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     A r c h i v

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Geht man allen Religionen auf den Grund, so beruhen sie auf einem mehr oder minder widersinnigen System von Fabeln. Es ist unmöglich, dass ein Mensch von gesundem Verstand, der diese Dinge kritisch untersucht, nicht ihre Verkehrtheit erkennt.

Friedrich der Große,
König von Preußen (1712-1786)

Die hohe reich dotierte Geistlichkeit fürchtet nichts mehr als die Aufklärung der unteren Massen.

Der bedeutendste deutsche Dichter
Johann Wolfgang von Goethe
(1749-1832)
(gefunden bei Carsten Frerk)

Wenn wir nur noch das sehen, was wir zu sehen wünschen, sind wir bei der geistigen Blindheit angelangt.

Die österr. Schriftstellerin
Marie von Ebner-Eschenbach
(1830-1916)

Es wird vermutlich immer Menschen geben, die auf religiöse Tröstungen und Sinngebungen nicht verzichten wollen und können. Insofern lässt sich wohl vom Niedergang von Religion sprechen, kaum aber von ihrem Untergang.

Der Philosoph Joachim Kahl (*1941)

 

 
 

Aktuelles, Nachgetragenes, Satirisches

2009 - 2010

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07. November 2010
»Missbrauch? War doch Brauch!«

Zum Missbrauchsskandal im Einflussbereich der Kirchen wollte ich eigentlich kein Wort mehr verlieren. Nun leiste ich mir doch einen leichten Rückfall. Leicht insofern, als ich mir nicht erlaube, auch nur eine einzige zusätzliche Silbe zu formulieren. Ich zitiere lediglich aus einem Beitrag des Publizisten und Fernsehmoderators Roger Willemsen (*1955) im ZEITMAGAZIN Nr. 18/2010 (zwei herausgerissene Blätter schlummerten seit dem ersten Lesen Anfang Mai d. J. auf meinem Schreibtisch). Roger Willemsen bedient sich seinerseits einer Feststellung des Kabarettisten Dieter Hildebrandt (*1927):

"[…] hat doch die Kirche […] den Eindruck erzeugt, als schändeten ihre Priester seit Jahrzehnten der Verjährung entgegen. Könnte es sein, dass sich so viele Ausnahmen allmählich zur Regel verdichten, dass ein totalitäres System wie die Kirche dergleichen zwangsläufig hervorbringt oder, wie Dieter Hildebrandt so bündig fragte: »Die Kirche spricht von Missbrauch? War doch Brauch!«"

Anmerkung (13. Dezember 2013)
Der große Kabarettist Dieter Hildebrandt ist am 20. November 2013 gestorben.

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31. Oktober 2010
Joseph Aloisius Ratzinger – bravo! bravissimo!

Dass ich mich über etwas, was Joseph Aloisius Ratzinger (*1927) in seinem Amt befürwortet oder ablehnt, eines Tages positiv äußern würde, diese Möglichkeit hätte ich bis vor kurzem eher ausgeschlossen. Vor wenigen Tagen habe ich nun etwas gefunden, wofür er uneingeschränkte Unterstützung und Anerkennung verdient: Es gibt Anzeichen dafür, dass er seinen polnischen Vorgänger, Karol Wojtyla (1920-2005), nicht seligsprechen will!

Eine der letzten Ausgaben von Publik-Forum, Nr. 19 · 2010, enthält auf Seite 43 einen Beitrag mit dem Titel Der Freund und Kinderschänder und dem Untertitel Johannes Paul II. deckte zeitlebens Padre Marcial Maciel, den Gründer der »Legionäre Christi«. Deshalb will Papst Benedikt seinen Amtsvorgänger nicht seligsprechen.

Wie Publik-Forum berichtet, hatte im Jahre 2000 ein mittelamerikanischer Kardinal "den damaligen Präfekten Ratzinger über den seit Jahrzehnten anhaltenden Missbrauch von Jugendlichen und Abhängigen durch Pater Marcial Maciel Degollado, den Gründer der Legionäre Christi, informiert und den Vatikan um Gegenmaßnahmen gebeten." Ratzinger informierte Papst Johannes Paul II., und zwar gegen Vatikan-internen Widerstand, "jedoch vergeblich. Johannes Paul lehnte jede Maßnahme gegen den klerikalen Sextäter ab." Das von der Behörde Ratzingers damals eingeleitete Untersuchungsverfahren wurde daraufhin eingestellt, wie dem Archiv auf der Internetseite des stern, mit Datum vom 07. April 2010, zu entnehmen ist.

Schon vor dem Tode Wojtylas, er starb am 02. April 2005, hatte Ratzinger eine neue Untersuchung eingeleitet und am 26. Mai 2005, einige Wochen nach seiner Wahl zu dessen Nachfolger, befahl er Maciel, "sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen und zu meditieren." In 2006 verzichtete der Vatikan dann "nur aus gesundheitlichen Gründen auf ein kirchenrechtliches Verfahren gegen den Ober-Legionär. Maciel musste sich aber aus dem von ihm gegründeten Orden entfernen. Der »schlechteste Legionär«, wie er jetzt bezeichnet wurde, starb zwei Jahre später."

Publik Forum schreibt weiter: "Inzwischen waren seine kriminellen Taten bekannt geworden, und niemand konnte sich mehr offen zu Maciel, dem Liebling von Papst Johannes Paul II. bekennen, ohne sich selbst verdächtig zu machen. […] Ihre Seilschaften in der Kurie zerbröckelten. Heute bekennt sich in Rom keiner mehr zu den einst mächtigen und reichen Legionären Christi, die Vatikan-intern treffend auch als »Millionäre Christi« charakterisiert wurden."

Mit Blick auf den Ende April 2010 erwarteten Abschlussbericht einer von Ratzinger beauftragten Untersuchungskommission, der dann tatsächlich am 30. April 2010 im Vatikan vorgelegt wurde, schrieb der stern am 07. April 2010 auf seiner Internetseite: "Der Gründer des einflussreichen Ordens »Legionäre Christi«, der auch in Deutschland aktiv ist, soll Dutzende von minderjährigen Seminaristen vergewaltigt haben. Daneben führte der Pater ein Doppelleben und hatte zwei Frauen, mit denen er drei Kinder zeugte. Einen seiner Söhne soll er ebenfalls missbraucht haben. Seinen Familien erzählte er, er sei bei der CIA oder leitender Angestellter beim Ölkonzern Shell. Ebenfalls untersucht werden laut stern die Finanzgeschäfte des Ordensgründers, der Konten auf den Bahamas hatte."

Publik-Forum schreibt dazu: "Inzwischen ist nachgewiesen und von Rom anerkannt, dass Maciel mit mindestens zwei Frauen mindestens zwei Kinder zeugte und schon in frühen Jahren sich von etlichen seiner jungen Anhänger sexuell befriedigen ließ. Maciel gab Opfern gegenüber vor, er habe vom Papst selbst die Erlaubnis erhalten, sich von Jungen befriedigen zu lassen, um so seine Schmerzen behandeln zu können. Anschließend nahm Pater Maciel den jungen Opfern auch gleich die Beichte ab. Ein maximaler Missbruch des Bußsakraments."

Nach allem, was heute bekannt ist, war der Hauptakteur, in einem besonders bizarren Teilgeschehen des weltweiten Missbrauchsskandals im Einflussbereich der römischen Konfession, ein kriminelles Multitalent: Sexualverbrecher, Heiratsschwindler und vermutlich auch Wirtschaftkrimineller. Und dieses kriminelle Multitalent war der "Liebling von Papst Johannes Paul II."!

Es stellen sich unwillkürlich u. a. folgende Fragen: War Wojtyla ein gewissen- und verantwortungsloser Mensch? War seine Persönlichkeit von menschlicher Kälte geprägt, wie dies vor Jahren einmal einer seiner früheren Weggefährten beschrieb? Sah er sich über jede soziale Ordnung, über jedes weltliche Recht gestellt? Waren Maciels Verbrechen für Wojtyla unbedeutende Marginalien, weil dieser "einer der effizientesten Spendensammler der katholischen Kirche"(stern) war und damit entscheidend zum Machterhalt der römischen Hierarchie beitrug?

Diese Fragen lassen sich nicht mit letzter Sicherheit beantworten. Eines lässt sich m. E. aber mit großer Sicherheit feststellen: Wojtyla hat mit seinem Verhalten gegenüber dem Kapitalverbrecher Maciel dessen Opfer in einer so unfassbaren Weise verhöhnt und sich an deren Martyrium in einem so hohen Maße mitschuldig gemacht, dass seine Seligsprechung oder gar Heiligsprechung für alle halbwegs mitfühlenden Menschen auf der Welt ein nicht zu überbietender Affront wäre.

Publik-Forum schreibt: "Während des Pontifikats von Benedikt XVI. jedenfalls ist eine Seligsprechung seines Vorgängers schwer vorstellbar." – Ich hoffe, dass Ratzinger durchhält 

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13. August 2010
Ahrensburg – "Größter Missbrauchsskandal der evangelischen Kirche"

Vor einigen Monaten beherrschten die Verbrechen sexueller und sozialer Gewalt gegen Abhängige in kirchlichen und pädagogischen Einrichtungen die Schlagzeilen. Spätestens mit der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika verschwanden sie fast vollständig aus Zeitungsspalten und Nachrichtensendungen. Erst der Rücktritt von Maria Jepsen (*1945), der Bischöfin der Nordelbischen Kirche, am 16. Juli 2010, weckte erneut das Interesse der Medien an diesem unsäglichen, noch immer brennenden Thema. In meinem persönlichen Bewusstsein wurde es durch DIE ZEIT vom 22. Juli 2010 wiederbelebt: In ihrer Rubrik GLAUBEN & ZWEIFELN veröffentlichte sie unter der Überschrift Im Schutzraum des Schweigens Einzelheiten über den "größten Missbrauchsskandal der evangelischen Kirche". Der Untertitel nennt den Ort und das Charakteristische des unbegreiflichen Geschehens: Jahrelang missbrauchte ein Pfarrer in Ahrensburg schutzbefohlene Jugendliche. Eine unheilige Allianz ließ ihn gewähren.

Worum geht es: Der evangelische Pfarrer Dieter K. hatte von den siebziger bis in die neunziger Jahre, etwa drei Jahrzehnte lang, viele Kinder und Jugendliche missbraucht. Erst 1999 ist er "wegen sexueller Übergriffe diskret auf einen neuen Seelsorgerposten versetzt worden. Er hatte kirchenintern zugegeben, eine 16-jährige ehemalige Konfirmandin und jahrelang auch mehrere Jungen aus seiner Gemeinde, darunter seine Stiefsöhne, missbraucht zu haben." Besonders unbegreiflich ist, dass Dieter K. die Mutter einiger seiner Missbrauchsopfer heiratete und danach den Missbrauch an seinen Stiefsöhnen kaltblütig fortsetzte.

Wie der Internetseite www.ndr.de, mit Datum vom 17.07.2010, zu entnehmen ist, wurde die Staatsanwaltschaft damals nicht informiert und: "Auch kirchliche Ermittlungen gab es nicht. Erst seit März 2010 untersucht ein Kirchengericht die Missbrauchsvorwürfe gegen den ehemaligen Pastor. Der Fall wurde der Staatsanwaltschaft übergeben. Strafrechtlich sind die Vorgänge nach Auskunft der Behörde aber verjährt."

Nach Medienberichten, die sich auf Zeugenaussagen beziehen, war Bischöfin Maria Jepsen schon 1999 informiert worden. Sie selber betonte jedoch, erst im Frühjahr 2010 davon erfahren zu haben. Ihre Glaubwürdigkeit war in Frage gestellt. Im Archiv von www.heute.de findet sich dazu folgende Notiz: "Eine weitere Bischöfin tritt ab: Maria Jepsen zieht aus einer Missbrauchsaffäre in der Nordelbischen Kirche die Konsequenzen und gibt auf. Sie erklärte am Freitag (Anm.: 16. Juli 2010) in Hamburg ihren Rücktritt – gefasst aber verbittert."

In dem o. g. ZEIT-Artikel findet sich eine m. E. plausible Darstellung der in diesem Skandal wirksamen Mechanismen:

"Warum Pastor Dieter K. sich so sicher fühlen konnte, versteht man nur, wenn man die verschiedenen Arten des Schweigens im Zusammenhang sieht: von der tief sitzenden Scham der Opfer bis zur jüngsten Flucht einer Bischöfin aus ihrem Amt. Da war die Angst vieler Eltern vor verletzenden Nachfragen im Fall einer Anzeige. Da waren Drohungen des Täters und Autoritätsgläubigkeit der Gemeinde. Da herrschte eine heuchlerische Moral, die auf Offenbarungen durch mutmaßlich Missbrauchte mit dem Vorwurf der Nestbeschmutzung (»Du bist wie ein Racheengel!«) oder mit frommer Vergebungsrhetorik (»Der Täter ist auch ein Mensch!«) reagierte. Da wirkte nicht zuletzt der Mythos vom verführerischen Kind und drohte das alte Stigma der Vergewaltigung.
Diese ganze vertrackte Psychologie des Schweigens spricht noch jetzt aus den halbherzigen Entschuldigungen der Nordelbischen Kirche. Bischöfin Maria Jepsen hat das Missverständnis beklagt, dass sie dachte, der Pastor steige »nur jungen Frauen« nach – wie jung genau, danach zu fragen hielt man wohl für unnötig."

Die von Dieter K. in den Seelen seiner Opfer angerichteten Verwüstungen wirken bis heute nach. DIE ZEIT beschreibt die Langzeitfolgen seiner verbrecherischen Handlungen so:

"Die meisten der Opfer aus den Ahrensburger Jugendgruppen Am Hagen (Anm.: Name der Gemeinde) stürzten ab in Alkohol, kifften, fassten im Beruf nur schwer Fuß, haben bis heute Probleme, sich zu verlieben. Jetzt stützen sie sich gegenseitig. Sie haben eine Selbsthilfegruppe gegründet. Sie äußern Schuldgefühle, die Pastoren schweigen. Götz Meincke, auch ein Schützling von Dieter K., den dieser missbrauchte, als Meincke Jugendgruppenleiter des Pastors war, sagt heute, er fühle sich schuldig wegen der Jungen, die nach ihm kamen. Früher hätte er, sagt Meincke, vor Wut und Verzweiflung am liebsten die Kirche angezündet."

Bleibt noch nachzutragen, dass der Verein, in dem sich die Missbrauchsopfer organisiert haben, schätzt, "dass es mindestens 50 bis 60 Betroffene gibt."

Während vor Monaten Berichte über die zahlreichen Verbrechen in der Einflusssphäre der römischen Konfession im Vordergrund standen, trifft es diesmal die bisher für sauberer gehaltenen Protestanten. Man reibt sich verwundert die Augen: In den vermeintlich so offenen und modernen evangelischen Kirchen wirken dieselben Mechanismen wie bei den Römern. Die in diversen Kommentaren und Analysen herausgearbeitete These, dass hierarchisch und dogmatisch bedingte Zwänge im Bereich der römischen Konfession das Entstehen einer innerkirchlichen Unkultur des Schweigens und Vertuschens begünstigten, führt, wie sich nun zeigt, allenfalls zu einem quantitativen Unterschied – bezogen auf die Zahl der Täter.

Anmerkung
Ich verhehle nicht, dass ich gegenüber der römischen Konfession keine besonders herzliche Zuneigung empfinde. Daher fiel es mir nicht schwer, mich mit ihren Skandalen eingehender zu befassen (s. Eintragungen zwischen dem 12. und 18. Februar 2010 auf dieser Seite). Meine begrenzte Zuneigung hat vor allem mit dem verhängnisvollen Wirken der totalitär ausgeprägten Hierarchie dieser Organisation, in Vergangenheit und Gegenwart, zu tun.
In meiner persönlichen Einschätzung sah ich mich erst kürzlich durch Gedanken eines Insiders erneut bestätigt. Im Mai d. J. erschien das Buch Macht, Sexualität und katholische Kirche des australischen Bischofs Geoffrey Robinson (*1937), der, als Weihbischof von Sydney, einige Jahre lang verantwortlich war für die Aufarbeitung der "sexuellen Missbrauchsskandale in Australien". Bemerkenswert ist auch, dass er als Junge selber sexuell missbraucht worden war. Robinson deckt schonungslos die Fehlhaltungen der römischen Kirche auf und beweist damit besonderen Mut. Zwei kurze, bezeichnende Absätze aus diesem Buch seien hier zitiert:

"Aus meiner Sicht befindet sich die katholische Kirche, was ihre Glaubenslehre angeht, aktuell in einer Art Gefängnis. Es war nicht so, dass irgendwelche bösen Menschen gekommen wären und die Kirche in dieses Gefängnis verbannt hätten. Nein, die Kirche hat dieses Gefängnis selbst gebaut, hat sich selbst darin eingeschlossen und den Schlüssel weggeworfen. Die Kirche ist gefangen in ihrer Unfähigkeit, sich und anderen rückhaltlos die eigene Fehlbarkeit einzugestehen.
[…]
Dieses Bedürfnis, immer und in allem Recht zu haben oder zumindest dem Anschein nach im Recht zu sein, war die Hauptursache für die erbärmliche Reaktion der Kirche auf Vorwürfe wegen sexueller Kindesmisshandlungen durch Kleriker. Darum gehört die Unfähigkeit, Fehler einzugestehen, in diesen Kontext. Ich glaube fest daran, dass die zukünftige Gesundheit der Kirche wesentlich davon abhängt, ob sie sich aus dem Gefängnis der Vergangenheit befreien kann."

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13. Mai 2010
Kostprobe aus Ratzingers Arsenal der "Peinlichkeiten"

Die aktuelle Ausgabe von Publik-Forum, Nr. 9 · 2010, enthält einmal mehr einen bemerkenswerten Beitrag zum Thema Sexuelle Gewalt hinter Kirchenmauern. Unter dem Titel Rückhaltlose Aufklärung? setzt sich der emeritierte katholische Theologe Heinrich Missalla (*1926) mit der Frage auseinander: Kann das »System Kirche« seine fundamentale Krise meistern? Er begründet in seinem Beitrag sehr überzeugend, dass es ihm "schwerfällt, daran zu glauben". Und er äußert an der von seiner römischen Kirche, unter dem massiven Druck der Öffentlichkeit, zugesicherten "rückhaltlosen Offenheit" erhebliche Zweifel: "Rückhaltlose Offenheit? Ich höre die Botschaft, doch es müsste einiges geschehen in dieser Kirche, bevor ich sie glauben könnte."

Eines der Argumente, die seine Zweifel nähren, ergibt sich für ihn aus einer Verlautbarung Joseph Aloisius Ratzingers, von der man, auf den ersten Blick, annehmen könnte, jemand im Vatikan hätte versehentlich in die verstaubte, prall gefüllte Mottenkiste der fast 2000jährigen römischen Theologiegeschichte gegriffen. Leider weit gefehlt: Sie spiegelt vielmehr die traurige römische Wirklichkeit im 21. Jahrhundert wider! Der damit verbundene Gedankengang Missallas verdient ein ausführlicheres wörtliches Zitat:

"Zur Eröffnung des »Priesterjahres« hat Papst Benedikt XVI. im Juni 2009 (!) in einem Schreiben an alle Priester mit Worten des heiligen Pfarrers von Ars die Würde des Priesters beschrieben: »Wenn er sich selbst verstünde, würde er sterben. Gott gehorcht ihm. Er spricht zwei Worte aus, und auf sein Wort hin steigt der Herr vom Himmel herab und schließt sich in eine kleine Hostie ein … Der Priester ist es, der das Werk der Erlösung auf Erden fortführt …« Einmal abgesehen von der theologischen Fragwürdigkeit solcher Sätze und deren Peinlichkeit scheint es nur folgerichtig, dass ein Mensch mit einem derart hochstilisierten Bild seiner selbst zunächst Sorge haben muss, dass dieses hehre Bild durch Verfehlungen eines Priesters getrübt wird, und dass die Zuwendung zu den Opfern sexueller Übergriffe von Priestern als zweitrangig oder gar unerheblich erscheint."

Anmerkungen
- Der heilige Pfarrer von Ars (1786-1859) ist einer der größten Heiligen der römischen Kirche und wurde 1929 zum Patron aller Pfarrer erhoben.
- Hervorhebungen im Zitat durch Autor der Site.

Der einleuchtenden Schlussfolgerung Missallas, für das Verhalten seiner Kirche gegenüber "den Opfern sexueller Übergriffe von Priestern", ist nichts hinzuzufügen.

Abgesehen davon, dass, nach meinem Eindruck, Amtsverständnis und Amtsgebaren der römischen Bischöfe noch viel bizarrer sind, als das der Priester, bewegten mich beim Lesen des Ratzinger-Schreibens noch ganz andere Fragen: Kann es sein, dass der Vorstandsvorsitzende der selbsternannten »Una Sancta« nicht mehr so ganz genau weiß, was er tut? Oder bestätigt er hiermit lediglich den Verdacht, dass er einem Hort infantiler theologischer "Peinlichkeiten" vorsteht? – Wahrscheinlich trifft beides zu.

Ich bin einigermaßen positiv überrascht, dass ein altgedienter katholischer Theologe an seinem obersten Hirten so deutliche Kritik übt. Nicht überraschend finde ich dagegen, dass die Priester Schreiben Ratzingers, der oben zitierten Art, widerspruchslos hinnehmen. Mir wurde in 2009 jedenfalls kein Bericht über einen vernehmbaren Aufschrei dieser Kleriker bekannt. Mir scheint, dass eine Formulierung des protestantischen Theologen Paul Tillich (1886-1965), die er zwar in einem anderen Zusammenhang gebrauchte, hier ebenfalls zutrifft: Gehören womöglich alle Priester zu jenen Individuen, bei denen »das kritische Bewusstsein unentwickelt oder die natürliche Leichtgläubigkeit ungebrochen ist«? Ich denke, das ist nur ein Aspekt. Ein anderer wesentlicher Aspekt ist in dem von den Priestern geforderten unbedingten Gehorsam gegenüber der diktatorisch agierenden Hierarchie zu suchen. Im hier betrachteten Fall kommt aber wohl vor allem das lächerliche Unfehlbarkeits-Dogma zum Tragen, das selbst die absurdesten Verlautbarungen Aloisius Ratzingers unangreifbar macht.

Von Bischöfen sind erst recht keine kritischen Reaktionen auf die Absurditäten Ratzingers zu erwarten: Sie werden ja vom "Stellvertreter Gottes" persönlich ernannt, und zwar nur dann, wenn sie ihre Eignung durch langjähriges Wohlverhalten, ihm und seiner »Una Sancta« gegenüber, bewiesen haben. Hinzu kommt, was irgendjemand einmal sehr plausibel etwa so zum Ausdruck brachte: »Bischöfe glauben mit achtzig noch dasselbe, wie mit achtzehn Jahren«.

Anmerkung (satirisch?)
Kandidaten für den Aufstieg ins Kardinalskollegium, die bischöfliche Elite der Römer, müssen noch deutlich härtere Bedingungen erfüllen als die gemeinen Bischöfe, da jeder dort hinein Beförderte ja eines Tages zum «Stellvertreter» aufsteigen könnte. Was beim "polnischen Papst", dem Vorgänger Ratzingers, besonders gut zu sehen war und sich bei ihm selber nun auch immer deutlicher zeigt (s. o.), ist ein ganz entscheidendes Auswahlkriterium: Es darf immer nur derjenige den Thron besteigen, der sich seinen Kinderglauben am besten bewahrt hat: an die «Gottesmutter», an das «Christkind» und/oder an den «Klapperstorch». – "Das einzige bestehende absolutistische System der westlichen Welt" (der kath. Theologe Hans Küng) lässt sich von nichts und niemandem davon abbringen, mit Inbrunst seine infantilen Glaubensgewohnheiten zu pflegen.

Eine berechtigte weitergehende Frage: Ist Rom Ökumene-fähig?
In München findet derzeit der Ökumenische Kirchentag statt. Was liegt da näher, als die oben beschriebene grelle Facette der römischen Geisteswelt auch noch von einer anderen Seite zu betrachten: Wie wirkt sich das päpstlich vorgegebene Amtsverständnis der Priester auf die "Ökumene-Fähigkeit" der römischen Kirche aus?

Schon auf den ersten Blick überzeugt Ratzinger jeden halbwegs aufmerksamen Betrachter durch das hier angeführte Beispiel - weitere Beispiele ähnlicher Qualität enthält der KKK (Katechismus der Katholischen Kirche) – von der Tatsache, dass die römische Kirche heute noch immer genauso reformunfähig ist, wie vor 500 Jahren, als Martin Luther seinen Reformversuch startete. Die römische Kirche hat nicht nur die Erschütterungen durch die misslungene Reform Luthers, sondern ebenso die mittlerweile auch schon 250 Jahre zurückliegende Aufklärung weitestgehend "unbeschadet" überstanden. In vieler Hinsicht ist sie damit m. E. nicht über das geistige Niveau des Spätmittelalters hinausgelangt und unterscheidet sich heute kaum von zeitgenössischen christlichen Sekten ähnlicher Prägung. Immerhin kann man ihr den Status einer veritablen Großsekte (mit besonderem Hang zu Prunk und Protz) nicht absprechen.

Die oben gestellte Frage lässt sich also leicht beantworten: In ihrer derzeitigen Verfassung und mit ihrem derzeitigen Führungspersonal ist die römische Kirche völlig unfähig, in einen ernsthaften ökumenischen Dialog einzutreten. Was Ökumene für Ratzinger persönlich bedeutet, verkündete er im Juni 2006 während einer Generalaudienz in Rom: »Wir beten dafür, dass der Papstprimat auch von den Brüdern anerkannt wird, die sich noch nicht in voller Gemeinschaft mit uns befinden«. (s. hier)

Das schließt m. E. sinnvolle ökumenische Aktivitäten zwischen den Menschen der kirchlichen Basis beider großen Konfessionen dennoch nicht aus – jenseits der von führenden Amtsträgern verbreiteten theologischen "Peinlichkeiten".

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11. Mai 2010
»Comma Johanneum« – wie die «Trinität» doch noch in die Bibel kam

Auf der Seite Dogmen und andere Glaubensmeinungen, am Ende des Abschnittes Erstes Konzil von Nicäa (325), findet sich, bezogen auf den sog. "arianischen Streit", eine Feststellung des reformierten Theologen Martin Werner (1887-1964), dass keine der streitenden Parteien einen stichhaltigen Schriftbeweis für ihre Position vorlegen konnte: Es gab keine einzige Bibelstelle, die zweifelsfrei die Abkehr vom "uneingeschränkten Monotheismus" rechtfertigte. Was in Nicäa für die Frage der "Unterscheidung der Eigenpersönlichkeit des Sohnes vom Vatergott" galt, galt ebenso für die Unterscheidung dreier Personen in der "Trinität" auf dem Ersten Konzil von Konstantinopel (381): Aus keiner einzigen Bibelstelle ließ sich "ein sicheres, einleuchtendes und schlagendes Argument " herauslesen.

Das hielten spätere Theologen wohl für unerträglich und sannen auf Abhilfe. Was lag näher, als an einer geeigneten Stelle im NT den Text "nachzubessern". Im Buch Abgeschrieben, falsch zitiert und missverstanden des amerikanischen Theologen Bart D. Ehrman (*um 1955) fand ich einen entsprechenden Hinweis. Lateinische Manuskripte enthalten, etwa ab dem 6. Jahrhundert, die "Nachbesserung" im Ersten Brief des Johannes, in Kapitel 5, in den Versen 7 und 8. Um es deutlicher zu sagen: Hier wurde den vielen Fälschungen in den überlieferten Schriften eine weitere hinzugefügt, die als »Comma Johanneum« bekannt ist.

Anmerkung
»Comma« ist die lateinische Form des griechischen Wortes κόμμα für "Einschnitt" oder "Abschnitt".

Bart D. Ehrman zitiert die gefälschten Verse 7 und 8 aus der Vulgata, der lateinischen Bibel:

"7 Es sind drei, die im Himmel Zeugnis geben: der Vater, das Wort und der Geist und diese drei sind eins; und es sind drei, die auf Erden Zeugnis geben, 8 der Geist, das Wasser und das Blut und diese drei sind eins."

Anmerkung
- Die Hervorhebungen im Zitat aus der Vulgata markieren den "Johanneischen Abschnitt/Einschnitt" und stammen vom Autor der Site.

Der revidierte Luthertext von 1984 enthält den mittlerweile "geläuterten" Wortlaut (hier ergänzt um den vorausgehenden Vers 6, um den Kontext zu verdeutlichen):

»6 Dieser ist's, der gekommen ist durch Wasser und Blut, Jesus Christus; nicht im Wasser allein, sondern im Wasser und im Blut; und der Geist ist's, der das bezeugt, denn der Geist ist die Wahrheit.
7 Denn drei sind, die das bezeugen:
8 der Geist und das Wasser und das Blut, und die drei stimmen überein.«

Dieselbe Stelle im Luthertext meiner Senfkornbibel von 1955 enthält noch eine Anmerkung und liest sich so:

»6 Dieser ist's, der da kommt mit Wasser und Blut, Jesus Christus, nicht mit Wasser allein, sondern mit Wasser und Blut. Und der Geist ist's, der da zeuget; denn der Geist ist die Wahrheit.
7 Denn drei sind, die da zeugen: der Geist und das Wasser und das Blut;
8 und die drei sind beisammen.*)«

*) Die in früheren Bibelausgaben V. 7 und 8 stehenden weiteren Worte: "Drei sind, die da zeugen im Himmel: der Vater, das Wort und der heilige Geist; und diese drei sind eins" finden sich weder in den Handschriften des griechischen Textes noch in Luthers eigener Übersetzung.

Die Anmerkung von 1955 lässt darauf schließen, dass die Streichung der "weiteren Worte in früheren Bibelausgaben" wohl noch nicht allzu lange zurücklag.

Nicht Korrektur, sondern erneute Fälschung
Bart D. Ehrman ergänzt seine Betrachtungen um eine in diesem Zusammenhang sehr bezeichnende Begebenheit aus dem 16. Jahrhundert: Der berühmte Theologe und Philosoph Erasmus von Rotterdam (1465/69-1636), der zu den großen europäischen Humanisten gezählt wird, plante im Jahre 1515, zusammen mit einem Verleger, die erste vollständig gedruckte Ausgabe des NT in griechischer Sprache. Er verwendete dazu ältere griechische Manuskripte. Für die vier Evangelien z. B. zog er im Wesentlichen ein Manuskript aus dem 12. Jahrhundert heran. Ihm standen sicher nicht die besten Quellen zur Verfügung, die heute bekannt sind. Zudem wusste Erasmus, dass es auch andere Autoren gab, die dasselbe Ziel verfolgten. Daher nahm er sich wohl nicht allzu viel Zeit für die Quellensuche. Schon im Oktober 1515 begann der Druck und in 1516 wurde sein griechisches NT veröffentlicht.

Zeitgenössische Theologen fanden sehr schnell heraus, dass im griechischen Text des Erasmus eine, aus ihrer Sicht, sehr wichtige Passage fehlte: Das, was heute »Comma Johanneum« genannt wird. Wie Ehrman ausführt, wurde Erasmus daraufhin unterstellt, "er wolle die Lehre von der Dreieinigkeit eliminieren und damit die Lehre von der vollen Göttlichkeit Christi abwerten." Erasmus wehrte sich und verwies darauf, dass ihm kein griechisches Manuskript bekannt war, in dem die vermisste Formulierung vorkam. Unter starkem Druck erklärte sich Erasmus schließlich bereit, den Text in einer künftigen Ausgabe seines griechischen NT entsprechend zu ergänzen, vorausgesetzt, dass seine Kritiker ihm ein griechisches Manuskript vorlegten, in dem die von ihnen angemahnte Fassung der betroffenen Verse enthalten war.

Da seinerzeit kein derartiges griechisches Manuskript vorlag, wurde es, wie Ehrman betont, "tatsächlich extra angefertigt": In einem griechischen Text wurden die beiden betroffenen Verse schlicht durch eine Übersetzung der entsprechenden Zeilen aus der lateinischen Vulgata ersetzt. Ehrman fügt hinzu: "Das Manuskript für Erasmus war eine maßgeschneiderte Produktion des 16. Jahrhunderts."

Erasmus hatte wohl nach wie vor Bedenken, fügte die Änderung dennoch in seine nächsten Ausgaben ein. Ehrman stellt fest, dass diese Ausgaben selbst noch "den modernen Editionen des 20. Jahrhunderts" als Grundlage dienten.

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03. April 2010
"Zweifel und Liebe aber lockern die Welt auf" (Jehuda Amichai)

Kürzlich stieß ich auf Worte des deutsch-israelischen Lyrikers Jehuda Amichai (1924-2000). Nie zuvor hatte ich ein überzeugenderes Plädoyer für die Überwindung von Rechthaberei, christlicher Selbstgerechtigkeit und Intoleranz oder ähnlicher menschlicher Untugenden gelesen:

"An dem Ort, an dem wir Recht haben,
werden niemals Blumen wachsen
im Frühjahr.
Der Ort, an dem wir Recht haben,
ist zertrampelt und hart wie ein Hof.
Zweifel und Liebe aber
lockern die Welt auf

wie ein Maulwurf, wie ein Pflug.
Und ein Flüstern wird hörbar
an dem Ort, wo das Haus stand,
das zerstört wurde."

Anmerkung
Hervorhebung im Text Jehuda Amichais stammt vom Autor der Site.

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18. Februar 2010
Missbrauchsskandal und Walter Mixa – ein Skandal im Skandal

Diversen Medien ist seit gestern zu entnehmen, dass sich nun auch der Augsburger Oberhirte Walter Mixa (*1941), einer der prominentesten Allround-Ignoranten mit Bischofsmütze, die in unserer Republik ihr Unwesen treiben, zum aktuellen Missbrauchsskandal geäußert hat. Wie bei anderen Gelegenheiten auch, tat er dies nach der Devise: Wie kann ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage? Sowohl meine gestrige Tageszeitung ("Bischof Mixa: Die Gesellschaft ist schuld"), als auch der heutige Newsletter von Publik-Forum zitieren folgende Äußerung Mixas: »Die sogenannte sexuelle Revolution, in deren Verlauf von besonders progressiven Moralkritikern auch die Legalisierung von sexuellen Kontakten zwischen Erwachsenen und Minderjährigen gefordert wurde, ist daran sicher nicht unschuldig.« Mixa versucht dies zu untermauern, indem er behauptet, "es gebe keine Verbindung zwischen Pädophilie (strafbarer Sex mit Kindern) und dem Zölibat, darauf hätten unabhängige Experten hingewiesen" (aus meiner Tageszeitung).

Es mag sein, dass bei einer sehr eingeengten Sicht auf den Zölibat keine Verbindung zur Pädophilie nachgewiesen werden kann. Wenn Mixa dies ausdrücklich betont, regt sich bei mir allerdings der Verdacht, dass er vom eigentlichen Problem ablenken will. Das eigentliche Problem des Missbrauchs in der römischen Kirche liegt in einem ganzen Bündel verursachender Faktoren, zu denen eben auch der Zölibat gehört. In der öffentlichen Diskussion wurden diese Faktoren immer wieder genannt. Hier eine unvollständige Auswahl:

  • Repressive Sexualmoral und Tabuisierung der Sexualität der Kleriker,   
  • Unaufgeklärter Umgang mit Homosexualität (nach Aussage des Therapeuten und Theologen Wunibald Müller (*1950) sind etwa 30% der römischen Kleriker in den USA homosexuell /FR vom 22.02.10),
  • Der Zölibat, der sexuelle Reifung junger Priester behindert,
  • Problematische, um nicht zu sagen: destruktive Ausübung klerikaler Macht (angemaßten göttlichen Ursprungs) – ausgeprägtes hierarchisches Denken und Handeln behindert die Entwicklung selbständiger Persönlichkeiten,

Zusammenfassend sei hier aus dem Newsletter von Publik-Forum, vom 18. Februar 2010, zitiert. M. E. werden darin sehr gut jene Rahmenbedingungen beschrieben, unter deren Einwirkung Missbrauch in Form von sexueller und sozialer Gewalt verstärkt auftritt. Es sind Rahmenbedingungen, wie sie, nach den bekannt gewordenen unappetitlichen Fakten über klerikale Verbrechen in verschiedenen Weltgegenden, offenbar auf große Bereiche der römischen Kirche zutreffen. Demnach geschehen Missbräuche

"überall dort, wo eine ungeklärte, abgeschirmte Organisationsunkultur herrscht, die nicht auf selbständige Persönlichkeiten sowie auf Werte wie Transparenz, Kommunikation, Offenheit und vertrauensvolle Bearbeitung von Beschwerden ausgerichtet ist."

In der laufenden Diskussion wird von Vertretern der römischen Kirche immer wieder versucht, die Zahl der in ihren Reihen aufgedeckten Verbrechen, mit dem Hinweis auf die große Zahl der in der Gesamtgesellschaft auftretenden Fälle, herunterzuspielen. Hier zeigt sich, dass ein Vergleich absoluter Zahlen in die Irre führt. Viel wichtiger ist m. E. ein Risikovergleich anhand der relativen Anteile der Täter in den betrachteten Bevölkerungsgruppen. Im Folgenden versuche ich dazu eine erste Näherungsbetrachtung zur Risikoabschätzung für den Bereich der römischen Konfession:

  • Diversen  Publikationen war in den letzten Wochen zu entnehmen, dass die Polizeistatistik für Deutschland etwa 12 000 Missbrauchsfälle pro Jahr ausweist. Bischof Zollitsch, Chef der katholischen Bischofskonferenz, verwendete während einer Pressekonferenz die Zahl 15 000. Für den folgenden Rechengang sei die höhere Zahl angenommen (zugunsten der Römer). – Die Dunkelziffer wird von Fachleuten bis zum 10-fachen der polizeilich erfassten Fälle geschätzt. Ich nehme näherungsweise an, dass dieselbe Größenordnung auch für den Bereich der Kirche gilt. Die Dunkelziffer wird daher nicht weiter berücksichtigt  
  • Es sei angenommen, dass die Täter überwiegend in der Altersgruppe der 25- bis 60-jährigen Männer zu suchen sind. Diese Annahme wird getroffen, weil sie in erster Näherung der Altersskala der beruflich aktiven Priester entspricht (Diese Annahme wirkt sich m. E. ebenfalls zugunsten der Römer aus, denn sexuelle Verbrechen werden schon von Jugendlichen, sowie von Großvätern jenseits des Alters von 60 Jahren und auch von Frauen begangen).
  • Nach den Daten des Statistischen Bundesamtes betrug die Zahl der Männer zwischen 25 und 60 Jahren in 2009 etwa 20,664 Mio.
  • Wird die Zahl der jährlichen Missbrauchfälle (15 000) ins Verhältnis gesetzt zur Zahl der Männer in der angenommenen Altersgruppe (20,664 Mio.), dann beträgt der prozentuale Anteil von Tätern in dieser Gruppe etwa 0,073%.
  • Nach den Zahlen, die DIE ZEIT am 11. Februar 2010 zum amerikanischen Missbrauchsskandal veröffentlichte, betrug der Anteil der beschuldigten Priester dort etwa 4% von der Gesamtzahl der Amtsträger im Zeitraum von 1950 bis 2002.
  • Angenommen, der prozentuale Anteil der beschuldigten Kleriker in den USA (4%) ließe sich in erster Näherung auf Deutschland übertragen (warum nicht?), dann wäre der prozentuale Anteil der Täter im Priesteramt, gemessen an der Gesamtzahl der Amtsträger, etwa 55-fach höher(!) als der entsprechende Anteil von Tätern in der vergleichbaren Altersgruppe der Gesamtbevölkerung.

Es handelt sich bei dieser Berechnung um eine Näherungsbetrachtung, die natürlich noch verifiziert werden müsste. Ich nehme dennoch ganz vorläufig an, dass das Risiko im kirchlichen Umfeld tatsächlich signifikant höher ist, als in der Gesamtgesellschaft. Wenn das so ist, dann gibt es wohl niemanden, weder unter Experten noch unter Laien, der keinen Zusammenhang mit der inhaltlichen und strukturellen »Unkultur« innerhalb des Einflussbereiches der römischen Hierarchie sieht.

Ich sehe vielmehr, dass diverse römische Hierarchen, Mixa eingeschlossen, einer alten, in ihrer Kirche weit verbreiteten, unguten Gewohnheit folgen: Wo und wann auch immer es darauf ankam, standen ihre führenden Köpfe eher auf der Seite der Täter, als auf der Seite der Opfer. In der jüngeren Vergangenheit gab es z. B. die Kumpanei mit den Diktatoren in Italien, in Spanien usw. und die Fluchthilfe für eine große Zahl von Naziverbrechern nach 1945. Da ist es also nicht verwunderlich, dass Mixa versucht, die Schuld der Sexualverbrecher im Priesterrock, seiner Brüder im Amt, zu relativieren – ein Skandal im Skandal.

Meine gestrige Zeitung zitiert auch den katholischen Theologen Eugen Drewermann, der zwar in gewohnt zurückhaltender Form, gleichwohl sehr deutlich das benennt, wovon Mixa ganz gewiss nichts wissen will: "Nach Ansicht des Kirchenkritikers Eugen Drewermann sind die Strukturen der katholischen Kirche für den Missbrauchsskandal mitverantwortlich. »Der kardinale Fehler der katholischen Kirche besteht darin, ihre Kleriker zu nötigen, zwischen der Liebe zu Gott und der Liebe zum Menschen alternativisch zu wählen«, sagte Drewermann. Er kritisierte das Heiratsverbot für Priester und die repressive Sexualmoral. Hier müsse die Kirche Roms dazulernen."

Wenn sich die Energie der Priester in der Liebe zu «Gott» erschöpft, sind Menschen nicht mehr wichtig. Dann wird auch verständlich, was im stern am 11. Februar 2010 zu lesen war, dass sich bei den klerikalen Sexualverbrechern "oft eine kaum fassbare Gefühlskälte" zeige.

Eine naheliegende Frage
Der aktuelle Missbrauchsskandal in Deutschland hat zwangsläufig die ungleich viel größeren Skandale in den USA und in Irland erneut ins Bewusstsein gerückt. Was aber findet währenddessen in anderen Weltgegenden statt? – Ich wage kaum, mir auszumalen, was z. B. in diesem Augenblick in Afrika, in Süd- und Mittelamerika oder auf den Philippinen passiert, wo es keine ähnlich kritische Öffentlichkeit gibt, wie in den USA oder in Europa …


1. Nachtrag (08. Mai 2010)
Bischof Mixa war im Rahmen des deutschen, mit Schwerpunkt im Einflussbereich der römischen Konfession angesiedelten, Missbrauchsskandals zunächst nur durch dummes Geschwätz aufgefallen (s. o.). Bald danach geriet er dann in den Verdacht, als Priester, Heimkinder brutal misshandelt zu haben. Dies leugnete er nachdrücklich und bekundete öffentlich, er habe ein "reines Herz". Nach einer beschämend langen Phase des Leugnens, in der er nicht davor zurückschreckte, den an die Öffentlichkeit gegangenen Opfern juristische Schritte anzudrohen, gestand er schließlich Verfehlungen ein. Das hörte sich dann etwa so an: Er könne nicht ausschließen, in einer Zeit, in der das durchaus üblich war, die eine oder andere "Watschen" ausgeteilt zu haben. Mixa bezog sich auf die siebziger und achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Selbst er hätte wissen können, dass die Prügelstrafe damals schon geächtet und verboten war. Darüber hinaus geriet er unter Verdacht, parallel zu seinen Aktivitäten als priesterlicher Schläger – wen wunderts? – auch noch Gelder einer gemeinnützigen Stiftung veruntreut zu haben.

Unter dem Druck der Öffentlichkeit wuchs der interne Druck auf Mixa: Der Chef der deutschen katholischen Bischofskonferenz, Zollitsch, sah sich genötigt, ihm öffentlich eine "Auszeit" vom Amt zu empfehlen. Daraufhin blieb Mixa schließlich nichts anderes übrig, als dem römischen Oberhirten, am 21. April 2010, sein Rücktrittsangebot zu unterbreiten.

Der "Fall Mixa" wurde gestern, am 07. Mai 2010, kaum noch überraschend, um eine weitere Facette reicher: Wie bekannt wurde, hat die Staatsanwaltschaft Ingolstadt gegen Mixa Vorermittlungen wegen des Verdachts auf "sexuellen Missbrauch" eingeleitet. Es stellte sich zudem heraus, dass dieser Verdacht gegen Mixa schon bekannt war, bevor dieser sein Rücktrittsgesuch einreichte.

Es war eine der ersten Amtshandlungen Ratzingers, als "Stellvertreter Gottes", den multiplen Täter Mixa auf den Bischofsthron in Augsburg zu befördern: eine seiner vielen herausragenden Fehlleistungen. Auf welche Kriterien er damals seine Entscheidung gründete, bleibt für immer sein Geheimnis. Charakter, menschliche Reife und eine angemessene berufliche Qualifikation gehörten jedenfalls nicht dazu. Ratzinger hatte als vormaliger Chef der römischen "Inquisitionsbehörde" häufiger Gelegenheit, sein weites Herz für Täter zu entwickeln. Wie hart muss es ihn getroffen haben, dass es einem seiner bayerischen Amtsbrüder nicht gelungen war, seine Schuld, nach allen Regeln römischer Kunst, nachhaltig zu vertuschen.

Heute, am 08. Mai 2010, verlautete nun aus dem Vatikan, dass Joseph Aloisius Ratzinger das Rücktrittsgesuch des Augsburger Bischofs angenommen habe. Ratzinger hat einmal mehr mit der üblichen, in diesem Zusammenhang jedoch besonders unangemessenen, Behäbigkeit reagiert. Darin sehe ich ein weiteres Indiz für den, von zunehmendem Realitätsverlust gekennzeichneten, Geisteszustand dieses bayerischen Papstes. M. E. ist Ratzinger längst zum Hauptproblem seiner römischen Kirche geworden.


2. Nachtrag (15. Mai 2010)
Meine Tageszeitung von heute widmet Mixa erneut einen umfangreichen Artikel. Unter der Überschrift "Warte nur, bis Mixa kommt" berichtet sie, dass sich der Verdacht sexueller Übergriffe gegen ihn zwar nicht bestätigt habe, dass sich der Vorwurf brutaler Gewaltanwendung gegenüber früheren Waisenkindern aber zunehmend erhärte. Nach den Erkenntnissen des von der katholischen Waisenhausstiftung eingesetzten Sonderermittlers agierte Mixa offenbar noch viel brutaler, als bisher schon bekannt war.

Vielfach prügelte er die Kinder unter den Anfeuerungsrufen der beiwohnenden Nonnen: "»Hau nei, hau nei!«, riefen die Nonnen Mixa zu." Und ein besonders schlimmer Fall wurde erst jetzt bekannt. Ein 1967 geborener Mann, der seit 1970 im Waisenhaus lebte, berichtete dem Sonderermittler, er sei "seit seinem sechsten Geburtstag dort regelmäßig geschlagen worden. Mixa habe ihn immer in der Extra-Küche der Nonnen erwartet, einen Fuß auf einen Stuhl gestellt. Über den Stuhl musste sich der Junge dann beugen. Mixa zog ihm die Hose herunter und verprügelte den nackten Hintern mit dem Stock. Bei der letzten Prügelattacke war der Junge bereits ein Teenager." Einmal schlug Mixa so heftig zu, dass der Stock zerbrach. Damit war die sadistische Prügelorgie jedoch nicht beendet, Mixa setzte sie mit seinem Gürtel fort.

Darüber hinaus ist das straffällig gewordene Multitalent Mixa unter einen weiteren Verdacht geraten, der für ihn weitreichende Folgen haben könnte. Im Bericht des Sonderermittlers steht: »Problematisch ist die Einhaltung des Beichtgeheimisses von Pfarrer Mixa«. Mädchen, die zu den Opfern Mixas zählten, hätten immer wieder "den Eindruck gehabt, er habe den Nonnen von ihren gebeichteten Sünden erzählt."

Während seine Straftaten, bis hin zu "gefährlicher Körperverletzung", leider längst verjährt sind, könnte Mixa aufgrund des Verdachts der Verletzung des Beichtgeheimnisses unter "kirchenrechtliche Verfolgung" geraten. Nach der möglichen Bestätigung des Verdachts droht ihm die Exkommunikation und der Verlust des Priesteramtes. – Dann träfe den Sadisten mit Bischofsmütze vielleicht doch noch die gerechte Strafe.

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16. Februar 2010
Joseph Aloisius Ratzinger lädt zum "Krisengipfel im Vatikan"

Unter der Überschrift Krisengipfel im Vatikan – Papst Benedikt zitiert irische Bischöfe wegen Missbrauchsskandals nach Rom befasste sich meine Tageszeitung gestern mit jenem Skandal, der mindestens seit Mai 2009 Irland erschüttert. Dieser Skandal "um tausendfachen Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche Irlands", von ungleich viel größeren Ausmaßen als der an Jesuitenkollegs in Deutschland, wurde von Joseph Aloisius Ratzinger nun offenbar "zur Chefsache gemacht".

Die im Zeitungsartikel enthaltenen Fakten lesen sich fast so, als entstammten sie Berichten über die menschenunwürdigen Zustände in Konzentrationslagern der Nazis: "Es waren gleich zwei Untersuchungsberichte, die die Kirche 2009 in eine ihrer tiefsten Krisen stürzten. Ein erster deckte im Mai auf, dass von den dreißiger bis in die neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts tausende Heimkinder von Kirchenleuten geschlagen, kahlgeschoren, mit Feuer oder Wasser gequält oder vergewaltigt wurden. Sie hatten Nummern statt Namen, und sie waren so hungrig, dass sie im Abfall etwas Essbares suchten. 

Im November zeigte dann der sogenannte Murphy-Report, wie die Kirche grausame Taten jahrelang systematisch unter den Teppich gekehrt hatte. Priester missbrauchten über Jahrzehnte hinweg die, die ihnen anbefohlen waren. Die Kirchenleitungen schwiegen aus Furcht vor einem Skandal, staatliche Behörden schauten weg. Vier Bischöfe traten im Zuge der Krise zurück – allerdings nur nach starkem öffentlichen Druck."

Einmal mehr zeigt sich hier die verbrecherische Kumpanei zwischen "staatlichen Behörden" und einer Kirche, deren führende Köpfe sich in ihrem Verhalten als ethisch verwahrlost kompromittiert haben. Um diese altbekannten, systembedingten Zustände zu ändern genügt es nicht, wenn Ratzinger "jene Kirchenleute brandmarkte, die die »Rechte des Kindes« verletzten" und vollmundig verkündet, "die Kirche werde »nie aufhören, dies zu bedauern und zu verurteilen«".

Meine Tageszeitung legte in ihrer heutigen Ausgabe nach: Mit einem Foto, das Ratzinger und die irischen Bischöfe beim "Krisengipfel im Vatikan" zeigt, und mit einem kurzen erläuternden Text.

Bei der Betrachtung des Fotos drängt sich ganz unwillkürlich ein bizarres Bild von der Kleriker-Versammlung ins Bewusstsein: Ein Barock-Fürst inmitten seiner Hofschranzen. Alle Beteiligten scheinen ihre skurrilen Gewänder in einem Theater-Fundus entliehen zu haben. Beim Anblick dieser "Prunksitzung" regt sich der Verdacht, dass die Teilnehmer, berauscht von Größenfantasien und von ihrer Zugehörigkeit zur "Gemeinschaft der Heiligen", eher mit dem Hofritual beschäftigt sind, als mit den Leiden unzähliger Missbrauchsopfer, geschweige denn mit Fragen der Wiedergutmachung.

Der Verdacht wird genährt von dem Text unter dem Foto. Darin heißt es u. a.: "Der Primas von Irland und Bischof von Armagh, Sean Brad, bezeichnete das zweitägige Krisentreffen in einem Gespräch mit Radio Vatikan als Schritt in einem Prozess, der »uns hoffentlich auf einen Weg der Reue und Versöhnung führen« wird. Rücktritte von Geistlichen seien in Rom aber kein Thema, sagte der Bischof von Clogher, Joseph Duffy."

Wenn "Rücktritte von Geistlichen in Rom aber kein Thema" sind, darf wohl vermutet werden, dass diese in Irland, an den Orten der aufgedeckten Verbrechen, ebenfalls "kein Thema" sein werden. Wie sollen dann aber "Reue und Versöhnung" erreicht werden, wenn die klerikalen Verbrecher nicht zur Rechenschaft gezogen werden? – Beste Voraussetzungen also, dass auch weiterhin Böcke zu "Hirten" gemacht werden und die unendliche Geschichte einfach weitergeht …

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12. Februar 2010
Missbrauchsskandal an Jesuitenkolleg – Fortsetzung einer unendlichen Geschichte?

Verschiedene Publikationen beschäftigen sich gegenwärtig mit dem neuesten Missbrauchsskandal an deutschen Jesuiten-Schulen. Dieser Skandal nahm seinen Anfang am Berliner Canisius-Kolleg und hat sich mittlerweile auf weitere Jesuiten- und andere katholische Schulen in Deutschland ausgeweitet.

Unter dem Titel "Die teuflische Gefahr" befasst sich DIE ZEIT, vom 11. Februar 2009, mit diesem Thema. Sie bietet u. a. einen kurzen Rückblick auf den vor einigen Jahren in den USA bekannt gewordenen Skandal und nennt folgende Fakten: "2004 kam ein im Auftrag der US-Bischofskonferenz eingesetzte Kommission zu dem Ergebnis, dass zwischen 1950 und 2002 insgesamt 4392 amerikanische Priester beschuldigt worden waren, sich an Kindern vergriffen zu haben. […] Die meisten Vorwürfe konnten nicht mehr aufgeklärt werden: 3300 der Beschuldigten waren mittlerweile gestorben, viele ihrer mutmaßlichen Taten verjährt. Nur 384 Priester wurden noch angeklagt, 252 verurteilt. Ein Freispruch war das für die Kirche nicht, vielmehr war das Bild eines Systems von Leugnung und Vertuschung entstanden."

DIE ZEIT weist auch darauf hin , dass sich die aus dem Untersuchungsbericht zitierte Zahl der Beschuldigten auf etwa vier Prozent (4%) aller Amtsträger belief.

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich auch an Informationen aus anderen Quellen: Der amerikanische Priester Roy Bourgois, Träger des Aachener Friedenspreises 2005, bezog sich möglicherweise auf aktualisierte Zahlen. Bourgois, dem von seiner Kirche der Ausschluss angedroht wurde, weil er sich für die Zulassung von Frauen zum Priesteramt ausgesprochen hatte, schrieb in einem Brief an den Vatikan u. a.:

»In den USA haben fast 5000 katholische Geistliche mehr als 12000 Kinder sexuell belästigt. Viele Bischöfe, die davon wussten, schwiegen. Diese Priester und Bischöfe wurden nicht exkommuniziert«. (s. hier)

Und der amerikanische Schriftsteller Sam Harris (*1967) kam angesichts des amerikanischen Skandals zu der Feststellung, dass die katholische Kirche »eine Elitearmee aus Kinderschändern hervorgebracht und diesen Männern auch noch weiter Zuflucht gewährt« habe. (s. hier)

DIE ZEIT sieht auf Deutschland eine ähnliche Diskussion zukommen, wie sie seinerzeit in den USA entbrannte: "Die Krise konfrontierte katholische Geistliche und Laien mit bohrenden Fragen nach dem Umgang mit Sexualität innerhalb der Priesterschaft. Und führte zu einer Debatte über Dogmen, die sich nun in Deutschland wiederholt: Die Abschaffung des Zölibats, schrieb etwa die Zeitschrift The New Yorker, sei so unausweichlich wie der Zusammenbruch der Sowjetunion."

Wo liegen die Ursachen des Problems?
Der Zölibat, ein m. E. völlig unsinniges Dogma der römischen Konfession, muss beseitigt werden. Zu dieser Einschätzung kommen selbst Insider. Die neueste Ausgabe von Publik-Forum, vom 12. Februar 2010, analysiert den aktuellen Skandal unter dem Titel Das Ende des Schweigens. Die Autoren dieses Beitrags beziehen sich auf Äußerungen katholischer Theologen: Der Jesuit und Pastoraltheologe Friedhelm Mennekes ist z. B. der Meinung, "dass die Zölibatsverpflichtung ausgedient hat und das Priesteramt für alle völlig neu konzipiert werden muss. »Sonst fährt das System an die Wand.« Und der Theologe und Psychologe Wunibald Müller, der in Münsterschwarzach Geistliche psychologisch und spirituell betreut, hält die Abschaffung des Zölibats und die Zulassung von Frauen zum Priesteramt sogar für eine gute »Form der Prävention«."

Nach meiner Auffassung ist die längst überfällige Aufhebung des Zwangszölibats allerdings nur ein Teilaspekt des Problems. Die Suche nach den Ursachen der von Kirchenleuten an Kindern und Abhängigen begangenen Verbrechen muss dringend noch weitere Aspekte einbeziehen.

Ein weiterer Aspekt lässt sich z. B. aus eigenen Beobachtungen des ehemaligen italienischen Jesuiten Alighiero Tondi (1908-1984) ableiten. Tondi, der den Orden nach 16-jähriger Zugehörigkeit 1952 verließ, schildert in seinem vor etwa 50 Jahren erschienenen Buch Die Jesuiten sehr eindrücklich die absolut irreale Welt dieses sektenhaften Männerbundes. Was Tondi über das Noviziat schreibt, das Neuankömmlinge zwei Jahre lang durchlaufen mussten, ergibt das düstere Bild eines durch und durch menschenverachtenden Systems, dessen Hauptzweck darin bestand, die individuelle Persönlichkeit der angehenden Ordensmitglieder mittels einer geradezu teuflisch ausgeklügelten Gehirnwäsche auszulöschen. Im Kapitel Die innere Formung der Jesuiten zieht Tondi eine erschreckende Bilanz:

»Über die "Zufriedenheit" einiger Jesuiten braucht man sich nicht zu wundern: Sie sind innerlich vernichtete Menschen, die an ein unnatürliches Leben, eine unnatürliche Psychologie gewöhnt sind. Wenn man jahrelang einem solchen Druck ausgesetzt ist, geraten die normalen Empfindungen aus der Bahn und werden abwegig

Ich fürchte, dass sich, bei dem ausgeprägten Reformunwillen der römischen Konfession, seit den Zeiten Alighiero Tondis noch nichts Wesentliches geändert hat. Es ist wohl auch anzunehmen, dass die Abgänger von Priesterseminaren nicht ganz so dramatische, aber doch ähnliche psychische und geistige "Vergiftungserscheinungen" aufweisen, wie die Jesuiten. Die Ursachenforschung muss daher noch weiter gehen, sie muss auch die den kirchlichen Amtsträgern eingehämmerte Theologie in Betracht ziehen.

Die römische Konfession, eine unübertroffene Meisterin der Selbstinszenierung, bietet vielen Menschen eine attraktive, beeindruckende Oberfläche. Unter den vielen unkritischen "Kirch-Gläubigen", die sich von dieser Oberfläche beeindrucken lassen, weiß jedoch niemand, was sich inhaltlich unter ihr verbirgt. Der Ex-Jesuit Tondi schaute unter diese Oberfläche und kam zu folgender Einschätzung:

»Eine Untersuchung der katholischen Theologie würde jahrelange Arbeit und eine Unmenge von Büchern erforderlich machen, wollten wir jeden einzelnen Punkt erörtern und in jeden staubigen Winkel dieser kolossalen Burg eindringen. Im Übrigen wäre ein solches Bemühen nutzlos. Denn es handelt sich um einen Koloss auf tönernen Füssen, dessen Rumpf hohl ist.«

Der stern kommentiert den brandaktuellen Missbrauchsskandal an deutschen Jesuiten-Schulen in seiner Ausgabe vom 11. Februar 2010 unter der Überschrift "Das Kreuz mit der Lust" und stellt u. a. fest: "Ob sie wenigstens halbwegs auf der Höhe ihrer moralischen Ansprüche sind, können Papst und Priester allein durch die Art beweisen, wie sie mit den Missetätern in ihren Reihen umgehen – und mit denen, die unter ihnen bis heute leiden."

Bisher haben sich die "moralischen Ansprüche" der führenden Köpfe der Papst-Kirche m. E. als oberflächlich und als wenig glaubwürdig erwiesen. Daran wird sich auch nichts ändern, solange z. B. das Priesteramt, erst recht natürlich das Bischofsamt, im Amtsverständnis dieser Kirche geradezu als ein von «Gott» empfangenes Gut begriffen wird. Letzteres ist wohl mit ein Grund für die arroganten und weltfremden, um nicht zu sagen: abwegigen Verhaltensweisen mancher kirchlichen Amtsträger. Und diese angemaßte Autorität wird leider auch dazu missbraucht, bei den potentiellen Opfern die Unterwürfigkeit und den blinden Gehorsam zu fördern, die es den pädophilen Klerikern so leicht machen, ihren Neigungen nachzugeben.

Auf diesem Hintergrund bleibt es also außerordentlich fraglich, ob die römische Konfession jemals in der Lage sein wird, eine neue Theologie mit lebensdienlichen ethischen Verhaltensregeln zu entwickeln und glaubwürdig zu vertreten.

Wie könnte sich etwas ändern?
Solange das Übel nicht an der Wurzel gepackt wird, um es vollständig auszureißen, ist nicht zu erwarten, dass sich überhaupt etwas ändert. Das Übel an der Wurzel zu packen bedeutet u. a. die Ausrottung der seit undenklichen Zeiten gepflegten Unkultur des Wegschauens, Verschweigens und Vertuschens, die sich aus völlig falsch verstandener Rücksichtnahme auf die "Heilige Kirche" entwickelte. Dies bedeutet m. E. aber vor allem, dass der Vatikan jene fatale "Gewohnheit" ablegt, die der schon oben zitierte Ex-Jesuit Alighiero Tondi so diagnostizierte:

»Jene beinahe krankhafte Gewohnheit, anderen eine unnatürliche Lebensweise aufzuzwingen, hat der Vatikan auch auf moralischem Gebiet.«

In dem schon oben angesprochenen Beitrag in Publik-Forum, vom 12. Februar 2010, kamen die Autoren, wohl nach ganz ähnlichen Überlegungen, zu dem Schluss:

"Die sexuellen Missbrauchsfälle durch Kleriker der katholischen Kirche verlangen grundlegende Veränderungen – im Denken und in den Strukturen."

Optimistische Schlussbemerkung: Langfristig werden die Aussichten besser
Ich fürchte, dass das Problem des sexuellen Missbrauchs durch Priester erst dann nachhaltig gelöst sein wird, wenn es die katholische Kirche nicht mehr gibt. Diese spezielle, heute zu den christlichen Konfessionen gezählte, Religion wird eines Tages verschwinden, ganz genau so wie viele Religionen und Konfessionen vor ihr.

Eine Garantie gibt es nicht, aber es bleibt zu hoffen, dass eines fernen Tages alle heute noch vorhandenen, aus archaischen Ursprüngen stammenden Religionen durch ein lebensdienliches System ethisch höher qualifizierter Denk- und Verhaltensregeln abgelöst sein werden – zum Wohle der gesamten Menschheit.

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05. Februar 2010
Martin Luther und die "Reichspogromnacht"

Unter dem Menüpunkt Historisches, im Kapitel Verhalten der Kirche(n) gegenüber den Juden, kommt u. a. Martin Luther (1483-1546) zu Wort. Seine dort zitierten Sätze hatte ich bei Norbert Hoerster (*1937) gefunden. In seinem Buch Die Frage nach Gott bezog er sich auf eine Schrift Martin Luthers mit dem Titel Von den Juden und ihren Lügen aus dem Jahre 1543. Heute bin ich, bei der Lektüre des Buches Jenseits von Gut und Böse des Philosophen Michael Schmidt-Salomon (*1967), erneut auf Luthers einschlägige Äußerungen gestoßen. Im Abschnitt »Ihr habt den Teufel zum Vater!«: Der Nationalsozialismus und das Böse bezieht sich Schmidt-Salomon ebenfalls auf Luthers o. g. Schrift. Für den hier angesprochenen Zusammenhang sind die ersten Zeilen seines umfangreicheren Lutherzitates besonders interessant:

»Die Juden sind die rechten Lügner und Bluthunde … Darum, wo du einen rechten Juden siehst, magst du mit gutem Gewissen ein Kreuz vor dich schlagen und frei und sicher sprechen: Da geht ein leibhaftiger Teufel! … Was wollen wir … nun mit diesem verworfenen und verdammten Volk der Juden? … Ich will meinen treuen Rat geben: 1. dass man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke, und was nicht brennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, dass kein Mensch einen Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich …;«

Schmidt-Salomon weist darauf hin, dass Luthers Schrift Von den Juden und ihren Lügen "in der Nazizeit überaus populär" war, und er schildert einen bezeichnenden Vorfall, der sich im April 1946 während des Nürnberger Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher ereignete: Der Angeklagte Julius Streicher, vormaliger Herausgeber des antisemitischen Hetzblattes Der Stürmer, berief sich zu seiner Rechtfertigung explizit auf Luthers Hetzschrift.

Mit dem weiteren Hinweis auf einen "merkwürdigen historischen Zufall" hat mich Schmidt-Salomon außerordentlich verblüfft. In einem Nebensatz erwähnt er,

"…, dass die »Reichspogromnacht« (die Nacht vom 9. zum 10. November 1938), in der Luthers »treuer Rat«, die Synagogen niederzubrennen, in Nazideutschland umgesetzt wurde, ausgerechnet am Geburtstag des Reformators (10. November) stattfand."

Dieses denkwürdige Zusammentreffen der »Reichspogromnacht« mit Luthers Geburtstag war mir nicht bewusst. Vielleicht war dieses Zusammentreffen ja gar kein Zufall. Immerhin erscheint ein von den Nazis geplantes "Hineinfeiern" in Luthers Geburtstag, in der Rückschau auf die Auswüchse nazistischen Zynismus, als durchaus vorstellbar. Jedenfalls ist m. E. die Annahme zulässig, dass dieses Zusammentreffen von einigen Zeitgenossen zumindest sehr wohlwollend begrüßt wurde. Dies lässt sich z. B. aus den ungeheuerlichen schriftlichen Ergüssen des ehemaligen evangelisch-lutherischen Landesbischofs von Thüringen, Martin Sasse (1890-1942), schließen. Schmidt-Salomon zitiert aus dem Vorwort dieses Kirchenführers zu einer von ihm am 23. November 1938 herausgegebenen Abhandlung mit dem Titel Martin Luther über die Juden. Weg mit ihnen!:

»Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen … In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet im 16. Jahrhundert einst als Freund der Juden begann, der getrieben von seinem Gewissen, getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden.«

Ist die Tatsache, dass ich den Geburtstag Luthers nicht kannte und ihn schon gar nicht mit der »Reichspogromnacht« in Verbindung gebracht hatte, vielleicht nicht nur meiner Ignoranz zuzuschreiben, sondern auch der möglichen Tatsache, dass den protestantischen Kirchen dieser "merkwürdige historische Zufall" überaus peinlich ist und sie ihn deshalb lieber verschweigen? Wenn letzteres zuträfe: Vermieden sie damit nicht gleichzeitig, sich mit der von Luthers Hasstiraden gegen die Juden ausgehenden katastrophalen Wirkung ernsthaft und umfassend auseinanderzusetzen?

Anmerkungen
- Das von Schmidt-Salomon verwendete Zitat »Ihr habt den Teufel zum Vater« stammt aus dem Neuen Testament. Es steht im sog. Johannesevangelium: Jh 8, 44 (s. auch hier).
- Ich habe inzwischen weitere Auszüge aus Luthers Originalschrift Von den Juden und ihren Lügen im Internet gelesen: Sowohl sein darin zu Tage tretender fanatischer Judenhass als auch sein unverhohlener Zynismus sind kaum zu überbieten.

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02. Januar 2010
Maria – die allererste "palästinensische Mutter" der Weltgeschichte?

Vor wenigen Tagen noch lag das »Christuskind« in der legendären »Krippe«, im Mittelpunkt eines alljährlich wiederholten religiösen Rituals. Nun eilt es, rasch heranwachsend, mit Riesenschritten dem nächsten religiösen Großereignis entgegen: dem Karfreitag. Das "Opfer" weihnachtlicher Rührseligkeit und gnadenloser Kommerzialisierung mutiert an diesem Tag dann zum "Opferlamm": gemäß einer ebenso gandenlosen theologischen Sühnetod- und Welterlösungs-Theorie (Näheres s. hier).

In diesem »christozentrisch« ausgerichteten Geschehen wurden die Eltern Christi zu Randfiguren. Josef, der bedauernswerte (Zieh-)Vater des vom Heiligen Geist mit Maria gezeugten »Erlösers«, wurde im Nachhinein immerhin die Abstammung »aus dem Hause und Geschlechte Davids« angedichtet, bevor er sich aus dem Mythos verabschiedete. Maria erwachte in der alten Kirche, nach dem Kurzauftritt unter dem Kreuz ihres Sohnes, als Zentralfigur eines Dogmas zu neuem Leben: Sie wurde im Jahre 431 in Ephesos (s. hier) zur »Gottesgebärerin« gekürt. Daran schlossen sich weitere Dogmen an: 1854 verkündete Pius IX. die »Unbefleckte Empfängnis« Marias, und Pius XII. fügte in 1950 schließlich noch das Dogma von der »leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel« hinzu. Ob sich damit die Fantasie der römischen Kleriker schon erschöpfte, kann bezweifelt werden. So wurde Maria im Einflussbereich der römischen Konfession gleich in mehrfacher Hinsicht ebenfalls zum "Opfer" klerikaler Willkür: Zum einen wurde sie zum Mittelpunkt eines archaisch anmutenden Kults, der an die Verehrung einer antiken Göttin erinnert, zum anderen wurde ihr postum eine fast schon grotesk zu nennende Haltung als Mutter angedichtet:

Maria stand »freudig« am Kreuz ihres Sohnes
Im Zusammenhang mit dem von Theologen aller christlichen Konfessionen beschworenen "Opfer-" bzw. "Sühnetod" Christi zeichneten und zeichnen diverse "Spitzenkleriker" der römischen Konfession ein ganz besonders bizarres Bild seiner Mutter Maria. Durch dogmatische Verblendung haben sie offenbar jedes menschliche Mitgefühl verloren. Anders lassen sich ihre Äußerungen über die Haltung Marias gegenüber dem Tod ihres Sohnes, die ich im Buch Nein und Amen der katholischen Theologin Uta Ranke-Heinemann (*1927) fand, nicht erklären. Die früheste der darin dokumentierten Glaubensmeinungen stammt aus dem 9. Jahrhundert, die jüngste vom Ende des 20. Jahrhunderts(!):

"Sogar die Mutter des Gehenkten hat nach christlicher Auffassung diese Hinrichtung bejaht. Photius (†nach 886), berühmter Patriarch von Konstantinopel, schreibt in seiner zweiten Predigt zu Mariae Verkündigung: »Maria verfügte über männliche Tugend und Mut. Sie war nicht einmal irritiert während der Passion ihres Sohnes, deren sie Zeuge war. Anders als sonst die Mütter, wenn sie der Hinrichtung ihrer Kinder beiwohnen.« Und Erzbischof Antoninus von Florenz (†1459) meint: »Maria hätte, wenn niemand bereit gewesen wäre, die Kreuzigung zu vollziehen, durch die die Welt erlöst werden sollte, ihren Sohn selbst ans Kreuz genagelt. Denn man darf nicht annehmen, dass sie Abraham an Perfektion und Gehorsam nachstand, der Gott seinen eigenen Sohn als Opfer darbrachte« (Summa Theologica […]). Und Papst Benedikt XIV. (†1758) tadelt die Maler, die Maria unter dem Kreuz schmerzüberwältigt darstellen, und ebenso wendet er sich gegen Prediger, die das so sehen (Dictionnaire de Théologie catholique IX, 1927, S, 2432). Laut Pius X. stand Maria »nicht schmerzverloren in diesem furchtbaren Anblick, sondern freudig« am Kreuz ihres Sohnes (Enzyklika »Ad diem illum«, 1904)."

Dass sich an der Glaubensmeinung der obersten "Hirten" der römischen Konfession, bis in die jüngste Vergangenheit, nichts geändert hat, belegt Ranke-Heinemann mit folgendem Zitat:

"Johannes Paul II. […] wiederholt bei jeder Gelegenheit, dass Maria unter dem Kreuz, »wo sie nicht ohne göttliche Absicht stand … der Darbringung des Schlachtopfers, das sie geboren hatte, liebevoll zustimmte« (Neuer Weltkatechismus 1992, Nr. 964)."

Anmerkungen
- Als das Buch Uta Ranke-Heinemanns in 1992 erstmals erschien, war der polnische Papst Johannes Paul II. Chef im Vatikan. Seine Amtszeit endete mit seinem Tod in 2005.
- Mir ist nicht bekannt, dass der Katechismus der Katholischen Kirche von 1992 geändert wurde. Daher gehe ich davon aus, dass die von Ranke-Heinemann zitierte Glaubensmeinung Nr. 964 bis heute(!) gilt.

Die eben zitierten, von keinem halbwegs zurechnungsfähigen Menschen nachvollziehbaren, Äußerungen sind zweifelsohne auch der Tatsache geschuldet, dass sie von Insassen des ausschließlich von Männern bevölkerten Denk-Gettos der römischen Theologie stammen.

Palästinensische Mütter "ermutigen ihre Söhne zum Martyrium"
Als Uta Ranke-Heinemann ihr o. g. Buch schrieb, war die Haltung von Müttern palästinensischer Selbstmordattentäter offensichtlich noch nicht so bekannt wie heute. Sonst hätte sie bei der Bewertung der zitierten Äußerungen ihre folgende Feststellung vielleicht nicht ohne eine relativierende Anmerkung niedergeschrieben:

"Wo es doch in Wirklichkeit seit Beginn der Weltgeschichte noch nie eine Mutter gab, die zustimmend unter dem Galgen ihres Sohnes stand."

Wie diversen Medien zu entnehmen ist, gibt es heute religiös fehlgeleitete oder fanatisierte palästinensische Mütter, die sich gegenseitig zum (vermeintlichen) "Märtyrer"-Tod ihrer Söhne "gratulieren". Ein anschauliches Beispiel enthält der Newsletter der Botschaft des Staates Israel vom 22.11.2004. Aus dem zweiten Beitrag dieses Newsletters, mit der Überschrift (2) Interview mit Mutter eines Selbstmordattentäters im palästinensischen TV, stammen die folgenden Zitate:

"Das palästinensische Fernsehen (PATV) hat am vergangenen Mittwoch (17.11.04) ein Interview mit der palästinensischen Mutter eines Selbstmordattentäters Um Al-Ajrami ausgestrahlt. Darin hieß es:

Moderator: »Sie [die Israelis] werfen palästinensischen Müttern vor, ihre Söhne zu hassen und sie zum Sterben zu ermutigen. Das sagen die Israelis. Ist das wahr?«

Die Mutter Um Al-Ajrami: »Nein, wir ermutigen unsere Söhne nicht, zu sterben. Wir ermutigen sie zur Shahada [Martyrium] für unser Heimatland, für Allah.«

[Dann spricht sie über eine Gruppe von Frauen, die alle Mütter von Shahiden sind, und die während der Trauerzeit zu anderen Müttern von Shahiden gehen:]

»Wir sagen zu den Müttern der Shahiden nicht, 'Wir kommen, um dich zu trösten', sondern 'Wir kommen, um dich zur Hochzeit deines Sohnes zu segnen, zur Shahada deines Sohnes. Wir gratulieren dir zur Shahada …' Für uns ist das Trauern erfreulich. Wir teilen Getränke aus, wir teilen Süßigkeiten aus. Lob sei Gott - Trauern ist ein erfreuliches Ereignis.«
[…]
Die Internetseite Palestinian Media Watch (http://www.pmw.org.il/) hat kürzlich dokumentiert, wie die politische und religiöse Führung der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) diese Interpretation der islamischen Tradition fördert, dass nämlich der Tod durch Shahada nicht gefürchtet werden darf, sondern dass er etwas erstrebenswertes ist, das mit großer Freude erwartet werden soll.

Religiöse Führer lehren und Videofilme vermitteln, dass Jugendliche, die als Shahiden sterben, von 72 schönen Jungfrauen im Paradies erwartet werden. Dies ist derselbe Gedanke, auf den die Mutter Um Al-Ajrami im palästinensischen PA-Interview anspielt, wenn sie den Tod ihres Sohnes als eine »neue Hochzeit« bezeichnet."

Analogie zwischen Maria und den "palästinensischen Müttern"
Maria stimmte, nach Meinung der zitierten Kleriker, dem Martyrium ihres Sohnes, seiner brutalen Hinrichtung am Kreuz, »freudig« zu. Die "palästinensischen Mütter" scheinen, der einschlägigen Berichterstattung zufolge, den als Selbstmordattentäter erlittenen "Märtyrer-Tod" ihrer Söhne zu begrüßen. Der eine ging, gehorsam gegenüber dem Gott des Alten Testaments, in den Tod, um diesen "Gott zu versöhnen" und "die Welt zu erlösen" – weniger durfte dieser "erfundene" Christus nicht leisten. Die anderen sterben freudig und gehorsam gegenüber ihrem "Heimatland" und "Allah". Der eine darf zur Belohnung »zur Rechten Gottes sitzen«, die anderen werden im Paradies von "72 schönen Jungfrauen" zur "Hochzeit" empfangen.

Die Analogie springt ins Auge, und es drängt sich der Gedanke auf, dass die zitierten Spitzenkleriker der römischen Konfession in ihren abstrusen Fantasien Maria zur allerersten "palästinensischen Mutter" der Weltgeschichte machten. Ihre dogmatische Verblendung unterscheidet sich wohl kaum von der Geistesverfassung islamischer Führer auf palästinensischer Seite. So wie Maria postum das Opfer christlicher Kleriker wurde, sind die "palästinensischen Mütter" heute die bedauernswerten Opfer islamischer Kleriker: Letzteren verdanken sie ganz offensichtlich religiös bedingte Schädigungen ihres Bewusstseins und ihrer Persönlichkeit. Immerhin könnten diese Mütter etwas tun, was Maria nicht mehr möglich ist: sich wehren. Sie sind jedoch Gefangene ihres engen Bildungshorizontes aufgrund ihrer desolaten sozialen und kulturellen Lebensumstände. Eigenständiges kritisches Denken zu entwickeln ist ihnen dadurch außerordentlich erschwert.

Aufstand christlicher und palästinensischer Mütter denkbar?
Noch ist es wohl wenig wahrscheinlich, dass katholische Mütter – weltweit – aufstehen und ihren Spitzenklerikern klarmachen, wie abartig die von ihnen erdachten Glaubensmeinungen über Maria und ihren Sohn sind. Für ganz unwahrscheinlich halte ich es dennoch nicht, dass diese Mütter, zumindest in Europa, eines Tages Widerstand anmelden werden gegen die weitere Verbreitung dieser aberwitzigen römischen Glaubenslehren. Ich halte es auch nicht für völlig ausgeschlossen, dass sich katholische Mütter irgendwann mit palästinensischen Müttern solidarisieren, um gemeinsam mit ihnen und ohne Rücksicht auf religiöse Unterschiede den »Aufbruch in die Moderne« zu wagen.

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20. Dezember 2009
Das Gleichnis von den Blinden und dem Elefanten

Der Indologe und Religionswissenschaftler Helmuth von Glasenapp (1891-1963) hinterließ ein umfangreiches religionswissenschaftliches Werk. U. a. veröffentlichte er in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts zwei Bände über Die fünf großen Religionen. Mir liegt eine von ihm autorisierte gekürzte Fassung in einem Band mit dem Titel Die fünf Weltreligionen vor. Im Vorwort dieser Sonderausgabe, das er nur wenige Wochen vor seinem Tod geschrieben hat, betont er: "…; doch ist das Buch als Ganzes in seinem Wesen unverändert geblieben." Im letzten Abschnitt des Vorwortes äußert er die Überzeugung, dass der von ihm "eingenommene Standpunkt, dass alle Religionen gleicherweise nur zeitbedingte Ausdeutungsversuche eines von uns immer nur unvollkommen und zu einem Teil erfassbaren Metaphysischen sein können, bei strenggläubigen [Aufzählung der Gläubigen der großen Religionen bzw. deren Hauptkonfessionen] keinen Beifall finden wird." Er stellt fest: "Der überzeugte Anhänger einer bestimmten Gemeinde, mag sie nun eine Weltkirche oder eine kleine Sekte sein, ist zumeist des Glaubens, dass die religiöse Anschauung, die er für sich als die richtige erkannt hat, auch für alle anderen Menschen gleiche Geltung haben müsse." Demgegenüber stellt er unmissverständlich klar: "Die vergleichende Religionswissenschaft kann einen derartigen Totalitätsanspruch einer bestimmten Religion nicht anerkennen."

In die letzten drei Abschnitte seines Buches fügte Glasenapp, zwischen dem Kapitel Die fünf Weltreligionen in wechselseitiger Kritik und dem letzten Kapitel Die Wahrheit »für uns« und die Wahrheit »an sich«, eine sehr alte Parabel aus der Sphäre des Buddhismus ein: Das Gleichnis von den Blinden und dem Elefanten. Daran anknüpfend, kommt er zu einigen grundsätzlichen Aussagen über Erkenntnisfähigkeit und Verhaltensweisen des Menschen im Umgang mit eigenen und mit fremden religiösen Anschauungen:

"Einstmals lebte in Shravasti (in Nordindien) ein gewisser König. Der gebot seinem Diener: »Lasse alle Blindgeborenen der Stadt an einem Orte zusammenkommen.« Als dies geschehen war, ließ er den Blindgeborenen einen Elefanten vorführen. Die einen ließ er den Kopf betasten mit den Worten: »So ist ein Elefant«, andere das Ohr oder den Stoßzahn, den Rüssel, den Rumpf, den Fuß, das Hinterteil, den Schwanz, die Schwanzhaare. Dann fragte er: »Wie ist ein Elefant beschaffen?« Da sagten die, welche den Kopf betastet hatten, »Er ist wie ein Topf«, die das Ohr betastet hatten, »wie ein geflochtener Korb zum Schwingen des Getreides«, die den Stoßzahn betastet hatten, »wie eine Pflugstange«, die den Rumpf betastet hatten, »wie ein Speicher«, die den Fuß betastet hatten, »wie ein Pfeiler«, die das Hinterteil betastet hatten, »wie ein Mörser«, die den Schwanz betastet hatten, »wie eine Mörserkeule«, die die Schwanzhaare betastet hat ten, »wie ein Besen«. Und mit dem Rufe: »Der Elefant ist so und nicht so«, schlugen sie sich gegenseitig mit den Fäusten zum Ergötzen des Königs.

Die Parabel von den Blinden und dem Elefanten findet sich zuerst im buddhistischen Kanon (Udana 6, 4). Buddha soll sie erzählt haben, um darzulegen, dass die Irrlehren seiner Zeit miteinander im Streit seien, weil sie nicht die volle Wahrheit erkennen, sondern nur einen Teil derselben. Die Geschichte ist in der Folgezeit in Indien häufig wiedererzählt worden, so von den Shivaiten, von den Jainas, von Ramakrishna, sie steht heute in indischen Schulbüchern und ist auch von persischen Sufis ihren Zwecken angepasst worden. Man findet in ihr fünf Wahrheiten in bildlicher Form ausgesprochen:

  1. Der Mensch ist wegen seiner natürlichen »Blindheit«, d. h. wegen der unzulänglichen Beschaffenheit seines Erkenntnisvermögens, a priori außerstande, den tatsächlichen Sachverhalt zu erfassen.
  2. Der Mensch vermag wegen der Begrenztheit seiner Fähigkeiten nur immer einen Teil der ganzen Wahrheit zu erkennen.
  3. Der Mensch kann das Transzendente immer nur nach Analogie seiner eigenen Erfahrungswelt verdeutlichen und beschreiben.
  4. Der Mensch neigt dazu, das einzelne fälschlich zu verallgemeinern, wodurch an und für sich Richtiges in eine falsche Perspektive gerückt wird und ein verzerrtes Bild des Ganzen entsteht.
  5. Der Mensch hält das, was er erkannt zu haben glaubt, für allgemeingültig. Er sieht deshalb alle anderen Meinungen als verkehrt an und strebt danach, seine eigenen Ansichten anderen aufzuzwingen, was erbitterte Kämpfe zur Folge hat.

In diesen fünf Punkten liegt in der Tat die Lösung des ganzen Problems beschlossen."

Im weiteren Verlauf des Kapitels führt Glasenapp die aus der Parabel abgeleiteten "fünf Punkte" jeweils genauer aus. Ich finde, dass er mit diesen "Punkten" oder "Wahrheiten", eine brauchbare Basis für einen notwendigen Dialog vorschlägt, für einen Dialog, der sowohl interkonfessionell als auch interreligiös zu führen wäre mit dem Ziel, eine glaubwürdige, tragfähige gegenseitige Toleranz zu entwickeln. Voraussetzung wäre natürlich die vorbehaltlose Anerkennung der vorgeschlagenen Diskussionsgrundlage durch alle in Frage kommenden Gesprächspartner.

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10. Dezember 2009
Grüßt Junia, die berühmt ist unter den Apostelinnen

In den Texten des NT lassen sich Veränderungen oder objektiv: Fälschungen nachweisen, die eindeutig auf die fortschreitende Ungleichbehandlung bzw. Abwertung der Frau in der frühen Kirche zurückgehen. Was für das Gleichnis Jesus und die Ehebrecherin gilt, stimmt auch hier: Es ist keine neue Erkenntnis. Der amerikanische Religionswissenschaftler Bart D. Ehrman (*um 1955) behandelt einige dieser Fälschungen in seinem Buch Abgeschrieben, falsch zitiert und missverstanden.

Eine eher simple, aber sehr wirkungsvolle Veränderung enthält der als echt geltende Brief des Paulus an die Römer, im Kapitel 16, Vers 7. Dort steht:

»7 Grüßt Andronikus und Junias, meine Stammverwandten und Mitgefangenen, die berühmt sind unter den Aposteln und schon vor mir in Christus gewesen sind.«

Ehrman weist nach, dass hier eine spätere Veränderung des ursprünglichen Paulustextes vorliegt. Paulus hatte in seinem Brief Grüße auch an eine Frau mit dem Namen »Junia«, möglicherweise die Ehefrau des Andronikus, übermittelt. Er sprach sie dabei als Apostelin an. Nach Ehrman ist dies die einzige Bibelstelle, "in der eine Frau als Apostelin genannt wird". Das erschien einem frühen Abschreiber des Paulusbriefes offenbar als völlig unangemessen, und er nahm eine minimale "Korrektur" vor: Aus »Junia« machte er »Junias«. Ehrman stellt klar, "dass Junia in der antiken Welt ein typischer Frauenname war; für »Junias« als Männername gibt es dagegen keinen Beleg."

Immerhin haben die BearbeiterInnen der in 2006 erschienenen »BIBEL in gerechter Sprache« aus den seit langem bekannten Forschungsergebnissen die überfälligen Konsequenzen gezogen. Ihr Text lautet:

»7 Grüßt Andronikus und Junia, meine Verwandten, die mit mir zusammen in Gefangenschaft waren. Unter den Apostelinnen und Aposteln haben sie eine herausragende Rolle. Schon vor mir gehörten sie zum Messias.«

Diese neueste Bibelausgabe enthält folgende Erklärung: "Spätere Ausleger konnten sich nicht mehr vorstellen, dass hier eine Frau als Apostelin geehrt wird, deshalb veränderten sie den Text."

Anmerkung
Bart D. Ehrman (*um 1955) hat Theologie studiert ist Experte für die Geschichte des Neuen Testaments und der frühen Kirche, sowie der Leben-Jesu-Forschung.

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06. Dezember 2009
»Jesus und die Ehebrecherin« – eine geniale Fälschung

Bei meinen Recherchen zur Überlieferungsgeschichte der neutestamentlichen Schriften stieß ich im Buch Abgeschrieben, falsch zitiert und missverstanden des amerikanischen Religionswissenschaftlers Bart D. Ehrman (*um 1955) auch auf eine Betrachtung des berühmten Gleichnisses Jesus und die Ehebrecherin. Dieses Gleichnis kommt ausschließlich im Johannesevangelium vor. Nach Ehrman – und anderen Bibelexperten – war es kein originaler Bestandteil der ursprünglichen Fassung dieses Evangeliums. Das ist natürlich nicht neu. Es lohnt sich m. E. aber, ein paar weitergehende Gedanken daran zu knüpfen.

In der revidierten Luther-Bibel von 1984 findet sich das Gleichnis, in Joh. 7,53 – 8,11, mit folgendem Wortlaut:

»Jesus und die Ehebrecherin
53 Und jeder ging heim.*
*Der Bericht 7,53-8,11 ist in den ältesten Textzeugen des Johannesevangeliums nicht enthalten.
8 Jesus aber ging zum Ölberg.
2 Und frühmorgens kam er wieder in den Tempel, und alles Volk kam zu ihm, und er setzte sich und lehrte sie.
3 Aber die Schriftgelehrten und Pharisäer brachten eine Frau zu ihm, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte
4 und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden.
5 Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?
6 Das sagten sie aber, ihn zu versuchen, damit sie ihn verklagen könnten. Aber Jesus bückte sich und schrieb auf die Erde.
7 Als sie nun fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.
8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.
9 Als sie aber das hörten, gingen sie weg, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand.
10 Jesus aber richtete sich auf und fragte sie: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt?
11 Sie antwortete: Niemand, Herr. Und Jesus sprach: So verdamme ich dich auch nicht; gehe hin und sündige hinfort nicht mehr.«

Der Bibeltext enthält eine Anmerkung, die das, was Ehrman feststellte, bestätigt (s. oben). Ein Blick in den Luthertext meiner Senfkornbibel von 1955 ergab, dass dieser Hinweis dort noch nicht zu finden ist, obwohl vermutet werden kann, dass die zugrunde liegenden Forschungsergebnisse unter den Bibelexperten damals schon bekannt waren.

Die Bibel in gerechter Sprache, erschienen in 2006, verschiebt das ganze Gleichnis in eine Anmerkung, die mit folgender Einleitung beginnt:

"Joh 7,53-8,11: Dieser Text fehlt in allen alten Handschriften des Johannesevangeliums. Er wird erst von einigen späteren Handschriften an dieser Stelle ergänzt; andere Handschriften haben den Text hinter Joh 7,36; Joh 21,25; Lk 21,38 oder Lk 24,53. Auch sprachlich und sachlich gehört der Abschnitt eindeutig nicht zum Johannesevangelium."

Dieses später ins Johannesevangelium eingefügte Gleichnis beschreibt also ein erfundenes Geschehen und ist damit – objektiv betrachtet – eine Fälschung. Was mir zu den zahlreichen gefälschten Texten im NT nicht eingefallen ist, erscheint mir hier als angemessen: Es handelt sich m. E. um eine geniale Fälschung. Auf geniale Weise wird hier jene ethische Haltung veranschaulicht, die der schottische Philosoph David Hume (1711-1776) – mehr als tausend Jahre später – mit den Worten »humanity and benevolence« (Menschlichkeit und Wohlwollen) umschrieb.

Hatte der "Fälscher" des Gleichnisses vielleicht besonders gut begriffen, worum es in der 'ursprünglichen jesuanischen Lehre' ging: etwa um die Entwicklung einer verantwortungsbewussten Menschlichkeit, sowohl in individuellen als auch in gesellschaftlichen Zusammenhängen? Das eben gesetzte Fragezeichen ist m. E. nicht zu vermeiden, da die ursprünglichen Worte und Taten Jesu, abgesehen von wenigen Ausnahmen, aus den im NT überlieferten Texten nicht mehr zweifelsfrei herausgefiltert werden können: Es gibt nach den Erkenntnissen der historisch-kritischen Textforschung nur wenige Worte, die, nicht mit absoluter Sicherheit, aber doch mit einem hohen Grad der Wahrscheinlichkeit dem historischen Jesus zugeordnet werden können. Dennoch bleibt die Grundaussage des erfundenen Gleichnisses uneingeschränkt gültig, und zwar auch, wie ich meine, unabhängig vom christlichen Kontext!

Albert Schweitzer (1875-1965) mag an dieses Gleichnis gedacht haben, als er über das Christentum sagte:

"Jahrhunderte lang hatte es das Gebot der Liebe und der Barmherzigkeit als überlieferte Wahrheit in sich getragen, ohne sich auf Grund desselben gegen die Sklaverei, die Hexenverbrennung, die Folter und so viele andere antike und mittelalterliche Unmenschlichkeiten aufzulehnen. Erst als es den Einfluss des Denkens des Aufklärungszeitalters erfuhr, kam es dazu, den Kampf um die Menschlichkeit zu unternehmen."

Mir erscheint die Auffassung Albert Schweitzers plausibel. Ich bin allerdings der Meinung, dass der "Einfluss des Denkens des Aufklärungszeitalters" selbst heute, etwa 250 Jahre später, noch nicht in alle Köpfe des organisierten Christentums vorgedrungen ist 

In der Geschichte des Christentums waren es m. E. von Anfang an stets einzelne Christen, häufig im Gegensatz zu ihrer Kirche, die das "Gebot der Liebe und der Barmherzigkeit" befolgt und durch ihr Vorbild weitergegeben haben. Die Köpfe des organisierten Christentums hatten sich, spätestens mit den Beschlüssen der "Räubersynoden" von Nicäa (325) bis Chalcedon (451), den geistigen Horizont durch Dogmen derart verbaut, dass sie "Menschlichkeit und Wohlwollen" aus den Augen verloren. Für sie stand nicht etwa "das Gebot der Liebe und der Barmherzigkeit" im Fokus, sondern eher der Ausbau und die Erhaltung ihrer Macht (mehr s. hier).

Beim Theologen Gerd Theißen (*1943) stieß ich auf die "drei Ausdrucksformen jeder Religion: Ethos, Ritus, Mythos". Das, was mit Blick auf das Ethos in den neutestamentlichen Texten enthalten ist, geht über die ethischen Standards der antik-hellenistischen Umwelt des frühen Christentums nicht hinaus. Die Entwicklung eines neuen Ethos war wohl auch nicht das vorrangige Ziel des historischen Jesus, der als jüdischer Eschatologe davon ausging, dass das »Reich Gottes« noch zu Lebzeiten vieler seiner Zuhörer anbrechen würde. – War das wohl Jahrhunderte nach Jesus erfundene und ins NT eingefügte Gleichnis vielleicht der Versuch, einen Beitrag zur Entwicklung eines spezifisch christlichen Ethos zu leisten?

Anmerkungen
- Das David Hume-Zitat fand ich im Buch Nein und Amen der Theologin Uta Ranke-Heinemann (*1927).
- Bart D. Ehrman (*um 1955) hat Theologie studiert und ist Experte für die Geschichte des Neuen Testaments und der frühen Kirche, sowie der Leben-Jesu-Forschung.

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02. Dezember 2009
Voltaire über das Dogma

Der Tagesspruch in meiner Tageszeitung von heute stammt von Voltaire (1694-1778):

"Je weniger Dogma, desto weniger Streit; je weniger Streit, desto weniger Unglück."

Darauf, dass die führenden Vertreter der Religionen (oder auch vergleichbarer Ideologien) aus dieser elementaren Erkenntnis Voltaires die entscheidenden Schlüsse ziehen, warten wir noch immer 

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21. Mai 2009
Die tragende Rolle zweier "Spitzenkleriker" in einer "Staatsposse"

Im Zusammenhang mit der geplanten diesjährigen Verleihung des Hessischen Kulturpreises raschelte es sehr heftig im Blätterwald. Die fundierten Beiträge in der FRANKFURTER RUNDSCHAU vom 16./17. Mai, in der FAZ vom 19. Mai und in DIE ZEIT vom 20. Mai 2009, sind besonders lesenswert. Ausgelöst wurde die öffentliche Diskussion wohl durch eine Pressemitteilung der Hessischen Staatskanzlei vom 13. Mai 2009, in der u. a. zu lesen war:

"Das Kuratorium des Hessischen Kulturpreises hat entschieden, den Kulturpreis an drei Repräsentanten der Religionsgemeinschaften, Prof. Dr. Dr. Karl Kardinal Lehmann, Bischof von Mainz, den früheren langjährigen Kirchenpräsidenten der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Prof. Dr. Dr. h.c. Peter Steinacker, und den stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Prof. Dr. Salomon Korn, zu verleihen. Die Verleihung an die Preisträger erfolgt am 5. Juli 2009 in Wiesbaden. Die ursprüngliche Absicht, den Preis auch an einen Repräsentanten der muslimischen Glaubensgemeinschaft zu verleihen, wurde aufgegeben. Lehmann, Steinacker und Korn erhalten den Preis in Anerkennung der Lebensleistung für die interreligiöse Kooperation und die Schaffung einer Kultur des Respektes."

Anmerkung
Hervorhebungen stammen vom Autor der Site.

Was war dieser Pressemitteilung vorausgegangen? Unter dem massiven Druck von Lehmann (*1936), dem sich Steinacker (*1943) willfährig anschloss, ist das Kuratorium des Hessischen Kulturpreise, unter dem Vorsitz des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (*1958), eingeknickt: Es entzog Navid Kermani (*1967), dem ursprünglich der Kulturpreis, als "Repräsentanten der muslimischen Glaubensgemeinschaft", ebenfalls verliehen werden sollte, die Nominierung.

Das was Kochs Parteifreund Norbert Lammert (*1948), Bundestagspräsident in Berlin, eine "Staatsposse" nannte (Frankfurter Rundschau), beschrieb der Theologe Friedrich Wilhelm Graf (*1948) in der FAZ, vom 19. Mai 2009, genauer: "Da lässt sich ein Provinzpolitiker, der so gern den ganz Starken, Trickreichen gibt, von zwei Spitzenklerikern als Kirchenmaus vorführen."

Navid Kermani gehörte in 2008 zu den Stipendiaten der Villa Massimo in Rom. Während seines Aufenthalts hat er sich u. a. mit dem Christentum römischer Prägung auseinandergesetzt. Einige seiner in Rom gesammelten Eindrücke und Gedanken wurden in unregelmäßigen Abständen in der Neuen Züricher Zeitung veröffentlicht. Am 14. März 2009 erschien dort seine Meditation über das Altarbild "Kreuzigung" des Barockmalers Guido Reni (1575-1642) in der römischen Kirche San Lorenzo in Lucina. Er äußerte in seinem Beitrag, aus Sicht eines Muslims, durchaus verständliche Kritik an tradierten christlichen Glaubensmeinungen. Seine Kritik an der Darstellung des Kreuzestodes Jesu ging dabei kaum über das hinaus, was selbst manche christlichen Theologen schon seit langem immer wieder kritisieren.

Weniger engstirnige Theologen, deren geistiger Horizont von Dogmen nicht so stark eingeschränkt ist, wie bei den Herren Lehmann und Steinacker, würdigen seine differenzierte, von Respekt gegenüber Andersdenkenden, geprägte Sichtweise. Der Münchener Theologe Friedrich Wilhelm Graf schreibt in der FAZ, am 19. Mai 2009, u. a.: "Navid Kermani ist kein intoleranter Feind des Christentums, der dessen »Zentralsymbol«, das Kreuz, verunglimpft, sondern ein frommer muslimischer Religionsintellektueller, der seinen Gott auf ganz eigene Weise verehrt und sich dabei einfühlsam auch den inneren Sinn christlicher Frömmigkeit zu erschließen sucht."

Unter dem Druck der "öffentlichen Meinung" hat Roland Koch mittlerweile über eine Pressemitteilung der Staatskanzlei, vom 18. Mai 2009, unter der Überschrift "Gemeinsames Gespräch der vier Preisträger soll abgewartet werden", u. a. mitgeteilt:

"Der Kulturpreis solle im Herbst verliehen werden. Zugleich nahm das Kuratorium die Anregung der drei auf, den vier als Preisträgern vorgesehenen Persönlichkeiten die Gelegenheit zu geben, in gewissem Abstand zur aktuell aufgeheizten Diskussion das gemeinsame - nicht öffentliche - Gespräch zu suchen."

Neben dem Fehlverhalten zweier "Spitzenkleriker", die davon überzeugt sind, die Wahrheit zu besitzen und damit nur ihre Unfähigkeit zur Selbstrelativierung dokumentieren, ist in diesem Zusammenhang insbesondere das Fehlverhalten verantwortlicher Politiker der eigentliche Skandal. Politiker vom Schlage eines Roland Koch, die vornehmlich im Dienste der Erhaltung ihrer Macht unterwegs sind, verbeugen sich wirklich vor jedem, der evtl. einen Beitrag zum Erhalt ihrer Macht leisten könnte.

Aus meiner Sicht erleben wir in diesem Zusammenhang einmal mehr, wie schnell prominente Zeitgenossen aus dem Bereich der Kirchen ihre tatsächliche oder, was m. E. viel wahrscheinlicher ist, die ihnen zugeschriebene Reputation zu ruinieren in der Lage sind – auch ganz ohne Fremdeinwirkung. Bei den beteiligten Politikern liegen die Dinge anders: Bei ihnen gibt es häufig nichts mehr zu ruinieren.

Der Theologe Graf stellt lapidar fest: "Im System der hinkenden Trennung von Staat und Kirchen wird diesen viel Macht eingeräumt. Nicht wenige deutsche Kirchenführer machen davon gern Gebrauch." Und er fordert ganz unmissverständlich: "Die offene Gesellschaft muss um der gleichen Freiheit aller willen Kirchenmacht wie die Macht anderer Verbände demokratisch begrenzen, etwa durch Erzeugung von Öffentlichkeit."

Ein paar eigene Überlegungen zur aktuellen Diskussion habe ich am 19. Mai 2009 in einer E-Mail an die hessische Staatskanzlei (presse@stk.hessen.de) übermittelt:

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Sehr geehrter Herr Koch,

ich bedaure es außerordentlich, dass Sie zwei prominenten Vertretern der "Zunft der Märchenerzähler" auf den Leim gegangen sind und sich dazu haben hinreißen lassen, Navid Kermani eine Absage zu erteilen. Ich bin der Auffassung, dass Sie den Hessischen Kulturpreis damit ein für alle Mal diskreditiert haben. Mit Verdiensten um "interreligiöse Kooperation und die Schaffung einer Kultur des Respektes" o. ä. hat dieser Preis nichts mehr zu tun!

Man muss nicht erst die Stellungnahme des Theologen Friedrich Wilhelm Graf in der FAZ, von heute, gelesen haben, um zu wissen, dass weder Lehmann noch Steinacker kulturpreiswürdig sind. Was Steinacker betrifft, kann ich mich auf persönliche Erfahrungen mit ihm zu Toleranz- und Dialog-bezogenen Themen beziehen. Bei Lehmann stellt schon die konstitutive Intoleranz der Institution, die er vertritt, die Preiswürdigkeit ganz und gar in Frage.

Ich habe den Eindruck, dass Sie, wie wohl die meisten Ihrer Politikerkollegen auch, geradezu vorauseilenden Gehorsam entwickeln, wenn die Kirchen, insbesondere natürlich die Kirche der römischen Konfession, die "Stirn runzeln". Dieses Verhalten ist m. E. in Deutschland ausgeprägter als selbst in den sog. katholischen Ländern Frankreich, Spanien oder Italien. Es ist ein Verhalten, das etwa 250 Jahre nach der Aufklärung, in einem demokratisch verfassten Gemeinwesen, nur noch lächerlich wirkt. Lächerlich deshalb, weil es nichts anderes ist, als ein peinlicher Kotau vor dem eher vermuteten als tatsächlichen Einfluss der religiösen Institutionen auf Wählerstimmen.

Vielleicht sollten Sie einmal zur Kenntnis nehmen, dass in Deutschland die Konfessionsfreien mittlerweile die größte Bevölkerungsgruppe stellen (s. Anlage). Hinzu kommt, dass diese Gruppe permanent wächst, während die Mitgliederzahlen der "Großkirchen" permanent weiter schrumpfen. Längst hätten die Konfessionslosen Anspruch auf Beteiligung, z. B. in den Rundfunkräten. Der jetzige Zustand verstößt eklatant, nicht nur gegen den Grundsatz der Gleichbehandlung, sondern auch gegen das elementare Gerechtigkeitsempfinden.

Darüber hinaus sollten Sie vielleicht darüber nachdenken, dass in den Theologischen Fakultäten auch noch viele andere, ähnlich große Geister, wie Lehmann und Steinacker, auf Kosten der Gesamtgesellschaft, fröhlich und ungestört ihren Hobbys nachgehen können! An Lehmann und Steinacker kann man exemplarisch sehen, was dabei herauskommt: Engstirnigkeit aufgrund allzu langen Aufenthalts im theologischen Denk-Getto, in dem, von Dogmen streng reglementiert, nur eine begrenzte Zahl von Denk-Optionen zur Verfügung steht.

Wann werden Sie und Ihre Politiker-Kollegen endlich den Mut aufbringen, "heilige Kühe" zu schlachten, nicht zuletzt zum Wohle der Steuerzahler?!

Mit freundlichen Grüßen
Artur Lechelt

Anlage: Religionszugehörigkeit, Deutschland, 1950-2008

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Anmerkung
Das der E-Mail beigefügte Dokument fand ich hier.


Nachtrag (20. Dezember 2009)
Am 26. November 2009 hat der hessische Ministerpräsident Roland Koch den

" mit 45.000 Euro dotierten Hessischen Kulturpreis an vier Vertreter von Christentum, Judentum und Islam verliehen. Der stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Prof. Dr. Salomon Korn, der Bischof von Mainz, Prof. Dr. Dr. Karl Kardinal Lehmann, der Schriftsteller Dr. habil. Navid Kermani und der frühere langjährige Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Prof. Dr. Dr. h. c. Peter Steinacker wurden mit dem Preis für ihre besonderen Verdienste um den Dialog zwischen den Religionen gewürdigt".
(Zitat aus der Pressemitteilung der Hessischen Staatkanzlei vom 27.11.2009)

Navid Kermani hat den Preis also schließlich auch erhalten. Einzelheiten über die Gründe des Sinneswandels bei jenen Beteilgten, die ursprünglich gegen die Preisvergabe an Kermani waren, sind mir nicht bekannt.

In der FAZ vom 28.11.2009 trug der Bericht über die Preisverleihung die Überschrift "Preisabschlag für Kermani". Im Text hieß es dann:

"Roland Koch hat sich bei Navid Kermani enschuldigt. Die Entschuldigung, die der hessische Ministerpräsident bei der Verleihung des Hessischen Kulturpreises aussprach, bezog sich allerdings ausschließlich auf die Umstände, unter denen der Schriftsteller von der zwischenzeitlichen Aberkennung des Preises erfahren hatte, nicht auf die Tatsache der Aberkennung selbst. [...]
Koch beschränkte sich in seiner Rede nun nicht darauf, auf das durch die Personen gegebene Dilemma hinzuweisen und den Zuhörern den Schluss anheimzustellen, dass sich die Staatskanzlei zu Fehleinschätzungen verleiten ließ, deren äußerlichster Ausdruck die Unhöflichkeit war, dass Kermani von Journalisten über seine Streichung von der Preisträgerliste informiert wurde. Mit der Sturheit, die Koch in öffentlichen Kontroversen zu demonstrieren liebt, bestand er darauf, von der kommunikation abgesehen, formal und inhaltlich alles richtig gemacht zu haben."

Unter der Überschrift "Die Gnade des Zweifels" druckte die FAZ am 28.11.2009 die Dankesrede von Prof. Dr. Salomon Korn, die er für alle Preisträger hielt. Hier einige wichtige Gedanken daraus, die er über die Rahmenbedingungen des anzustrebenden interkulturellen oder interreligiösen Dialogs äußerte:

"Dazu bedarf es, unter Wahrung der Würde aller am interkulturellen Gespräch Beteiligten, gemeinsam abgestimmter, von Denk- und Sprechverboten freier Kommunikationsformen. Die aus vielfältigen Einflüssen hervorgegangene europäische Kultur als säkularer Abkömmling von Religion bietet dafür die Grundlage. Allein die Trennung von Staat und Religion, von Ratio und Glauben als Errungenschaft der Aufklärung gewährt Aussicht auf erfolgreiche interkulturelle Gespräche. Wegen fehlender konsensfähiger Bewertungsmaßstäbe sind dabei weniger Glaubensinhalte von Interesse als vielmehr deren Auswirkungen auf Kultur, Politik und Fragen des täglichen Zusammenlebens. Einen fruchtbaren interreligiösen oder interkulturellen Dialog wird es aber nur geben können, wenn alle am Gespräch Beteiligten Bereitschaft zeigen, sich mit Geschichte und gegenwärtigen Strömungen der eigenen Religion kritisch auseinanderzusetzen. Die jeweiligen Regeln und Grenzen solcher Gespräche, vor allem diejenigen gegenseitiger Zumutbarkeit, lassen sich nicht ein für allemal festlegen, sondern bleiben selbst fortwährend Gegenstand interreligiöser Dialoge, sofern sie mehr sein sollen als nur Austausch folgenloser Absichtserklärungen. Widersprüche sind dabei unvermeidbar. Es kommt aber weniger darauf an, sie aufzulösen, als vielmehr im Geiste von Verständigung, Rücksichtnahme und gegenseitigem Respekt auszuhalten. Schließlich beginnt Toleranz dort, wo Einverständnis endet."

Die wohlgesetzten Worte Prof. Korns sind m. E. die verdiente schallende Ohrfeige für die beteiligten "Spitzenkleriker". Ob letztere das bemerkt haben?

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05. Februar 2009
Charles Darwin – über den "Fortschritt der Geschichte"

Der Tagesspruch in meiner Zeitung von heute stammt von Charles Darwin (1809-1882):

"Im Fortschritt der Geschichte nimmt die Phantasie ab und das Denken zu."

Diese optimistische Perspektive Darwins ist umso bemerkenswerter, als er sich, nach Veröffentlichung seiner Gedanken über die Evolution im Jahre 1858 und seines Hauptwerks Die Entstehung der Arten im Jahre 1859, einer großen Zahl von Kritikern gegenübersah, deren "naturwissenschaftliches" Weltbild im wesentlichen auf dem Schöpfungsmythos des Alten Testaments beruhte. Dieser Mythos, von den diversen christlichen Konfessionen zu einer verbindlichen Glaubenslehre mit dogmatischem Rang erhoben, war und ist ja nichts anderes, als ein ehrwüdiges literarisches Erbe, das uns fantasiebegabte Individuen einer frühen Phase der Menschheitsgeschichte hinterlassen haben.

Darwins neue, auf der Grundlage überprüfbarer Fakten, durch systematisches Denken gewonnenen Erkenntnisse, waren ein Hoffnung verheißender Gegenentwurf. Ich frage mich jedoch, ob Darwin heute, bezogen auf die gesamtgesellschaftliche Situation, schon eine deutliche Verschiebung zu Gunsten des Denkens feststellen würde.

Anmerkung
Auf den 12. Februar 2009 fällt der 200. Geburtstag Charles Darwins. Ein angemessenes Geleitwort für das Darwin-Jahr 2009 fand ich in Publik-Forum Nr. 8 · 2008. Es stammt vom slowakischen evangelischen Theologen Karol Nandrásky (*1927):

"Schon seit langem ist mir klar, dass wir heraussteigen müssen aus der Rumpelkammer des kirchlichen Dogmatismus. Wir müssen hineinfinden in den konkreten und mühseligen Weg der Evolution des Weltalls, zu dem die Naturforscher die Landkarte zeichneten."

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02. Februar 2009
Joseph Aloisius Ratzinger "heftig unter Druck"

Meine heutige Tageszeitung beschäftigt sich gleich in zwei großen Artikeln mit dem Fall Ratzinger (*1927). Dieser bayrische 'Stellvertreter Gottes auf Erden' hat einmal mehr seine Gefühls- und Ahnungslosigkeit gegenüber heiklen gesellschaftlichen Fragen bewiesen. Kein Wunder, dass sich weltweiter Protest gegen die von ihm vor wenigen Tagen ausgesprochene Rehabilitierung "des Holocaust-Leugners Richard Williamsen", eines prominenten Mitglieds der Pius-Bruderschaft, erhebt. Kein Wunder, dass "der international renommierte Theologe und Ethiker Jean-Pierre Wils" seinen Austritt aus der katholischen Kirche erklärte: »Ich will nicht mehr mit dem anti-modernen, anti-pluralistischen und totalitären Geist dieser Kirche identifiziert werden«. Wils charakterisierte auch die Bruderschaft Pius X. sehr eindrücklich: sie "sei »eine extrem reaktionäre und zutiefst antisemitische Gruppe, die mit Diktatoren und rechtsgerichteten Regimen sympathisiere«."

Das Verhalten Ratzingers gibt Rätsel auf. Dem unbefangenen Beobachter bieten sich m. E. nur zwei Denkrichtungen: Entweder ist Joseph Aloisius Ratzinger mit seinem Job völlig überfordert oder er bewertet die Einheit der Kirche so hoch, das selbst das reaktionäre, im Kern unmenschliche, Denken der Pius-Brüder für ihn ganz und gar unwichtig ist. Träfe letzteres zu, dann hätte er spätestens jetzt den 'letzten Funken Verstand' auf dem Altar seiner »Una Sancta« geopfert. Dieser »Pontifex Maximus« (zu Deutsch: oberster Brückenbauer) vermag wohl nicht mehr zu erkennen, dass der Brückenbau zu den Pius-Brüdern andere Brücken ins Wanken oder schon zum Einsturz brachte, auf jeden Fall aber den letzten Rest seiner Glaubwürdigkeit zerstörte.

Kein Wunder, dass der Grünen-Politiker Volker Beck sich veranlasst sah, Ratzingers einzigartige Fähigkeiten etwa so zu beschreiben: "Der Papst habe »ungefähr so viel diplomatisches Geschick wie George W. Bush«."

Das Sahnehäubchen auf der in meiner Zeitung aufgelisteten, bemerkenswerten Reihe seiner Fehlleistungen, seit dem Amtsantritt in 2005, ist zweifellos die brandaktuelle Erhebung des erzkonservativen Priesters Gerhard Wagner zum Weihbischof von Linz. Wagner befand sich überhaupt nicht auf der Vorschlagsliste des Bistums. Ratzinger verhielt sich in dieser Aktion wie sein Vorgänger z. B. bei der Ernennung des heutigen Kardinals Meisner zum Erzbischof von Köln in 1989: Er traf seine Entscheidung in derselben rücksichtslosen, absolutistischen Art und Weise (s. auch die "Kölner Erklärung"). Kein Wunder, wenn sich hierdurch weiteres Ungemach über dem Haupt des obersten Herrn der römischen Konfession zusammenbraut: "Dies sei der »letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringen wird«, prophezeit die Reformbewegung »Wir sind Kirche«."

Da ist es überhaupt kein Wunder, dass nun sogar die Ablösung Ratzingers gefordert wird. Der Theologe Hans Küng wird mit den Worten zitiert: »Es wird Zeit, dass er abgelöst wird«. Und der emeritierte Theologieprofessor Hermann Häring äußert sich ebenso eindeutig: »Wenn dieser Papst der Kirche etwas Gutes tun will, müsste er zurücktreten«.

Die Handlungsweise Ratzingers ist m. E. nur damit zu erklären, dass ihn nach seiner Thronbesteigung - erst nach der Thronbesteigung? -, ganz ähnlich wie viele seiner Vorgänger, das 'Unfehlbarkeitsvirus' befiel. Dieses Virus verursacht bekanntlich einen rasch fortschreitenden, nicht therapierbaren Realitätsverlust. Pius IX., der das 'Unfehlbarkeitsdogma' auf dem Ersten Vatikanischen Konzil, im Juli 1870, in einem mehr als zweifelhaften Verfahren durchsetzte, hatte das Virus wohl schon lange vorher in sich getragen. Schädigungen seiner geistigen Verfassung waren offenbar die bedauerliche Folge. Zeitgenossen hielten ihn für »verrückt«. Und ein katholischer Schweizer Theologe stellte in einem seiner Bücher, nach "genauen Quellenforschungen", die Frage: »War Pius IX. zur Zeit des Konzils noch voll zurechnungsfähig?«  (gefunden bei Karlheinz Deschner)

Anmerkung
Meine Tageszeitung ist das Groß-Gerauer Echo. Einer der beiden angesprochenen Artikel basiert auf Agenturmeldungen von ap und dpa, der andere stammt von der Redakteurin Katie Kahle.


Nachtrag (07. Februar 2009)
Im gegenwärtigen Medienhype um die Fehlleistungen Joseph Aloisius Ratzingers geht völlig unter, wie der Vatikan mit Kritikern umzugehen pflegt. In Publik-Forum 2 · 2009 wird nun dieses Kontrastprogramm zum Umgang mit den Pius-Brüdern erfreulicherweise thematisiert. Unter der Überschrift Benedikts blinder Fleck ist dort u. a. zu lesen:

"Kritische Theologen und Theologinnen weltweit, die ein neues Denken in der römischen Kirche fordern, dürfen nicht auf »ein Geschenk des Friedens« hoffen, wie es Benedikt jetzt nach eigenen Worten den Lefebvrianern machte. Im Gegenteil: Sie müssen ständig damit rechnen, nicht nur gemaßregelt, sondern mundtot gemacht zu werden. Unter Bendikt nimmt die Inquisition einen neuen Anlauf.

Ursache dafür ist seine Denkstruktur. In ihr ist die Tradition der Kirche Maßstab aller Dinge. Diese Tradition aber gründet philosophisch auf einem Naturrechtsverständnis, das die Vielfalt der Meinungen ausschließt und die Zustände zementiert. In diesem Denken fallen Glaube und Vernunft in eins; nie können sie sich widersprechen. Und die Kirche weiß, was richtig ist.

Weil die Piusbrüder zu diesem Satz gefällig nicken, sind sie willkommen. Dass sie ein Problem sind - und eines bleiben - kann Benedikt XVI. ganz offensichtlich einfach nicht denken."

Der in 1985, vom damaligen Kardinal Ratzinger, mit einem Redeverbot gemaßregelte »Befreiungstheologe« Leonardo Boff (*1938) sagte in einem Interview mit dem STERN (Nr. 30 / 2008):

"Zuerst war Ratzinger konservativ, heute ist er von Grund auf reaktionär. Er verurteilt alles Moderne, will die Kirche des 19. Jahrhunderts erhalten. Ratzinger ist ein Professorenpapst, kein Hirte. Kein Charisma, keine Ausstrahlung."

Anmerkung
Ein weiteres Beispiel, aus dem Jahr 2007, ist die Maßregelung des lateinamerikanischen Priesters Jon Sobrino (*1938). Mehr dazu finden Sie hier.

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26. Januar 2009
Katholischer Priester Roy Bourgois von Ausschluss bedroht

Nichts Neues von der römischen Hierarchie: Sie stellt in schöner Regelmäßigkeit ihre totale Reformunwilligkeit bzw. Reformunfähigkeit öffentlich unter Beweis. Eine kurze Nachricht aus Publik-Forum Nr. 23 · 2008, Seite 7, belegt dies eindrücklich:

"Roy Bourgois, katholischer Priester des Maryknoll-Ordens in den USA und Träger des Aachener Friedenspreises 2005, droht der Ausschluss aus der katholischen Kirche. Der Vatikan hat den Priester aufgefordert, seine »Irrlehre«, nach der auch Frauen zum Priesteramt zugelassen werden sollten, zu widerrufen. Bourgois hält dagegen: Es werde in der katholischen Kirche niemals Gerechtigkeit geben, bis nicht auch Frauen ordinierte werden könnten. In einem Antwortbrief schreibt der Prister außerdem: »In den USA haben fast 5000 katholische Geistliche mehr als 12000 Kinder sexuell belästigt. Viele Bischöfe, die davon wussten, schwiegen. Diese Priester und Bischöfe wurden nicht exkommuniziert«."

Wann werden die katholischen Frauen endlich die Ehrfurcht vor den Männern verlieren, die sich, selbstherrlich und mit kaum zu überbietender Anmaßung, als die alleinigen Herren der römischen Kirche aufspielen? Wann werden sie deren einseitige Weltsicht und die damit verbundene beschränkte Lebenserfahrung als das werten, was sie sind, als inakzeptable Mängel in der Qualifikation dieser Männer für die Arbeit mit und für die Menschen? Wann werden sich diese Frauen bewusst machen, dass die herrschenden Männer keine objektiv nachprüfbaren Argumente für die Aufrechterhaltung des gegenwärtigen Zustandes ins Feld führen können? Wann werden sie sich klar machen, dass dieser Zustand schon überhaupt nicht "gottgewollt", sondern allein die Folge eines ungezügelten Machtstrebens derjenigen ist, die sich seit Paulus für Gottes Ebenbilder halten? Wann endlich begeben sich die betroffenen Frauen, unbeirrt und offensiv, auf den "langen Marsch" nach Rom?

Warum die oben gestellten Fragen bis auf weiteres nicht beantwortet werden können, hat m. E. damit zu tun, dass all die in der römischen Kirche "dienenden" Frauen eine unglaubliche Leidensfähigkeit mitbringen, und dass sie bei der Durchsetzung ihres legitimen Anspruchs auf eine gleichberechtigte Beteiligung an der Macht wohl kaum die Skrupellosigkeit aufbringen, die die jeweils herrschenden Männer schon seit nahezu 2000 Jahren auszeichnet.


Nachtrag (05. Februar 2009)

Warum die psycho-religiöse Gemütsverfassung der Gläubigen einem raschen Wandel in der Welt der römischen Konfession entgegensteht, beschreibt Giovanni di Lorenzo in DIE ZEIT vom 05.02.2009 ganz ähnlich: "…, weil selbst kritische Katholiken in aller Regel Meister der Frustrationstoleranz sind."

Anmerkung
Giovanni di Lorenzo (*1959) befasst sich in seinem Artikel, unter der Überschrift "Der fehlbare Papst" mit der kritikwürdigen Haltung Ratzingers gegenüber der Pius-Bruderschaft (s. auch Eintrag unter dem 02. Februar 2009 auf dieser Seite).

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25. Januar 2009
Vatikan schafft die "Vorhölle" ab – aus Benedikts Märchenstunde, 999. Folge

Zugegeben: Die Nachricht ist nicht neu. Ich weiß nicht mehr, wann sie mich das erste Mal erreicht hatte. Neulich erinnerte ich mich jedenfalls daran und fragte Google, um mich zu vergewissern, dass ich nicht einem Missverständnis aufgesessen war. Ich fand heraus, dass ich wahrscheinlich die Tagesschau am 21. April 2007 gesehen hatte. Auf der Internetseite der ARD-Tagesschau trägt diese Nachricht die Überschrift Papst erklärt "Vorhölle" für überholt.

Bei meiner Recherche überraschte mich, dass diese Nachricht auf verschiedenen deutschen Internet-Seiten unter dem Datum vom 20. bzw. 21. April 2007 aufgeführt war. Auf entsprechenden österreichischen Seiten erschien sie u. a. unter dem 06. und 16. Oktober 2006 und die britische Seite TIMESONLINE berichtete bereits am 03. Oktober 2006 darüber. Vermutlich liegt das daran, dass im Ausland schon die für Donnerstag, den 05. Oktober 2006, angekündigte päpstliche Äußerung zur Vorhölle eine Meldung wert war, während in Deutschland erst der offizielle schriftliche Abschlussbericht einer dreißigköpfigen vatikanischen Kommission Beachtung fand. Bei der ARD-Tagesschau im Netz liest sich das so:

"Nach jahrelanger Debatte hat der Vatikan die traditionelle katholische Vorstellung einer »Vorhölle« für ungetaufte tote Kinder offiziell für überholt erklärt. »Der Ausschluss von unschuldigen Kindern aus dem Paradies widerspricht der besonderen Liebe Christi für die Kleinen«, heißt es in dem Bericht der Internationalen Theologischen Kommission (ITK), der von Papst Benedikt XVI. gebilligt wurde. […]

Die aus dem Mittelalter stammende Überlieferung des »Limbus infantium« besagt, dass Kinder, die ungetauft gestorben sind, nicht in den Himmel kommen. Sie seien dann nämlich nicht von der Erbsünde befreit. Theologen lehrten lange Zeit, dass diese Kinder im so genannten Limbus einen ewigen Zustand natürlicher Glückseligkeit genießen – allerdings ohne Gemeinschaft mit Gott. Die Tradition wurde allerdings nie zur offiziellen Doktrin der katholischen Kirche."

Und spiegel.de schreibt zum selben Thema, am 20.04.2007:

"Wenn ungetaufte Kinder sterben, landen sie zwischen Himmel und Hölle - und bleiben dort bis in alle Ewigkeit. Diese Vorstellung gehörte traditionell zum katholischen Glauben. Jetzt hat der Vatikan den sogenannten Limbus abgeschafft – es sei eine »unzulässig eingeschränkte Sicht der Erlösung«."

Besonders bezeichnend finde ich, was auf der österreichischen Internetseite der Zeitung DER STANDARD, mit Datum vom 16.10.2006, zu lesen war (s. dazu Anmerkung unten):

"Mit der Abschaffung der Vorhölle für Säuglinge geht es dem Papst aber nicht nur um eine theologische Klarstellung. Vielmehr sieht sich der Vatikan in zunehmender Konkurrenz mit dem Islam in Afrika und Asien. Nach islamischer Vorstellung kommen tot geborene Babys direkt ins Paradies – ein nicht unwesentlicher »Wettbewerbsvorteil« in Ländern mit hoher Kindersterblichkeitsrate."

Wenn der Limbus nie eine "offizielle Doktrin" der römischen Konfession war (s. o.), erstaunt es schon, dass er von Joseph Alois Ratzinger offiziell abgeschafft wurde. Neben der nunmehr geschlossenen Abteilung hatte die römische Vorhölle allerdings schon immer eine zweite, den »Limbus patrum«. Darin sind alle »Gerechten« versammelt, die schon vor Christi Geburt starben. Diese Abteilung wurde, bisher jedenfalls, nicht geschlossen.

Die Schließung des »limbus infantium« bedeutet, dass alle Kinder, die ungetauft sterben, sofort in den Himmel bzw. ins Paradies kommen. Ich gehe einmal davon aus, dass alle Säuglinge, die sich vor der Schließung in dieser Vorhöllen-Abteilung tummelten, mittlerweile ins Paradies umgezogen sind – sicher eine logistische Herausforderung für die himmlischen Behörden.

Ich finde es immer wieder frappierend und belustigend zugleich, mit welcher Unverfrorenheit die Köpfe der römischen Konfession ihre überholten Fantasieprodukte, die auf die Gläubigen früherer Zeiten wie blanker Psychoterror gewirkt haben müssen, ihren heutigen "Schäfchen", zwar in neuer Verpackung, aber, nach wie vor, mit der größten Selbstverständlichkeit aufzuschwatzen versuchen. Ich vermag den verquasten Denkfiguren dieser Geistesheroen nur noch eine realsatirische Note abzugewinnen.

Die realsatirischen Beiträge der Vordenker der römischen Konfession haben ja schon eine fast 2000-jährige Tradition. Der neuere Beitrag von Joseph Aloisius Ratzinger zu diesem Genre markiert einen weiteren Meilenstein geistigen Höhenflugs in der römisch dominierten Welt. Er lässt sich eigentlich nur noch mit einem anderen Durchbruch in der "christlich-abendländischen" Geistesgeschichte vergleichen, über den kürzlich diverse Agenturen berichteten:

"Einer dreißigköpfigen Kommission hochkarätiger Philologen und anderer Experten ist es gelungen, den langgehegten Verdacht treuer Leser Grimmscher Märchen zu bestätigen, dass in der überaus populären Geschichte »Der Wolf und die sieben Geißlein« irgendetwas nicht stimmen konnte.

Wie sich nunmehr herausstellte, hat der böse Wolf nicht sechs, sondern tatsächlich nur fünf Geißlein verschlungen. Eine neu entdeckte ältere Quelle, die den Brüdern Grimm nicht vorlag, enthielt in einer Randnotiz den Hinweis, dass jene Standuhr, bisher als Versteck des siebten Geißleins bekannt, während des überlieferten furchtbaren Geschehens exakt um fünf Uhr stehen geblieben war.

Dieses außerordentlich wichtige Indiz zog zwangsläufig weitere Recherchen nach sich: Eine Standuhr bleibt stehen, wenn ihr Pendel zum Stillstand kommt. Von der Kommission konsultierte Pendelexperten und Geißenzüchter fanden sehr schnell heraus, dass ein einzelnes, verängstigtes Geißlein nicht in der Lage ist, besagtes Pendel anzuhalten. Es sind dazu mindestens zwei Geißlein erforderlich. Eine Vermessung des Standuhr-Gehäuses bestätigte, was bei diesem Stand der Ermittlungen niemand mehr sonderlich überraschte, dass es tatsächlich zwei Geißlein genügend Raum bot.

Dieses überzeugende Ergebnis erlaubte der Kommission, auf die Einholung eines weiteren Gutachtens zu verzichten. Sie hatte ursprünglich daran gedacht, noch einen renommierten Zoologen zu beauftragen, das Fassungsvermögen des Magens eines ganz normalen bösen Wolfes zu ermitteln.

Wie von Beteiligten zu hören war, sieht sich die Kommission nach diesem Erfolg ermutigt, ihre Aktivitäten fortzusetzen, um ähnliche Ungereimtheiten in anderen »Kinder- und Hausmärchen« der Brüder Grimm ebenfalls zu bereinigen."

Neben ihren zahlreichen realsatirischen Auftritten pflegen die Mitglieder der Senioren-boy group im Vatikan, skurril gewandet und mit großer Begeisterung, ein »infantilisierendes Hofritual« (Leo Karrer, kath. Theologe). Dazu gehört u. a. das allmorgendliche Absingen ihrer Nationalhymne während der heiligen Frühmesse. Mit Inbrunst und verklärtem Blick schmettern sie dort, zumeist mehrmals hintereinander, aus voller Brust: Una Sancta über alles, über alles in der Welt,  Damit sind sie voll ausgelastet.

Den Slumbewohnern in Afrika, auf den Philippinen oder in Südamerika versprechen die Topkleriker der Una Sancta die jenseitige Glückseligkeit. Sie selbst verlassen sich nicht auf die Verheißungen ihrer Vertröstungsstrategie und genießen in vollen Zügen das reichhaltige Angebot diesseitiger Wellness-Varianten.

Ich frage mich, wann sich in der "Gemeinschaft der Gläubigen" römischer Prägung der reinigende Sturm der Entrüstung erheben wird, der im Vatikan für den überfälligen "Kehraus" sorgen könnte. Na ja, vielleicht genügte es, wenn diese Gemeinschaft, rund um den Globus, über ihren Pontifex Maximus und seine Vasallen in anhaltendes schallendes Gelächter ausbräche.

Anmerkung
Die Meldung "»Vorhölle« für Säuglinge abgeschafft – Seelen Millionen ungetaufter Kinder in den Entwicklungsländern sollen gerettet werden" auf der Internet-Seite der österreichischen Zeitung DER STANDARD, mit Datum vom 16. Oktober 2006, enthält statt des Volltextes, anders als noch vor wenigen Wochen, den lapidaren Hinweis: "Der Volltext dieses auf Agenturmeldungen (z. B. APA und REUTERS) basierenden Artikels steht aus rechtlichen Gründen nicht mehr zur Verfügung." Bekam DER STANDARD womöglich den langen Arm Roms zu spüren?
Bemerkenswert ist, dass mittlerweile auch bei TIMESONLINE der ursprüngliche Text, unter der Überschrift "Pope to end doctrine of Limbo", fehlt. Am 26. Dezember 2008 hatte ich ihn mir von dort noch ausgedruckt.

Nachtrag zur Anmerkung (29. November 2012)
Gestern habe ich, mehr oder weniger zufällig, einige Links im vorausgehenden Text angeklickt und eine Überraschung erlebt: Sowohl beim STANDARD als auch bei TIMESONLINE waren die Berichte über die "Abschaffung der Vorhölle" wieder verfügbar! Demgegenüber fehlt der entsprechende Text nun auf der Seite der ARD-Tagesschau. Dort erscheint eine Fehlermeldung und danach die Erläuterung: "Mit dem 01.09.2010 musste tagesschau.de rund 80 Prozent seiner Archivinhalte depublizieren. Grund dafür ist der 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag, der dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk im Internet enge Grenzen setzt."


Nachtrag (11. Dezember 2009)
Gestern las ich ein kleines Buch des US-amerikanischen Philosophen und Schriftstellers Sam Harris (*1967). Es trägt den Titel Brief an ein christliches Land. Harris befasst sich darin kritisch mit fundamentalistischen Strömungen in den Religionen. Sein besonderes Augenmerk gilt dabei der aktuellen Situation in seiner Heimat, wo sich christliche Fundamentalisten zunehmend bemerkbar machen. Im Text auf der Rückseite des Buches steht: "Eine brillante Streitschrift wider Dummheit, Intoleranz und Dogmatismus im Namen Gottes."

Im Abschnitt Der Kampf zwischen Wissenschaft und Religion erwähnt Harris u. a. die vom Vatikan angesetzten Beratungen über den weiteren Umgang mit der Vorhölle für ungetauft verstorbene Kinder. Harris beschreibt diese vom Ensemble des römischen Denk-Gettos aufgeführte Groteske m. E. sehr treffend:

"Dreißig Spitzentheologen aus aller Welt trafen sich im Vatikan, um über die Frage zu diskutieren, was mit Säuglingen geschieht, die gestorben sind, bevor sie die heilige Taufe erhalten konnten. Seit dem Mittelalter glauben Katholiken, dass solche Säuglinge in den »Limbus der Kinder« eingingen, wo sie dann, wie Thomas von Aquin erklärte, in ewiger »natürlicher Seligkeit« wohnten. Augustinus vertrat hingegen die Meinung, dass die Seelen dieser unglücklichen Kinder für ewig in der Hölle schmoren würden.

Obwohl es für diesen Limbus keine wirkliche Grundlage in der Bibel gibt und diese Idee von der Kirche auch nie offiziell zur Doktrin erklärt wurde, zählte sie doch jahrhundertelang zu den wesentlichen katholischen Traditionen. Im Jahr 1905 schien sich Papst Pius X. voll und ganz hinter sie zu stellen, als er erklärte, dass verstorbene Kinder, die ungetauft in den Limbus eingingen, zwar keine Kinder Gottes seien, aber auch nicht leiden müssten. Nun haben sich also die großen Geister der Kirche zusammengefunden, um diese Angelegenheit neu zu überdenken.

Können wir uns überhaupt ein aussichtsloseres geistiges Unterfangen vorstellen als dieses? Man male sich nur einmal aus, wie diese Beratungen notgedrungen ablaufen müssen. Oder gibt es vielleicht jemanden, der Beweise für das ewige Schicksal von ungetauft verstorbenen Kindern vorlegen kann? Wie kann man das als gebildeter Mensch überhaupt für etwas anderes als eine aberwitzige und skrupellose Zeitvergeudung halten? Wenn man dann noch bedenkt, dass diese Beratungen von derselben Institution geführt werden, die eine Elitearmee aus Kinderschändern hervorgebracht und diesen Männern auch noch weiter Zuflucht gewährt hat, dann erscheint einem dieses Unterfangen als eine wahrlich teuflische Energieverschwendung."

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21. Januar 2009
Calvin-Jubiläumsjahr? – Gedenkjahr für den Ketzer Michael Servet!

Erst vor wenigen Tagen bin ich darauf aufmerksam geworden, dass uns ein "Calvin-Jubiläumsjahr" droht: Der 500. Geburtstag Calvins fällt auf den 10. Juli 2009.

Für mich ist das wahrhaftig kein Anlass zum Feiern, ist doch der Name Calvins untrennbar mit dem furchtbaren, gewaltsamen Tod des spanischen Arztes Michael Servet (1511-1553) verbunden. Calvin (1509-1564) hatte dafür gesorgt, dass Servet in Genf der Ketzerprozess gemacht wurde. Dieser endete mit dem Todesurteil, und am 27. Oktober 1553 wurde Servet auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Der reformierte Theologe Walter Nigg (1903-1988) beschreibt die damaligen Ereignisse sehr eindrücklich in seinem Werk Das Buch der Ketzer. Im Folgenden finden sich Zitate daraus.

Wessen hatte sich Servet in den Augen Calvins schuldig gemacht? Servet war ein religiöser Mensch, der sich, obgleich Katholik, sowohl mit der Bibel befasste, als auch mit den Schriften der Reformatoren. Er kam dabei zu einer sehr eigenständigen Position, die ihn geradezu zwangsläufig in Gegensatz sowohl zum Katholizismus als auch zum Protestantismus bringen musste. Er wurde zum Gegner des Papsttums, "das er […] als eine unchristliche Institution betrachtete", und "er wurde ein leidenschaftlicher Bekämpfer der Trinitätsauffassung, die er durch ein System ersetzen wollte, dem »Neuheit, Originalität und Kühnheit« nicht abgesprochen werden können. Das Dogma von den drei ewigen Hypostasen in der Gottheit, das auf dem Konzil zu Nicäa aufgestellt worden war, empfand Servet als unvereinbar mit der Einheit des göttlichen Wesens. […] Servet selbst sprach sich die Aufgabe zu, die Verunstaltung, welche das ursprüngliche Christentum durch die Trinitätslehre erlitten hatte, zu korrigieren. Um die Christenheit von ihrem Verderben zu reinigen, schrieb er das Buch »Wiederherstellung des Christentums«."

Um den Stellenwert der von Servet verfolgten Idee zu charakterisieren, bezieht sich Walter Nigg seinerseits auf eine Einschätzung von H. Tollin in dessen Werk Charakterbild Michael Servets: »Mit Servet beginnt eine dritte Reformation neben der Luthers und des Konzils von Trient: die Reformation des freien Bibelgedankens, die Reformation des christusfrohen Gewissens, die Reformation der gotterfüllten Menschlichkeit.« Servet war überzeugt davon, das der Protestantismus "auf halbem Wege stehengeblieben" war, "da er die Dogmenbildung der ersten drei Jahrhunderte unangetastet übernahm."

Servet hatte sein Werk nicht unter seinem eigenen Namen herausgegeben: "Als seine Verfasserschaft aber durchsickerte, wurde er in Vienne auf indirekte Denunziation Calvins von der Inquisition in Haft genommen." Servet gelang die Flucht aus dem Gefängnis (in Lyon). Dann unterlief ihm jedoch ein verhängnisvoller Fehler: "Auf der Flucht kam er nach Genf, wo er sich nur kurze Zeit als Privatmann aufhalten wollte, ohne die geringste Propaganda für seine Ansichten zu betreiben. Bereits hatte er die Barke für die Weiterreise gemietet, als ihn das Verlangen ankam, noch die Predigt Calvins zu besuchen, wo er nach dessen Gottesdienst alsogleich verhaftet wurde. Statt ihn einfach auszuweisen, wurde Servet der Prozess gemacht, weil das protestantische Rom in der Trinitätsfrage nicht weniger rechtgläubig sein wollte als die Katholiken." – Servet hatte nicht wissen können, dass Calvin schon sieben Jahre vorher in einem Brief an seinen Freund Farel (1498-1565) geschrieben hatte: »Kommt er hieher, so lasse ich ihn, wenn ich irgendwie vermag, nicht mehr lebendig wieder fort.«

Für Michael Servet kam erschwerend hinzu, dass für Calvin seinerzeit nicht nur theologische Aspekte, sondern auch machtpolitische Erwägungen eine wichtige Rolle spielten. "Calvins Gegner benützten Servet, um gegen die Theokratie des Genfer Reformators Sturm zu laufen. Für Calvin wuchs sich die Servetsche Angelegenheit zu einer Prestigefrage aus, die für ein diktatorisches Regime immer äußerst heikel ist. Calvin war genötigt, die Verurteilung Servets mit allen Mitteln zu betreiben, die ihm zur Verfügung standen."

Der Genfer Rat holte auch Gutachten von anderen Kirchen in der Schweiz ein. Ob dies aus formalen Gründen oder aus ehrlichem Bemühen um die Wahrung der Rechte des Angeklagten erfolgte, lässt sich wohl kaum klären. Tatsache ist, dass sich alle Gutachten gegen Servet aussprachen. Der Genfer Rat verturteilte Servet daraufhin zum Tode. Das Urteil entsprach exakt Calvins Vorstellungen. Während des Prozesses hatte er, "ohne das Unchristliche seiner Ausführungen nur zu empfinden", an seinen Freund Farel geschrieben: »Ich hoffe, dass das Urteil auf Todesstrafe ausfällt.« (Walter Niggs Schilderung der Hinrichtung Michael Servets findet sich hier.)

Bei der Theologin Uta Ranke-Heinemann (*1927) fand ich den Hinweis auf die Haltung des Reformators Philipp Melanchton (1497-1560) zu dem unfassbaren Geschehen in Genf:

"Und Melanchton (†1560), der Freund Luthers, schrieb am 14. Oktober 1554 einen Dankesbrief an Calvin, voll Lob dafür, dass Calvin »diesen Gotteslästerer nach einem ordnungsgemäßen Prozess« habe hinrichten lassen. Luther selbst war sieben Jahre vor Servets Verbrennung 1546 gestorben, hätte sich aber ähnlich geäußert."

Für Walter Nigg spiegelt sich im persönlichen Versagen Calvins das Versagen des gesamten Protestantismus: "Die Verbrennung Servets ist aber nicht nur ein persönliches Problem Calvins. Da sein Vorgehen gegen Servet mit wenigen Ausnahmen die einmütige Billigung seiner Gesinnungsfreunde fand, belastet die Hinrichtung Servets den gesamten Protestantismus. Keineswegs wurde mit dem Scheiterhaufen von Champel die Genfer Reformation gerettet, sondern nach dem Urteil von Fritz Barth der »Calvinismus aufs stärkste kompromittiert und den Katholiken, welchen Calvin damit seine Christlichkeit beweisen wollte, gerade die beste Waffe zur Verfolgung der Hugenotten in die Hand gedrückt, die ja in ihren Augen nichts anderes als Ketzer waren«. […] Je länger man sich mit den Details des Prozesses beschäftigt, umso schwerer wird es einem zumute. Man hält es nicht für möglich und blickt hilfesuchend aus, ob nicht doch von einer reformatorischen Seite ein evangelisches Wort zur Sache gesagt worden sei. Vergebliche Hoffnung! Der Scheiterhaufen Servets bildet den unauslöschlichen Schandfleck auf dem Kleid des Protestantismus, der mit allen Wassern der Rhone nicht abgewaschen werden kann und welcher zugleich die ganze Problematik der siegreichen Reformation im grellsten Licht zeigt. Auch sie vermochte der Machtversuchung nicht zu widerstehen."

In ihrer Haltung Ketzern gegenüber unterschieden sich die römische Konfession und der frühe Protestantismus, wie Walter Nigg aufzeigt, also nicht. Gab es dennoch Fortschritte? Aus der Sicht von Zeitgenossen der Reformatoren des 16. Jahrhunderts hat der Protestantismus zweifelsohne Fortschritte gebracht: Das totalitäre kirchliche Regime römischer Prägung, gleichzeitig die bestimmende politisch-gesellschaftliche Größe, wurde, zumindest für einen kleinen Teil der Menschheit, von einem moderateren Regime abgelöst. Die, von Rom aus gesteuerte, klerikale Willkürherrschaft, einem Terrornetzwerk nicht ganz unähnlich, war in den "befreiten" Gebieten wohl deutlich zurückgedrängt. Dies ermöglichte es auch einer zunehmenden Zahl von Menschen, die das Denken einschnürenden klerikalen Denkverbote zu ignorieren. Die Reformation war, zumindest in dieser Hinsicht, auch Wegbereiterin jener geistigen Revolution im 18. Jahrhundert, die wir »Aufklärung« nennen.

Aus heutiger Sicht, knapp 500 Jahre nach der Reformation und etwa 250 Jahre nach der Aufklärung, da "wir zur Mehrheit in einer nach-christlichen, und spezifischer: in einer post-protestantischen Situation leben" (Peter Sloterdijk), relativieren sich die o. g. Fortschritte doch erheblich, insbesondere bezogen auf die bis heute(!) nahezu unverändert fortgeschriebenen christlichen Glaubensinhalte. Die protestantische Konfession hegt und pflegt weitgehend immer noch dieselben Mythen wie ihre größere römische Schwester. Die jeweiligen Theologen beschäftigen sich, nach wie vor und unverdrossen, mit diesen vor nunmehr fast 2000 Jahren entstandenen Produkten menschlicher Fantasie. Die konfessionellen Vordenker sind unfähig zu erkennen, dass auch ihre (vermeintlich) modernen theologischen Interpretationen archaischen Gedankenguts heutige Zeitgenossen nicht mehr überzeugen.

Der Psychologe und Religionskritiker Franz Buggle (1933-2011) schreibt in seinem Buch Denn sie wissen nicht, was sie glauben:

"Die heute vorherrschenden Großreligionen stellen entwicklungs- und moralgeschichtlich Übergangsphänomene zwischen sehr alten, archaischen und deshalb wissensmäßig, aber auch humanitär und ethisch defizitären Vorstellungen und ersten Entwicklungsschritten zu humanitäreren Einstellungen und Normen dar."

Wenn diese Beschreibung eines menschheitsgeschichtlich bedeutenden Prozesses zutrifft, dann war die Reformation lediglich ein Intermezzo in diesem Prozess, vielleicht ein notwendiger Zwischenschritt auf dem langen Weg zu einer säkularen Gesellschaft, deren Normen sich aus einer "humanistisch-aufgeklärten" Ethik ableiten. Nostalgisch in Erinnerungen an die protestantische Reformation zu schwelgen, etwa durch ein Calvin gewidmetes Jubiläumsjahr, ist für den oben skizierten Entwicklungsprozess ohne Belang.

Eher macht eine Orientierung an der Grundhaltung des Ketzers Michael Servet Sinn. Auch wenn wir heute, in unserer "post-protestantischen Situation", mit den Zielen Servets nichts mehr anfangen können, die Hartnäckigkeit in der Verfolgung seiner Ziele und sein Mut, Widerspruch zu erheben gegen ein, von einer autoritären Instanz, aufgezwungenes Weltbild und öffentlich eine eigenständige Position zu vertreten, das sind die Qualitäten, die auch heute noch Vorbildfunktion haben. Auf dem Weg zu lebensdienlichen Verhältnissen sind auch heute, neben Intelligenz und Wachsamkeit, Hartnäckigkeit und Mut gefragt, wenn es darum geht, laut und deutlich Widerspruch gegen gesellschaftliche Missstände und Fehlentwicklungen zu erheben.

Abschließend möchte ich nicht verhehlen, dass mich persönlich eine Konsequenz der protestantischen Reformation durchaus mit Erleichterung erfüllt: Luther, Calvin und andere Reformatoren haben u. a. bewirkt, dass mir die leidvolle Erkenntnis erspart blieb, die der bekannte Kinderbuchautor Janosch (*1931) anlässlich seines 70. Geburtstags äußerte: »Katholisch geboren worden zu sein war für mich der größte Unfall meines bisherigen Lebens.«

Anmerkungen
- Der Menüpunkt Glossar enthält unter dem Stichwort Autodafé ergänzende Informationen zu Ketzerverbrennungen etc.
- Das zitierte Wort Sloterdijks stammt aus dessen Essay Stressfaktor Gott – Die Seele im technischen Zeitalter: zur Anthropologie des metaphysischen Thrills, 2004.
- Die am Ende des Beitrags zitierte Äußerung des Kinderbuchautors Janosch stammt aus seinem außerordentlich lesenswerten Brief an die Zeitschrift diesseits anlässlich seines 70. Geburtstags. Ich fand den Text hier.

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