigkeit derer, die einem, der dies zugelassen hat, im Gebet nahen."


Ludwig Feuerbach

Auf den besonderen »Atheismus« Ludwig Feuerbachs sei hier kurz eingegangen. Die mir vorliegende Ausgabe seines bekannten Werkes Das Wesen des Christentums enthält ein Nachwort von Karl Löwith (1897-1973), der ebenfalls Philosoph und Religionskritiker (und wohl auch Atheist) war. Unter Einbeziehung von Feuerbach-Zitaten schreibt Löwith:

"Indem Feuerbach die Philosophie als solche zur Religion erklärt, ist sein »Atheismus« – wie ihm Stirner vorhielt – selbst noch ein »frommer«. Durch diesen Vorwurf fühlte er sich aber nicht getroffen. Denn er wollte ja nur das »Subjekt« der religiösen Prädikate, Gott beseitigen, aber keineswegs die Prädikate selbst in ihrer menschlichen Eigenbedeutung. 

»Ein wahrer Atheist, d. h. ein Atheist im gewöhnlichen Sinne, ist daher auch nur der, welchem die Prädikate des göttlichen Wesens, wie z. B. die Liebe, die Weisheit, die Gerechtigkeit nichts sind, aber nicht der, welchem nur das Subjekt dieser Prädikate nichts ist. […] Die Prädikate haben eine eigene, selbständige Bedeutung; sie dringen durch ihren Inhalt dem Menschen ihre Anerkennung auf: Sie erweisen sich unmittelbar durch sich selbst als wahr; sie bestätigen, bezeugen sich selbst. Güte, Gerechtigkeit, Weisheit sind dadurch keine Chimären, dass die Existenz Gottes eine Chimäre, noch dadurch Wahrheiten, dass diese eine Wahrheit ist […]«.

Feuerbach war also kein »gewöhnlicher« Atheist, bzw. er war es, nämlich sofern der Atheismus für gewöhnlich gerade das ist, als was ihn Feuerbach angibt: ein Bestehenlassen der christlichen Prädikate unter Abstraktion von ihrem Subjekt!"

Löwith schließt sein Nachwort mit einem Feuerbach-Zitat, mit dem er, wie ich meine, die in seiner Selbstrelativierung erkennbare menschliche Größe dieses außergewöhnlichen Denkers würdigt:

"Feuerbachs Religionskritik konnte und wollte nicht etwas Abschließendes, sondern nur etwas Vorläufiges sein, dessen Konsequenzen jedoch nicht ausbleiben würden. Ihre Grundgedanken, meinte er, würden bestehen bleiben, aber »nicht in der Weise, in welcher sie hier ausgesprochen sind und unter den gegenwärtigen Zeitverhältnissen ausgesprochen werden konnten«."

Mir scheint, dass der von Feuerbach als »wahrer« bzw. als »Atheist im gewöhnlichen Sinne« bezeichnete Atheist kein Atheist, sondern ein Nihilist ist, der nicht nur den Glauben an einen Gott ablehnt, sondern auch die Gültigkeit von Werten bestreitet. Klar wird, dass Feuerbach sich nicht als »wahrer« Atheist sieht. Er fügt seiner eigenen atheistischen Haltung im vorausgehenden Zitat jedoch kein abgrenzendes Attribut hinzu. Kann man davon ausgehen, dass Feuerbach die mit dem "Subjekt" verknüpften "Prädikate" gedanklich mit den griechisch-jüdisch-christlichen Werten verband? Ich vermute es.

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Wichtige naturwissenschaftliche Fortschritte

Wichtige Impulse für die weitere Erschütterung des immer noch von religiösen Vorstellungen, z. B. vom Schöpfungsglauben, dominierten Weltbildes gingen im 19. Jahrhundert von wesentlichen Fortschritten in den Naturwissenschaften aus. Einen kaum zu überschätzenden Beitrag zur Festigung eines materialistisch-atheistischen Weltbildes leistete der britische Naturforscher Charles Darwin (1809-1882): Mit seinem 1859 veröffentlichten Werk Über die Entstehung der Arten schuf er die Grundlage der Evolutionstheorie bzw. der modernen Evolutionsbiologie. Kurz gesagt: Darwin erklärt die Entstehung der Artenvielfalt durch natürliche Selektion und durch, ebenfalls natürliche, das Erbgut verändernde Mutationen

In Deutschland machte der Mediziner, Zoologe und Freidenker Ernst Haeckel (1834-1919) die Darwinsche Theorie bekannt und leitete aus ihr seine Abstammungslehre ab.

Weitere, vielleicht entscheidende Impulse, sind aus den Forschungen zu erwarten, die sich mit der Entstehung von organischen aus anorganischen Molekülen beschäftigen. Die zugrunde liegende wissenschaftliche Hypothese wird auch chemische Evolution genannt. Ziel dieser Forschungen ist die Antwort auf die Frage nach der Entstehung des Lebens. Heute gehen wir davon aus, dass das Leben vor rund 4 Milliarden Jahren entstand. Und dieses Ereignis war der Startschuss für die oben angedeutete biologische Evolution.

Erste Versuche in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erbrachten schon erstaunliche Ergebnisse. Auf Anregung des Chemikers Harold C. Urey (1883-1981) führte der damalige Student Stanley L. Miller (1930-2007) in 1953 einen chemischen Versuch durch, der seitdem "Miller-Urey-Experiment" genannt wird: Miller löste in einem  Gasgemisch aus anorganischen Molekülen, das die angenommene Uratmosphäre der Erde repräsentierte, elektrische Entladungen aus, mit denen er Blitze in der Erdatmosphäre simulierte. Nach einiger Zeit ließen sich in der Versuchsanordnung verschiedene organische Moleküle nachweisen, u. a. Aminosäuren, die zu den Bausteinen von Proteinen gehören.

Trotz weiterer Fortschritte gibt es noch viele offene Frage, u. a. mögliche Einflüsse aus dem Weltall betreffend. Daher gibt es derzeit keine schlüssige Theorie, die die Entstehung des Lebens erklären könnte. Es ist jedoch anzunehmen, dass auch dieses Geheimnis eines Tages gelüftet wird. Da der Gegenstand der Untersuchungen außerordentlich komplex ist, kann heute niemand sagen, wann mit einem Ergebnis zu rechnen ist.

Einige namhafte Atheisten der jüngeren Vergangenheit und der Gegenwart sind im Kapitel "Alte" und "Neue" Atheisten erwähnt.

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Atheismus – ein Annäherungsversuch
In den vorausgehenden Kapiteln war viel von Atheismus die Rede, ohne dass eine Erläuterung dieses Begriffes erfolgt wäre. Klar ist bisher nur, dass es sich um eine mögliche Geisteshaltung oder "Lebensform" für "Ungläubige" handelt. Und klar ist auch, das zeigte der kurze Blick in seine Entwicklungsgeschichte, dass er sehr eng mit Religions- und Gesellschaftskritik verknüpft ist.

Da ich einerseits mit dem Thema noch zu wenig vertraut bin, andererseits nicht einfach nur auf WIKIPEDIA verweisen will, verwende ich für die folgenden Betrachtungen Informationen, die ich den folgenden zwei Fundstellen entnahm: dem Lexikon der EZW und den "Stichwörtern" der u. a. vom Bund für Geistesfreiheit initiierten Seite Arbeitskreis Ethikunterricht in Bayern (aeb).

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Erscheinungsformen

Im Lexikon der EZW fand ich unter dem Stichwort Atheismus u. a. die folgenden einleitenden Sätze:

"Der neuzeitliche Atheismus entstand in Ländern und Gesellschaften, die durch das Christentum geprägt wurden. Er ist insofern ein Phänomen mit geographischen Begrenzungen, obgleich nichttheistische Überzeugungen auch in anderen Kulturen und im Zusammenhang nichtchristlicher Religionen verbreitet sind.
[…]
Im europäischen Kontext haben sich unterschiedliche Ausprägungen atheistischer Bestreitungen Gottes herausgebildet."

Es folgt eine Beschreibung von "Grundtypen des Atheismus":

"Folgende inhaltliche Grundtypen des Atheismus lassen sich unterscheiden: die Ablehnung Gottes im Namen der leidenden Kreatur (akkusarischer Atheismus mit Bezug auf die Theodizeefrage), die Ablehnung Gottes im Namen von Vernunft und Wissenschaft (Szientismus), im Namen der Natur (Naturalismus), im Namen des Menschen (Humanismus), im Namen des Lebens (Vitalismus), im Namen der Mündigkeit (psychologischer Atheismus), im Namen der Freiheit (Existentialismus). Hinzuweisen ist darüber hinaus auf den praktischen Atheismus und die Haltung der Gleichgültigkeit gegenüber religiösen Wahrheitsgewissheiten und einen methodischen Atheismus, der das wissenschaftliche Arbeiten bestimmt."

Anmerkung
Die im Zitat eher beiläufig angesprochene "Haltung der Gleichgültigkeit gegenüber religiösen Wahrheitsgewissheiten" entspricht wohl weitgehend jener der sog. "apathischen Atheisten" oder "religiös Indifferenten". Letztere wurden schon an anderer Stelle auf dieser Seite erwähnt, dort aber als die "wohl größte Gruppe der Ungläubigen" (hier).

Sieht man vom "praktischen Atheismus" (Haltung der meisten Kirchenmitglieder, die ihr Leben gestalten, als gäbe es keinen Gott), von der "Haltung der Gleichgültigkeit gegenüber religiösen Wahrheitsgewissheiten" und vom "methodischen Atheismus" (Wissenschaftler wenden Methoden an, die ohne jeden Bezug auf eine Gottheit funktionieren) ab, so haben die sieben anderen, vom EZW genannten "Grundtypen des Atheismus", ein charakteristisches Merkmal gemeinsam: "die Ablehnung Gottes". Ihre Unterschiede zeigen sich in den zugrunde liegenden Motiven.

Beim aeb fand ich unter dem Stichwort Atheismus u. a. einen Beitrag des Juristen und Autors Gerhard Czermak (*1942). Er verwendet eine  andere Typisierung von Erscheinungsformen des Atheismus:

"Es gibt grundverschiedene Arten von Atheismus, etwa theoretischen und praktischen, toleranten und militanten, humanistischen und marxistischen, […]."

Mit einigen dieser Attribute des Atheismus assoziiere ich, neben unterschiedlichen Denkweisen, charakteristische Verhaltensweisen seiner jeweiligen Anhänger, und diese Verhaltensweisen, insbesondere "tolerant" oder "militant" etwa, sind ebenso bei den "grundverschiedenen Arten" von religiös geprägten Haltungen bzw. bei deren jeweiligen Gruppenmitgliedern zu finden. Berücksichtigt man zudem die Tatsache, dass auch im Christentum verschiedene "inhaltliche Grundtypen" bzw. Konfessionen existieren, dann wird deutlich, dass das, was insbesondere dem Atheismus nachgesagt wird, er sei pluralistisch, nicht nur für ihn gilt. Das wiederum hat offenbar etwas damit zu tun, dass der Gottesglaube und der Atheismus eine Gemeinsamkeit aufweisen: Nach Czermaks Diagnose ist es die "Leerformelhaftigkeit" der beiden Begriffe "Gott" und "Atheismus". Und er gibt, wie ich meine, eine einleuchtende Begründung für seine Auffassung:

"Im Allgemeinen versteht man heute unter Atheisten – schärfer – Menschen, die nicht nur nicht an die Existenz eines »Gottes« oder von Göttern »glauben«, sondern darüber hinaus von der Nichtexistenz Gottes überzeugt sind. Der Sprachgebrauch ist jedoch unklar. Auch im engeren Wortsinn ist Atheismus unscharf, weil mit dem Gegenbegriff »Gott« die unterschiedlichsten Auffassungen bis in unmittelbare Nähe des »Atheismus« (s. die mittelalterliche Mystik) benannt werden. Die bloße Rede von Gott ist genau genommen, wie schon gesagt, eine sprachliche Leerformel. Selbst Martin Luther hat einmal gesagt: »Gott ist eine leere Tafel, auf der nichts weiter steht, als was du selbst darauf geschrieben«".

Czermak spricht darüber hinaus nachteilige Aspekte des Atheismus-Begriffs an, u. a. das "Negativ-Image", die dazu führen, dass Menschen mit atheistischer Haltung in einer Selbstauskunft eher auf positiv besetzte Bezeichnungen zurückgreifen, die darüber hinaus ihre "philosophisch-ethischen Grundüberzeugungen" für Außenstehende besser erkennbar machen:

"Dem (negativ besetzten) Begriff Atheismus haftet etwas Kämpferisch-Altmodisches an, dem der große Gegner abhandengekommen ist. Vielfach wird daher als Bezeichnung der positive Begriff (säkularer) Humanismus bevorzugt.
[…]
Ein Nachteil des Atheismus-Begriffs ist – über die sich aus der sprachlichen Ableitung vom Begriff Theismus ergebende Unklarheit und sein Negativimage hinaus – seine geringe Aussage- und Strahlkraft. Nicht an »Gott« zu glauben bedarf heute hierzulande keiner besonderen intellektuellen oder ethischen Leistung und besagt nichts über die jedem ernsthaften Atheisten eigenen philosophisch-ethischen Grundüberzeugungen und Verhaltensweisen."

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Weitergehende Klärung durch Abgrenzung

Auf der Seite des aeb ist unter dem Stichwort Atheismus auch ein Beitrag des Philosophen Joachim Kahl (*1941) enthalten. Darin bietet er eine hilfreiche weitergehende Klärung durch "Abgrenzungen" gegenüber Begriffen, die häufig mit dem Atheismus in Verbindung gebracht werden. Zunächst postuliert er:

 

"Atheismus ist Gottesleugnung und klar zu unterscheiden von Gotteslästerung, Antitheismus, Neuheidentum und Agnostizismus."

 

Anschließend arbeitet er die Gegensätzlichkeit bzw. inhaltliche Unvereinbarkeit dieser Begriffe mit dem Atheismus heraus:

 

"Gotteslästerung oder Blasphemie, fast so alt wie der Gottesglaube selbst, ist eine unreflektierte, emotionale Form der Religionskritik. Ein Gotteslästerer bleibt religiös fixiert. Statt Gott zu lieben, verflucht er ihn, weil er sich in seinen Hoffnungen enttäuscht sieht."

 

Und er hebt hervor, dass die von Atheisten geübte Religionskritik, verglichen mit der "Gotteslästerung", eine fortgeschrittene Entwicklungsstufe darstellt. Es folgt eine Charakterisierung des "Antitheismus":

"Psychologisch und inhaltlich verwandt mit der eifernden Art der Gotteslästerung ist der Antitheismus, eine militante Art der Gottesbekämpfung. Während der Atheist lediglich Gott leugnet  ihn in seiner Existenz argumentativ bestreitet und als Phantom, als Phantasiegebilde entlarvt , meint der Antitheist, »Gott« aktiv bekämpfen zu müssen. Antitheismus ist daher verbunden mit verbiestertem Religionshass, mit hämischer Pfaffenfresserei."

Ebenso einleuchtend beschreibt Kahl die inhaltliche Unvereinbarkeit der Begriffe "Neuheidentum" und "Agnostizismus" mit dem Atheismus:

"Der hier vorgestellte Atheismus grenzt sich weiterhin ab gegen jede Form von Neuheidentum. Neuheidentum wärmt ältere Stufen der Religionsgeschichte künstlich wieder auf, die durch die Entwicklung zum Monotheismus geistig-kulturell überholt sind.
[…]

Eine letzte begriffliche Klärung sei durch die Abgrenzung des Atheismus gegen den Agnostizismus herbeigeführt. Ein Agnostiker lässt die Frage nach Gott in der Schwebe, erklärt sie theoretisch für nicht lösbar, für rational unentscheidbar. Zwar steht er in der Regel inhaltlich der Religion ablehnend gegenüber, aber er vermeidet es, sich auf eine atheistische Aussage eindeutig festzulegen. So ist der Agnostizismus – nicht zu verwechseln mit Skepsis, die der Wahrheitssuche verpflichtet ist – eine heute weit verbreitete Haltung weltanschaulicher Laxheit."

Nach meiner persönlichen Einschätzung ist noch eine weitere Abgrenzung erforderlich: gegenüber dem Nihilismus. Dies erscheint mir insbesondere deshalb als notwendig, weil es interessengeleitete Kräfte in unserer Gesellschaft gibt, die den Atheismus bewusst in die Nähe des Nihilismus rücken. Im schon mehrfach zitierten EZW-Lexikon fand ich eine Feststellung, in der zunächst richtig dargestellt wird, dass der Nihilismus "eine allgemeingültige Wertordnung und jeden religiösen Glauben" ablehne. Dann folgt jedoch die These, er könne "als die Konsequenz des Atheismus gesehen werden".

Ich teile diese Auffassung nicht, weil ich bei Kirchenoberen, ihren Verbündeten in Politik und Medien und bei sog. "Gläubigen" immer wieder feststellen konnte, dass sie, offen oder versteckt, Religionslosigkeit gleichsetzten mit der Abwesenheit von Werten (s. auch eine Einschätzung des Philosophen Hans Albert  hier) . Begründet wird diese (Fehl-)Haltung immer wieder mit dem Verweis auf die im 20. Jahrhundert von totalitären Gesellschaftssystemen ausgelösten Katastrophen. Häufig werden nur die kommunistischen Systeme Stalins, Mao Zedongs oder Pol Pots genannt, in denen Religionslosigkeit zum Programm erhoben worden war. Das finde ich schlicht heuchlerisch, denn die faschistischen Systeme Hitlers, Mussolinis oder Francos haben zum Teil noch weit verabscheuungswürdigere Unmenschlichkeiten faktisch genauso "religionslos" begangen, nur pflegten diese stets gute Beziehungen zu den kirchlichen Hierarchien.

Die genannten verbrecherischen Systeme, deren Handlungsweisen sich aus dogmatisch fixierten Ideologien ableiteten, missachteten elementare Werte wie Menschenwürde und Menschenrechte oder anders ausgedrückt: Sie praktizierten puren Nihilismus!
 

Demgegenüber zeigt sich im wahren Atheismus, historisch nachprüfbar, seit seinen frühesten Anfängen eine Geisteshaltung, in der sich Religionslosigkeit bzw. das Fehlen eines Gottesglaubens mit einem klaren Bekenntnis zu ethischen Werten verbinden. Die zwei Hauptbestandteile dieses Atheismus sind Rationalismus und Humanismus. Nur Ignoranten setzen ihn mit Nihilismus gleich!

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"Die zwei Säulen des Atheismus"

Joachim Kahl (*1941) betont in seinem oben erwähnten Beitrag, dass der von ihm dargelegte "undogmatische Atheismus" beanspruche, "den Gottesglauben von innen heraus aufzulösen". Er sieht darin dessen "religionskritische Schlüsselaufgabe". Als Ausgangsbasis für seine weiteren Überlegungen definiert er "zwei Säulen des Atheismus": 

 

"1. Es gibt keinen Gott, der die Welt erschaffen hat. Die Welt ist keine Schöpfung, sondern unerschaffen, unerschaffbar, unzerstörbar. Die ewige und unendliche Welt entwickelt sich unaufhörlich gemäß den ihr innewohnenden Gesetzmäßigkeiten, in denen sich Notwendiges und Zufälliges verschränken.

 

2. Es gibt keinen Gott, der Tiere und Menschen aus ihrem Leiden erlöst. Die Welt ist unerlöst und unerlösbar, voller Webfehler und struktureller Unstimmigkeiten, die aus der Bewusstlosigkeit und Blindheit ihrer Gesetzmäßigkeiten herrühren."

 

Kahl leitet "aus diesen Einsichten" Wegweisendes "für eine atheistische Weltweisheit und Lebenskunst" ab:

 

"Der Mensch ist nicht das Ebenbild einer überweltlichen und übernatürlichen Gottheit, sondern ein vorbildloses Geschöpf der Natur, all ihren Gesetzen unterworfen. In einer Welt, die nicht für ihn gemacht wurde, muss er sich seinen Weg selbst bahnen und lernen, allem verderblichen Allmachts- und Unsterblichkeitswahn zu entsagen. Atheismus ist der Abschied von jeglicher Heilslehre und Heilshoffnung, freilich auch von jeglicher Unheilslehre und Untergangsprophetie, mögen sie sich auf ein illusionäres Jenseits oder auf das Diesseits beziehen."

 

Und hier noch ein kurzer, unkommentierter, Blick auf seine Folgerungen für "menschliches Leben" und für mögliche Veränderungen der "gesellschaftlichen Verhältnisse":

 

"Menschliches Leben heißt: sich für eine kurze Zeitspanne erträglich einrichten auf einem Staubkorn im Weltall – mit Würde und Anstand und Humor. Vielleicht gelingt es doch noch den Erdball bewohnbar zu gestalten!? Die gesellschaftlichen Verhältnisse lassen sich jedenfalls schrittweise verbessern. Universale Gerechtigkeit und die Versöhnung von Mensch und Natur bleiben allerdings unerreichbar. Himmel und Hölle, Paradies und Verdammnis sind religiöse Trugbilder, keine atheistischen Leitideen."

Anmerkung
Der Text der oben zitierten "zwei Säulen des Atheismus" stammt aus einer anderen Quelle: aus den EZW-TEXTEN 204/2009. Er ist gegenüber dem aeb-Beitrag teilweise umformuliert und ergänzt. Die anderen zitierten Textteile wurden unverändert aus dem aeb-Beitrag übernommen.

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Ausblick

Am Ende des, zur begrifflichen Klärung unternommenen, Annäherungsversuchs symbolisiert der Atheismus für mich, historisch betrachtet, mit seinem bewusstseinsverändernden Potenzial einen wichtigen Meilenstein in der Weiterentwicklung der Menschheit. Abschließend sei hier noch einmal Joachim Kahl (*1941) zitiert:

"Der Atheismus ist eine historisch reflektierte, nach-religiöse Bewusstseinsform, die gedanklich und emotional über den Monotheismus hinausführt, indem sie seine ursprüngliche Logik der Entgötterung, Entweihung, Entzauberung und Verweltlichung der Welt konsequent zu Ende führt und gegen ihn selbst kehrt."   

Eine ähnliche Überlegung fand ich, zumindest was die historische Perspektive angeht, im Lexikon der EZW. Dort heißt es zunächst richtig, dass "der Weg der Menschheit […] unumkehrbar" sei. Dann versteigt sich der kirchlich-christliche Verfasser aber zu der kuriosen Feststellung, der Atheismus sei "nachgeborener Stiefbruder des Gottesglaubens". Hier zeigt sich einmal mehr, wie theologische Weltfremdheit und einseitige ideologische Fixierung zwangsläufig zu einer krassen Fehleinschätzung führen: Dem Atheismus wird, in abwertender und/oder verharmlosender Weise, ein verwandtschaftliches Verhältnis zum "Gottesglauben" angedichtet, und damit verstellen die Vertreter der Religion sich selbst und ihren Anhängern den Blick dafür, dass diese "nach-religiöse Bewusstseinsform" das Potenzial zur Ablösung der, heute von ihnen immer noch unbeirrt geförderten, religiösen Bewusstseinsform besitzt.

Es ist kaum zu erwarten, dass diese Ablösung schnell erfolgen wird, viel eher ist mit einem langwierigen evolutionären Prozess zu rechnen. Dass diese Ablösung stattfinden wird, ist jedoch sehr wahrscheinlich. Das ergibt sich, langfristig gesehen, aus der historischen Unumkehrbarkeit: Wie Franz Buggle (1933-2011) überzeugend darstellte, sind die heute noch weit verbreiteten Religionen, "entwicklungs- und moralgeschichtlich" gesehen,

"…, Übergangsphänomene zwischen sehr alten, archaischen und deshalb wissensmäßig, aber auch humanitär und ethisch defizitären Vorstellungen und ersten Entwicklungsschritten zu humanitäreren Einstellungen und Normen".

Wenn sich die Menschheit nicht vorher selbst auslöscht, wird das Zeitalter der religiösen "Übergangsphänomene" demnach, einschließlich möglicher Fehl- und Rückschläge für den Atheismus, irgendwann in der Zukunft, lediglich einige Kapitel in den Geschichtsbüchern füllen.

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"Alte" und "Neue" Atheisten

Seit einigen Jahren wird in Publikationen und entsprechenden Diskussionen häufig zwischen "alten" und "neuen Atheisten" unterschieden. In dem schon an anderer Stelle dieser Site erwähnten DISKURS über Atheismus, der am 20. November 2007 im 3. Hörfunkprogramm des WDR gesendet wurde, war über die sogenannten "neuen Atheisten" etwa Folgendes zu hören (Richard Dawkins wird dabei als einer der prominentesten Vertreter dieser Richtung namentlich genannt): 

"Die Neuen Atheisten behaupten, dass es Gott nicht gibt.
[…]
Die Neuen Atheisten wollen Vordenker sein. Sie vertrauen nicht auf die Kraft des eigenen Denkens – obwohl es gegen jede Bevormundung und gegen jeden Fundamentalismus kein besseres Mittel gibt.
[…]
Dabei handelt es sich um angesehene Naturwissenschaftler und Philosophen, die sich aufmachen, die Welt vom Glauben zu befreien. Ihre Waffen sind Darwin, das Internet und das wachsende Unbehagen über die Einmischungen von Bischöfen und Islampredigern, Polit–Frömmlern und Kirchen.
[…]
Richard Dawkins, der britische Evolutionsbiologe, Verfasser des Buches Der Gotteswahn, diagnostiziert den Glauben als Krankheit des Geistes. Dawkins fordert ein Ende des Respekts vor dem Glauben.
[…]
Selbstbewusst nennen sie sich »Brights« – die Aufgeweckten, die hellen Köpfe, die nur an die Wissenschaft glauben.

[…]
Ob den Neuen Atheisten der negative Gottesbeweis gelungen ist, darüber ließe sich unter Unglaubensbrüdern streiten, unangenehm jedenfalls fällt an dieser Propaganda der penetrante Weihrauch der Wissenschaftsanbetung auf, und erst recht der missionarische Habitus – vorbei die Toleranz gegenüber dem Glauben.
[…]
Die Neuen Atheisten vergessen, was für den guten Atheismus entscheidend ist: Der Ungläubige will nicht bevormundet werden. Er will selbständig denken."

 

Der im letzten der aufgeführten Zitate, ohne nähere Erläuterung, gebrauchte Begriff des "guten Atheismus" scheint synonym für den "alten Atheismus" zu stehen. Träfe dies zu, dann wäre das eine weitere Zuspitzung der Kritik an den "neuen Atheisten". Ich weiß nicht, ob die in einigen Zitaten geübte Kritik in vollem Umfang gerechtfertigt ist. Tatsache ist jedoch, dass Kritik wohl nicht nur von außen, sondern auch aus dem eigenen Lager kommt. Im Lexikon der EZW stieß ich auf die Feststellung:

 

"Der sogenannte neue Atheismus wird allerdings auch von großen Teilen des atheistischen Spektrums mit Skepsis und Ablehnung betrachtet."

Die EZW ist eine kirchliche Einrichtung. Daher nahm ich die zitierte Feststellung zunächst mit Skepsis auf. Mittlerweile finde ich sie zutreffend. Insbesondere der Beitrag des Philosophen Joachim Kahl (*1941), "eines Vertreters des »alten Atheismus«", zu den EZW-Texten 204/2009 hat mich in dieser Einschätzung bestärkt. Die Überschrift des Beitrags lautet "Weder Gotteswahn noch Atheismuswahn", und er beginnt mit dem Satz:

"Richard Dawkins' Buch »Der Gotteswahn«, das ich hier als Hauptbeispiel des »neuen Atheismus« heranziehe, Richard Dawkins' »Gotteswahn« ist ein charakteristisches Dokument intellektuellen Cäsarenwahns."

Kahl verbindet mit der Dawkins zugeschriebenen Geisteshaltung "triumphalistische Selbstüberschätzung und abgründige Realitätsblindheit" als "zwei sich ergänzende Merkmale". Darüber hinaus kritisiert Kahl, dass Dawkins "auf 570 Seiten weder die Namen noch die Denkfiguren eines Epikur, eines Feuerbach, eines Sigmund Freud kennt", und er ergänzt:

"Schlechterdings unbekannt ist bei […] Richard Dawkins die keineswegs zimperliche, aber doch filigrane Religionskritik der deutschen Aufklärung, auf die ich mich hier im Wesentlichen berufen möchte."

 

Ich kann nicht abschließend beurteilen, ob das, was Kahl hier anklingen lässt, für "alte Atheisten" typisch ist. Ich erinnere mich jedoch, auch bei anderen Vertretern dieser Richtung den engen Bezug zur Aufklärung wahrgenommen zu haben. 

Die folgenden Sätze Kahls verstehe ich als programmatische Aussage eines "alten Atheisten", mit der er eine klare Abgrenzung zu den "neuen Atheisten" formuliert:

 

"Der Weg der Menschheit führt – idealtypisch vereinfacht, aber nicht entstellt – vom Polytheismus über den Monotheismus zum Atheismus. Jede Etappe hat ihr Recht, ihre Aufgabe, ihr Wahrheitsmoment. Insofern gilt es, nicht hinter die geistigen Errungenschaften des Monotheismus zurückzufallen – das wäre Neuheidentum –, sondern zur Synthese eines Humanismus fortzuschreiten, der ohne Berührungsängste auch das kulturelle Erbe der Religion in sich aufgenommen hat. Ein solcher säkularer Humanismus ist nicht länger antireligiös fixiert, daher auch zu einem konstruktiven Dialog im Rahmen einer fairen Streitkultur fähig."

 

Ich könnte eine Fülle weiterer Zitate hinzufügen, aber das würde den Rahmen sprengen. Ich empfehle jeder Leserin, jedem Leser, sich mit dem gesamten Beitrag Kahls im Original zu befassen. Es sei noch darauf hingewiesen, dass er sich ähnlich kritisch mit dem vom "neuen Atheisten" Michael Schmidt-Salomon (*1967), im Auftrag der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs), verfassten und in 2005 veröffentlichten Manifest des evolutionären Humanismus  auseinandergesetzt hat.

 

Anmerkung

Joachim Kahls (*1941) Kritik am Manifest des evolutionären Humanismus befindet sich auf seiner Homepage, unter dem Menüpunkt Texte, in der Rubrik Skeptische Weltdeutung.


Über die bisher zitierten Kritikpunkte hinaus lässt sich zusammenfassend etwa sagen: Das Verhalten der "neuen Atheisten" ist (erscheint?) respektloser, weniger tolerant gegenüber den sogenannten "Gläubigen", kämpferischer und radikaler in ihrer Kritik an religiösen Inhalten und an den Repräsentanten jener Institutionen, die diese verbreiten. Die "Neuen Atheisten" scheinen (geben vor?) zu wissen, dass es Gott nicht gibt.

 

Die Haltung der "alten Atheisten" hebt sich davon ab. Dies zeigt sich in den nachfolgend zitierten Aussagen einiger ihrer Vertreter. Joachim Kahl (*1941) sagt in seinem oben schon erwähnten Beitrag zu den EZW-Texten 204/2009 über den von ihm vertretenen Atheismus:

 

"Der hier skizzierte Atheismus ist skeptisch und undogmatisch, insofern er sich seiner Unbeweisbarkeit bewusst ist. Es spricht zwar alles für ihn, aber ein schlüssiger Beweis für seine Richtigkeit ist – der Natur der Sache nach – nicht zu führen."

 

Der Philosoph Herbert Schnädelbach (*1936) hat in seinem Buch Religion in der modernen Welt Texte zu verschiedenen Aspekten seines Themas zusammengefasst. Ein Aufsatz trägt die Überschrift Der fromme Atheist. Er schreibt darin u. a.:

 

"So unterscheidet sich der fromme Atheist auch von den Bekennenden seiner Art, mit denen man ihn gern in einen Topf wirft. Da wird ihm vorgehalten, sein Unglaube sei doch auch ein Glaube, also ein Gegen-Glaube und auch nicht besser als das, was er ablehnt. Tatsächlich sagt der konfessionelle Atheist: »Ich glaube, dass Gott nicht existiert« und bekennt sich so zu einer negativen Tatsache. Der fromme Atheist hingegen sagt nur: »Ich glaube nicht, dass Gott existiert« und bekennt damit nur seinen Unglauben – nichts weiter." 

Und der französische Philosoph André Comte-Sponville (*1952), der von seinem Kollegen Michel Onfray (*1959), also von einem "neuen Atheisten", als "christlicher Atheist" gesehen wird, sich selbst aber als "bekennender Atheist" versteht, schreibt in seinem Buch Woran glaubt ein Atheist?

"Deshalb verstehe ich mich gern als bekennender Atheist: Atheist, weil ich nicht an Gott oder eine übernatürliche Macht glaube; bekennend, weil ich mich zu einer bestimmten Geschichte, einer bestimmten Tradition, einer bestimmten Gemeinschaft bekenne, vor allem zu unseren jüdisch-christlichen (oder griechisch-jüdisch-christlichen) Werten."

 

An anderer Stelle betont er:

 

"Wenn sie jemand treffen, der behauptet: »Ich weiß, dass Gott nicht existiert«, ist das kein Atheist, sondern ein Idiot. Und genauso verhält es sich meiner Ansicht nach, wenn Ihnen einer sagt: »Ich weiß, dass Gott existiert«. Das ist ein Idiot, der seinen Glauben für Wissen hält." 

Beispielhaft seien im Folgenden einige "neue" und "alte Atheisten" genannt. Ich gehe davon aus, dass die Zuordnung, zumindest in erster Näherung, zutrifft:

"Alte Atheisten"

Walter Kaufmann (1921-1980), deutsch-amerikanischer Philosoph,
Hans Albert (*1921), Philosoph,
Herbert Schnädelbach (*1936), Philosoph,
Joachim Kahl (*1941), (ehemaliger) Theologe, Philosoph,
André Comte-Sponville (*1952), französischer Philosoph und Schriftsteller.

"Neue Atheisten"

Richard Dawkins (*1941), britischer Zoologe und Evolutionsbiologe,
Christopher Hitchens (1949-2011), brit.-amerik. Journalist und Autor,
Piergiorgio Odifreddi (*1950), ital. Mathematiker und Wissenschaftshistoriker,
Michel Onfray (*1959), französischer Philosoph und Schriftsteller,
Sam Harris (*1967), amerikanischer Philosoph und Schriftsteller,
Michael Schmidt-Salomon (*1967), Philosoph und Autor, Geschäftsführer der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs).

Ich räume ein, dass die Betroffenen mit dieser Ein- bzw. Zuordnung vielleicht nicht einverstanden sein könnten, wenn man sie fragte (was bei Walter Kaufmann und Christopher Hitchens natürlich nicht mehr möglich wäre). In diesem Zusammenhang denke ich an ein Wort von Friedrich Hagen (1903-1979), das ich in seiner kleinen Schrift Jean Meslier oder ein Atheist im Priesterrock fand. Es lässt die Zuordnung von Atheisten zu einer spezifischen Gruppierung innerhalb des atheistischen Spektrums als fragwürdig erscheinen:

"Der Atheismus ist seit alters pluralistisch. Er muss es sein, wenn er nicht selber zu einer uniformierenden Kirche werden will. Der Gläubige steckt seelisch stets in irgendeiner Uniform. Der freie Denker ist der zivile Mensch."

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Hat das Leben ohne Gott einen Sinn?

Jemand, der den Lehren seiner Religion, z. B. dem Christentum, Glauben schenkt, betrachtet sein Leben im Diesseits als Durchgangsstation, weil er davon überzeugt ist, dass es eine Fortsetzung "im Jenseits", "bei Gott", "im Paradies", "in der ewigen Seligkeit", "mit Jesus Christus", … haben wird. "Gläubige" sehen sich einbezogen in den "Heilsplan Gottes", und viele von ihnen, insbesondere jene, die unter armseligen Lebensumständen leiden, beziehen daraus die Hoffnung auf eine "bessere Zukunft". "Gläubige" hinterfragen ihren Glauben nicht. Gar eine Begründung für ihren Glauben zu suchen, liegt außerhalb ihres Gesichtskreises. Tatsache ist, dass die meisten von ihnen wohl schlicht einer alten Gewohnheit folgen: Von Kind auf wurde ihnen beigebracht an «Gott», an die "Auferstehung" etc. zu glauben. Manche sprechen von den Folgen einer frühkindlichen Infektion mit dem "religiösen Virus". 

Das erklärt u. a. auch, warum "Gläubige" kaum in der Lage sind über ihren Glauben zu sprechen. In meiner früheren ehrenamtlichen Tätigkeit für die Kirche hatte ich gelegentlich mit Personen aus der Kirchenleitung zu tun. Ich erinnere mich, dass die Stellvertreterin des Kirchenpräsidenten am Rande einer Besprechung beklagte, viele Kirchenmitglieder seien nicht in der Lage, ihren Glauben zu artikulieren. Sie dachte dann laut über Bildungsangebote nach, die den Betroffenen helfen könnten, auf Glaubensfragen bezogen, ihre "Sprachfähigkeit" zu entwickeln. Ich erinnere mich auch an einen Gemeindepfarrer, der mir von seinen ernüchternden Erfahrungen mit Mitgliedern des Kirchenvorstandes, also mit sehr aktiven Gliedern seiner Gemeinde, erzählte: Es bestand große Unklarheit bei ihnen über die Geschehnisse, die dazu führten, dass das Osterfest als eines der zentralen Feste der Kirche begangen wird. 

Aber unabhängig vom Informationsstand über die Grundlagen ihres Glaubens und ebenso unabhängig von der Qualität ihrer Lebensumstände unterwerfen sich "Gläubige" freiwillig der Willkür eines Gottes, dem sie, neben Allmacht, auch unendliche Güte und Barmherzigkeit zuschreiben. Z. B. steht in dem als echt geltenden Brief des Paulus an die Philipper, unter der Überschrift »Sorge um das Heil« (Phl 2,13):

»Denn Gott ist's, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.«

Anmerkung
Hervorhebung im vorausgehenden Zitat stammt vom Autor der Site.

Und die Kirche, insbesondere die der römischen Konfession, hat alles dafür getan, diese Haltung ihrer "Gläubigen" zu verfestigen. Sie machte sie glauben, dass das "Heil" nur innerhalb der Kirche zu haben sei (s. hier). Ein wichtiger Grund, weshalb "Gläubige", bewusst oder unbewusst, davon ausgehen, dass ihr Leben ohne Kirche, ohne Gott und ohne Auferstehung, mit der Aussicht auf ein Leben nach dem Tode, sinnlos wäre. 

In diesem Zusammenhang stieß ich in den von Norbert Hoerster (*1937) herausgegebenen Arbeitstexten zur Religionskritik auf einen Text des Philosophen Hans Albert (*1921). Unter dem Titel Der Sinn des Lebens ohne Gott beschreibt er u. a. 

"…, dass der Sinn, der dem menschlichen Leben nach christlicher Lehre zugesprochen wird, darin besteht, dass ihm eine Rolle im göttlichen Heilsplan zugeteilt, das menschliche Handeln also der göttlichen Planung unterstellt wird. Die irdischen Aktivitäten des Menschen werden einer von Gott bestimmten kosmischen Zwecksetzung unterworfen, […]." 

Da "Gläubige" unbeirrt daran festhalten, dass nur ihre Bindung an Gott, dessen Existenz für sie außer Frage steht, ein sinnerfülltes Leben garantiert, sind sie weitestgehend immun gegen einen möglichen Bewusstseinswandel. Eine ernsthafte Prüfung alternativer Vorstellungen kommt für sie nicht in Betracht. In seinem oben erwähnten Text analysierte Hans Albert die aus dieser Haltung resultierende Meinung von "Gläubigen" zum Atheismus:

"Sie können es daher kaum verstehen, wie man eine atheistische Auffassung vertreten kann, ohne der Verzweiflung anheimzufallen. Überdies sind sie oft geneigt anzunehmen, dass der Atheismus auch unter moralischen Gesichtspunkten fragwürdig ist; denn jemandem, der nicht an Gott glaubt, müsse, so meinen sie, jedes Verhalten – und daher auch jedes Verbrechen – erlaubt erscheinen. Ein Atheist müsse somit, wenn er konsequent ist, in moralischer Hinsicht ein Nihilist sein. Für ihn könne es weder einen Sinn des Lebens geben, noch Werte oder Normen mit Anspruch auf Anerkennung. Ein moralischer Atheist sei also eigentlich ein inkonsequenter Atheist." 

Dass die bewusste Hinwendung zu einer atheistischen Haltung durchaus nicht in den Nihilismus führt, wird hier nicht eingehender betrachtet. Dieser Aspekt wird im folgenden Abschnitt Ist ohne Gott alles erlaubt? thematisiert. 

Zwischen "Gläubigen" und "Ungläubigen" bzw. Atheisten gibt es mindestens zwei fundamentale Unterschiede: 

  • "Gläubige" unterwerfen sich freiwillig den Weisungen einer übergeordneten Macht. Sie leben also fremdbestimmt, sind aber, mehr oder weniger unausgesprochen, davon überzeugt, dass nur so ein sinnvolles Leben möglich, ja garantiert sei. Demgegenüber empfinden Atheisten eine derartige Haltung als illusionär, und können sie nicht akzeptieren. Sie wollen ihrem Leben selbstbestimmt einen Sinn geben, wobei sie sich der Tatsache bewusst sind, dass es keine Garantie auf ein sinnvolles Leben gibt. 
  • "Gläubige" leben in der Hoffnung, dass ihr Dasein mit dem Tode nicht zu Ende ist, sondern eine Fortsetzung haben werde. Sie vertrauen den Verheißungen ihrer Religion. Demgegenüber gehen Atheisten davon aus, dass sie nur dieses eine Leben haben, das mit dem Tode sein endgültiges Ende findet.

Die Tatsache, dass es diese gegensätzlichen Überzeugungen gibt und dass beide jeweils viele Anhänger haben, legt die Schlussfolgerung nahe: Religion ist nicht alternativlos! "Gläubige" finden diese Haltung anmaßend und werten sie als Auflehnung gegen Gott. Sie verdächtigen Atheisten häufig der Hybris. – Ich habe einmal ein Wort gehört oder gelesen – wahrscheinlich stammt es von einem Atheisten –, das vor möglicher Hybris bewahrt: "Der Mensch braucht die Welt; die Welt braucht den Menschen nicht!" 

Abschließend möchte ich, unkommentiert, nochmals Hans Albert (*1921) und den deutsch-amerikanischen Philosophen Walter Kaufmann (1921-1980) zu Wort kommen lassen. Letzterer ist ebenfalls mit einem Beitrag in den von Norbert Hoerster (*1937) herausgegebenen Arbeitstexten zur Religionskritik vertreten: 

"Eine Garantie dafür, dass unser endliches Leben auf dieser Erde sinnvoll ist, kann es nicht geben. Sinnvoll kann ein solches Leben jedenfalls nur insoweit sein, wie wir selbst es mit Sinn versehen, indem wir uns Aufgaben stellen, deren Erfüllung wir als wertvoll ansehen können, und uns Tätigkeiten widmen, die entweder in sich befriedigend sind oder zur Erfüllung solcher Aufgaben beitragen.
[…]
Jeder muss selbst darüber entscheiden, ob er imstande ist, sein Leben mit Sinn zu erfüllen, dass es ihm lebenswert erscheint. Wer sich das Angebot einer der großen Religionen – zum Beispiel des Christentums – zu eigen macht, mag es mitunter leichter haben, dieses Problem zu lösen. Aber viele moderne Menschen können sich mit der christlichen Lösung nicht mehr zufriedengeben, weil sie nicht in der Lage sind, sich die Überzeugungen anzueignen, die ihnen dabei zugemutet werden. Für sie ist es wichtig zu erkennen, dass ein sinnvolles Leben auch ohne den Glauben an einen persönlichen Gott möglich ist." (
Hans Albert)

"Der Mensch scheint im Universum eine sehr geringfügige Rolle zu spielen, und meine Rolle ist mit Sicherheit ohne Bedeutung. Die Frage, mit der ich mich konfrontiert sehe, ist nicht (außer vielleicht in müßigen Augenblicken) die Frage, welche Rolle mir vielleicht besser gefallen würde, sondern was ich aus meiner Rolle machen will. Und wozu ich mich entschlossen habe und was ich auch anderen raten möchte, ist, das Beste daraus zu machen: alles hineinzulegen, wessen man fähig ist, und mit einem gewissen Maß an Würde zu leben und, wenn möglich, auch zu sterben." (Walter Kaufmann)

Anmerkungen
- Beide zitierten Philosophen sind der philosophischen Richtung des Kritischen Rationalismus zuzurechnen. 
- Wer sich intensiver mit dem hier betrachteten Thema befassen möchte, dem sei auch das Buch Weltlicher Humanismus des Philosophen Joachim Kahl (*1941) empfohlen. Das 7. Kapitel trägt die Überschrift Vom Sinn des menschlichen Lebens.

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Ist ohne Gott alles erlaubt?

In einem Brief formulierte der berühmte russische Schriftsteller Dostojewski (1821-1881) folgenden Satz:

"Wenn es keinen Gott gibt, dann ist alles erlaubt."

Mir ist leider der Kontext nicht bekannt. Daher kann ich nicht nachvollziehen, wie Dostojewski den Satz gemeint haben könnte. Ich habe jedoch den Eindruck, dass dieser sich längst verselbständigt hat, und ich gehe davon aus, dass nicht jeder, der ihn ins Gespräch bringt, weiß, dass er von Dostojewski stammt. Gleichgültig, ob er im Bewusstsein seines Ursprungs gebraucht wird oder nicht, mir scheint, dass er in entsprechenden Zusammenhängen meist völlig unkritisch, ja naiv, nicht nur als ein bedeutendes, sondern geradezu als ein unwiderlegbares Argument betrachtet wird.

Zweierlei geht mir durch den Kopf (um meine Sicht vorwegzunehmen): Auch große Geister produzieren nicht nur Großartiges, Richtiges oder Wegweisendes. Hätte sich Dostojewski, als er den Satz niederschrieb, nur flüchtig an die unfassbar blutige Unrechtsgeschichte des Christentums und seiner Kirchen erinnert, hätte er unmittelbar zu der Ansicht gelangen können, dass das genaue Gegenteil zutrifft: Mit Gott ist alles erlaubt!

Im Folgenden lasse ich Menschen zu Wort kommen, die sich intensiver und gründlicher mit Fragen auseinandergesetzt haben, wie sie sich im Zusammenhang mit der zitierten Aussage Dostojewskis aufdrängen, als mir das jemals möglich wäre.

Die von Norbert Hoerster (*1937) herausgegebenen Arbeitstexte zur Religionskritik enthalten auch einen Beitrag des deutsch-amerikanischen Philosophen Walter Kaufmann (1921-1980). Darin diagnostiziert dieser eine weit verbreitete Auffassung, die ziemlich genau jener entspricht, wie sie im oben zitierten Wort Dostojewskis schlagwortartig zum Ausdruck kommt:

"Merkwürdigerweise sind Millionen Menschen der Auffassung, dass das Fehlen eines Glaubens an Gott, Christus und Hölle zu Unmenschlichkeit und Grausamkeit führt – wohingegen jene, die diesen Glauben haben, ein Monopol auf Nächstenliebe besitzen – und dass Leute wie ich für ihren Unglauben mit immerwährenden Leiden bezahlen müssen. Ich glaube nicht, dass irgendjemand nach dem Tod leiden wird, und ich wünsche es auch nicht."

Gegen Ende seines Buches Das Wunder des Theismus befasst sich der australische Philosoph John Leslie Mackie (1917-1981) mit den "moralischen Konsequenzen des Atheismus". In seinen Ausführungen über "Wesen und Status der Moral" stellt er "vier verschiedene Grundauffassungen" vor. Zwei dieser Auffassungen basieren auf der Annahme, "die Moral hänge wesentlich von der Existenz Gottes ab". Wenn sich jemand einer dieser Auffassungen verpflichtet fühle, so Mackie, "dann ist es allerdings möglich, dass seine Treue zur Moral untergraben wird, wenn er den Glauben an Gott aufgibt". Und er fährt fort:

"Die unmittelbaren Folgen seines Atheismus können bedauerlich sein. Hierin liegt ein guter Grund dafür, die Moral in einer Zeit, in der der Glaube selbst fragwürdig wird, nicht mehr an religiöse Lehren zu binden. Das kommt treffend in einer Geschichte Richard Robinsons von einem Priester zum Ausdruck, der zwei moralisch untadeligen Atheisten entgegenhält: »Ich verstehe euch Burschen nicht; wenn ich nicht an Gott glaubte, würde ich mir ein tolles Leben machen«."

Anmerkung
Mackie zitiert aus dem Buch An Atheist's Values des englischen Philosophen Richard Robinson (1902-1996) und er merkt dazu an: "Diese Geschichte ist zweifellos gut erfunden."

Die beiden anderen "Grundauffassungen" über "Wesen und Status der Moral" sind nach Mackie: "eine autonome, objektive Ethik", die auf Kant zurückgeht, und eine von Hume vertretene "naturalistische oder emotive Auffassung". Letztere ist das Ergebnis der biologischen und soziokulturellen Entwicklung des Menschen. Wenn eine dieser Auffassungen richtig sei, stellt Mackie fest,

"…, dann spricht nichts für die Annahme, das Schwinden des religiösen Glaubens untergrabe allgemein oder auf Dauer die Moral. Ja es ist nicht einmal notwendig, dass eine dieser beiden Auffassungen richtig ist: Es würde schon genügen, dass der Atheist von ihr überzeugt ist."

Ähnliche Gedanken fand ich im Buch Woran glaubt ein Atheist? Des französischen Philosophen André Comte-Sponville (*1952). Er bezieht sich explizit auf Dostojewski und stellt klar:

"Wenn Sie den Glauben verloren haben, werden Sie deshalb nicht plötzlich Ihre Freunde verraten, stehlen oder vergewaltigen, morden oder quälen! »Wenn es keinen Gott gibt«, schrieb Dostojewski, »dann ist alles erlaubt.« Wieso denn? Ich erlaube mir doch nicht alles! Die Moral ist autonom, zeigt Kant, oder sie ist nicht. Wenn einer sich das Morden nur aus Furcht vor einer göttlichen Strafe versagt, ist sein Verhalten moralisch wertlos: Es wäre nur Vorsicht, Angst vor der Gottespolizei, Egoismus. Und wer nur zu seinem eigenen Heil Gutes tut, tut nichts Gutes (weil er aus Eigeninteresse handelt statt aus Verpflichtung oder Liebe) […]."

Etwas später äußert er sich zur überschätzten Rolle des Gottesglaubens in bezug auf moralische Fragen, sowohl im persönlichen Verhalten, als auch in gesellschaftlichen Zusammenhängen:

"Ob man an Gott glaubt oder nicht, spielt in allen großen moralischen Fragen – außer für Fundamentalisten – keine besondere Rolle. Es ändert nichts an der Pflicht, den Anderen, sein Leben, seine Freiheit und Würde zu respektieren, noch daran, dass Liebe über dem Hass steht, Großzügigkeit über dem Egoismus, Gerechtigkeit über der Ungerechtigkeit. Die Religionen haben uns geholfen, das zu begreifen, und damit einen bedeutenden Beitrag zur Geschichte geleistet. Das heißt aber nicht, dass sie ein Monopol darauf haben oder dass es ausreicht, ihnen anzugehören. Bayle hat das schon Ende des 17. Jahrhunderts erkannt: »Wenn ein Atheist tugendhaft lebt, ist das nicht seltsamer, als wenn ein Christ sich zu allerhand Verbrechen hinreißen lässt.«"

Einige Sätze weiter findet sich bei André Compte-Sponville eine treffende Zusammenfassung seiner Überlegungen:

"Es ist nicht wahr, dass alles erlaubt ist, besser gesagt, es hängt von jedem Einzelnen ab, dass es nicht so ist. Menschlichkeit und Verpflichtung zur Menschlichkeit, das nenne ich praktischen Humanismus, der keine Religion ist, aber eine Moral. […] Es geht darum, sich dessen, was die Menschheit aus sich und die Zivilisation aus uns gemacht hat, würdig zu erweisen. Die erste Pflicht und das Prinzip aller anderen Pflichten ist es daher, menschlich zu leben und zu handeln.

Religion genügt nicht, und sie enthebt niemanden dieser Pflicht. Atheismus auch nicht."

Im dritten Hörfunkprogramm des Westdeutschen Rundfunks gab es am 20. November 2007 einen DISKURS zum Thema Kein Gott nirgends – oder zurück zur Vernunft. Es ging um Atheismus. Die Sendung wurde von zwei Sprecherinnen, einem Zitator und mehreren Studiogästen gestaltet. In der Einführung sagte eine Sprecherin:

"Atheismus ist eine Lebensform; eine Haltung oder Einstellung zum Leben."

Im Verlaufe der Sendung wurde u. a. der Gegensatz zwischen dem Atheismus der "Neuen Atheisten" und dem "guten Atheismus" aufgezeigt. – Mir ist dort der Begriff "guter Atheismus" das erste Mal begegnet. – Der Studiogast Johannes Rohbeck (*1947), Professor für Philosophie an der Technischen Universität Dresden, sagte dazu:  

"Also der gute Atheismus ist ja nicht nur eine Frage des Individuums, sondern vor allem auch eine Frage der Gesellschaft. Und Pierre Bayle stellte die Frage nach dem Staat der Atheisten. Und er stellte die Frage, ob so etwas funktionieren kann: Ob die Menschen sich an moralische, an rechtliche, an politische Regeln halten – auch ohne Aussicht auf das Paradies und ohne die Befürchtung der Höllenqualen."

Im weiteren Verlauf stellte eine der Sprecherinnen fest:

"Die Frage nach dem guten Atheismus, und zwar "gut" – nicht nur für das angenehme Leben des einzelnen, sondern auch für das Wohl der Allgemeinheit. Kurz – die Frage nach der Moral des Atheismus: selbstverständlich ist sie berechtigt."

Hierauf reagierte der Studiogast Herbert Schnädelbach (*1936), bis zu seiner Emeritierung Professor für Philosophie an der Berliner Humboldt–Universität, mit dem Hinweis auf Dostojewski:

"Also dieser Satz von Dostojewski: »Wenn Gott tot ist, ist alles erlaubt« – ist philosophisch überhaupt nicht zu halten! Wir wissen seit – mindestens seit Aristoteles, dass die praktische Philosophie, also die Philosophie, die sich über Fragen der Gerechtigkeit und des guten Lebens Gedanken macht – dass die auf eigenen Füßen steht."

Danach stellte eine Sprecherin fest:

"Den Philosophen macht sie allerdings bis heute zu schaffen. Man könnte auch sagen: Sie arbeiten sich daran ab, eine so genannte »autonome Moral« zu begründen. Also eine Moral ohne Gott, ohne Metaphysik, ohne alles, was jenseits vom Diesseits ist."

Einige Gedankengänge später folgten wichtige Sätze vom Zitator und erneut vom Studiogast Johannes Rohbeck, die für den hier betrachteten Zusammenhang Wichtiges zum Ausdruck bringen. Zunächst der Zitator:

"Wir müssen das vor Jahrtausenden begonnene Projekt fortsetzen. Das einzige Werkzeug, das uns dabei zur Verfügung steht, ist unsere Fähigkeit, die Folgen unseres Handelns für andere Menschen möglichst genau und umfassend abzuschätzen, ihnen mit Einfühlung zu begegnen und die Situation von unterschiedlichen Standpunkten aus zu betrachten."

Und unmittelbar danach die Reaktion von Johannes Rohbeck:

"Das hat auch etwas mit Humanismus zu tun: Dass der Mensch soziale Verantwortung anerkennt und auch auf sich nimmt. Aber nicht wegen einer höheren Macht und auch nicht wegen einer transzendenten Perspektive, sondern weil er sich selbst verpflichtet. Und das ist aus meiner Sicht ein Stück Selbstbestimmung, so gesehen auch ein Stück Freiheit, nämlich keine Abhängigkeit von äußeren Mächten, von irgendeiner Transzendenz, von irgendeiner Lohn–und–Strafe–Instanz, sondern selbstverpflichtet. Das ist der Inbegriff von Freiheit und Autonomie."

Wie die weiter oben zitierten Äußerungen des französischen Philosophen André Comte-Sponville (*1952), geben auch diese Sätze die angemessene Antwort auf die in der Abschnittsüberschrift gestellte Frage: Ohne Gott ist eben nicht alles erlaubt! Zudem steht die darin zum Ausdruck kommende Haltung in wohltuendem Gegensatz zu jener, die bei sog. "Gläubigen" anzutreffen ist, deren Moral von egoistischem Heilsstreben bestimmt wird. Und verantwortliche Theologen und Kirchenführer machen bis heute nicht den Eindruck, als könnten sie das jemals begreifen.

Diesen Eindruck fand ich bestätigt durch Worte eines prominenten Kirchenführers im Talk mit Günther Jauch (*1956), am 10. Februar 2013. Das Thema der Sendung lautete Die Glaubensfrage: Wie lebensnah ist die Kirche? Einer der Teilnehmer war der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider (*1947). Ich denke, dass Schneider so etwas, wie ein persönliches Credo öffentlich machte, als er sagte:

"Wir müssen die Gottesfurcht – weil  wir brauchen Maßstäbe – mit der Menschenliebe zusammenbringen."

Er gibt mit dieser theologischen Denkfigur deutlich zu erkennen, dass er, bewusst oder unbewusst, Anhänger der von Dostojewski formulierten Auffassung ist. Er bestätigt die oben zitierte, von Richard Robinson stammende, Geschichte von dem Priester und den "zwei moralisch untadeligen Atheisten": Es sind wohl im Wesentlichen Kirchenfunktionäre und die von ihnen noch abhängigen "Gläubigen", die genau jene von Dostojewski zum Ausdruck gebrachte Haltung für der Weisheit letzten Schluss halten. Mit seinem dogmatisch begrenzten geistigen Rüstzeug aus dem Denkgetto der Theologie kann Schneider nicht zu der Erkenntnis gelangen, dass "Gottesfurcht" völlig entbehrlich ist: Die Fähigkeit zur "Menschenliebe" und die Sensibilität für geeignete ethische "Maßstäbe" hat der Mensch in seiner langen biologischen und soziokulturellen Entwicklung erworben. 

Diese Erkenntnis ist nicht neu. An anderer Stelle dieser Site findet sich eine beispielhafte Beschreibung dieser Tatsache vom (ehemaligen) Theologen Helmut Groos (s. hier). 

Der Schriftsteller Friedrich Hagen (1903-1979) zeigt in seiner Schrift über den Frühaufklärer Jean Meslier, dass große Denker diese Position schon in der griechischen Antike vertraten. Er bezieht sich auf Sokrates (469-399): 

"Für Sokrates entspringt rechte Sittlichkeit aus begrifflicher Klarheit und aus Selbsterkenntnis. In sich selber findet ein jeder jenes »göttliche Daimonion«, das ihm rät, was zu tun und zu meiden sei, so wie 2200 Jahre später Kants »moralisches Gesetz in mir«.
[…]
Die Kirche setzt das »Daimonion« den heidnischen Dämonen gleich und verurteilte mitsamt der inneren Stimme auch den kritischen Geist." 

Erst kürzlich fiel mir das Gedicht Vermächtnis von Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) in die Hand. In der dritten Strophe äußert er Gedanken, die denen des Sokrates (469-399) ähneln:

"Sofort nun wende dich nach innen:
Das Zentrum findest du da drinnen,
Woran kein Edler zweifeln mag.
Wirst keine Regel da vermissen:
Denn das selbständige Gewissen
Ist Sonne deinem Sittentag."

"Gläubige" finden es anmaßend, wenn Andersdenkende ihrer "inneren Stimme" mehr vertrauen als den – nach ihrem Glauben – "von Gott" erlassenen Ge- und Verboten. Könnte es sein, dass sie ihre eigene "innere Stimme" nicht mehr so gut vernehmen, weil diese schon während ihrer Sozialisation von sehr viel lauteren religiös-ideologisch geprägten Stimmen von außen übertönt worden ist und in der Folge zunehmend leiser wurde? Liegt in dem, bewusst oder unbewusst ablaufenden, Widerstreit zwischen der "inneren Stimme" und den von außen einwirkenden Stimmen nicht die eigentliche Ursache für Glaubenszweifel, von denen "Gläubige" heimgesucht werden? Zweifellos zeigt die von Friedrich Hagen beschriebene Umdeutung des "Daimonions" durch das organisierte Christentum auch heute noch Wirkung. Besonders krass zeigt sie sich im Exorzismus, in einem von der römischen Konfession noch heute zur sogenannten Dämonen- bzw. Teufelsaustreibung praktizierten archaischen Ritual. Im Übrigen drängt sich der Verdacht auf, dass es viele Probleme, zu deren Lösung Exorzisten tätig werden u. a. gehen letztere dabei von diversen Formen sogenannter "Besessenheit" aus, ohne den negativen Einfluss von Religion bzw. Kirche gar nicht gäbe.

Ergänzend seien hier ein paar einleuchtende Gedanken aus dem Buch Die Zukunft des Unglaubens des Philosophen, Publizisten und Journalisten Gerhard Szczesny (1918-2002) zitiert: 

"Das Verhältnis von Religion und Ethik ist ein ideologisches Verhältnis, nach dessen Auflösung die Einsicht fällig wird, dass das Moralische ein immanentes Element der menschlichen Natur ist.
[…]
Wir befinden uns in der Übergangsphase zwischen dem Zusammenbruch einer religiös begründeten und der Entstehung einer aus der Natur des Menschen abgeleiteten Ethik, die deshalb so kritisch ist, weil sich, wie wir gesehen haben, der Zusammenbruch der religiösen Moral zunächst als Zusammenbruch jeder Moral überhaupt darstellt und gerade von den Verteidigern der Religion aus begreiflichen Gründen als solcher interpretiert wird."

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die in diesem Abschnitt skizzierten Auffassungen rechtfertigen die Überzeugung, dass alle Voraussetzungen für ein ethisch akzeptables Verhalten schon in der Natur des Menschen gegeben sind. Eine angemessene Ethik bedarf daher keiner "Krücken" in Form der mit dem Gottesglauben verbundenen Verheißungen und Strafandrohungen. Es darf aber wohl auch nicht übersehen werden, dass die Aufgabe des Gottesglaubens für "Gläubige" mit Risiken behaftet sein kann. Wie gut der Übergang zu einer anderen Auffassung vom "Wesen und Status der Moral" (John Leslie Mackie) gelingt, hängt von der Persönlichkeits- und Bewusstseinsstruktur der Betroffenen ab. 

Die Antwort auf die Frage Ist ohne Gott alles erlaubt? in der Überschrift dieses Abschnitts kann schließlich nur lauten: NEIN, denn von sozialer Verantwortung geprägte ethische Handlungsmaximen gibt es auch ohne jede Religion und jeden  Gottesglauben und nochmals NEIN, denn selbstbestimmt und "selbstverpflichtet" lebende Menschen müssen nicht erst durch "Gottesfurcht" motiviert werden, diesen Maximen gemäß zu handeln!

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Wer gibt den "Ungläubigen" Gewicht und Stimme?


(in Vorbereitung)


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Ermutigende Leitgedanken für "Ungläubige"

Analog zu den oben vorgeschlagenen Leitgedanken für christliche Reformer folgen hier ein paar Merksätze und Leitgedanken für "Ungläubige". Ich fand sie in der einschlägigen Literatur und halte sie für geeignet, das Weiterdenken anzuregen.

Zunächst ein paar Sätze des Philosophen und Sozialpsychologen Erich Fromm  (1900-1980), die aus dem von seinem Nachlassverwalter, dem Psychoanalytiker Rainer Funk (*1943), unter dem Titel Wege zur Befreiung – Über die Kunst des Lebens herausgegebenen Sammelband stammen. Fromm schrieb sie um die Mitte des letzten Jahrhunderts:

"Ist es nicht an der Zeit, dass wir endlich aufhören, über Gott zu streiten, und dass wir uns stattdessen gemeinsam darum bemühen, die heutigen Formen des Götzendienstes zu entlarven? Heute sind es nicht Baal und Astarte, sondern die Vergötzung des Staates und der Macht in den autoritären Ländern und die Vergötzung der Maschine und des Erfolges in unserer eigenen Kultur. Es ist die alles durchdringende Entfremdung, welche die geistigen Qualitäten des Menschen bedroht. […]

In einer menschlich gewordenen Gesellschaft wird die Gesellschaft selbst zur bedeutendsten Angelegenheit des Menschen neben seinem eigenen Leben – und beide haben das gleiche Ziel."

Es folgt ein weiterer Satz aus den Schriften Erich Fromms, und zwar aus seinem Buch Jenseits der Illusionen, das 1962 in der amerikanischen Buchreihe "Credo-Perspektiven" erschien. Das zwölfte Kapitel ist mit dem Titel "Credo" überschrieben und umfasst 26 "Glaubens-Artikel" bzw. kurze Abschnitte, die alle mit "Ich glaube …" beginnen. Diese Formulierung ist wohl dem Motto der Buchreihe geschuldet. Mir gefiele besser: Ich bin überzeugt …. Jeder dieser Artikel ist dennoch lesens- und beherzigenswert. Einer davon, der fünfundzwanzigste, lautet: 

"Ich glaube, dass der Mensch seine Illusionen aufgeben muss, die ihn versklaven und lähmen; dass er sich der Wirklichkeit in sich und außerhalb seiner selbst bewusst werden muss, um eine Welt aufzubauen, die der Illusionen nicht mehr bedarf. Freiheit und Unabhängigkeit kann man nur erlangen, wenn man die Ketten der Illusion sprengt."

Eine ähnliche, auf einen konkreten Aspekt bezogene, Überlegung fand ich im Buch Die Zukunft des Unglaubens des Philosophen Gerhard Szczesny (1918-2002):

"Es gibt Illusionen, deren Zerstörung mehr Schaden als Nutzen stiftet. Der Mythos vom vorhandenen oder zu bewahrenden christlichen Charakter der westlichen Welt gehört […] nicht zu dieser Art von Illusionen.

Der katholische Theologe, ehemalige Priester und Kirchenkritiker Horst Herrmann (*1940) benennt, in seinem Beitrag zu dem von Karheinz Deschner (1924-2014) herausgegebenen Buch Woran ich glaube, jene Hoffnungen, die er mit der Weiterentwicklung der Menschheit verbindet. Am Ende des erhofften Entwicklungsprozesses sieht er das Christentum, aus historischer Perspektive, auf "eine bloße Episode" reduziert:

"Ich hoffe, dass das Begriffspaar Gott-Mensch sich endgültig auflösen lässt und Mensch Mensch wird und nichts anderes. Ich hoffe, dass es immer mehr Menschen gelingen wird, sich von ihren archaischen Ängsten und deren Göttern zu befreien und sich selbst als Hoffnung für andere und künftige Menschen zu engagieren.

Dann wird auch Geschichte nach menschlichem Maß gerechnet. Dann gelten die zweitausend Jahre Christentum im Vergleich zu den Millionen Jahren Menschheit ohne Christentum als eine bloße Episode, und als eine nicht sonderlich geglückte. Dann werden die geschichtlichen Tage der Religion, die manchem Ängstlichen noch wichtig erscheinen, als das verstanden werden, was sie, aufs Ganze der Weltzeit gesehen, stets gewesen sind: Augenblicke, Durchgangsphasen."

In einem Abschnitt seines Buches Warum ich kein Christ sein will skizziert der Autor Uwe Lehnert (*1935) seine Vorstellung vom "mündigen und nachdenkenden" Menschen. Und während er gleichzeitig die Grenzen menschlicher Vernunft einräumt, macht er klar, dass diese Begrenzung "keine willkürlichen Behauptungen" (wie z. B. von Religionen dogmatisch fixiert) rechtfertige:

"Ich meine, dass eine Denkweise, die mit Offenbarungen, Opfermythen und Dogmen operiert, zu einem mündigen und nachdenkenden, um Wahrhaftigkeit und Widerspruchsfreiheit bemühten Menschen einfach nicht passt, auch wenn gleichzeitig einzuräumen ist, dass unserer Vernunft temporäre und vielleicht auch prinzipielle Grenzen gesetzt sind. Aber eine mögliche Begrenzung der Vernunft rechtfertigt keine willkürlichen Behauptungen und keine bloßen Versprechungen aus überkommener Zeit."

Der französische Philosoph André Comte-Sponville (*1952), den ich zu den "alten" Atheisten zähle, hat in seinem Buch Woran glaubt ein Atheist? eine Vielzahl plausibler (Leit-)Gedanken formuliert, aus denen ich diese herausgriff:

"Nicht die Hoffnung veranlasst zum Handeln (wie viele Menschen hoffen auf Gerechtigkeit und tun nichts dafür?), sondern der Wille. Nicht die Hoffnung befreit, sondern die Wahrheit. Nicht die Hoffnung gibt Leben, sondern die Liebe.

Verzweiflung kann […] belebend, heilsam, fröhlich sein. Verzweiflung ist das Gegenteil des Nihilismus oder das Gegengift. Nihilisten sind nicht verzweifelt, sondern enttäuscht (und man kann nur enttäuscht werden, wenn man sich Hoffnungen gemacht hat), empört, verbittert, voll Rachsucht und Groll.
[…]
Dass wir nur ein einziges Leben haben – ist das ein Grund, es zu vergeuden? Dass es keinen sicheren Sieg, ja nicht einmal einen unwiderruflichen Fortschritt für Frieden und Gerechtigkeit gibt – ist das ein Grund, nicht mehr für sie zu kämpfen? Natürlich nicht! […] Und ganz allein mit seinem Mut und seiner Liebe ist der Mensch erst richtig fähig, Veränderungen zu bewirken. […]
Jenseits aller Moden und Meinungswandel deutet alles darauf hin, dass Glaube und Unglaube auf lange Sicht miteinander auskommen müssen. Na und? Das stört doch keinen außer Sektierer oder Fanatiker. Viele unserer größten Intellektuellen sind Atheisten, selbst in Amerika, und viele sind gläubig, selbst in Europa. Das bestätigt nur, dass – heute genauso wie einst – kein Wissen einer von beiden Seiten recht gibt. Das spricht sehr für Toleranz und Offenheit, weniger für den Agnostizismus."

In der modernen (säkularen) Musikkultur gibt es ebenfalls beeindruckende Denkansätze. Einer findet sich z. B. in dem Song Imagine des britischen Musikers, Komponisten und Autors John Lennon (1940-1980). In der zweiten, von drei Strophen, heißt es:

"Stell dir vor es gibt keine Länder,
Es ist nicht schwer es zu tun.
Nichts wofür man morden oder sterben müsste,
Und auch keine Religion.
Stell dir vor alle Menschen
Leben in Frieden.
Du magst mich für einen Träumer halten,
Aber ich bin nicht der einzige.
Ich hoffe, du wirst dich uns eines Tages anschließen,
Und die Welt wird eins sein."

Zu den Denkern, die mich während meiner Recherchen am stärksten beeindruckt haben, gehört der deutsch-amerikanische Philosoph Walter Kaufmann (1921-1980). Sein Buch Der Glaube eines Ketzers gehörte zu den ersten religionskritischen Büchern, auf die ich aufmerksam wurde. Aus ihm stammt dieser Leitgedanke:
 

"Der einzige Faktor, der zählt, ist die nie erlahmende Bereitschaft, stichhaltige Einwände gelten zu lassen."

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Schlussbemerkungen

Der erste Beitrag unter Aktuelles, Nachgetragenes, Satirisches, vom 16. August 2007, war eine "Zwischenbilanz". Am Ende dieses Beitrags stellte ich damals, sehr voreilig, diese Frage:


"Wie könnte die nachhaltige Ablösung des religiös begründeten und immer noch einflussreichen Ideengebäudes durch eine, von einem ethisch überzeugenden Wertekanon begleitete, neue Weltsicht gelingen?"

Heute erscheint mir die Fragestellung als zu wenig differenziert. Ich sehe die Notwendigkeit mindestens zwei Dimensionen zu unterscheiden, die zwar nicht ohne gegenseitige Abhängigkeiten existieren, aber eine getrennte Betrachtung erfordern: eine individuelle und eine gesellschaftliche Dimension. D. h. es sind zwei Fragen zu stellen:

  1. Welche alternative Weltsicht bietet sich jenen Menschen an, die sich von der Religion verabschiedet haben oder verabschieden wollen?

  2. Wie könnte in der Gesellschaft die nachhaltige Ablösung des religiös begründeten und immer noch einflussreichen Ideengebäudes durch eine überzeugende alternative Weltsicht gelingen?
Die zweite Frage, mit der sich nicht nur Philosophen, Sozialpsychologen, Soziologen etc. befassen, sondern insbesondere auch diverse säkulare Organisationen, Verbände, Stiftungen etc., lasse ich hier unbeantwortet stehen.

Ein Versuch, mögliche Antworten auf die erste Frage zu suchen, spiegelt sich in den vorausgehenden Abschnitten, in denen verschiedene Aspekte alternativer Denkansätze für "Ungläubige" angerissen wurden. Ergänzend dazu folgt, eher stichwortartig, ein vorläufiges persönliches Resümee:

Am Ende meiner Recherchen stelle ich fest, dass mir die atheistische Weltsicht und Lebensperspektive, wie sie von einigen "alten Atheisten" vorgeschlagen wird, am plausibelsten erscheint. Diese Form des Atheismus ist undogmatisch, nicht-militant, begleitet von gesunder Skepsis, und sie umfasst soziale Verantwortung sowie ein klares Bekenntnis zu ethischen Werten. Ihre hervorstechenden Merkmale sind Humanismus und Rationalismus.

Daneben gibt es natürlich auch andere alternative Denkweisen. Es wäre also abwegig anzunehmen, dass es die, oder gar die einzige alternative Weltsicht gibt. Liefen Verfechter einer derartigen Annahme nicht Gefahr, dieselben kardinalen Fehler erneut zu begehen, die von den Religionen begangen wurden: Absolutheitsansprüche zu erheben, Dogmen zu beschließen und diesen, unter Gewaltanwendung, rücksichtslos Geltung zu verschaffen? Demgegenüber habe ich bisher den Eindruck, dass sich "Ungläubige" unterschiedlicher Positionen insgesamt toleranter und respektvoller verhalten und, in ihrer undogmatischen Haltung, offener sind für die besseren Argumente.

Während meiner Suche nach einer alternativen Weltsicht bzw. Lebensweise stellte ich fest, dass die mögliche neue Sicht, ohne einen Blick über den eigenen "Tellerrand" hinaus, eingeengt bliebe. Ich denke, dass die Vision von einer Gesellschaft ohne Religion(en) das Fernziel ihrer universalen Anerkennung und Verbreitung einschließt, dessen Realisierung u. a. voraussetzt, dass alle Individuen auf diesem Globus möglichst unter den gleichen sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen leben. Aus heutiger Sicht zweifellos eher eine Fata Morgana. Dennoch wäre Resignation die falsche Reaktion. Eine langfristige Sicht einerseits und andererseits die Überzeugung, dass wir uns in einem "nicht umkehrbaren Aufklärungsprozess" befinden, wie Gerhard Szczesny dies sah, sind m. E. geeignet, der drohenden Resignation vorzubeugen.

Der eben erwähnte Philosoph und Schriftsteller Gerhard Szczesny (1918-2002) hat, in den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts, in seinem Buch Die Zukunft des Unglaubens die Vision von einer alternativen, künftig in allen Teilen der Menschheit anerkannten, Weltanschauung mutig so formuliert:

"Wir erst stehen am zaghaften Beginn einer solchen Entwicklung, die in ihrem Verlauf den Typus der Weltreligion zum Erlöschen bringen wird. Denn dieser im mythischen und magischen Denken verhaftete Typus der Weltdeutung ist von der Bindung an eine bestimmte Kultur nicht zu trennen. Wie diese ist er Äußerung eines umweltbedingten Seelentums. So wird auch dem Zeitalter der Hochreligionen kein Zeitalter der (einen) Welt-Religion, sondern ein Zeitalter der (einen) Welt-Weltanschauung folgen."

Ganz ähnliche Gedanken fand ich beim deutsch-amerikanischen Psychoanalytiker, Philosophen und Sozialpsychologen Erich Fromm (1900-1980). In seinem, 1962 erschienenen, Buch Jenseits der Illusionen schrieb er:

"Ich glaube, dass die Eine Welt, die im Entstehen begriffen ist, nur dann Wirklichkeit werden kann, wenn ein Neuer Mensch entsteht – ein Mensch, der sich von den archaischen Bindungen an Blut und Boden freigemacht hat, der sich als Menschensohn, als Weltbürger fühlt und dessen Loyalität der ganzen Menschheit und dem Leben und nicht einem exklusiven Teil derselben gehört; ein Mensch, der sein Vaterland liebt, weil er die Menschheit liebt, und dessen Urteilsfähigkeit nicht durch seine stammesmäßige Zugehörigkeit getrübt wird."

Mit diesen Worten zweier visionärer Denker, denen ich nichts hinzuzufügen habe, beende ich meine collagenartige Darstellung der, während meiner privaten Expedition, gesammelten Fakten und Erkenntnisse.

Artur Lechelt
August 2013

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